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Schon wieder wird deine Krankenkasse teurer – das sind die Gründe

A machine dispenses pharmaceutical capsules into blister packs, pictured on February 1, 2010 at the manufacturing and logistics facility of pharmaceutical company Acino Holding AG in Aesch in the cant ...
Ein Grund für steigende Krankenkassen-Prämien: Medikamente und auch Generika sind in der Schweiz teuer.Bild: KEYSTONE

Schon wieder wird deine Krankenkasse teurer – das sind die Gründe

Seit 25 Jahren steigen die Prämien der Krankenkassen. Dieses und nächstes Jahr besonders frappant. Darum ist das so.
26.09.2023, 05:0026.09.2023, 06:37
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Heute Dienstag um 14 Uhr verkündet Innenminister Alain Berset den nächsten Prämienschock. Dieser dürfte happig ausfallen. Die Krankenkassenprämie könnte um bis zu 9 Prozent steigen, sagte Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse, jüngst in der Samstagsrundschau von SRF. Geschehe das nicht, seien die Reserven der Kassen bald aufgebraucht – und der grosse Hammer komme 2025. Der Vergleichsdienst Comparis rechnet mit einem durchschnittlichen Anstieg von 6 Prozent.

So oder so: Es geht ans Portemonnaie.

Und das seit über zwei Jahrzehnten. «Die Prämien sind in den letzten 25 Jahren stets angestiegen», sagt Matthias Müller vom Krankenversicherer-Verband Santésuisse zu watson. Die Gesundheitskosten seien noch stärker gestiegen als die Prämien. Und Prämien müssten langfristig den Kosten folgen.

«Die Prämien sind in den letzten 25 Jahren stets angestiegen.»

Doch warum musst du jeden Herbst mehr zahlen? Das sind die Kostentreiber.

Fortschritt der Medizin

«Die Medizin kann mehr. Und macht zunehmend mehr», sagt Tilman Slembeck, Gesundheitsökonom an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), zu watson. Das sei einerseits gut. Weil: mehr Lebensjahre in einem besseren Gesundheitszustand.

«Andererseits aber kostet jeder Eingriff viel Geld. Irgendjemand muss das bezahlen», sagt Slembeck.

Höhere Lebenserwartung

Die Menschen leben länger. Auch das ist einerseits gut. «Heute sterben wir meist nicht mehr an Kinderkrankheiten oder einem entzündeten Blinddarm. Wir werden deshalb insgesamt älter und haben mehr Alterserkrankungen wie Demenz», sagt Slembeck.

Doch die Kehrseite, auch hier: Das ist teuer.

Dabei nehmen insbesondere die Kosten bei der Pflege zu Hause, etwa bei der Spitex, stark zu.

Mehr Eingriffe, mehr Therapien

Die Mengenausweitung ist ein weiterer Kostentreiber. Und zwar in vielen verschiedenen Bereichen.

«Wir müssen wegkommen von der mengenmässigen Vergütung. Für Versicherer ist es einfach, Mengen abzurechnen, etwa bei Medikamenten», sagt Krankenkassenexperte Felix Schneuwly vom Vergleichsportal Comparis zu watson. Heisst: nur verrechnen, was gebraucht wird. «Es sollten diejenigen belohnt werden, die effizient arbeiten und Qualität abliefern.»

Dass es ganz allgemein mehr Eingriffe und mehr Therapien gebe, etwa bei Physio- und Psychotherapien, sagt auch Slembeck. Die psychologischen Psychotherapeuten etwa dürfen seit dem 1. Juli 2022 selbständig und mit höheren Tarifen abrechnen.

Ein MRI für eine Magnetresonanztomographie in einem Spital etwa ist teuer in der Anschaffung. Also gilt es, das Gerät zu amortisieren. Wie? Über möglichst viel Nutzung. Doch: Der gesundheitliche Nutzen ist laut Slembeck fragwürdig.

«Laut Studien könnte man die Kosten in unserem Gesundheitswesen um 20 Prozent reduzieren, wenn man die unnötigen Leistungen weglässt. Und dies ohne Qualitätsverlust.»

Kommt dazu: Medikamente und auch Generika sind in der Schweiz teuer. Müller von Santésuisse sagt:

«Knapp ein Viertel respektive über 9 Milliarden Franken der gesamten Kosten der Grundversicherung entfallen heute auf Medikamente.»

