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Denn sie wissen nicht, was sie tun: Wann fliegt uns der Kapitalismus um die Ohren?

Wirtschaft in Schieflage: Demo für einen höheren Mindestlohn in den USA.Bild: GETTY IMAGES NORTH AMERICA
Die Lage der Weltwirtschaft

Denn sie wissen nicht, was sie tun: Wann fliegt uns der Kapitalismus um die Ohren?

Am WEF in Davos wird heisse Luft produziert, während die Weltwirtschaft sich im Blindflug befindet. Als Beobachter stellt man sich die bange Frage: Wann kommt der grosse Crash?
24.01.2015, 15:0625.01.2015, 15:36
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Dieser Mann hat Nerven. «Der Entscheid der Nationalbank ist nicht nur für die Schweiz von grosser Tragweite. Ich habe keine Ahnung, ob er richtig war», kommentierte Nouriel Roubini, Wirtschaftsprofessor an der New York University (NYU), am World Economic Forum in Davos die Aufhebung des Euro-Mindestkurses von 1.20 Franken.

Roubini ist nicht irgendwer. Seit der Amerikaner iranisch-jüdischer Herkunft lange vor der Finanzkrise 2008 vor dem Platzen der Immobilienblase in den USA gewarnt hatte, gehört er zu den Superstars der Ökonomie. Nun gesteht er ein, keine Ahnung zu haben. Das will etwas heissen in einer Zunft, die von Besserwissern, Klugsch...wätzern und Selbstdarstellern dominiert wird. 

Nouriel Roubini am WEF in Davos.
Nouriel Roubini am WEF in Davos.Bild: RUBEN SPRICH/REUTERS

Derzeit tummeln sie sich in der Schwatzbude namens WEF. Es will angeblich die Welt verbessern, hat in den 44 Jahren seit seiner Gründung aber keine einzige brauchbare Initiative hervorgebracht. Das World Economic Forum dient den Eliten aus Politik und Wirtschaft in erster Linie als Ort zum Networken. Und als Jahrmarkt der Eitelkeiten für Ökonomen, Journalisten und vor allem für seinen Gründer Klaus Schwab. Ich sass schon in seinem Büro, ich weiss worüber ich schreibe.

Erneut hat man einen unangenehmen Verdacht: Die Führung der Nationalbank hat die Nerven verloren, als sie den Mindestkurs aufgab. 

Viel heisse Luft wird in der Kälte von Davos abgesondert. Nouriel Roubini ist keine Ausnahme, doch er gibt immerhin zu, dass er nicht alles weiss. Allein dafür respektiert man ihn noch mehr als zuvor. Denn betrachtet man als Mensch mit ökonomischer «Halbbildung» den Zustand der Weltwirtschaft, so regt sich ein banger Verdacht: Der Taube verhandelt mit dem Stummen, der Blinde führt den Lahmen, und am Ende wissen alle nicht, was sie tun.

Die USA scheinen sich nach Jahren in der Krise endlich zu erholen, dank der Notenbank FED und ihrer gigantischen Geldschwemme namens Quantitative Easing. Warum es funktioniert hat, ist ein Rätsel. Nach der orthodoxen Lehre müsste eine Ausweitung der Geldmenge zu Inflation führen, aber die existiert in den USA praktisch nicht. Also versucht die Europäische Zentralbank (EZB) nun mit dem gleichen Rezept, die lahme Konjunktur in der Eurozone anzukurbeln.

Hat Thomas Jordan den Durchblick?
Hat Thomas Jordan den Durchblick?Bild: EPA/KEYSTONE

Ob das Rezept von EZB-Chef Mario Draghi wirkt? Niemand weiss es. Die Probleme im Euroraum sind vielfältiger als jene in den USA. Sicher scheint nur, dass der Euro geschwächt wird. Was zum Mindestzins-Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) überleitet. Einzelne Kommentatoren fragten sich, ob SNB-Präsident Thomas Jordan etwas gewusst hat. Vielleicht den enormen Umfang von Draghis Programm, den die Analysten im Vorfeld nicht erwartet hatten?

