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Menschliche Gebeine im Beinhaus von Sedletz: Noch endet jedes Leben zwangsläufig im natürlichen biologischen Tod. 
Menschliche Gebeine im Beinhaus von Sedletz: Noch endet jedes Leben zwangsläufig im natürlichen biologischen Tod. Bild: Shutterstock

Eine Welt ohne Tod: Paradies oder Hölle?

14.01.2018, 17:20
Marko Kovic

Nur zwei Dinge auf der Welt sind sicher, heisst es: Steuern und der Tod. Diese Liste könnte bald um die Hälfte schrumpfen. In den kommenden Jahrzehnten dürfte es gelingen, das biologische Altern beim Menschen aufzuhalten oder sogar rückgängig zu machen. Sobald wir das Altern zuverlässig aufhalten oder rückgängig machen können, wird der natürliche biologische Tod optional und die menschliche Lebensdauer dürfte auf einen Schlag um mehrere Jahrhunderte verlängert werden.

Der Gedanke, dass wir Menschen nicht mehr eines natürlichen Todes sterben müssen, klingt nach wissenschaftlicher Hybris – dürfen wir wirklich so krass in die Natur eingreifen? In unserem intuitiven Denken über die Welt orientieren wir uns gerne an dieser Idee des Natürlichen: Was natürlich ist, ist gut. Wenn wir Menschen in die Natur eingreifen, so unsere Intuition, dann ist das gefährlich. Kaum ein Eingriff in die Natur wäre derart weitreichend wie das Abschaffen des natürlichen Todes. 

Dr. phil. Marko Kovic ist Präsident von ZIPAR – Zurich Institute of Public Affairs Research und von Skeptiker Schweiz – Verein für kritisches Denken. Zudem ist er CEO der Beraterfirma ars cognitionis.

Ist das Natürliche aber wirklich so wichtig und richtig, wie wir intuitiv meinen? Wenn wir einen gedanklichen Schritt zurück gehen und einen Blick auf die menschliche Zivilisation werfen, dann sehen wir, dass unser Verhältnis zur Natur ein kompliziertes ist. Einerseits sind wir Menschen als Ergebnis der biologischen Evolution schlicht zufällige Produkte der Natur. Die Natur im Sinne der Evolution hat uns dabei mit unseren beeindruckenden kognitiven und moralischen Fähigkeiten «ausgerüstet».

Andererseits aber ist die gesamte Geschichte der menschlichen Zivilisation eine Geschichte des rationalen Widerstandes gegen die Natur: Wir nutzen ganz vielfältige Formen von Technologie, um die oftmals brutalen biologischen Bedingungen der Natur zu überwinden. Es gibt fast keinen Aspekt unseres Lebens, der nicht von der technologischen Überwindung unserer biologischen Limitationen geprägt ist. Einen Taschenrechner benutzen, eine Brille zum Lesen aufsetzen, ein Kind gegen Polio impfen – all das sind krasse Eingriffe in die Natur. Es sind aber wünschenswerte Eingriffe in die Natur, denn sie lassen uns unsere Ziele besser erreichen, oder sie lassen uns die Welt besser verstehen, oder sie helfen, Leid zu reduzieren.

Den natürlichen Tod abzuschaffen mag also unnatürlich sein, aber das macht eine solche Technologie nicht automatisch schlecht. Den natürlichen Tod abzuschaffen wäre dann und nur dann abzulehnen, wenn die Risiken den Nutzen übersteigen. Ist dem so? 

Übersteigen die Risiken den Nutzen, wenn wir den natürlichen Tod abschaffen? 
Übersteigen die Risiken den Nutzen, wenn wir den natürlichen Tod abschaffen? Bild: Unsplash/Scott Rodgerson

Der Nutzen der Unsterblichkeit ...

Was würde es uns eigentlich bringen, nicht mehr zu altern und damit nicht mehr natürlich zu sterben? Ein ganz unmittelbar nachvollziehbarer Nutzen ist, dass wir länger Zeit hätten, Glück und Freude zu erleben. Glück ist natürlich ein sehr subjektives und damit schwammiges Konzept. Wir alle machen aber tagtäglich Erfahrungen, welche für uns subjektiv schön sind: der wohltuende Kaffee am Morgen; das leckere Essen zum Zmittag; der genussvolle Sex am Abend. Aus einer sogenannten utilitaristischen Sicht ist es moralisch wünschenswert, dass so viele Menschen so viel Glück wie möglich erleben. 