Ambulant versus stationär

Spitalaufenthalte werden zunehmend ambulant statt stationär behandelt, ohne Übernachtung also. Stationär zahlt der Kanton 55 Prozent der Kosten, ambulante Leistungen indes werden direkt über die Versicherungen abgehandelt. «Die Versicherungen geben diese Kosten an die Versicherten via Prämien weiter», sagt Gesundheitsökonom Slembeck.

Dazu kommt: In den letzten zehn Jahren sind im Spitalbereich Kapazitäten ausgebaut worden. Diese Kapazitäten wollen ausgenutzt werden. Dazu Slembeck:

«Trotz zunehmender ambulanter Behandlungen wurden die Kapazitäten im stationären Bereich nicht entsprechend runtergefahren. Es werden also weiterhin Operationen – die nicht immer zwingend sind – im stationären Bereich durchgeführt.»

Obwohl die EFAS-Vorlage, welche die Finanzierung von ambulanten und stationären Eingriffen vereinheitlichen will, im Parlament auf der Zielgeraden ist, ist der Gesundheitsökonom skeptisch, ob so Kosten gespart werden können.

Erschwerend kommt der Fachkräftemangel in der Medizin und der Pflege dazu.

Mehr Bürokratie

Die Politik sei ein weiterer Kostentreiber. Die unzähligen Änderungen im Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG-Reformen) führten laut Krankenkassenexperte Schneuwly dazu, dass die Bürokratie überbordet. Er sagt:

«Das Berner Inselspital etwa hat mehr Angestellte in der Administration als Ärzte. Das System ist krank.»

Die Ärzte und Pflegefachleute hätten weniger Zeit, sich um die Patienten zu kümmern. Das führe zu Frust, gefährde die Qualität und erhöhe die Kosten. Was uns alle mehr koste.

Die Gesundheitsakteure sind zerstritten, so Schneuwly weiter. Es herrsche keine produktive und lösungsorientierte Atmosphäre. «Ein Führungswechsel im Eidgenössischen Departement des Innern kann eine Chance für einen Neuanfang sein», sagt Schneuwly an die Adresse des abtretenden Gesundheitsministers Alain Berset.

Den zunehmenden Bürokratieaufwand bestätigt zwar auch Gesundheitsökonom Slembeck. Doch ist dieser für ihn «im Gesamtkontext der steigenden Gesundheitskosten ein eher kleiner, wenn auch mühsamer Fisch». Diesem könne etwa durch Zusammenschlüsse von Arztpraxen entgegengewirkt werden.

Angeschlagene Jugend nach Corona

Schneuwly höre «unisono von Ärzten», dass «die Leute schneller zu ihnen rennen als vor Corona». Gerade Junge würden heute einerseits häufig mit diffusen Beschwerden zum Arzt gehen, oft auch wegen Bagatellen. Die Ärzte müssten das gleichwohl abklären – das koste.

Andererseits steigen bei Jungen insbesondere psychische Beschwerden, so Schneuwly. «Corona hat den jungen Menschen geschadet – etwa durch die Restriktionen im Ausgang und die steigenden Anforderungen in der Ausbildung und im Beruf.»

Fazit: Besserung in Sicht?

Nein, die Prognosen bleiben laut Gesundheitsökonom Slembeck düster: «Die Prämien werden weiterhin jährlich ansteigen.»

Immerhin, sobald sich die Sondereffekte der Corona-Krise gelegt hätten, «werden wir es nicht mehr mit einem jährlichen Prämienanstieg von 7 bis 8 Prozent zu tun haben».

Sondern? «Mit 3 bis 4 Prozent.»

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305 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Omegon
26.09.2023 06:21registriert Oktober 2015
Wo sicher gespart werden kann ist bei den "tollen" KK Magazinen die kein Mensch liest...
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Roro Hobbyrocker
26.09.2023 06:15registriert August 2016
Wichtigster Grund
Es gibt zuviele Anspruchsgruppen.
Jede Reform wir von allen Lobbygruppen bezahlten Politiker so abgeändert, das am Schuss nur schlechte Lösungen rauskommen, welche spätestens von Volk abgelehnt werden.
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Christian Mueller (1)
26.09.2023 07:20registriert Januar 2016
nicht vergessen: allein roche machte 2022 über 20 milliarden reingewinn. statt medis günstiger, verteilen sie es per dividende an ihre aktionäre. markt spielt nicht. die marge ist rund 30%
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