Wissen
History

Ein Wimmel­bild zwischen Wissen­schaft und Kunst

Das Paradies von Roelant Savery (Ausschnitt). Das Gemälde wurde am 21. Dezember 1626 von der Stadt Utrecht an Prinzessin Amalie von Solms als Hochzeitsgeschenk überreicht.
https://smb.museum-digital.d ...
Das Paradies von Roelant Savery (Ausschnitt). Das Gemälde wurde am 21. Dezember 1626 von der Stadt Utrecht an Prinzessin Amalie von Solms als Hochzeitsgeschenk überreicht.Bild: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Ein Wimmel­bild zwischen Wissen­schaft und Kunst

Kinder lieben Wimmelbilder, auch im 21. Jahrhundert. Ein Spezialist dieser Darstellungsart war Roelant Savery, der damit vor über 400 Jahren den Habsburger Kaiser begeisterte und viele Zeitgenossen inspirierte. Auch Schweizer Künstler.
19.05.2024, 21:13
Barbara Basting / Schweizerisches Nationalmuseum
Mehr «Wissen»

Eine quirlige Berliner Primarschulklasse sitzt im Jahr 2024 vor dem Paradies von Roelant Savery in der Gemäldegalerie. Das 400 Jahre alte Gemälde eignet sich hervorragend für pädagogische Zwecke. Die Kinder sind sichtlich gefesselt von dem Tier-Wimmelbild, einige fangen gar an, die Tiere zu zählen. Warum haben all die Tiere nicht mehr Platz, fragt ein Mädchen besorgt. Sogar im Zoo haben sie mehr. Finden sie überhaupt genug Futter? Ein Junge wundert sich, dass der Löwe oben rechts im Bild so friedlich daliegt, statt sich auf die Wasservögel vor seiner Nase zu stürzen.

Weitere Ungereimtheiten werden bemerkt: Warum sind die Tiere so unterschiedlich gross? Warum gucken manche nach rechts, manche nach links und manche genau in unsere Richtung? Eines der Kinder identifiziert schliesslich sogar Adam und Eva mit Schlange und Apfelbaum. Aber warum stehen diese beiden Hauptfiguren aus der biblischen Erzählung vom Paradies so weit hinten und sind so winzig? Vielleicht mochte der Künstler Tiere mehr als Menschen, meint ein Mädchen.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum
Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Die Fragen der Kinder ähneln denen, die sich auch Kunsthistoriker angesichts des Werks von Roelant Savery (1576–1639) schon gestellt haben. Denn der Künstler ist vor allem mit seinen märchenhaften, überreich mit Tieren ausstaffierten Landschaften berühmt geworden. In biblischen und mythologischen Erzählungen wie der vom Paradies, von Noahs Arche oder von Orpheus, der die Tiere verzaubert und zähmt, fand er geeignete Sujets, um seiner Tierliebe zu frönen. Selbst seine grossartigen Blumenstillleben garnierte er reich mit Insekten und Reptilien.

Porträt von Roelant Savery, 1662. 
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Joannes_Meyssens,_Adam_Willaerts_(after)_-_Portrait_of_Roelant_Savery.jpg
Porträt von Roelant Savery, 1662.Bild: Wikimedia

Am Hof des Kaisers

Saverys ungewöhnliche Kompositionen entstanden allerdings nicht nur aufgrund einer persönlichen Vorliebe des Malers. Sie hatten in dem habsburgischen Kaiser Rudolf II. (1552–1612) einen Liebhaber gefunden. Rudolf II. band Savery an seinen Hof auf dem Prager Hradschin. Während dem Herrscher, der psychisch angeschlagen war, die weltliche Macht zunehmend entglitt, zog er mit seiner ästhetischen Sensibilität und seinen breiten, zum Teil exzentrischen Interessen Künstler und bedeutende Gelehrte aus ganz Europa an, unter ihnen auch etliche Schweizer. Der Hradschin wurde unter ihm zum kulturellen Eldorado.

