Wirtschaft
Schweiz

Lindt-Chef rechtfertigt Preisexplosion – ­und warnt vor Inflationsschock

Employees of chocolate factory "Lindt & Spruengli AG" in Kilchberg in the canton of Zurich, Switzerland, put together "Pralines du Confiseur" assortments, pictured on March 10, ...
Auch im laufenden Jahr rechnet Lindt mit Preissteigerungen im mittleren einstelligen Prozentbereich.Bild: KEYSTONE
Interview

Lindt-Chef rechtfertigt Preisexplosion – ­und warnt vor Inflationsschock

Lindt-Chef Adalbert Lechner sagt, wann Schokolade wieder günstiger werden könnte – und was der Iran-Krieg für das Geschäft bedeutet.
12.03.2026, 03:4112.03.2026, 03:41
Pascal Michel / ch media

Was ist Ihre Lieblingsschokolade?
Adalbert Lechner: Seit 30 Jahren ist unsere Ganznuss-Tafel meine Lieblingsschokolade. Ganz simpel, trotz aller Neuheiten wie der Dubai-Style-Schokolade. Ich bin ein «Beisser» und mag ganze Haselnüsse.

Sie haben 2025 den Preis Ihrer Lieblingstafel um 19 Prozent angehoben. In den letzten vier Jahren setzte Lindt gar Preiserhöhungen von 40 Prozent durch. Gehen Sie langsam zu weit?
Uns bleibt keine andere Wahl. Nachdem der Kakaopreis über Jahrzehnte sehr stabil gewesen war, ist er seit 2023 massiv angestiegen. Zwischendurch hat er sich verdreifacht. Aktuell ist er immer noch markant höher als im langjährigen Durchschnitt. Wir haben versucht, über Einsparungen und Effizienzmassnahmen einen Teil der Kostensteigerungen abzufangen. Nur das, was wir nicht kompensieren konnten, haben wir weitergegeben.

In den letzten vier Jahren blieben Ihnen die Kunden trotz Preisexplosion treu. Doch jetzt gibt es erstmals Anzeichen, dass sie auf Käufe verzichten. Sie haben an Volumen eingebüsst. Wann steuern Sie gegen und senken die Preise?
Wir werden gegensteuern, indem wir die Attraktivität und den Wert unserer Marke kontinuierlich steigern. Man muss aber auch betonen, dass die Konsumenten in der Vergangenheit etwas verwöhnt waren. Der Schokoladenpreis hat sich in den letzten 30 Jahren kaum bewegt, während etwa der Preis für einen Cappuccino stetig angestiegen ist. So gesehen hat sich Schokolade unter Wert geschlagen.

Es gibt ein Argument für Preissenkungen. Die Kakaopreise sind zuletzt stark gefallen.
Dieser Effekt schlägt erst mit einer Zeitverzögerung durch, weil wir in der Regel Lagerbestände von 6 bis 12 Monaten halten. Aber ja: Wenn der Kakaopreis im Herbst dieses Jahres tatsächlich tiefer bleibt, schauen wir das an. Kakao ist aber nur ein Teil unserer Kosten. Wichtig sind auch Logistik- und Energiekosten und Investitionen in Nachhaltigkeitsprogramme.

Zur Person
Der gebürtige Österreicher Adalbert Lechner (64) doktorierte in Jura, bevor er seine Karriere bei L'Oreal und Johnson & Johnson lancierte. 1993 wechselte er zu Lindt & Sprüngli, wo er das österreichische und später das deutsche Geschäft leitete. 2022 ernannte ihn der Konzern zum CEO.
infobox image
Bild: keystone

Der gebürtige Österreicher Adalbert Lechner (64) doktorierte in Jura, bevor er seine Karriere bei L'Oreal und Johnson & Johnson lancierte. 1993 wechselte er zu Lindt & Sprüngli, wo er das österreichische und später das deutsche Geschäft leitete. 2022 ernannte ihn der Konzern zum CEO.

Der Detailhandel zeigt sich unzufrieden über die stetig steigenden Preise. Die Migros hat vor Weihnachten Lindt sogar kurzzeitig aus dem Regal genommen. Wie laufen aktuell die Verhandlungen?
Wir haben eine Einigung gefunden und arbeiten konstruktiv zusammen.

