DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Darstellung des Epstein-Barr-Virus. (EBV), das eine der Ursachen für die Multiple Sklerose ist.
Darstellung des Epstein-Barr-Virus. (EBV), das eine der Ursachen für die Multiple Sklerose ist.Bild: Shutterstock

Eine Ursache von Multipler Sklerose entdeckt – es ist ein Virus

13.01.2022, 20:0014.01.2022, 15:34

Eine im Fachmagazin «Science» publizierte Studie untermauert, dass eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus die Hauptursache für Multiple Sklerose zu sein scheint. Mit einer Impfung oder antiviralen Therapien liesse sich die Nervenkrankheit womöglich verhindern.

Fast jeder Mensch infiziert sich in seinem Leben mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV). Dieses Virus wird man nicht los: Es schlummert in bestimmten Zellen des Immunsystems vor sich hin – und könnte eine Ursache für die Nervenkrankheit Multiple Sklerose (MS) sein, wie Forschende seit geraumer Zeit vermuten.

Epstein-Barr-Virus (EBV)
Das Epstein-Barr-Virus, das auch Humanes Herpesvirus 4 (HHV4) genannt wird, ist ein DNA-Virus aus der Familie der Herpesviridae, das erstmals 1964 beschrieben wurde. Es ist das erste krebsauslösende Virus, das beim Menschen entdeckt wurde. EBV wird hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion, aber auch durch Kontakt- und Schmierinfektion übertragen; zudem vermutlich durch sexuelle Kontakte. Die meisten Personen infizieren sich im Kindesalter, in der Regel ohne Symptome. Bei Jugendlichen oder Erwachsenen kommt es hingegen oft zum Ausbruch des Pfeiffer-Drüsenfiebers. Ab dem 40. Lebensjahr sind rund 98 Prozent der Menschen infiziert; das Virus bleibt danach lebenslang im Körper. In der Regel wird es bei einer Reaktivierung durch das Immunsystem schnell eingedämmt, doch in seltenen Fällen kann es sich vermehren und zur Entstehung verschiedener Krebserkrankungen beitragen, etwa Morbus Hodgkin oder Burkitt-Lymphom. EBV allein reicht jedoch nicht aus, um Krebs auszulösen.
Quelle: Wikipedia

Die umfassende Studie unter der Leitung von Alberto Ascherio, Professor an der Harvard T.H. Chan School of Public Health, erhärtet diese These nun. Das Team, dem auch Jens Kuhle von der Universität Basel angehört, analysierte Blutproben von mehr als zehn Millionen US-Militärangehörigen. Während zwanzig Jahren wurde deren Blut routinemässig auf HIV getestet.

«Die Ergebnisse können durch keinen bekannten Risikofaktor erklärt werden und legen nahe, dass EBV die Hauptursache für MS ist.»
Studienautoren im Fachmagazin «Science»

MS-Biomarker aufgespürt

In die Studie wurden 801 Personen eingeschlossen, die während ihres Dienstes an Multipler Sklerose erkrankt waren. 35 der Betroffenen waren bei der ersten Blutentnahme noch EBV-negativ. Allerdings infizierten sich 34 von ihnen vor dem Ausbruch der Multiplen Sklerose mit dem Virus. Somit waren alle bis auf eine Person zum Zeitpunkt des Beginns der MS-Krankheit EBV-positiv.

Aus den Daten ging ebenfalls hervor, dass die Konzentration sogenannter «leichter Neurofilamente» nach der Virusinfektion anstieg. Diese Filamente gelten als MS-Biomarker, die Schäden an Nervenzellen widerspiegeln. Dies spreche dafür, dass der Krankheitsprozess tatsächlich erst mit dem Beginn der Infektion eingesetzt habe, sagte Neuroimmunologe Roland Martin vom Universitätsspital Zürich, der nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber dem Science Media Center.

Multiple Sklerose (MS)
Die chronisch-entzündliche Autoimmun-Erkrankung Multiple Sklerose ist neben der Epilepsie eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei jungen Erwachsenen. Sie ist bisher nicht heilbar, kann aber oft durch verschiedene Therapien günstig beeinflusst werden. Bei MS greift das Immunsystem die schützenden Myelinhüllen an, die die Nervenzell-Fortsätze umgeben. Da dies im gesamten Zentralen Nervensystem geschehen kann, können eine Vielzahl von Symptomen auftreten, die überdies mit sehr unterschiedlichen Verläufen einhergehen. Dazu zählen etwa Empfindungsstörungen, Sehbeeinträchtigungen und Bewegungsprobleme bis hin zu Lähmungen. MS gilt daher als «Krankheit mit tausend Gesichtern».
Quelle: Wikipedia
Bei Multipler Sklerose greift das Immunsystem die Myelinscheiden an den Nervenzell-Fortsätzen an (r.), was zu einer Vielzahl von neurologischen Schäden führen kann.
Bei Multipler Sklerose greift das Immunsystem die Myelinscheiden an den Nervenzell-Fortsätzen an (r.), was zu einer Vielzahl von neurologischen Schäden führen kann. Bild: Shutterstock

Auch Gene spielen wichtige Rolle

Zudem fanden die Forschenden keinen Zusammenhang zwischen einer MS-Erkrankung und einer Infektion mit dem Cytomegalovirus, das ebenfalls sehr weit verbreitet ist. «Die Ergebnisse können durch keinen bekannten Risikofaktor erklärt werden und legen nahe, dass EBV die Hauptursache für MS ist», schliessen die Autoren.

