DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa08983517 (L-R) German Minister of Finance Olaf Scholz, German Chancellor Angela Merkel and German Minister of Economics and Energy Peter Altmaier attend a cabinet meeting at the chancellery in Berlin, Germany, 03 February 2021. German Cabinet will discuss, among other things, the draft law to adapt the German copyright  law to the requirements of the digital single market.  EPA/HAYOUNG JEON / POOL

Olaf Scholz, Angela Merkel und Peter Altmaier (v.l.): Sie alle sehen sich im Wirecard-Skandal herber Kritik ausgesetzt. Bild: keystone

Wirecard-Skandal: Wer hatte Schuld an dem Milliardenbetrug?

Milliardenbetrug, Geheimagenten und internationale Haftbefehle: Die Geschichte von Wirecard ist filmreif, aber auch extrem kompliziert. Hier erfahren Sie alles, was Sie über den beispiellosen Wirtschaftsskandal wissen sollten.

Mauritius Kloft / t-online



Ein Artikel von

T-Online

Ein deutsches Vorzeigeunternehmen der ersten Börsenliga, ein durchtriebener Manager, fast zwei Milliarden Euro, die verschwunden sind – und ein Dax-Vorstand, der sich für einen Geheimagenten hält und mittlerweile international gesucht wird: Die Geschichte des deutschen Unternehmens Wirecard <DE0007472060> ist perfekt für die ganz grosse Leinwand, wird mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle sogar zum TV-Thriller.

Doch was ist eigentlich passiert? Welche Rolle spielten die Wirecard-Manager, welche die Wirtschaftsprüfer – und was hat Finanzminister Olaf Scholz mit all dem zu tun? Wir führen euch durch einen Dschungel aus Lügen, Verstrickungen und Betrügereien und erklären den Hintergrund des Wirecard-Skandals.

ARCHIV - 20.07.2020, Bayern, Aschheim: Das Wirecard-Logo ist am Hauptsitz des Zahlungsdienstleisters zu sehen. Das Streamingportal TVnow will ab Ende März einen «Doku-Thriller» über den Finanzskandal bei Wirecard zeigen. «Der Große Fake - Die Wirecard-Story» soll eine Mischung aus Dokumentation mit zum Teil exklusiven Interviews und einem Thriller sein, wie die Produktionsfirma Ufa Fiction am 25.02.2021 in Potsdam mitteilte. (zu dpa «Doku-Thriller» über Wirecard startet Ende März

Wirecard-Gebäude (Symbolbild): Wie kam es zu dem Milliardenbetrug bei dem Ex-Dax-Konzern? Bild: keystone

Was ist Wirecard für ein Unternehmen?

Wirecard ist ein Zahlungsanbieter mit Sitz in Aschheim bei München. Binnen 20 Jahren entwickelte sich das Unternehmen von einem Dienstleister der Porno- und Glücksspielindustrie zum vielgefeierten Star unter den 30 Dax-Konzernen und damit zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten grosser Firmen in der globalen Finanzlandschaft.

1999 wurde Wirecard gegründet. Zunächst wickelte die Firma hochriskante Zahlungen von Porno- und Glücksspielwebseiten ab. 2002 trat Markus Braun, ein studierter Wirtschaftsinformatiker, als Vorstandsvorsitzender und Technikvorstand in das Unternehmen ein. Zuvor war er bei der Unternehmensberatung KPMG für die «Infogenie AG» zuständig, das Vorgängerunternehmen von Wirecard. Braun bestimmte nun massgeblich den künftigen Kurs der Firma.

FILE - In this Thursday, April 25, 2019 file photo, Markus Braun, CEO of financial services company wirecard, attends the earnings press conference in Munich, Germany. German lawmakers say they plan to question Chancellor Angela Merkel and her deputy about their involvement with the collapsed payment systems provider Wirecard next month. (AP Photo/Matthias Schrader, file)

Lenkte jahrelang die Geschicke von Wirecard: Markus Braun. Bild: keystone

Noch vor Braun war Jan Marsalek bei Wirecard, das damals noch «Wire Card» hiess. Marsalek wurde die rechte Hand von Braun, jahrelang war er als Chief Operating Officer für das Tagesgeschäft zuständig.

Das Duo Braun und Marsalek baute Wirecard weiter aus – und änderte die Kundengruppe des Unternehmens: weg von Zahlungsabwicklungen in der Pornoindustrie hin zum Dienstleister anerkannter, internationaler Firmen wie der Airline KLM, dem Haushaltsartikel-Spezialisten WMF oder dem Paketdienst FedEx.

