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Die Amag-Gruppe will grüner werden.
Die Amag-Gruppe will grüner werden.
Bild: keystone

Amag-Chef: «Ab 2025 werden Elektroautos günstiger sein als Verbrenner»

Bereits in drei Jahren lohnt sich elektrisch fahren auch finanziell, sagt der neue Amag-Chef Helmut Ruhl. Der alte ideologische Streit zwischen Strasse und Schiene ist nach dem 52-jährigen Deutschen vorbei.
22.06.2021, 05:38
Patrik Müller und Bruno Knellwolf / ch media

Wir treffen den neuen Amag-Chef Helmut Ruhl am Geschäftssitz in Cham schon im Lift. Als im vierten Stock ein junger Amag-Mitarbeiter zusteigt, sagt Ruhl zu ihm: «Guten Morgen, ich bin der Helmut.» Die Du-Kultur passe zum Unternehmen, das sich in einem Umbruch befinde und Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung gross schreibe, sagt Ruhl.

Haben VW, Audi, Skoda und Ihre übrigen Marken den Corona-Schock schon verdaut?
Helmut Ruhl: Der Markt zieht wieder an, das Glas ist halb voll. Die Neuwagenverkäufe liegen dieses Jahr immer noch 24 Prozent unter dem Stand von 2019, aber erfreulicherweise auch 25 Prozent höher als 2020. Occasionswagen sind sehr gefragt, und dort haben sich die Margen aufgrund der Knappheit verbessert.

«Für die meisten jungen Menschen bleibt Autofahren der Inbegriff von Freiheit und Selbstständigkeit.»

Warum geht die Erholung so langsam?
Zum Teil liegt es am fehlenden Angebot. Es gibt bei allen Herstellern recht lange Wartefristen. Das eine Problem ist der weltweite Mangel an Computerchips, das andere die Lieferketten. Diese Knappheit wird sich aber im zweiten Halbjahr langsam auflösen, und es wird bald wieder mehr Autos geben. Auf dem Occasionsmarkt erwarten wir die Normalisierung 2022.

Bei einem solchen Einbruch sind Kostensenkungen unumgänglich. Die Amag Gruppe beschäftigt rund 6500 Angestellte, mussten Sie Leute entlassen?
Nein. Wir haben das Glück, ein eigentümergeführtes Familienunternehmen zu sein. Der Vorteil ist, dass wir langfristig denken und handeln können. Ich bin insbesondere stolz darauf, dass wir so viele Lehrlinge beschäftigen, rund 730, und dass wir auch hier keine Abstriche machen mussten.

Früher sehnte sich jeder 18-Jährige nach dem Führerausweis, das hat sich geändert. Finden Sie genügend junge Leute, die sich fürs Auto begeistern lassen?
Ja. Für die meisten jungen Menschen bleibt Autofahren der Inbegriff von Freiheit und Selbstständigkeit. Meine ältere Tochter ist gerade 18 geworden und wollte umgehend den Führerschein machen – nicht meinetwegen, sondern aus eigener Motivation. Was gibt es Cooleres, als mit dem VW Bulli durch Europa zu fahren?

In den Städten finden es manche Junge cool, aufs Autofahren zu verzichten…
Natürlich gibt es Veränderungen. Das hat auch mit dem Budget zu tun: Das Smartphone ist für alle unverzichtbar, da bleibt weniger übrig für andere Dinge – und gerade in den Städten ist es nicht ganz günstig, mit dem Auto unterwegs zu sein. Spätestens wenn jemand eine Familie gründet, kauft man sich dann meistens doch ein Auto.

Das Geld ist das eine, die Klimafrage das andere. Auch deswegen wollen viele Junge kein Auto mehr.
Wir bei der Amag Gruppe setzen entschlossen auf Nachhaltigkeit. Mit dem Volkswagen-Konzern haben wir einen Partner, der eine glasklare Strategie für Elektromobilität hat. Diese unterstützen wir mit voller Überzeugung - und mit Erfolg. Der VW ID.3 ist mittlerweile Marktführer, der ID.4 startete fulminant und jetzt kommt der Skoda Enyaq, der Audi Q4 und der Cupra Born. Alle kommen bilanziell CO2-neutral zum Kunden. Doch der Wandel benötigt Zeit. Man kann heute auch mit einem guten Gewissen einen modernen Benziner oder Diesel fahren. Sicher ist, Nachhaltigkeit ist ein zentraler Pfeiler unserer neuen Strategie.

bild: zvg
Helmut Ruhl, CEO Amag-Gruppe
Seit dem 1. März leitet der 52-jährige Helmut Ruhl die Geschicke des grössten Automobil-Importeurs der Schweiz, der Amag-Gruppe, welche die Marken des Volkswagen-Konzerns verkauft: VW, Audi, Skoda, Seat und Porsche. Ruhl arbeitet seit 2017 als Finanzchef bei der Amag und hat an der Universität Würzburg ein Studium in Betriebswirtschaft mit Schwerpunkten Bankbetriebswirtschaft, Steuerrecht sowie Personal- und Organisationstheorie absolviert. Zuvor arbeitete er 20 Jahre bei Daimler in diversen Positionen unter anderem in Stuttgart, Prag, Schlieren und Peking, weshalb er von fünf Sprachen zumindest Grundkenntnisse hat. (kn.)