Für den Zürcher Mediziner Martin geht diese Schlussfolgerung allerdings etwas zu weit: Zum einen gebe es eine Vielzahl von Genen, die das Risiko einer MS-Erkrankung jeweils erhöhen könnten. Der Studien Co-Autor Kuhle spricht von nicht weniger als 200 solchen Risikogenen, von denen zwar jedes nur einen kleinen Effekt habe, die aber in ungünstigen Kombinationen das Risiko deutlich erhöhen könnten.

Zum anderen spielten auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle, stellt Martin fest. Hierzu gehörten unter andrem niedriges Vitamin D, Rauchen, Schichtarbeit sowie bestimmte Darmbakterien. «Ob nun das EBV der wichtigste Umweltfaktor ist oder einer unter mehreren, kann die Studie meines Erachtens nicht abschliessend klären», so Martin.

«Die Infektion mit EBV ist der erste pathogene Schritt bei MS, aber für die vollständige Pathophysiologie müssen noch weitere Zündschnüre gezündet werden.»
William Robinson und Lawrence Steinman, Universität Stanford

Auch die US-Forscher William Robinson und Lawrence Steinman von der Universität Stanford vermuten in einem Begleitartikel zur Studie, dass eine EBV-Infektion wahrscheinlich notwendig, aber nicht ausreichend sei, um die Entwicklung von MS auszulösen: «Die Infektion mit EBV ist der erste pathogene Schritt bei MS, aber für die vollständige Pathophysiologie müssen noch weitere Zündschnüre gezündet werden», schreiben sie.

Rund 98 Prozent aller Menschen ab dem 40. Lebensjahr tragen das Epstein-Barr-Virus in sich.
Rund 98 Prozent aller Menschen ab dem 40. Lebensjahr tragen das Epstein-Barr-Virus in sich. Bild: Wikimedia/National Cancer Institute

Gar Ausrottung möglich?

Eine wirksame Waffe gegen MS könnte eine Impfung gegen das EB-Virus sein, solange man sie vor der Infektion verabreicht. Solche Impfstoffe seien derzeit in der Entwicklung, sagte der Basler Professor Jens Kuhle in einer Mitteilung seiner Hochschule und ergänzte: «Womöglich könnte man dann auch MS durch eine Impfung verhindern.»

«Jetzt, da der erste Auslöser für MS identifiziert wurde, könnte MS vielleicht ausgerottet werden.»
William Robinson und Lawrence Steinman, Universität Stanford

Ebenfalls könnten antivirale Therapien ihm zufolge eine vielversprechende Alternative sein. Denn es bestehe zumindest die Möglichkeit, «dass EBV nicht nur als Auslöser eine Rolle spielt, sondern auch bei der Auslösung von Entzündungsschüben.»

Die US-Forscher Robinson und Steinman diskutieren in ihrem Artikel ebenfalls verschiedene Optionen für Therapien und wagen sogar die Aussage: «Jetzt, da der erste Auslöser für MS identifiziert wurde, könnte MS vielleicht ausgerottet werden.» (sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Diese 9 Medikamente würden uns wirklich etwas bringen

1 / 11
Diese 9 Medikamente würden uns wirklich etwas bringen
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Warum du dich auf die Geschlechtskrankheit Chlamydien testen lassen solltest

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Meisterspion Lucie
Rudolf Rössler war ein introvertierter Literat, der in Luzern einen Verlag leitete. Gleichzeitig versorgte er die Sowjets mit brisanten Informationen aus dem Führerhauptquartier. Die Geschichte des Meisterspions Lucie.

Am 16. Januar 1967 prangte der staatenlose Rudolf Rössler auf der Titelseite des Spiegel. Da war er schon seit neun Jahren verstorben, und so bescheiden, wie er gelebt hatte, war er beerdigt worden: in einem einfachen Grab in Kriens bei Luzern. Hätte er nicht ein bis heute verschlüsseltes Geheimnis dahin mitgenommen, kaum jemand hätte je wieder Notiz von diesem stillen Mann genommen, der unter dem Decknamen «Lucie» zum wertvollsten Informanten der Sowjetischen Generalität im Zweiten Weltkrieg avancierte.

Zur Story