bedeckt, wenig Regen12°
DE | FR
63
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Wie lange steigt die Börse noch?

Untergangspropheten warnen vor einer Blase, die in die Finanzgeschichte eingehen werde. Zugleich wissen sie, wenn die Welt verrückt spielt, muss man ein Stück weit mitspielen.
20.02.2021, 08:48
Niklaus Vontobel
Bild: keystone

An den Börsen scheint wieder einmal viel Luft drin zu sein. Es ist schon die längste Hausse der Geschichte. Der Coronacrash vor einem Jahr war im Nachhinein nur ein kurzer Rückschlag. Manien um Bitcoin und Game-stop, um Tesla und Elektroautos im Allgemeinen erinnern an die Dotcom-Spekulationsblase – ein Börsenhype in den Neunzigerjahren um das Internet. In dieser Gemengelage werden Haudegen aus früheren Finanzblasen wieder gefragt: Ist es eine Blase? Und was ist zu tun?

«Es ist eine Zeit, in der man vorsichtig sein muss», warnt Robert Shiller. Der amerikanische Professor hat sich seinen Kassandra-Status redlich verdient. Er warnte schon vor der Dotcom-Blase und vor der amerikanischen Immobilienkrise, die sich zur weltweiten Finanzkrise wandeln sollte. In der Dotcom-Krise machte Shiller einen Fachbegriff populär, der nun wieder aktuell wird: das Kurs-Gewinn-Verhältnis, KGV.

Nun sagt er, dieser Bubble-Indikator sei wieder in einer Höhe angelangt, die er zuvor nur zweimal übertroffen habe: Auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase und am Ende der Goldenen Zwanzigerjahre. Beide Mal folgte ein Crash.

Eine der grössten Blasen der Finanzgeschichte

Von «einer epischen Finanzblase» spricht Jeremy Grantham. Der amerikanische Vermögensverwalter hat zwar nur in Finanzkrisen einen eigentlichen Promi-Status, hat aber vor allen letzten Crashs gewarnt. Nun gibt der mittlerweile halbpensionierte 82-Jährige abermals den Untergangspropheten.

Die grössten Spekulationsblasen und Börsen-Crashs

1 / 18
Die grössten Spekulationsblasen und Börsen-Crashs
quelle: keystone / jean-christophe bott
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Aus der langen Hausse ab 2009 sei eine Spekulationsblase geworden, die alles mitbringe: extreme Überbewertungen, explosive Preisanstiege und hysterisches Spekulieren. «Dieses Ereignis wird als eine der grossen Blasen in die Finanzgeschichte eingehen, gleich neben den Crashs von 2000, von 1929 und der Südseeblase.»

Die Südseeblase von 1720 ist nach der holländischen Tulpenblase das früheste Beispiel einer grossen Finanzmanie. Damals entstand in England ein Hype um die South Sea Company und deren Handelsmonopol mit Südamerika. Auch Isaac Newton liess sich anstecken, nachdem er zunächst gespottet hatte: «Ich kann die Bewegung von Himmelskörpern berechnen, aber nicht den Wahnsinn der Menschen.» Ein paar Monate später kaufte er sich nahe der Höchstkurse ein, verlor auf heutige Verhältnisse umgerechnet vier Millionen Pfund und wollte Zeit seines Lebens nie mehr hören von der Südsee.

Kunden hielten Prahlereien der Bekannten nicht aus

Mittlerweile zählen die Historiker elf solcher Spekulationsblasen. Und trotz aller Unterschiede in Politik oder Technologie sind die Parallelen solcher Episoden auffällig. Oft wird dies mit der menschlichen Psychologie erklärt, die über die Jahrhunderte gleichgeblieben ist. Darum ähneln sich die Strategien heute wie damals. Im Jahr 1720 sagte ein Banker, als er sich in die South Sea Company einkaufte: «Wenn die Welt verrückt spielt, muss man es ihr in gewissem Masse gleichtun.» Jahrhunderte später hielt sich Vermögensverwalter Jeremy Grantham an eine ähnliche Logik.

Manien zu erkennen, ist das eine. Wie Grantham gelingt es recht vielen. Aber er konnte nicht den Zeitpunkt vorhersehen, wann die Manie zur Panik wird, und der Crash folgt. Es ist so gut wie unmöglich. Haussen können lange weitergehen, auch wenn sie längst der Realität entrückt sind. Vor der Dotcom-Blase hatte der damalige Chef der US-Notenbank Alan Greenspan schon im Jahr 1996 gewarnt. Bis die Blase platzte, vergingen noch vier geschlagene Jahre – und die Börsenkurse verdoppelten sich. Dieses jahrelange Loslösen macht Börsenmanien derart tückisch. Das musste auch Grantham erleben, wie er in einem Marktkommentar einmal erzählte.

