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Vom Schachweltmeister zum Kämpfer für die politische Freiheit: Garri Kasparow.<br data-editable="remove">
Vom Schachweltmeister zum Kämpfer für die politische Freiheit: Garri Kasparow.
Bild: Invision for Chess Club and Scholastics Center of St. Louis/Invision

Garri Kasparow: «Putins Russland ist heute offenkundig die grösste Bedrohung für die Welt»

Der ehemalige Schachweltmeister warnt vom neuen Schmusekurs des Westens gegenüber dem russischen Präsidenten und stellt fest: «Der Feind deines Feindes kann auch dein Feind sein.»
23.11.2015, 14:48

Nach der Annektion der Krim wurde Russland aus der G-8, dem Club der mächtigsten Länder der Welt, verbannt. Bei den G-20-Treffen musste Wladimir Putin am Katzentisch Platz nehmen, geächtet und gemieden von Obama, Merkel, Hollande & Co.

Der Terroranschlag in Paris hat dies geändert. Neuerdings dürfen rechtskonservative Politiker ihre Bewunderung für den russischen Macho-Präsidenten wieder offen zur Schau tragen, und am letzten Treffen der G-20 im türkischen Badeort Antalya kam es zu einem medienwirksamen Treffen zwischen Putin und Obama.

Plaudern wieder zusammen: Wladimir Putin und Barack Obama am G-20-Gipfel in Antalya.<br data-editable="remove">
Plaudern wieder zusammen: Wladimir Putin und Barack Obama am G-20-Gipfel in Antalya.
Bild: POOL/REUTERS

Muss der Westen mit Putin gegen den «IS» vorgehen?

Russland und der Westen kommen sich wieder näher. Schuld daran sind die Terroranschläge des sogenannten «Islamischen Staates»: Am 31. Oktober starben 224 Menschen – die meisten davon russische Touristen –, als ein Flugzeug der Metrojet über der Wüste von Sinai explodierte. In Paris wurden mindestens 130 Menschen Opfer eines Anschlages fundamentalistischer Terroristen.

Gilt nun also die alte Stammeslosung: Der Feind deines Feindes ist dein Freund? Muss der Westen mit Putin gemeinsame Sache machen, um den sogenannten «Islamischen Staat» in die Knie zu zwingen?

Das wäre ein fataler Fehler, warnt Garri Kasparow. Die Schachlegende hat kürzlich in einem Kommentar im «Wall Street Journal» geschrieben: «Sollten sich die USA und der Westen mit dem Iran, Putins Russland und dem Assad-Regime verbünden, wäre dies moralisch abstossend, strategisch eine Katastrophe und zudem vollkommen unnötig.»

Die NATO braucht Putin nicht

Kasparow verweist darauf, dass Putin einmal mehr mit zwei Zungen spricht: Einerseits habe er grosses Interesse daran, dass noch mehr Flüchtlinge aus Syrien nach Europa kommen und so der Konflikt in der Ukraine aus den Schlagzeilen verdrängt wird. Andererseits hoffe er, dass der Westen im Zeichen der neuen Partnerschaft die Wirtschaftssanktionen gegen Russland aufheben wird.

Ein Zweckbündnis mit Putin wird gelegentlich verglichen mit dem Pakt, den die westlichen Alliierten mit Stalin eingegangen sind, um Hitler zu besiegen. Unsinn, sagt Kasparow: 

Soeben erschienen: Kasparows Kampfschrift gegen Putin.<br data-editable="remove">
Soeben erschienen: Kasparows Kampfschrift gegen Putin.
«Erstens braucht die NATO weder die Hilfe von Putin noch vom Iran, um den ‹IS› zu besiegen; die NATO braucht einzig den Willen dazu. Zweitens wäre eine solche Allianz kontraproduktiv. Sollten die USA mit Assad und den iranischen Schiiten zusammenarbeiten, dann wäre das ein Signal an die Sunniten, dass der ‹IS› ihre einzige Hoffnung auf Schutz ist.»
Garri Kasparow

Putin, der «Pate»

Garri Kasparow stellt in diesen Tagen sein Buch «Warum wir Putin stoppen müssen» vor. Darin beschreibt er Putins Aufstieg zum Präsidenten und legt eine Analyse der Verhältnisse in Russland vor. Er hat Putin anfänglich unterstützt und in ihm einen Hoffnungsträger für ein demokratisches Russland gesehen. Der ehemalige Schachweltmeister ist zudem kein Linker, sondern ein überzeugter Neoliberaler und glühender Reagan-Fan.  