Der Habsburger Kaiser Rudolf II. war ein grosser Förderer von Saverys Kunst.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Joseph_Heintz_d._%C3%84._002.jpg
Der Habsburger Kaiser Rudolf II. war ein grosser Förderer von Saverys Kunst.Bild: Wikimedia

Beispielsweise wirkte dort neben Rudolfs Hofmathematiker, dem berühmten dänischen Astronomen Tycho Brahe und dessen Assistenten Johannes Kepler, der mit Kepler befreundete Schweizer Mathematiker Jost Bürgi. Die Aufmerksamkeit des Kaisers fesselte er als Erfinder präziser astronomischer Instrumente. Das Exemplar von insgesamt fünf vergoldeten Himmelsgloben von Jost Bürgi, das sich heute in der Sammlung des Schweizer Nationalmuseums befindet, hatte ursprünglich Rudolf II. für seine Wunderkammer erworben. Ihr Inhalt wurde während des Dreissigjährigen Kriegs verstreut.

Rudolf sammelte daneben Kunst im grossen Stil, vor allem die von schon verstorbenen Berühmtheiten wie Tizian, Correggio, Dürer und Pieter Breughel. Daneben galt seine Vorliebe den verschrobeneren Exponenten des Manierismus, die das Formenvokabular der Renaissance auf die Spitze trieben, insbesondere Giuseppe Arcimboldo und Bartholomäus Spranger – und Roelant Savery.

Savery und die Tiere

Savery wurde in der flandrischen Stadt Kortrijk (Courtrai, heutiges Belgien) geboren und kam 1604 nach Prag. Seine frühen künstlerischen Impulse und sein Interesse an Tierdarstellungen lassen sich auf die in seiner Heimat allgegenwärtigen Tapisseriewerkstätten zurückführen. Wandfüllende, nach künstlerischen Entwürfen gewebte Behänge aus Flandern waren damals zur Ausstattung von Fürstenhäusern und Kirchen sehr begehrt.

Auf diesen Tapisserien fanden sich auch Tierszenerien. Der junge Savery kannte sie, weil sein deutlich älterer Bruder Jacob, bei dem er das Malen lernte, auch Tapisserieentwürfe anfertigte und sich dabei auf Tiere spezialisierte. Deren Darstellung orientierte sich zunächst an der mittelalterlichen Überlieferung.

Eine bedeutende Rolle spielte dabei die Emblematik. Den Tieren werden dabei jeweils bestimmte Eigenschaften zugeordnet (der «starke Löwe», der «treue Hund»), wie sie bis heute noch in Tierfabeln überliefert werden. Daneben gab es Vorformen wissenschaftlicher Enzyklopädien, etwa illustrierte Manuskripte zur Jagd. Roelants künstlerisches Markenzeichen wurde das «Wimmelbild».

Es gibt viel zu entdecken in den «Wimmelbildern» von Savery. Hier sieht man seine Landschaft mit Vögeln von 1628.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Roelant_Savery_-_Landscape_with_Birds_-_WGA208 ...
Es gibt viel zu entdecken in den «Wimmelbildern» von Savery. Hier sieht man seine Landschaft mit Vögeln von 1628.Bild: Wikimedia

Savery dürfte sogar einige der Tiere, die er darstellte, in Rudolfs Menagerie gesehen haben. Ziemlich sicher ist das beim Dodo der Fall, dem plumpen Riesenvogel, den er am rechten unteren Bildrand platziert hat. Er wurde von niederländischen Seefahrern 1598 auf der Insel Mauritius entdeckt. Um 1690 starb er aus, wohl vor allem, weil die eingeschleppten Schiffsratten die Nester des flugunfähigen Vogels am Boden ausräuberten.

Der Dodo führt zu einer weiteren möglichen Inspirationsquelle Saverys, den Werken des flämischen Miniaturmalers und Kupferstechers Georg Hoefnaegel (1542–1600) und seines Sohns Jacob. Georg Hoefnagel war kurz vor Saverys Zeit als Hofkünstler bei Rudolf II. angestellt und schuf für ihn eine prächtige vierbändige Bildenzyklopädie mit mehreren tausend Tierdarstellungen. Sie diente späteren Künstlergenerationen als «Musterbuch».

Jacob schuf ein gemaltes Verzeichnis der Tiere aus Rudolfs Menagerie, das den Dodo enhält. Die Verzeichnisse der Hoefnagels zählen wie auch Conrad Gessners zwischen 1551 und 1587 erschienene Tierbücher zu den Grundlagenwerken der entstehenden Naturwissenschaften.