Zwei mutmassliche Komplizen des Ex-Wirecard-Managers Jan Marsalek wurden festgenommen. (Symbolbild)

Ein Fahndungsbild von Jan Marsalek. Bild: sda

Mit dem neuen Geschäftsmodell und Kundenstamm wuchs die Reputation von Wirecard – auch unter Anlegern. Der Aktienkurs von Wirecard stieg rasant an, 2018 ersetzte Wirecard die teilstaatliche Commerzbank in der ersten deutschen Börsenliga, dem Deutschen Aktienindex (Dax) <DE0008469008>. Lange währte der Erfolg aber nicht (siehe unten).

Wie lief das Geschäft von Wirecard konkret ab?

Der Konzern wickelte hauptsächlich Kartenzahlungen sowohl an Ladenkassen als auch im Onlinegeschäft ab. Wenn jemand im Internet oder an der Kasse mit Kreditkarte bezahlte, sorgte Wirecard dafür, dass das Geld auch beim Onlineshop oder Supermarkt ankam. Dafür kassierte Wirecard eine Gebühr – einen sehr kleinen Prozentsatz des Umsatzes.

Das Wirecard-Geschäft lohnte sich deshalb erst bei besonders vielen Kunden und Transaktionen. Für die Transaktionen arbeitete Wirecard mit Treuhandkonten. Diese sprangen ein, wenn das Konto eines Kunden nicht gedeckt war – und die Zahlung eigentlich nicht stattfinden hätte können. Die Treuhandkonten sorgten also als Art Versicherung dafür, dass die Zahlungen reibungslos abliefen.

Für sein Geschäft betrieb Wirecard in Europa auch ein eigenes Kreditinstitut, die Wirecard Bank – samt vollwertiger Banklizenz. Die Wirecard Bank sorgte als Mittelsmann dafür, dass das Geld von den Kartendiensten zu den Händlern kommt. In anderen Ländern, wo Wirecard keine solchen Lizenzen hatte, arbeitete die Firma mit Drittfirmen zusammen, die dafür Provisionen erhielten.

In Asien etwa unterhielt Wirecard ein kompliziertes Netzwerk aus rund 100 Partnern, deren Geschäfte untereinander auch wiederum mit Treuhandkonten abgesichert wurden. Diese komplizierte Firmenstruktur mit Treuhändern in verschiedenen Ländern spielte eine entscheidende Rolle beim Bilanzskandal von Wirecard.

Denn erst durch die Treuhandkonten in Asien sah es so aus, als würden Dritte dem Wirecard-Konzern offene Rechnungen per Überweisung bezahlen und auf diesen Konten zwischenparken. Tatsächlich existierten 1.9 Milliarden Euro aber nicht (siehe unten).

Wie kam es zum Milliardenbetrug – und der Aufdeckung des Skandals?

Wie genau es zum Milliardenbetrug bei Wirecard kam, lässt sich bislang nur schwer rekonstruieren. Fakt ist: Im Juni 2020 brach das mühsam aufgebaute Kartenhaus zusammen. Eine Chronologie des Wirecard-Skandals:

Wer sind die Hauptfiguren im Wirecard-Krimi?

Wie gross ist der Schaden des Wirecard-Skandals?

Gross. Tausende Anleger verloren viel Geld, weil der Aktienkurs des früheren Dax-Konzerns Wirecard ins Bodenlose stürzte. Hart getroffen sind auch die Banken, die Wirecard Geld und Kredite gaben. Schätzungen zufolge könnte sich ihr Schaden auf 3.2 Milliarden Euro summieren.

Zurzeit sind jede Menge Klagen von Anlegern, die sich geprellt fühlen, anhängig. Schon im Sommer berichteten Anleger, dass sie viel Geld durch den Kurssturz nach der Wirecard-Affäre verloren haben. Die Chance, dass Kleinanleger ihr verlorenes Geld wiedersehen, ist dabei denkbar klein. Denn die Einnahmen aus der Zerschlagung des insolventen Wirecard-Konzerns wird vorwiegend genutzt werden, um die Forderungen der Banken zu befriedigen.

Doch der grösste deutsche Finanzskandal hat nicht nur finanzielle Auswirkungen. Viele Menschen sehen durch das Wirecard-Debakel das Ansehen des deutschen Finanzplatzes dauerhaft beschädigt. Das wiederum würde dafür sorgen, dass Investoren von Aktivitäten in Deutschland Abstand nehmen – eine fatale Konsequenz für die hiesige Unternehmenslandschaft.

Wer hat Schuld am Wirecard-Skandal?

Das ist die entscheidende Frage. Neben den Wirecard-Vorständen Markus Braun und Jan Marsalek spielen auch weitere Manager des Zahlungsdienstleisters wichtige Rollen in dem Skandal – nicht nur hier in Deutschland, sondern auch in Dubai, Singapur oder auf den Philippinen. Auch der Wirecard-Aufsichtsrat muss sich einiges anhören. Denn er vermochte es nicht, das Treiben der Manager zu stoppen.

