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Wie steht es jetzt eigentlich mit der Immunität? 10 Fragen und Antworten

Wie es mit der Pandemie weitergehen wird, hängt nicht zuletzt von dieser Frage ab: Wie lange und wie gut hält der Schutz nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung?
21.07.2020, 07:0021.07.2020, 09:21
Christoph Bopp / ch media

Studien zeigen: Wahrscheinlich weniger lang, als man gehofft hat. Und der Schutz könnte auch weniger gut sein. Das hat nicht nur Folgen für die Hoffnung auf Herdenimmunität, sondern auch für das Design eines Impfstoffs.

Es gibt aber nicht nur schlechte Nachrichten. Das menschliche Immunsystem hat noch andere Pfeile im Köcher. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Kann man das Corona-Virus auch zwei Mal bekommen?

Die erwartete Antwort wäre «Nein». Aber es gibt immer mehr Unsicherheit, ob eine Infektion mit Sars-CoV-2 wirklich Immunität verleiht. Studien deuten darauf hin, dass sich nach leichtem Verlauf fast keine Antikörper bilden oder dass sie ziemlich schnell wieder aus dem Blut verschwinden.

Das heisst nicht, dass es keine Immunität gibt. Aber die Sache könnte schwieriger werden.

Was ist denn das Neue an einer Infektion mit Sars-CoV-2?

Auch Sars-CoV-2-Virus dringt via die Atemwege in den Körper ein. Die bisher bekannten Corona-Viren tun das auch, befallen aber nur die oberen Atemwege (Nase, Rachen, Hals) und lösen dort nur leichte Erkältungen aus. Die Sars- und Mers-Coronaviren konnten dort schlecht angreifen, sondern infizierten nur die Lungen.

Sars-CoV-2 kann nun beides. Das könnte die verschiedenen Verläufe erklären. Eine leichte Infektion können die mechanischen Schutzsysteme der Atemwege bewältigen (Flimmerhärchen, Mucus-Auswurf, Husten etc.). Bei einer schweren Infektion mit mehr Viruslast gelangen die Erreger in die Lunge und verursachen die schweren Verläufe.

Ist das Virus mal in der Lunge, sei es wahrscheinlich genau so tödlich wie der Sars-Erreger. So vermutet wenigstens der Corona-Virus-Experte Stanley Perlman von der University of Iowa im neuesten Heft von «Spektrum der Wissenschaft» (8/20).

Was passiert, wenn das Virus mal im Körper ist?

Hat das Virus die mechanischen Schutzsysteme des Körpers (Haut, Schleimhäute, Flimmerhärchen etc.) überwunden, tritt die sogenannte «angeborene Immunabwehr» auf den Plan. Bestimmte Proteine (Interferone) werden freigesetzt, um nicht-infizierte Zellen zu alarmieren.

Die Interferone setzen auch sogenannte Makrophagen (Fresszellen) im Blut in Bewegung, welche das Virus oder Viruspartikel beseitigen. Das Ziel dieser Reaktion ist es, den Status quo wieder herzustellen.

Welche weiteren Möglichkeiten hat der Körper gegen Sars-CoV-2?

Nach der ersten Immunreaktion treten die Lymphozyten im Blut in Aktion. Die B-Lymphozyten produzieren neutralisierende Antikörper gegen das Virus. Das sind Proteine, die sich an bestimmte Teile des Virus anheften und verhindern, dass es in Lungen- und andere Zellen eindringen kann.

Gleichzeitig aktivieren die Interferone T-Lymphozyten, welche die Viren zerstören und infizierte Zellen auflösen können.

Wann spricht man von «Immunität»?

Hat man eine Infektionskrankheit überstanden, ist man in der Regel vor ihr geschützt. Der Körper kennt dann das Antigen des Pathogens und hat die entsprechende Abwehr parat. Dasselbe gilt bei einer Impfung, mit der man den Körper zu einer ähnlichen Immunantwort provozieren will wie bei einer Infektion.

Dieser Schutz kann ein Leben lang anhalten (wie bei Masern), er kann aber auch wieder abnehmen oder ganz verschwinden.

Wie erkennt man, ob jemand «immun» ist?

Die einfachste Antwort ist der Nachweis von spezifischen Antikörpern im Blut. Antikörper, die das Virus wirklich unschädlich machen können, nennt man «neutralisierend». Nicht alle vorhandenen - und nachgewiesenen - Antikörper können das. Wahrscheinlich gibt es auch Antikörper, die schwächer sind.

