«Europa hat sehr viele attraktive Geschäftsmodelle zu bieten»
Tilmann Galler, was macht Ihnen derzeit mehr Angst, der Irankrieg oder die KI?
Was die Unsicherheit bezüglich der Energieversorgung betrifft, ist sicherlich der Irankrieg das grössere Risiko. Bei der KI hingegen eröffnen sich Chancen.
Woran denken Sie konkret?
An die Produktivitäts-Zuwächse, die auch ein Rezept gegen die Inflation sein können. Wir befinden uns jedoch noch in einer Aufbauphase, deshalb gibt es natürlich auch Risiken. Allein die amerikanischen Unternehmen wie Microsoft, Meta, Alpha & Co. werden in diesem Jahr 700 Milliarden Dollar investieren. Das sind die grössten Summen, die je in einen technologischen Fortschritt gesteckt wurden, und es ist nicht sicher, ob sich diese Investitionen dereinst auch auszahlen werden.
Derzeit wächst die Angst, dass es sich um eine Überinvestition handelt.
Das wird sich zeigen, doch wir befinden uns, wie erwähnt, noch in der Aufbauphase. Derzeit profitieren die Hersteller der Hardware, der Chips und der Speicher sehr stark. Das hat in der Halbleiter-Industrie zu einem selten dagewesenen Boom geführt.
Ist dies nicht eine rein amerikanische Geschichte?
Nein, es breitet sich jetzt auch auf Asien aus. Das führt dazu, dass die «Glorreichen Sieben» (Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Alphabet, Nvidia und Tesla) nicht mehr so glorreich sind wie auch schon. Ihr Vorsprung nimmt ab, und man sieht auch, dass die enormen Investitionen sich in den Cashflow reinfressen. Das wiederum könnte Folgen für die Aktionäre haben, nämlich weniger Aktienrückkäufe und kleinere Dividenden. Auch einige Software-Unternehmen kommen wegen der KI unter Druck.
Gleichzeitig wächst in der Bevölkerung der Widerstand gegen die KI. So weigern sich verschiedene amerikanische Städte, dass auf ihrem Grund Datencenter errichtet werden.
Wasser und Strom werden deswegen teurer. Deshalb muss das Thema Ressourcenverbrauch ernst genommen werden. Weil damit auch die ohnehin enorm hohen Kosten weiter steigen, erhöht dies das finanzielle Risiko. Gleichzeitig besteht auch die Gefahr, dass es zu Engpässen kommen könnte, vor allem in der Stromversorgung. Aus diesen Gründen können die Datencenter nicht so rasch aufgebaut werden, wie man sich das wünscht. Kosten und Zeit sind aktuell die beiden wichtigsten Risikofaktoren. Aber trotzdem: Es wird in diesem Bereich immer noch ungeheuer viel Geld verdient.
Der «Economist» hat soeben in einer Titelgeschichte davor gewarnt, dass es zu einem massiven Arbeitsplatzverlust kommen wird und dass wir darauf sehr schlecht vorbereitet sind. Ist dies Panikmache?
Es wird einige Berufsgruppen geben, die herausgefordert sind. Nur war dies auch bei den früheren technischen Revolutionen der Fall. Denken Sie nur daran, wie viele Jobs die Automatisierung in der Industrie vernichtet hat. Die KI wird zu einem Strukturwandel führen und möglicherweise einige Verwerfungen zur Folge haben.
Heute betrifft dies jedoch nicht ungelernte Arbeiter, sondern vermehrt auch Hochschulabsolventen.
Aber es entwickeln sich auch neue Opportunitäten. So haben wir zu wenig Handwerker oder zu wenig Pflegepersonal. Da gibt es weiterhin einen enormen Bedarf an Facharbeitern. Deshalb sind wir weit von einer Massenarbeitslosigkeit entfernt.
Aber die KI-Modelle werden rasend schnell immer besser.
Trotzdem kann die KI nicht alles stemmen. Für autonomes Handeln sind diese Modelle immer noch viel zu stark von Menschen abhängig.
Was die KI betrifft, ist Europa von den USA und China abgehängt worden. Kann dieser Rückstand je aufgeholt werden?
Europa ist in dieser Aufbauphase der KI schon ziemlich stark ins Hintertreffen geraten, auch wenn es vereinzelte Ausnahmen gibt wie das holländische Unternehmen ASML, das für die Produktion der hochwertigsten Chips unentbehrlich ist. Aber die sogenannten Hyperskalierer, die führenden Tech-Unternehmen, sind alle in den USA. Europa hat auch zu wenig Datacenter.
Wie schlimm ist das?
Zum Glück bewegt sich auch in Europa einiges. Es werden Datencenters errichtet, die Regulierungen werden angepasst und vereinheitlicht. Wichtig ist vor allem, dass die Infrastruktur aufgebaut wird. KI braucht nun mal sehr viel elektrische Energie. Gleichzeitig erhöht sich der Strombedarf auch durch den ökologischen Umbau der Gesellschaft. Denken Sie nur an die Elektroautos.
Wo sehen Sie das Potenzial in Europa?