Neben Beteiligten aus dem Konzern gibt es auch Kritik an den Wirtschaftsprüfern von EY. Zehn Jahre lang prüfte die Gesellschaft die Bilanzen des Konzerns – und beanstandete nichts. Der Deutschlandchef von EY, Hubert Barth, trat Ende Februar 2021 von seinem Posten zurück, allerdings bekommt er einen anderen Job im EY-Konzern.

Schliesslich dürfte auch die Politik einige Schuld treffen, genauer gesagt: die Finanzaufsicht Bafin sowie das Wirtschafts- als auch das Finanzministerium.

Was hat die Politik mit Wirecard zu tun?

Womöglich eine ganze Menge. Die wichtigsten Fragen der politischen Aufarbeitung ist: Haben die Aufsichtsbehörden Wirecard als aufstrebenden Börsenstar trotz Hinweisen auf Unregelmässigkeiten mit Samthandschuhen angefasst? Wann genau wusste die Bundesregierung von Unregelmässigkeiten? Und hat sie zu wenig dagegen unternommen?

Die Dimension des Wirecard-Skandals sind noch nicht vollständig geklärt. Fakt ist: Es gibt mehrere Ebenen, auf denen die Politik scharfe Kritik erntet. Eine Übersicht:

Um die Fragen der politischen Verwicklungen zu klären, beschäftigt sich seit Herbst 2020 ein Untersuchungsausschuss im Bundestag mit Wirecard. Besonders die Oppositionspolitiker Fabio De Masi (Die Linke), Florian Toncar (FDP) und Danyal Bayaz (Die Grünen) spielen bei der Aufklärung eine wichtige Rolle.

Bis Ende April soll die Zeugenbefragung beendet werden. Gehört werden sollen im April unter anderem noch Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Danach soll der Abschlussbericht erstellt werden.

Wie soll ein Wirecard-Skandal künftig verhindert werden?

Neben der Aufklärung im parlamentarischen Untersuchungsausschuss und personellen Konsequenzen steht auch die Frage im Raum, wie ein Finanzskandal wie bei Wirecard in der Zukunft verhindert werden kann.

Besonders die Finanzaufsicht Bafin soll grundlegend reformiert werden. Die Bonner Behörde soll künftig mit verdeckten Testkäufen überprüfen, ob Kunden ausreichend beraten werden, bevor sie Finanzprodukte kaufen.

Zugleich soll die Aufsichtsstruktur der Bafin effizienter werden, der Präsident soll mehr Kompetenzen bekommen. Unter anderem soll sie mit Experten für Wirtschaftsprüfung und Bilanzanalyse verstärkt werden. Die Bafin soll auch selbst Sonderprüfungen veranlassen können. Dafür soll sie eine Taskforce mit besonders ausgebildeten Spezialisten bekommen.

Dax ändert sich entscheidend

Neben der Bafin ändern sich auch die Voraussetzungen für die erste Börsenliga, dem Dax. Ab September 2021 wächst der Dax um zehn börsennotierte Firmen auf 40 Mitglieder. Dann wird er nicht mehr Dax 30 sondern entsprechend Dax 40 heissen, der MDax schrumpft dagegen von 60 auf 50 Werte.

Bis 2020 überprüfte die Deutsche Börse die Zusammensetzung des Dax einmal im Jahr, im September. Seit 2021 wird zwei Mal im Jahr entschieden, welche Aktiengesellschaften im Dax gelistet sein sollen und welche nicht. Ausserdem werden Firmen, die zwei Jahre lang keine operativen Gewinne einfahren, künftig nicht mehr in die erste Börsenliga hineingelassen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Diese UBS-Lenker prägten die Bank

1 / 7
Diese UBS-Lenker prägten die Bank
quelle: keystone / walter bieri
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Wenn Erwachsene mit Geld umgehen würden, wie es Kinder tun

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

78 Pakete aufs Mal geholt – Geimpfte Schweizer nutzen ihre Privilegien in Deutschland

Die Schweizer machen von ihren Impfprivilegien in der deutschen Grenzregion regen Gebrauch. Das bekommen deutsche Grenzstädte wie Bad Säckingen und Laufenburg zu spüren. Paketshop-Kunden fahren mit dem Lastwagen vor. Und in südbadischen Supermärkten könnte es schon bald wieder zu eng werden.

Sie sind wieder da. Schlagartig – von einem Tage auf den anderen. Zumindest bei Simon Kühn. Beim Inhaber von My Paketshop in Bad Säckingen fahren die Schweizer Kunden schon seit Montag wieder vor. Sie tun es vom ersten Tag an, als bekannt wurde, dass vollständig Geimpfte wieder quarantänefrei nach Deutschland einreisen dürfen – um einzukaufen und eben auch Pakete abzuholen.

Wobei Kühn auch nicht abwarten wollte, bis seine Schweizer Kunden von den neuen Freiheiten aus der Presse erfahren. Selbst …

Artikel lesen
Link zum Artikel