Wie wird sich der Iran-Krieg auf die Schokoladenpreise auswirken?
Kurzfristig werden die Preise nicht noch zusätzlich steigen. Längerfristig hängt es davon ab, wie lange der Krieg andauern wird. Ganz bestimmt werden die Logistikkosten nach oben gehen, ebenso die Verpackungskosten, die an den Ölpreis gekoppelt sind. Ich habe aber eine grössere Sorge.

Welche?
Die steigenden Energie- und Benzinpreise könnten die Inflation wieder anheizen. Das würde die Konsumentenstimmung, die für uns sehr wichtig ist, trüben. Wir waren eigentlich der Meinung, dass es wieder bergauf geht – das steht jetzt infrage.

Eine positive Nachricht konnten Sie an der Bilanzmedienkonferenz verkünden. Eine Studie zeigte, dass der Boom der Abnehmspritzen nicht auf den Konsum von Schokolade durchschlägt. Im Gegenteil: Menschen, die diese Medikamente nehmen, essen gar mehr hochwertige Schokolade. Warum?
Wer die Abnehmspritzen nutzt, muss viel Verzicht üben. Das Medikament verringert das Hungergefühl und das generelle Konsumverhalten. Viele sagen sich offenbar, dass sie sich weiterhin einen gewissen Genuss gönnen wollen – ohne gleich die ganze Tafel Schokolade vor dem Fernseher essen zu müssen.

Sie haben kürzlich in Wien einen Flagshipstore eröffnet. Welche weiteren Standorte evaluieren Sie derzeit, vielleicht auch in der Schweiz?
In Luzern eröffnen wir demnächst einen Flagshipstore auch über zwei Etagen. Das soll ein Touristenmagnet werden. Es sind derzeit weitere Läden in ganz Europa geplant. In Asien und Amerika sind wir noch nicht so weit.

Warum nicht?
Da sind wir zunächst einmal bemüht, ein skalierbares Modell für profitable Shops zu finden. Das haben wir in Europa schon. Wenn sich die Möglichkeit in Amerika bietet, werden wir dort auch Flagship-Stores eröffnen.

In Ihrer Branche sind Nachhaltigkeitsprogramme wichtig. Schliesslich wächst in der Schweiz kein Kakao. Welche Bilanz ziehen Sie?
Wir haben für 2025 unsere Ziele fast ausnahmslos erreicht und teilweise übertroffen. Dazu gehört etwa, dass wir mittlerweile 100 Prozent unserer Kakaoprodukte über verantwortungsvolle Beschaffungsprogramme beziehen. Die Nummer 1 werden wir als Genussmarke wohl nie sein können. Wir sind im Industrievergleich aber gut positioniert.

Seit diesem Jahr besitzt Ihr Kakao auch das Rainforest-Alliance-Siegel. Wäre ein Bio-Label auch ein Thema?
Nein, es gibt nur ein geringes Angebot an Bio-Kakao und auch eine geringe Nachfrage nach Bio-Schokolade. Das liegt auch daran, dass der Kakao aus kleinbäuerlichen Strukturen kommt. Da geht es nicht darum, dass man von industrieller Landwirtschaft wegkommen und auf Bio umstellen müsste.

Immer wieder tauchen Kinderarbeitsvorwürfe auf, auch auf Lindt-Plantagen. Tun Sie genug dafür, um Kinderarbeit auszurotten?
Wir haben 2008 mit unserem eigenen Nachhaltigkeitsprogramm für Kakao angefangen. Da steht das Thema Kinderarbeit ganz oben auf der Agenda. Trotzdem finden Journalisten, wenn sie runtergehen, immer noch Kinderarbeit. Ich würde sagen, es wurden trotzdem Fortschritte erzielt.