Sinngemäss verlief die Geschichte so, dass ihm Kunden abgesprungen waren, weil er in einer Finanzblase sehr vorsichtig agiert hatte. Die reichen Kunden hatten die Prahlereien reicher Bekannter anhören müssen, die in der Hausse viel Geld verdienten. Irgendwann hielten es die Kunden nicht mehr aus, so wie es Newton damals inmitten der Südseeblase nicht länger ausgehalten hatte. Die Kunden kauften Aktien – und verloren oft viel Geld, weil sie hohe Preise gezahlt hatten und schon bald darauf die Panik folgte.

Grantham änderte seine Strategie. Er agierte etwas weniger vorsichtig in Aktienhaussen, hielt mehr Aktien. So hatten seine Kunden mehr von der Hausse und konnten so die Prahlereien besser ertragen. Aber je länger die Hausse anhielt, desto mehr senkte Grantham den Aktienanteil am Total seiner verwalteten Vermögen. Anders gesagt: Spielte die Börsenwelt verrückt, spielte er mit – aber nur ein Stück weit. Denn Börsenblasen können lange fortbestehen.

Börsen können sich lange von der Realität loslösen

So ungefähr ist auch das Denken von Finanzprofessor Shiller. Er ist vorsichtig, auch in dieser Hausse. Aktien seien teuer. Aber attraktiver als in früheren Zeiten, weil die Zinsen lange tief bleiben könnten. «Die Aktienkurse sind vielleicht nicht so absurd, wie manche Leute denken.» In allen Börsenmanien betonte er stets, keine Vorhersagen über den Zeitpunkt eines Crashs machen zu können.

Dafür spielen laut Shiller vage Grössen eine zu grosse Rolle, wie: Psychologie; Zuversicht der Investoren; Geschichten, mit denen Kurse gerechtfertigt werden. Hohe Börsenkurse allein würden noch keinen Crash verursachen. Aber irgendein Auslöser könnte die Massenpsychologie zum Kippen bringen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Und was würdest du tun, wenn du 700$ finden würdest?

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

Teaser App Campaign
Die Welt besser verstehen
News, Unterhaltung und schrankenfreie Information – für alle zugänglich.
Google PlayApple Store

Abonniere unseren Newsletter

63 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Gasosio
20.02.2021 10:28registriert Oktober 2015
So lange ich mickrige 0,01% Zins (!) bekomme auf meinem BEKB-Konto werde ich nicht mehr als drei Monatslöhne auf diesem Konto bunkern. Der Rest wird in Aktien investiert wo in den letzten 20 Jahren durchschnittlich 7,2% Rendite erreicht wurden.
1658
Melden
Zum Kommentar
avatar
Aff
20.02.2021 09:32registriert März 2019
Der Trick ist nicht auf die Börsenzahlen zu achten. Ausschlaggebend ist der Wirtschaftskalender.

Paradox ist, dass in den letzten 12 Monaten die Zahlen der Nationen tief rot waren aber die Indizes gestiegen sind, als wären wir in einem Wirtschaftswunder.
Die Nationalbanken drucken Geld, aber dies kommt nicht beim gemeinen Bürger an.
ERGO:
Geld ist vorhanden (Inflation), aber es wird nicht verteilt.
FAZIT:
Wenn nicht die Allgemeinheit das Geld bekommt, wer dann? 😉
15016
Melden
Zum Kommentar
avatar
du_bist_du
20.02.2021 09:45registriert Mai 2020
Wer die Daten seit 2009 anschaut, kann sich durchaus fragen, wie kann das sein?
So und jetzt kommen wir zum Problem das angesprochen wurde.
Wenn ich mein Geld investiere wird die Börse irgendwann crashen. Wenn ich nicht investiere, frisst die Inflation, Teuerung, Gebühren, das kleine Vermögen der kleinen Bürger:Innen auf. Weg, futsch wird auch das in der Krise sein auf dem Bankkonto. Was Kryptos in so einer Krise machen weiss niemand empirisch.
Und selbst Edelmetalle schützten 1929 nicht vor Verlusten.
Anstatt Fatalismus zu predigen, müsste man den Bürger:Innen Hilfestellung geben.
12210
Melden
Zum Kommentar
63
Grossbritannien – oder wie man ein Land nicht regieren sollte
Die britische Premierministerin Liz Truss hat ihr Land innert Wochen an den Rand des finanziellen Zusammenbruchs geführt.

Ja, ich weiss, Schadenfreude ist eine moralisch verwerfliche Gefühlsregung, aber wer kann sich dieses Gefühls erwehren, wenn er beobachtet, was derzeit auf der britischen Insel abgeht? Die Konservativen, die unter dem Hochstapler Boris Johnson vor rund drei Jahren einen Erdrutschsieg eingefahren haben, die versprochen haben, dank des Brexits die ehemalige Weltmacht zu neuer Blüte zu führen und Europa den Mittelfinger gezeigt haben; diese Konservativen liegen gemäss jüngsten Umfragen 33 Prozentpunkte hinter der Labour Partei; und Premierministerin Liz Truss, erst seit ein paar Wochen im Amt, muss bereits befürchten, wieder aus der Downing Street 10 verjagt zu werden. Ein bisschen Schadenfreude ist da angesagt, oder nicht?

Zur Story