Was heisst das konkret?
Wir stellen die Strategie im zweiten Halbjahr vor. Wir werden die Elektromobilität pushen, mit allen Hebeln, die uns zur Verfügung stehen. Darüber hinaus wollen wir unsere eigenen Emissionen – von den Gebäuden bis zum Fuhrpark – runterbringen.

Die Amag wird grün?
Nachhaltigkeit ist bei uns seit langem ein wichtiges Thema, Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern eine fundamentale Veränderung. «Liefere, nicht lavere» ist diesbezüglich unser Motto. Wir sehen das Auto als Teil der Lösung des Klimawandels.

Das ist einfach gesagt. Wo bleibt der Tatbeweis?
Wir werden, überall wo es geht, unsere eigene Flotte elektrifizieren. Ich selber fahre seit zwei Jahren elektrisch. Unsere Dienstwagenfahrer gehen mit gutem Beispiel voran und fahren ab diesem Jahr mindestens ein batterieelektrisches oder Plug-in-Hybridfahrzeug. Für alle Mitarbeitenden werden wir ein attraktives Programm lancieren, das E- Mobilität unterstützt. Für unsere Kunden sind ebenfalls neue Angebote geplant. Details werden wir mit der neuen Strategie kommunizieren. Nun muss nur noch die Politik mitziehen...

Das heisst: Die Autoindustrie ist bereit, aber es hapert bei den Ladestationen?
Zum Beispiel, ja. Der Verband Auto-Schweiz ist mit dem Bund und weiteren Branchenverbänden daran, die Road-Map E-Mobilität zu aktualisieren. Sie hat einen Marktanteil von 15 Prozent bei elektrischen Fahrzeugen bis ins Jahr 2022 zum Ziel, doch jetzt stehen wir schon bei 17 Prozent. Das Ziel ist bereits übererfüllt. Damit jetzt die breite Bevölkerung auf Elektroautos umsteigt, braucht es dringend eine bessere Lade-Infrastruktur.

Reicht das heutige Netz nicht aus?
Nicht mehr lange, wenn mehr und mehr Leute auf Elektro umsteigen. Auch in den Unternehmen müsste es mehr Möglichkeiten zum Laden geben, und in der Schweiz sind der hohe Mieteranteil und das Stockwerkeigentum eine besondere Herausforderung. Denn man sollte das Auto möglichst bequem zuhause oder am Arbeitsplatz laden können.

Die breite Bevölkerung wird kaum umsteigen, Elektroautos ist doch eher etwas für Privilegierte.
Es ist unsere Ambition, das zu ändern. Die Preise sinken, spätestens ab 2025 werden Elektroautos günstiger und besser sein als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. Die Politik ist gefordert, die Rahmenbedingungen für die Infrastruktur schnell zu verbessern. Unsere Branche ist schon weit darin, das ganze System mit Milliardeninvestitionen umzustellen.

Ab 2025 wird es günstiger sein, elektrisch statt mit Benzin zu fahren?
Ja, sowohl was die Anschaffung als auch was Unterhalt und Verbrauch betrifft. Heute sind schon die tatsächlichen Kosten bei vielen Elektroautos mit Batterien günstiger. Heute muss sich jemand in seinem Umfeld erklären, wenn er ein Elektroauto kauft; sofort kommt die Frage nach der Reichweite. In wenigen Jahren wird es umgekehrt sein, man wird sich erklären müssen, wenn man einen Verbrenner kauft.

«Selbstfahrende Autos werden die Verkehrsströme effizienter machen, etwa kleinere Abstände erfordern. Ich bin zudem überzeugt, dass sich in Innenstädten autonome Shuttles durchsetzen werden.»

In einigen Städten, etwa Basel, werden Fahrverbote für Benziner und Dieselautos diskutiert. Ist die Politik nicht eher Schrittmacherin als Bremserin?
Verbote sind aus meiner Sicht nicht zielführend und auch gar nicht nötig. Das Thema ist entschieden: Elektromobilität wird sich durchsetzen.

