16 Stunden hungern – was Intervallfasten wirklich bringt
Intervallfasten ist unglaublich populär. So fand der International Food Information Council 2024 heraus, dass aus einer Stichprobe von 3000 Personen in den USA 13 Prozent die Methode zumindest schon ausprobiert hatten. Auch in der Schweiz ist das Fasten nach Wackelkontakt-Prinzip verbreitet. Das belegten auch die vielen Reaktionen auf ein kürzlich bei den CH-Media-Titeln erschienenes Interview mit dem Schweizer Ernährungsberater Jürg Hösli, einem erklärten Gegner des Intervallfastens.
Wo steht Hösli mit seiner Einschätzung im wissenschaftlichen Feld? Kurz gesagt: Er drückt sich pointierter aus als andere, seine Einschätzung berührt aber den wissenschaftlichen Status Quo. Denn die Zweifel an der Wirkung des Intervallfastens haben in den letzten Jahren stetig zugenommen.
Nicht wirksamer als andere Diätformen
«Hält Intervallfasten, was es verspricht?», titelte diesen Januar die New York Times. Und im Februar veröffentlichte die britische Organisation Cochrane Studienergebnisse, welche die Effektivität von Intervallfasten infrage stellen. Die Metastudie fand auch im deutschsprachigen Raum ein breites Echo. Sie kam nach Auswertung von 22 Arbeiten zum Thema zum Schluss, dass Intervallfasten nicht oder nur minimal besser funktioniert als andere Diätformen, wie etwa eine Ernährungsberatung kombiniert mit einer reduzierten Kalorieneinnahme.
Den Grund dafür, dass sich eine Gewichtsreduktion ergibt, orteten die Studienautoren in einer unbeabsichtigten Kalorienreduktion. Denn wer nur in einem Zeitfenster von acht Stunden täglich isst und 16 Stunden fastet, hat schlicht weniger Zeit, um zu essen.
Die Ergebnisse stimmen überein mit den Resultaten früherer Metastudien, wie Zellbiologe Christoph Handschin von der Universität Basel auf Anfrage sagt. Die Datenlage sei aber noch unklar. Viele Studien zum Thema hätten eine ungenügende Qualität.
Das liegt auch daran, dass es verschiedene Formen des Intervallfastens gibt. Am populärsten ist die Variante 16:8, bei der während zwei Dritteln des Tages nichts gegessen wird. Andere Formen propagieren, jeden zweiten Tag (3:4-Methode) oder jeweils am Wochenende (5:2-Methode) zu fasten und sonst normal zu essen.
Einen möglichen Vorteil des Intervallfastens hätte Handschin in der relativ einfachen Umsetzung im Alltag vermutet. Allerdings zeigten Studien, dass die Drop-out-Quote, also der Anteil derer, die wieder aufhören, ähnlich hoch sei wie bei anderen Diätformen.
Selbst Deutschlands bekanntester Fasten-Arzt Andreas Michalsen von der Berliner Charité, ein Fürsprecher des sogenannten Scheinfastens (einer zeitlich beschränkten, stark reduzierten Kalorienaufnahme), bewertet die Effekte des Intervallfastens auf Gewichtsabnahme und Stoffwechsel als «eher begrenzt». In einem kürzlich publizierten Artikel des Magazins Focus nennt er eine beobachtete Gewichtsabnahme nach drei bis zwölf Monaten von lediglich drei bis fünf Prozent.
Der Mensch ist keine Maus
Intervallfasten ist in den vergangenen 14 Jahren allerdings nicht nur deshalb ein Hype geworden, weil es beim Abnehmen helfen soll. Versprochen wird auch ein längeres Leben. Denn das Fasten soll die Autophagie anregen, eine Zellreinigung. Gerade die Longevity-Szene war für die Methode deshalb sehr empfänglich.
Handschin, der unter anderem in einem grossen Beitrag des SRF zu Longevity als Experte fungiert, sieht auch dieses Versprechen kritisch. Der Effekt sei zwar bei Mäusen sehr gut belegt, bei Menschen aber nur «sehr schwach und indirekt – vor allem mit Markern in Zellen im Blut». Wichtig zu wissen sei dabei, dass Mäuse einen viel schnelleren Metabolismus haben als Menschen. Rechne man das Fasten-Fenster entsprechend hoch, würden aus 16 Stunden bei der Maus 112 Stunden im Menschen, also vier Tage und 16 Stunden. «Allein aus diesem Grund ist nicht klar, ob alle Resultate aus der Maus 1:1 auf den Menschen übertragen werden können.» Direkt bewiesen sei dagegen, dass körperliche Aktivität, also Training, die Autophagie ankurble, und das gemessen via Muskelbiopsien.
Handschin sieht im Intervallfasten einen Diät-Trend, wie es viele gibt. Angeschoben durch ein Mediales Ökosystem aus Influencern und Lifestyle-Zeitschriften. Eben noch habe man von der Atkins- und der Paleo-Diät gelesen, dann vom Intervallfasten – und nun werde dieses in vielen Kreisen durch GLP1-Analoga wie Ozempic abgelöst. Dies umso mehr, als diese Medikamente unterdessen auch als Pillen erhältlich seien. Rein auf den Gewichtsverlust bezogen sei die medikamentöse Behandlung ausserdem wirksamer, wenn auch zum Preis von möglichen Nebenwirkungen. (aargauerzeitung.ch)