Die Massnahmen in den westlichen Ländern scheinen geprägt von einer Sehnsucht nach dem «goldenen Zeitalter», das nach dem Zweiten Weltkrieg begann und bis in die frühen 70er Jahre dauerte. 

Erneut hat man einen unangenehmen Verdacht: Die Führung der Nationalbank hat die Nerven verloren, als sie den Mindestkurs aufgab. Um diesen gegen einen immer schwächeren Euro zu halten, hätte sie massiv an den Devisenmärkten intervenieren müssen. Also entschied sie sich für ein Ende mit Schrecken, mit unabsehbaren Folgen für die Realwirtschaft. Wenn sogar Oswald Grübel, ein erklärter Gegner staatlicher Interventionen, eine höhere Verschuldung und Konjunkturprogramme fordert, müssen alle Alarmglocken läuten.

Die gesamte Weltwirtschaft scheint sich in einem Blindflug zu befinden. Wie nachhaltig ist der Aufschwung in den USA? Bleibt die Eurozone erhalten? Wie steht es um das «Wunderland» China, unter dessen glitzernder Oberfläche vieles faul ist? Können die Schwellenländer ihre Probleme meistern? Was bewirkt der tiefe Ölpreis? Ahnungslosigkeit so weit man blickt.

Syriza-Chef Alexis Tsipras lässt sich feiern.
Syriza-Chef Alexis Tsipras lässt sich feiern.Bild: reuters

Die Massnahmen in den westlichen Ländern scheinen geprägt von einer Sehnsucht nach dem «goldenen Zeitalter», das nach dem Zweiten Weltkrieg begann und bis in die frühen 70er Jahre dauerte. Es bescherte breiten Schichten einen nie gekannten Wohlstand. Ihn zu halten ist eine Herausforderung, besonders in demokratischen Gesellschaften. Das zeigt der Aufstieg von Protestparteien wie Syriza, die vermutlich am Sonntag die Wahlen in Griechenland gewinnen wird.

Gleichzeitig wird das System durch eine Globalisierung erschüttert, die nach der Lehrbuchmeinung alle reicher machen soll. Für viele Menschen in (einstigen) Entwicklungsländern traf dies zu, in der westlichen Welt aber haben vor allem die Reichen profitiert. Die Ungleichheit hat sich verschärft und die Instabilität erhöht. Ein weiterer fragwürdiger Aspekt ist der Quartalszahlen-Fetischismus. Er animiert die Manager-Klasse zu einer kurzfristigen Gewinnmaximierung, zu Lasten einer nachhaltigen Unternehmensführung.

Ich habe früher wirtschaftlich eher liberal gedacht. Der Staat soll sich in die Wirtschaft so wenig wie möglich und so viel wie nötig einmischen. Die Finanzkrise 2008 hat meine einstigen Gewissheiten erschüttert. Je länger je mehr treibt mich der schlimmste Verdacht überhaupt um: Der Kapitalismus in seiner heutigen Form wird uns irgendwann um die Ohren fliegen. Denn nachhaltig ist dieses System nie und nimmer.

Und was kommt danach? Ich habe keine Ahnung.

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18 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Matthias Studer
24.01.2015 16:47registriert Februar 2014
Wann fliegt uns der Kapitalismus um die Ohren? Um die Anfangsfrage ganz leicht zu beantworten.

Jetzt in dem Moment. Noch nie war das so ungleich verteilt wie in diesem Moment. Grundsätzlich ist Kapitalismus nicht per se schlecht, nur gibt es halt immer ein Menschenschlag, die haben nie genug.

Irgendwann häuft sich das Geld nur noch auf dem Konto, weil sie schon alles haben. Und das ist das eigentliche Problem am System.

Man muss sich die Frage stellen, braucht ein Mensch mehr als XY Milliarden, während der Praktikant, Putzfrau usw. kaum über die Runden kommen.
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