Zurzeit wird die Wasserstoff-Infrastruktur in der Schweiz ausgebaut. Warum ist das bei VW kein Thema?
Es gibt nur wenige Wasserstoffautos, und die sind kostenmässig nicht wettbewerbsfähig. Hersteller wie zum Beispiel mein früherer Arbeitgeber Mercedes-Benz versuchten das über viele Jahrzehnte, haben sich jetzt aber auch für die Elektromobilität mit Batterie entschieden. Es gibt bessere Anwendungsgebiete für Wasserstoff. Er wird in der Luft- und Schifffahrt oder bei schweren Nutzfahrzeugen eingesetzt werden, nicht bei den Autos.

Wenn man Sie so hört, könnte man fast meinen, hier spricht ein Grüner. Wenn für Sie die Reduktion des Treibhausgas-Ausstosses so wichtig ist, warum hat sich die Autobranche dann gegen das CO2-Gesetz gewehrt?
Es gibt natürlich berechtigte Einwände gegen das nun abgelehnte CO2-Gesetz. Es ist gut, dass das Schweizer Stimmvolk entscheiden konnte und entschieden hat. Wir sind als Firma Mitglied in verschiedenen Branchenverbänden. Dort werden Abstimmungsempfehlungen nach dem Mehrheitsprinzip beschlossen. Auto Schweiz sagte nein, aber Swiss eMobility, bei der wir auch Mitglied sind, sagte Ja. Die Amag hat als Unternehmen keine Position eingenommen, wir sehen uns nicht als politische Akteurin, sondern wollen einen unternehmerischen Beitrag leisten zur CO2-Reduktion.

Elektroautos mögen gut fürs Klima sein, doch die Batterieherstellung bleibt ein ökologisches und auch soziales Problem.
Da müssen wir nicht drum herumreden. Bei Lithium und Kobalt sind die Abbaubedingungen zum Teil noch problematisch. Man kann auch nicht erwarten, dass am Anfang einer neuen Technologie alles perfekt läuft. Die Branche ist daran, bessere Lösungen zu finden. Alle Hersteller arbeiten daran, dass die neuen Batteriegenerationen mit weniger Rohstoffen auskommen. Zudem sind Second-Life-Batterien integraler Bestandteil der Energiewende. Denn dafür braucht es mehr Solarenergie und mehr Speichermöglichkeiten.

Gehört der alte ideologische Kampf Strasse gegen Schiene der Vergangenheit an?
Ich hoffe es. Beides muss sich ergänzen. Von Zürich nach Bern macht der Zug Sinn, doch insgesamt nimmt die Bedeutung des Individualverkehrs dank Elektro wieder zu.

Nur mit dem öV kann man aber den Stau umgehen.
Das Problem von Stau und Zeitverlust in den Städten wird mit Elektroautos nicht gelöst, da haben Sie Recht. Und Parkplätze brauchen Platz. Aber auch hier bieten neue Technologien Lösungen an. Selbstfahrende Autos werden die Verkehrsströme effizienter machen, etwa kleinere Abstände erfordern. Ich bin zudem überzeugt, dass sich in Innenstädten autonome Shuttles durchsetzen werden. Heute sitzen nur 1.6 Personen in einem Auto, in einem Shuttle erhöht sich dieser Wert massiv. Entlastend könnten zudem das Homeoffice und flexible Arbeitszeiten wirken.

Das autonome Fahren muss allerdings noch viele Hürden nehmen, es stellen sich nebst technischen auch haftungsrechtliche Fragen. Wann wird es so weit sein?
Vor fünf Jahren dachten viele, dass das vollständig autonome Fahren schon serienreif werden könnte. Diese Ambition haben dann alle Hersteller aufgegeben, weil es am Ende doch viel, viel komplizierter ist. Es funktioniert in abgesperrten Gebieten wie im Silicon Valley durch die Firma Waymo. Volkswagen will 2025 in Hamburg die ersten autonome Shuttles anbieten. VW glaubt, dass Ende des Jahrzehnts autonomes Fahren tatsächlich funktioniert.

Verkauft die Amag noch genug Autos, wenn sich autonome Shuttles durchsetzen?
Das werden wir sehen. Ich bin Optimist. Schauen Sie, wie sich die Menschen bei neuen Angeboten verhalten, etwa Park&Ride. Das wird genutzt, doch die allermeisten Pendler haben dann doch keine Lust, aus- und umzusteigen, und fahren bis ans Ziel. Unser Job als Unternehmen ist es, uns anzupassen an die Welt. Unsere Vision ist es, Anbieterin einer nachhaltigen individuellen Mobilität zu werden. Dabei soll es der Amag Gruppe in zehn Jahren so gut gehen wie heute. Egal was passiert. (aargauerzeitung.ch)

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