DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Diese 4 Punkte entscheiden, ob die Schweiz künftig genug Strom hat

Die Schweiz steht vor gewaltigen Herausforderungen, was ihre Stromversorgung betrifft. Ein Überblick über die grossen Baustellen.
23.08.2021, 20:48
Lucien Fluri / ch media

Fast nichts bleibt, wie es ist: Die Schweiz hegt derzeit gewaltige Pläne, um ihr Strom- und Energiesystem umzubauen. Hauptgrund ist das Ziel, den CO2-Ausstoss bis 2050 auf netto null zu senken. Das bedeutet: Die Schweiz muss sich von ihrem derzeit wichtigsten Energieträger, dem Erdöl, verabschieden. Als Ersatz dient der Strom: Elektroautos sollen Benziner ersetzen, Wärmepumpen die Ölheizung.

Ein gutes Beispiel, aber zu wenig: Die Schweiz hinkt im Vergleich mit dem Ausland beim Ausbau der erneuerbaren Energien hinterher.
Ein gutes Beispiel, aber zu wenig: Die Schweiz hinkt im Vergleich mit dem Ausland beim Ausbau der erneuerbaren Energien hinterher.
Bild: KEYSTONE

Das ist an sich schon eine gewaltige Herausforderung. Schliesslich liefert Erdöl heute 43 Prozent des Energiebedarfs; Gas weitere 15 Prozent. Doch es ist nicht die einzige Schwierigkeit. Im Stromsystem kommt noch eine weitere grosse Hürde auf die Schweiz zu: Neue Kernkraftwerke dürfen nicht mehr gebaut werden. Und die bestehenden Atommeiler dürften zwischen 2030 und 2040 ihr Lebensende erreichen. Damit fällt ein wichtiger Pfeiler des Elektrizitätsmarktes weg, der konstant durchs Jahr hindurch Strom liefert.

Und nicht zuletzt wird die Schweiz noch aus einem weiteren Grund mehr erneuerbare Energie benötigen – trotz sinkenden Pro-Kopf-Verbrauchs: Die Bevölkerung wird wachsen, die Zahl der Elektroautos und Wärmepumpen wird steigen. Und drittens will die Schweiz auf Pumpspeicherwerke und «Power to Gas» setzen, um überflüssigen Sommerstrom quasi speichern zu können.

Diese Produktion ist selbst sehr energieintensiv. Dies alles bedeutet: Der bisher relativ zögerliche Ausbau von Solar- und Windenergie muss also deutlich beschleunigt werden. Wo steht die Schweiz hier? Wo liegen die schwierigsten Hürden? Eine Übersicht, Hintergründe, Erklärungen.

Baustelle 1: Fotovoltaik: Die grosse Hoffnung – und ihre Tücken

Die Schweiz will auf den Solarstrom setzen, um eine drohende Stromlücke zu verhindern. 2050 soll die Fotovoltaik pro Jahr deutlich über 30 Terawattstunden (TWh) Strom liefern – im Gegensatz zu 2.6 TWh heute. Die gute Nachricht: Grundsätzlich gibt es in der Schweiz genügend Flächen auf Dächern und an Fassaden, um 67 Terawattstunden zu produzieren. Die grosse Frage ist: Wie kann man Immobilienbesitzer und Investoren dazu bringen, jetzt auch wirklich rasch Panels aufzubauen?

2020 war zwar ein Rekordzubau an neuer Solarenergie zu verzeichnen. Doch laut der Schweizerischen Energiestiftung gehört die Schweiz nach wie vor zu den Schlusslichtern Europas beim Ausbau der Erneuerbaren. Die Stiftung warnt: Die Ausbauziele des Bundes seien – gerade wenn die Schweiz rasch den CO2-Ausstoss senken will – «unzureichend, um rechtzeitig die wegfallenden Atomkraftwerke zu ersetzen und den zusätzlichen Strombedarf für die Dekarbonisierung sicher zu stellen». Künftig will der Bund mittels Auktionen den Bau grosser Fotovoltaikanlagen fördern.

Baustelle 2: Winter, Importe und die EU

Die Schweiz gehört unter dem Strich zu den Stromexporteuren. Im Winterhalbjahr muss sie zwar importieren, doch im Sommer verlässt mehr Strom das Land als im Winter eingekauft wird. Doch in den 2030er-Jahren wird die Schweiz zum grossen Importeur werden – aus mehreren Gründen. Einerseits liefern, zumindest heute, Solaranlagen den Strom nicht primär im Winter, wenn der Bedarf besonders gross ist, sondern vorwiegend im Sommer. Nur gegen 30 Prozent ihrer Elektrizität liefern sie im Winterhalbjahr, wenn der Strombedarf besonders hoch ist.