Steht einmal die Infrastruktur, sehe ich mittelfristig bei der Anwendung der KI grosse Chancen, sei es in der Pharmaindustrie, bei Bio-Tech und im Finanzbereich. Generell können in fast allen Wirtschaftsbereichen dank KI grosse Produktivitäts-Gewinne realisiert werden.
Also wird Europa kein grosses Disneyland werden, wie Amerikaner gerne spotten?
In der Aufbauphase sind wir abgehängt worden. Aber in der Anwendungsphase hat Europa sehr viele sehr attraktive Geschäftsmodelle zu bieten. Und vergessen wir nicht, auch in Europa hat sich in den letzten Jahren sehr viel verbessert, gerade in der viel gescholtenen Finanzindustrie. Das wird in der Euphorie über die Tech-Unternehmen gerne übersehen.
Europa wird von Putin und von Trump bedrängt. Führt dieser doppelte Druck dazu, dass jetzt viel Reformen auch durchgeführt werden?
Diese Einschätzung teilen wir. Europa rückt und wächst zusammen. Man hat erkannt, dass jeder für sich alleine wenig Chancen hat. Es gibt ein Umdenken, auch wenn es leider manchmal noch zu langsam vor sich geht.
Als Schweizer muss ich Sie jetzt fragen: Müssen wir uns ebenfalls mehr auf die EU zu bewegen?
Die Schweiz gehört zu Europa, und eine engere Kooperation ist hilfreich für alle. Das gilt für die Schweiz genauso wie für das Vereinigte Königreich.
Teilen Sie den allgemeinen Pessimismus bezüglich Deutschland, der Wirtschafts-Lokomotive Europas?Deutschland hat von der Agenda 2010, dem Reformpaket von Gerhard Schröder, profitiert, auch davon, dass seine Autos und Maschinen in Asien, vor allem in China, begehrt waren. Schon mit dem ersten Amtsantritt von Trump haben der Freihandel und die Globalisierung jedoch ihren Höhepunkt erreicht. Gleichzeitig hat die chinesische Industrie gewaltige Fortschritte gemacht.
Made in China steht heute für qualitativ hochstehende Dinge.
Das macht die strukturellen Schwächen in der deutschen Wirtschaft sichtbar. Nach der Finanzkrise hat Deutschland zu wenig Reformen durchgeführt, die der Wirtschaft geholfen hätten. Es hat auch zu wenig in die Infrastruktur und in die Verteidigung investiert.
Rächt sich nun die Sparpolitik, die «schwarze Null» des verstorbenen Finanzministers Wolfgang Schäuble?
Gerade die angelsächsischen Ökonomen haben immer davor gewarnt.
Das ändert sich jetzt. Wenn es eine Volkswirtschaft der G7-Länder gibt, die sich etwas mehr Defizit leisten kann, dann ist dies Deutschland. Und sie tun das auch.
Allerdings gegen erheblichen Widerstand.
Wachsamkeit schadet nicht, aber die Richtung stimmt. Wichtig ist vor allem, dass das Geld sachgerecht investiert wird, also primär in Infrastruktur und Verteidigung. So gesehen begrüssen wir den Kurswechsel der deutschen Regierung, aber wie beobachten ihn auch kritisch.
Sprechen wir noch vom Irankrieg. Ist die Angst vor einer Rezession, oder gar einer Depression, übertrieben?
Was die Transportwege betrifft, tickt die Uhr. Wirtschaftlich gesehen haben viele ein Interesse, dass es möglichst bald zu einer Einigung kommt. Sollte es zu lange dauern, dann ist eine Rezession nicht auszuschliessen. Momentan gehen wird jedoch nicht davon aus.
Für Laien schwer nachvollziehbar ist die Tatsache, das wir einen Börsenboom erleben und gleichzeitig die Konsumentenstimmung im Keller ist. Wie lange kann das noch gut gehen?
Es muss zu einer Korrektur kommen, aber es stellt sich die Frage, auf welcher Seite. Kommt es zu einer Entspannung auf der Energieseite, dann wird sich auch die Konsumentenstimmung wieder aufhellen. Derzeit werden die Konsumenten durch steigende Energiekosten gestresst.
Daran wird sich auch nach einer allfälligen Öffnung der Strasse von Hormus so schnell nicht viel ändern.
Ja, aber gerade die wichtigen amerikanischen Konsumenten profitieren derzeit von den Steuererleichterungen von Trumps Big and Beautiful Bill.
Dieses Geld wird jedoch durch die höheren Benzinpreise aufgefressen.
Sollte der Benzinpreis in den USA die 5-Dollar-Grenze überschreiten, dann wird es kritisch. Fällt er hingegen wieder auf die 4-Dollar-Grenze oder gar darunter, dann ist mit einer Entspannung zu rechnen. Doch vergessen wir nicht, der amerikanische Arbeitsmarkt ist bisher erstaunlich robust.
Alles in allem, wie sehen Sie die Entwicklung der Weltwirtschaft bis Ende dieses Jahres?
Wir gehen in unserem Basis-Szenario davon aus, dass wir zwar wegen des Irankrieges einige Narben davon tragen werden – das Gesamtwachstum wird sich etwas verlangsamen –, aber die Rezessionsrisiken sind gering, es sei denn, es kommt zu einer weiteren Eskalation im Nahen Osten.