Aber?
Wir können leider nicht die über 100’000 Bauern, mit denen wir zusammenarbeiten, jeden Tag kontrollieren. Es ist ein Fakt, dass Kinderarbeit nach wie vor in den lokalen Kulturen verankert ist. Klar ist: Das Bewusstsein der Bauern, dass die Kinder in die Schule gehen müssen und dass es nicht normal ist, dass Kinder am Hof mitarbeiten, ist massiv gewachsen. Wir setzen verschiedene Massnahmen um, um das Thema zu adressieren.

Wie profitieren Ihre Bauern vom hohen Kakaopreis?
Global haben Bauern vom hohen Kakaopreis profitiert. Der sogenannte Ab-Hof-Preis hat sich deutlich erhöht in den letzten Jahren. Das ist den Farmern zugutegekommen. Damit konnten viele Bauern mehr investieren, etwa in das Beschneiden der Bäume oder in das Düngen der Böden. Dadurch konnten sie höhere Erträge erwirtschaften. Deswegen haben wir auch jetzt wieder einen Überschuss an Kakao. Eine gute Ernte ist einer der nachhaltigsten Wege, das Einkommen der Bauern zu steigern. (aargauerzeitung.ch)

Emmi-Chefin soll in den VR
Der Schoggiriese Lindt & Sprüngli mit Sitz in Kilchberg ZH konnte letztes Jahr seinen Umsatz um 8,2 Prozent auf 5,92 Milliarden Franken steigern. Dazu beigetragen haben insbesondere satte Preiserhöhungen von 19 Prozent. Diese konnten das sinkende Volumen mehr als wettmachen. Der Gewinn lag bei 726 Millionen Franken (+8,1 Prozent). Die Aussichten haben sich derweil verdüstert. Für das laufende Jahr korrigiert Lindt seine Umsatzprognose wegen der geopolitischen Unsicherheiten etwas nach unten. Die Verkäufe sollen noch um vier bis sechs Prozent wachsen. Der Konzern erhöht die Dividende auf 1800 Franken je Namensaktie. Es ist die dreissigste Erhöhung in Folge. Zu einem Wechsel kommt es im Verwaltungsrat: Emmi-Chefin Ricarda Demarmels stellt sich zur Wahl. Sie verfüge über langjährige Erfahrung in der Konsumgüterindustrie, schreibt Lindt in einer Mitteilung. (mpa)
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Schweizer kaufen mehr Schokolade und Käse aus dem Ausland
1 / 5
Schweizer kaufen mehr Schokolade und Käse aus dem Ausland

Schweizerinnen und Schweizer kaufen immer öfter Schokolade, Käse und Wein aus dem Ausland.

Auf Facebook teilenAuf X teilen
«Verkaufen für 200 Stutz» – so war der Verkaufsstart der Dubai-Schokolade in der Schweiz
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
123 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
LubiM
12.03.2026 05:10registriert Mai 2014
Das gute ist, der Kakaopreis kann man wie den Goldpreis verfolgen.
Dort sieht man, dass dieser wieder auf dem Wert von 2021 ist. Die 2021 Preise werden wir aber nie mehr sehen…
1292
Melden
Zum Kommentar
avatar
reich&schön
12.03.2026 05:40registriert Januar 2018
Der relativ geringe Anteil der Kakaokosten an den Kosten für Tafelschokolade rechtfertigt niemals die enormen Preiserhöhungen bei Lindt & Sprüngli.

Wir kaufen unterdessen keine Produkte von dieser Firma mehr.
1253
Melden
Zum Kommentar
avatar
Realitäter
12.03.2026 06:03registriert November 2017
... Die Preise nach oben anzupassen geht immer, nach unten nur, wenn es ganz schlecht läuft. Begründungen zu finden sich immer...
962
Melden
Zum Kommentar
123
Weltweit fahren bereits über 74 Millionen Autos mit Elektroantrieb
Elektromobilität legt 2025 weiter zu. Hingegen bezahlen Biofuel-Fahrer massiv mehr, wie eine aktuelle Studie zeigt.
Der weltweite Bestand an Autos mit Elektroantrieb ist 2025 so schnell gestiegen wie noch nie. Ende 2025 befanden sich laut einer Analyse mehr als 74 Millionen reine Stromer, Plug-in-Hybride und Autos mit Range-Extender auf den Strassen,
Zur Story