Sie verhindern vielleicht eine schwere Erkrankung, nicht aber, dass das Virus weiter verbreitet werden kann. Und die meisten Antikörper werden wieder aus dem Blut verschwinden, wenn die Infektionsgefahr vorbei ist.

Gibt es noch andere Möglichkeiten der Immunabwehr?

Die gibt es. Die Antigen-Information kann sich auch in T-Lymphozyten erhalten. Es gibt Hinweise, dass an Covid-19 Erkrankte auch spezifische T-Zellen gebildet haben. Der Nachweis spezifischer T-Zellen ist allerdings schwieriger als der von Antikörpern. Überraschenderweise konnten auch T-Zellen nachgewiesen werden bei Probanden, die keinen Kontakt mit Sars-CoV-2 hatten.

Das könnte man als «Cross-Immunität» erklären. Diese T-Zellen rühren vom Kontakt mit anderen Corona-Viren her, die schon seit langem kursieren. B- und T-Lymphozyten können sich auch zu sogenannten «Gedächtniszellen» differenzieren. Die Antigen-Information wäre dann sehr tief im Immunsystem verankert.

Was bedeutet das für den weiteren Verlauf der Pandemie?

Die gute Nachricht wäre, dass schon eine gewisse Immunität vorhanden ist, die ziemlich zuverlässig vor schweren Verläufen schützt. Und es in Zukunft möglich sein wird, die schweren Fälle medikamentös zu behandeln, während man die Epidemie - wie bei der jährlichen Grippe - sonst «laufen» lassen kann. «Lockdown»-Massnahmen wären nicht nötig.

Was können wir von einem Impfstoff erwarten?

Die Chef-Wissenschafterin der WHO, Soumya Swaminathan, zeigte sich gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sehr zuversichtlich. «Wir haben mehr als 20 Impfstoff-Kandidaten in klinischen Studien. (...) Wenn wir annehmen, dass es eine zehnprozentige Chance für jeden der Impfstoffkandidaten gibt, erfolgreich zu sein, bedeutet das immer noch, dass ein oder zwei Impfstoffe erfolgreich sein könnten - vielleicht sogar mehr.»

Anfang 2021 dürfe man mit ersten Ergebnissen rechnen, Mitte 2021 könnte ein erster Impfstoff in Massen produziert sein.

Soumya Swaminathan, Chef-Wissenschafterin der WHO.
Soumya Swaminathan, Chef-Wissenschafterin der WHO.Bild: keystone

Werden wir Sars-CoV-2 wieder definitiv los?

Das kann man noch nicht beantworten. Es sind verschiedene Szenarien möglich. So gibt es die Theorie, dass das Corona-Virus OC43, das heute harmlose Erkältungen verursacht, für die Pandemie von 1889/90 verantwortlich war. Historiker kennen sie unter dem Namen «Russische Grippe», weil man sie für eine Influenza hielt.

Sie tötete weltweit rund eine Million Menschen. Heute kursiert OC43 immer noch, aber viele Menschen sind entweder immun und/oder das Virus hat sich abgeschwächt. Ob das auch für Sars-CoV-2 gilt, lässt sich heute noch nicht abschätzen.

Bisher ist das Virus genetisch recht stabil. Weil es so leicht neue Zellen erfolgreich infizieren kann, gibt es wenig Evolutionsdruck, der das dazu führen müsste, dass es seinen Wirt weniger schädigen oder verschonen würde. (aargauerzeitung.ch)

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10 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
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rodolofo
21.07.2020 08:08registriert Februar 2016
Also betonen wir das nochmals:
Die eigentliche Basis einer erfolgreichen Bekämpfung der neuen Covid-19-Viren ist -sowohl jetzt und ohne Impfstoffe, als auch in Zukunft voraussichtlich mit Impfstoffen- Unser IMMUNSYSTEM!
Also klatschen wir doch einmal symbolisch für dieses hervorragende Instrument, welches uns Mutter Natur eingepflanzt hat, damit wir mühsame bis gefährliche Viren (ebenfalls von Mutter Natur) in Schach halten kann!
...
9825
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Resistance
21.07.2020 09:36registriert März 2014
Intressant wäre auch ob wir jetzt anfälliger auf andere Krankheiten sind. Wird unser Immunsystem schwächer wenn wir so wenig mit anderen Menschen in Kontakt kommen?
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