Wichtiger noch als dieser unmittelbar utilitaristische Nutzen ist der sogenannte negativ-utilitaristische Nutzen: Mit der Abschaffung des Todes können wir viel Leid verhindern. Dank des medizinischen Fortschrittes verlagert sich die Phase der gehäuften Morbidität (Zeit, in welcher wir krank sind) zunehmend auf das letzte Lebensdrittel. Es geht uns recht lange recht gut, aber wenn wir in ein höheres Alter kommen, geht es uns meistens schlecht bis sehr schlecht. Wir sterben dabei nicht sofort, sondern gehen oftmals einen qualvollen Leidensweg bis zum Tod. Wenn wir den Lebensabschnitt des hohen Alters vermeiden können, vermeiden wir auch diese Phase der höllisch qualvollen Krankheit. 

Den natürlichen Tod abzuschaffen, hat noch einen weiteren bedeutenden Nutzen: Die Planungsfähigkeit von uns Menschen, aber auch der ganzen Menschheit, würde sich drastisch verbessern. Wir haben ganz natürlicherweise einen starken Gegenwarts-Bias: Das, was heute passiert, interessiert uns viel mehr als das, was in ein paar Jahren passieren wird. Dieser Bias ist besonders ausgeprägt, wenn es um die weit entfernte Zukunft geht, welche nicht nur ungewiss ist, sondern sehr wahrscheinlich ohne uns stattfindet. Heute für etwas zu planen, was erst in 100 Jahren Früchte tragen wird, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenn wir den natürlichen Tod überwinden und dadurch viel länger leben, ändert sich unser Denken über die Zukunft. Die langfristige Zukunft ist plötzlich nicht mehr abstrakt und theoretisch, sondern recht konkret: So, wie ich heute bin, wird es mich auch in 100 Jahren geben. Der positive Impact der verbesserten Planungsfähigkeit dürfte sich nicht zuletzt in der Risikowahrnehmung und im Risikomanagement niederschlagen. Heute ist es beispielsweise vielen Politikerinnen und Politikern recht egal, ob der Klimawandel in 100 Jahren grossen Schaden angerichtet hat. Wenn wir alle aber in 100 Jahren noch leben, dann gibt es einen ganz automatischen Anreiz, den Klimawandel schon heute ernster zu nehmen. 

... und ihre Risiken

Das Risiko, an das wir fast reflexartig denken, wenn es darum geht, den natürlichen Tod abzuschaffen, ist Überbevölkerung. Nutzen wir denn nicht schon heute zu viele Ressourcen, um nachhaltig existieren zu können? Erwartet uns nicht eine Katastrophe, wenn Menschen nicht mehr (so schnell) sterben und neue Menschen in die Welt hineingeboren werden? 

Die Angst vor Überbevölkerung ist nachvollziehbar: Es gibt immer mehr von uns.  
Die Angst vor Überbevölkerung ist nachvollziehbar: Es gibt immer mehr von uns.  Bild: Shutterstock

Die Angst vor Überbevölkerung ist nachvollziehbar. Schliesslich bereitet uns unser übermässiger Ressourcenverschleiss mindestens seit den 1970er Jahren Bauchweh. Allerdings ist unsere Angst vor Überbevölkerung sehr wahrscheinlich nicht gerechtfertigt. Abgesehen davon, dass Angst vor Überbevölkerung ein moralisch zweifelhaftes Argument ist (die moderne Medizin hat allgemein zur Folge, dass es mehr Menschen gibt – aber darum fordern wir nicht, dass moderne Medizin abzuschaffen ist), gibt es demografische Schätzungen, welche zum Schluss kommen, dass die Bevölkerung nicht explosionsartig anwachsen würde.

Zudem wird die technologische Innovation in anderen Bereichen natürlich weitergehen: Wir stellen in Zukunft Nahrung nachhaltiger her (z.B. mit mehr synthetischer Biologie) und wir nutzen mehr und nachhaltigere nicht-fossile Energiequellen (z.B. Kernfusion). 

