Nestlé-Chef will mehr Dua Lipa und weniger Wassergeschäft
Kaum angetreten, war Philipp Navratil bereits mit einer der grössten Krisen der Firmengeschichte konfrontiert: Der Zürcher wurde im Herbst völlig überraschend neuer Chef des Westschweizer Nahrungsmittelkonzerns Nestlé. Über die Feiertage entdeckte Navratils Team eine Kontamination in der Produktion von Säuglingsnahrung.
Navratil musste eine weltweite Rückrufaktion starten. Auch andere Hersteller wie Danone waren von der Verunreinigung, die von einem Zulieferer verursacht wurde, betroffen. Doch im Rampenlicht stand Nestlé – auch, weil der Westschweizer Konzern als erster reagierte.
Anfang Jahr bezifferte Nestlé den Schaden des Skandals auf rund 200 Millionen Franken (CH Media berichtete). Doch nun seien alle Produkte wieder in den Regalen verfügbar, betont Navratil am Donnerstag bei der Präsentation der Geschäftszahlen des ersten Quartals.
Preise um 2,3 Prozent erhöht
Allerdings: Die Umsätze mit der Säuglingsnahrung liegen laut Nestlé-Finanzchefin Anna Manz derzeit noch immer 10 Prozent unter dem üblichen Niveau. Das zeigt, dass das Vertrauen bei der Kundschaft noch nicht komplett wiederhergestellt ist. Doch bis Ende Jahr sollte, so Manz, alles wieder im Lot sein.
Trotz der Babybrei-Baisse zeigt sich Navratil zufrieden: «Wir sind gut ins neue Jahr gestartet.» Tatsächlich konnte er die in den vergangenen zwei Jahren stark verunsicherte Anlegerschaft mit einem organischen Wachstum von 3,5 Prozent besänftigen. Dies, obwohl die geopolitischen und makroökonomischen Risiken gestiegen seien, fügt Navratil an. Ein Grund für das Wachstum sind Preiserhöhungen um 2,3 Prozent.
Pop-Stars und Air-Fryer-Mixturen
Der Schweiz-Österreicher konnte sich insbesondere auf das Kaffeegeschäft verlassen, dank starker Marken wie Nespresso, Nescafé und Starbucks. Nespresso habe mit der neuen Markenbotschafterin, dem britischen Pop-Star Dua Lipa, einen Schub erhalten, sagt Navratil. Mit ihr würde man ein jüngeres Publikum erreichen, das bisher noch nie in Kontakt mit Nespresso gekommen sei. Navratil muss es wissen, leitete er doch bis zu seiner CEO-Ernennung selbst die Geschicke der Kapsel-Tochter.
Ausserdem halte der Trend zu kalten Kaffee-Variationen an. Und hier habe man mit den neuen Konzentraten von Nescafé ein gutes Angebot auf dem Markt, sagt Navratil. Er macht klar, dass diese Beispiele die Richtung vorgeben, genauso wie neue Gewürzmischungen speziell für Airfryer-Rezepte. Nestlé soll moderner, agiler und jünger werden. «Und viraler», sagt Navratil.
Und er fordert mehr Fokus. So gab er Anfang Jahr seine neue Strategie bekannt, mit der Konzentration auf vier Geschäftsfelder: Kaffee, Tiernahrung, Ernährung sowie Kulinarik- und Snackprodukte. Verzettelungen sollen ausgemerzt werden. «Wir investieren mehr in weniger, aber starke Marken», sagt Navratil.
Verkauf von Hipster-Kaffee
Dazu gehört auch das Abstossen von Geschäften. So würden die Gespräche mit potenziellen Partnern für das Wassergeschäft sowie mit Käufern für das Nahrungsergänzungsmittelgeschäft voranschreiten, sagt Navratil. Zudem habe man eine Vereinbarung über den Verkauf von Blue Bottle Coffee abgeschlossen, die offensichtlich nicht in die neue Strategie passt. Die kalifornische Hipster-Marke wurde 2017 von Navratils Vor-Vorgänger Mark Schneider gekauft. Abnehmer ist nun Centrium Capital, die Muttergesellschaft der chinesischen Kette Luckin Coffee.
Unklar bleibt, wie stark die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf das Geschäft sein werden, wie Finanzchefin Manz einräumt. Noch sei es zu früh für eine Einschätzung. Auf jeden Fall halte man am Jahresziel mit einem organischen Wachstum zwischen 3 und 4 Prozent fest.
Laut Manz spüre man vereinzelt Lieferketten-Probleme und auch gewisse Preiserhöhungen bei Rohstoffen. Doch das sei für Nestlé nichts Neues. Zudem produziere man mehrheitlich jeweils vor Ort, was negative Effekte abdämpfe.
Analysten sind zufrieden
Jean-Philippe Bertschy, Analyst der Bank Vontobel, spricht von einem «soliden ersten Quartal». Für den Analysten der Zürcher Kantonalbank, Gian-Marco Werro, sind die Resultate «gut». Beide verweisen jedoch auf die bestehenden Risiken der geopolitischen Lage. Und laut Werro gibt es weitere Herausforderungen, wie den Preisdruck im Detailhandel und die Effekte der Abnehmspritzen, die den Hunger mindern.
Für Navratil bleibt also keine Verschnaufpause. (aargauerzeitung.ch)