Um Putin zu verstehen, empfiehlt Kasparow nicht die Lektüre von Politologen und Ökonomen, sondern Mario Puzos Roman «Der Pate»:

«Ein Puzo-Fan gewinnt ein zutreffendes Bild des Putin-Systems: eine strikte Hierarchie, Erpressung, Einschüchterung, das nach aussen projizierte Image des harten Burschen, die Unterdrückung der Opposition, die Beseitigung von Verrätern, der Kodex von Geheimhaltung und Loyalität und vor allem der Auftrag, für einen stetigen Einnahmestrom zu sorgen. Mit anderen Worten: eine Mafia.»
Garri Kasparow

KGB, Agenten und Mafiosi

Karen Dawisha, Professorin für Politologie an der Miami University in Oxford (Ohio) kommt in ihrem Buch «Putin’s Kleptocracy» zum gleichen Schluss. Putins Aufstieg sei keinesfalls – wie oft kolportiert wird – ein Zufall im wilden Osten der russischen Neunzigerjahre gewesen. Vielmehr sei er das Resultat einer gezielten Zusammenarbeit gewesen, die schon in St.Petersburg begonnen hatte:

«Es war eine Zeit, in der eine Gruppe von ehemaligen KGB-Agenten, Mafiosi und die wirtschaftliche Elite sich verbündet hatten, ihr Geld, ihre Verbindungen und ihre Position zusammenlegten, und so die Basis für Putins spektakulären Erfolg beim Aufbau eines autoritären und räuberischen Regimes legten.»
Karen Dawisha
Putins Datscha am Schwarzen Meer: ein Palast.<br data-editable="remove">
Putins Datscha am Schwarzen Meer: ein Palast.

Um an die Macht zu gelangen, musste Putin zunächst einen grausamen Krieg in Tschetschenien anzetteln. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Bombenanschläge auf Moskauer Wohnhäuser im Herbst 1999 nicht von Terroristen, sondern vom russischen Geheimdienst FSB verübt wurden, um so den Krieg zu rechtfertigen.

Putin hatte wirtschaftlich Glück

Das mag Spekulation sein. Tatsache ist, dass Putin – kaum an der Macht – sofort begann, die Medien gleichzuschalten und diejenigen Oligarchen zu entmachten, die sich ihm nicht unterwarfen.

Wirtschaftlich hatte Putin vor allem eines: unglaubliches Glück. In seiner Amtszeit stieg der Ölpreis unaufhörlich. Von diesem Segen profitierte allerdings vor allem eine schmale Elite. Russland verwandelte sich nicht in eine dynamische liberale Wirtschaft, wie ursprünglich erhofft, sondern in eine üble Art von Staatsfeudalismus.

«Anders als ihre sowjetischen Vorgänger geben sich Putin und seine Gefolgsleute nicht mit einer unscheinbaren ZIL-Limousine und einer Datscha am Schwarzen Meer zufrieden. Sie wollen herrschen wie Josef Stalin, dabei jedoch leben wie Roman Abramowitsch.»
Garri Kasparow

Westen muss gegen den «IS» und Putin vorgehen

Putin selbst soll inzwischen unendlich reich sein. Sein Vermögen wird von unterschiedlichen Quellen auf zwischen 70 und 2000 Milliarden Dollar geschätzt. Auch Putin hat eine Datscha am Schwarzen Meer. Es handelt sich um einen riesigen Palast.

Daren Dawisha und Garri Kasparow kommen übereinstimmend zum Schluss, dass Putins einziges Ziel darin besteht, seine Macht zu erhalten. Es kann daher nicht darum gehen, mit Putin gegen den sogenannten «Islamischen Staat» zu kämpfen.

Kasparow fordert, dass der Westen gleichzeitig gegen beide vorzugehen hat:

«Die Demokratien der Welt müssen sich zusammenschliessen und die Lehren aus ihrem Sieg im Kalten Krieg ziehen, bevor wir vollständig in einen weiteren schlittern.» (...) «Putins Russland ist heute offenkundig die grösste Bedrohung für die Welt.»
Was meinst du? Sollte der Westen mit oder ohne Putin gegen den sogenannten «Islamischen Staat» vorgehen?

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