Wichtiger als das Risiko der Überbevölkerung ist das Risiko des beschränkten Zugangs zu der neuen Technologie. Bereits heute erleben wir die anhaltende Tragödie, dass medizinische Innovationen, zum Beispiel neue Medikamente, in erster Linie reicheren Menschen und Ländern zugänglich sind. Ein Beispiel sind antiretrovirale Medikamente im Kampf gegen HIV und AIDS, welche in ärmeren Ländern Afrikas auch heute noch deutlich schwerer zugänglich sind als bei uns im Westen. Der Zugang zu der Technologie zur Abschaffung des natürlichen Todes muss allen Menschen offen stehen – eine Zweiklassen-Menschheit mit den langlebigen Reichen und den kurzlebigen Armen müssen wir um fast jeden Preis vermeiden.

Das können wir bewerkstelligen, indem wir bereits heute beginnen, einen internationalen regulatorischen Rahmen zu skizzieren. Das Ziel eines solchen Rahmens sollte sein, die künftige Technologie zur Abschaffung des natürlichen Todes fair allen Menschen zugänglich zu machen und gleichzeitig die wirtschaftlichen Anreize für die Entwicklung der Technologie aufrecht zu erhalten. 

Angst vor Veränderung bedeutet, dass wir die Veränderung nicht mitgestalten

Wenn wir den natürlichen biologischen Tod abschaffen, wird das unsere Zivilisation grundlegend verändern. Der natürliche Lebenszyklus ist der rote Faden, welcher alle Gesellschaften auf der Welt fundamental prägt. Wenn es diesen roten Faden nicht mehr gibt, wird die Welt eine andere sein. 

Veränderung bereitet uns immer Sorgen, starke Veränderung besonders starke. Wir haben darum einen natürlichen Hang zum Status-Quo-Bias: So, wie die Dinge jetzt sind, finden wir sie oft am besten, weil eine Veränderung immer Ungewissheit birgt. Wir müssen dieser Ungewissheit aber nicht hilflos ausgeliefert sein. Je stärker wir heute beginnen, die Zukunft aktiv und gezielt zu gestalten, desto wahrscheinlicher ist, dass der Nutzen, den wir anstreben, auch wirklich realisiert wird. Das beste Mittel, um unserem Unbehagen ob der Abschaffung des natürlichen Todes entgegenzukommen, ist darum, bereits heute die Welt, wie wir sie morgen rationalerweise haben wollen, aktiv zu gestalten. 

Ohne natürlichen Tod wird die Welt eine andere sein. Wenn wir es richtig machen, wird sie eine bessere. 

Sollten wir den natürlichen Tod abschaffen, wenn wir das können?

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44 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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jjjj
14.01.2018 19:23registriert Dezember 2015
"In den kommenden Jahrzehnten dürfte es gelingen, das biologische Altern beim Menschen aufzuhalten oder sogar rückgängig zu machen."

Aha... Quelle?
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Tunella
14.01.2018 20:25registriert September 2015
So wenig Aussicht auf biologische Unsterblichkeit besteht, so sinnvoll ist es trotzdem, "bereits heute die Welt, wie wir sie morgen rationalerweise haben wollen, aktiv zu gestalten", wie der Autor des Artikels schreibt. Auch ist ihm ein Kränzchen zu winden für diese Erkenntniss: "eine Zweiklassen-Menschheit mit den langlebigen Reichen und den kurzlebigen Armen müssen wir um fast jeden Preis vermeiden". Bravo. Wenn nur schon diese Erkenntnis bei den meisten Leserinnen und Lesern hängen bleibt, ist ihm zu gratulieren.
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Graviton
14.01.2018 19:14registriert Januar 2018
Ich frage mich immer wieder woher dieser Glaube stammt, wir könnten schon „in den nächsten Jahrzehnten“ unsterblich werden?! Wir wissen noch nicht einmal welche Gene die Augenfarbe bestimmen, es werden fast wöchentlich neue Proteine entdeckt, die niemand zuvor kannte, und von den Biomolekülen, die wir kennen, wissen wir bei der grossen Mehrzahl nicht, was sie genau im Körper machen! Wir können uns wohl eher glücklich schätzen, wenn es uns „in den nächsten Jahrzehnten“ gelingt, die Zahl von Herzinfarkten ein bisschen zu reduzieren!
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