Andererseits werden dereinst die Atomkraftwerke abgeschaltet. Wann dies der Fall ist, ist noch unklar. Sie dürfen grundsätzlich so lange betrieben werden, wie sie als sicher gelten. Sobald aber die Meiler abgeschaltet werden, rechnen die Fachleute mit einem grossen Importbedarf – 14 Terawattstunden beispielsweise 2034. Die Aufsichtsbehörde Elcom warnt: Ein Importbedarf von über 10 Terawattstunden bedeute nicht nur einen strukturellen Engpass», sondern auch «ein Systembetrieb mit erheblichen Risiken».

Erschwerend hinzu kommt, dass die Schweiz nach dem Abbruch der Verhandlungen über ein Rahmenabkommen weniger stark in den künftigen europäischen Strommarkt eingebunden sein dürfte. Die Schweiz bewege sich «in Richtung einer Strominsel», sagte kürzlich Werner Luginbühl, der Präsident der Aufsichtskommission Elcom, im Interview mit CH Media. Deshalb werde die Schweiz «im Winter möglicherweise zu wenig Strom importieren können».

Bereits 2025 könnte es Versorgungsprobleme geben, so Luginbühl. Im Juni hat Energieministerin Simonetta Sommaruga ihre Pläne zur Revision des Energie- und Stromgesetzes vorgestellt. Sie setzt auf eine strategische Winterreserve und will mit einem Winterzuschlag die Produktionskapazität bei den Speicherkraftwerken um 2 Terawattstunden erhöhen. Auch Gas-Kombi-Kraftwerke sind nicht mehr tabu, um Spitzen im Winter zu brechen.

Baustelle 3: Die grosse Frage der Investitionen

Heute ist es für Schweizer Stromkonzerne und Stadtwerke lukrativer, im Ausland in erneuerbare Energien zu investieren als in der Schweiz – was rege getan wird aufgrund der dortigen Fördermittel. Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat im Juni die Pläne des Bundesrates vorgelegt, welche Anreize der Bund künftig setzen will, damit auch in der Schweiz stärker ausgebaut wird.

So sollen nicht nur die bisherigen Förderelemente bis 2035 verlängert werden. Für grosse Fotovoltaikanlagen soll es neu Ausschreibungen geben. Für Grossprojekte wird es Investitionsbeiträge geben und die finanziellen Mittel für grosse Wasserkraftanlagen wurden erhöht.

Reichen ihre Pläne? Mehrere Seiten zweifeln, ob die Ausbaupläne von Bundesrätin Simonetta Sommaruga bei den erneuerbaren Energien genügen.
Reichen ihre Pläne? Mehrere Seiten zweifeln, ob die Ausbaupläne von Bundesrätin Simonetta Sommaruga bei den erneuerbaren Energien genügen.
Bild: keystone

Die Pläne stehen allerdings in der Kritik – von den Umweltverbänden über die Aufsichtskommission Elcom bis hin zu den Stromkonzernen: Gewarnt wird, dass die Ausbauvorhaben zu wenig ambitioniert sind, dass es so nicht rasch genug vorwärts geht. Nun ist das Parlament am Zug. Es kann die Anreize noch ganz anders setzen.

Baustelle 4: Die Einsprachen

Die Wasserkraft ist ein Grundpfeiler der Schweizer Stromversorgung. Und dies soll sie auch bleiben. Auch 2050 soll sie laut den Energieperspektiven des Bundes 53 Prozent des Stromes beitragen: Geplant ist aber nur noch ein vergleichsweise kleiner Ausbau. Ein Problem dabei: Mögliche Einsprachen aus Gründen des Umwelt- und Landschaftsschutzes.

Nicht anders verhält es sich bei Windanlagen. Deren Ausbau kommt derzeit kaum vom Fleck. Derzeit ist von Seiten des Bundes ein runder Tisch geplant, um zwischen Stromkonzernen und Umweltverbänden eine Lösung zu suchen, wie die drohenden Blockaden bei vielen Ausbauprojekten umgangen werden können.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die herzigste Solaranlage der Welt steht in China

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Angst vor Blackout: Stromnetzbetreiberin zahlt Millionen für Profi-Angreifer

Hacker legen das Stromnetz lahm – das ist ein Horrorszenario. Die Netzgesellschaft Swissgrid rüstet derzeit ihr Sicherheitsdispositiv auf. Um für Cyberangriffe gerüstet zu sein, lässt sie sich von Hackern herausfordern.

Ohne sie läuft fast nichts. Würde sie attackiert, stünde das Land still: Die Stromversorgung zählt zu den kritischen Infrastrukturen – ihr Ausfall wäre dramatisch. Im Konjunktiv formuliert, tönt das ziemlich fern. Allerdings zählt ein grossflächiges Blackout zu den folgenreichsten Katastrophenszenarien. Seine Auswirkungen könnten laut Expertenmeinungen weitaus gravierender sein als die einer Pandemie.

Ein Cyberangriff auf das Stromnetz? Hacker könnten wichtige Systeme mit Schadsoftware …

Artikel lesen
Link zum Artikel