Ein Dodo, Ausschnitt aus Saverys Gemälde Das Paradies.
https://smb.museum-digital.de/object/61706
Ein Dodo, Ausschnitt aus Saverys Gemälde Das Paradies.Bild: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Auch die Komposition von Saverys Paradies war für seine Zeit nicht so ungewöhnlich, wie sie aus heutiger Perspektive erscheinen mag. Das zeigt ein Vergleich mit einem Scheibenriss, einer 1580 entstandenen Zeichnung des Paradieses aus der Hand des Zürchers Christoph Murer (1558–1614). Murer war als der bedeutendste Schweizer Glasmaler seiner Zeit auf dem Hradschin kein Unbekannter: Rudolf II. besass mehrere Hinterglasmalereien von ihm. Ganz ähnlich wie Savery stapelt Murer in seinem Paradies die Tiere von Hase über Hirsch bis Elefant nach dem Motto «je mehr, desto besser». Nicht ausgeschlossen, dass Savery Murers Werk kannte.

Runder Scheibenriß: die Tiere im Paradies von Christoph Murer, 1580.
https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:29-bv041445114-7
Runder Scheibenriß: die Tiere im Paradies von Christoph Murer, 1580.Bild: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg

Der paradie­si­sche Frieden — ein Wunschtraum?

Zeitgenossen Saverys – zunächst ein eng begrenztes Publikum aus dem Umkreis Rudolfs – dürften ähnlich wie die Berliner Kinder sein Paradies zunächst als eine Art Tier-Lexikon bewundert haben. Es kam ihrem Wissensdrang entgegen, gab ihnen die dankbare Rolle von Entdeckern in den Fussstapfen der gefeierten Welteroberer. Vielleicht ist ihnen eine Hierarchie der Tiere aufgefallen. Vielleicht interpretierten sie den Zuchtbullen in der Bildmitte als Symbol der Fruchtbarkeit oder als Hinweis auf die ökonomische Bedeutung der Tierzucht und genereller das Konzept des «Nutztiers».

Jetzt abonnieren!

Nationalmuseum
AbonnierenAbonnieren

Hat das Publikum darüber hinaus die verdächtige Harmonie in der fast schon surrealistischen Paradies-Collage als Wunschtraum, als gemalte Utopie in einer unruhigen Welt wahrgenommen? Das Habsburgerreich sah sich damals den wiederholten Angriffen der Türken ausgesetzt, und die Reformation spaltete Europa. Rudolf II. hatte immerhin 1609 den Protestanten die Religionsfreiheit gewährt. Seine unmittelbaren Nachfolger jedoch hoben seinen Erlass auf und lösten damit den Dreissigjährigen Krieg aus; dieser begann mit dem «Prager Fenstersturz» von 1618 als Religionskrieg und endete als Flächenbrand.

Wussten Saverys Zeitgenossen, dass er aus einer Wiedertäuferfamilie stammte? Jedenfalls konnte man sein Werk als theologischen Wink, ja als moralischen Aufruf zur Toleranz verstehen. Denn bei ihm ist der Mensch nicht die Krone der Schöpfung, sondern ebenbürtig mit anderen Wesen, die noch dazu alle miteinander im Einklang leben.

Das Paradies von Roelant Savery: wo Menschen und Tiere im Einklang leben.
https://smb.museum-digital.de/object/61706
Das Paradies von Roelant Savery: wo Menschen und Tiere im Einklang leben.Bild: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Die melancholische Note von Saverys Interpretation des «Tierfriedens» ist heute unübersehbar. Der Dodo ist längst nicht die einzige ausgestorbene oder gefährdete Tierart geblieben. Die erträumte Koexistenz von Mensch und Tier ist definitiv zu einer Fiktion geworden. Schon Grundschulkinder erkennen das. Längst leben wir im «Anthropozän», einer von vom Menschen dominierten und geprägten, zunehmend zerstörten Natur. Saverys Kunst hält eine wichtige Station auf dem Weg dahin fest: Den Moment, bevor die Neugierde in Ausbeutung überging.

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Ein Wimmel­bild zwischen Wissen­schaft und Kunst» erschien am 14. Mai.
blog.nationalmuseum.ch/2024/05/ein-wimmelbild-zwischen-wissenschaft-und-kunst
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die 10 berühmtesten Gemälde der Welt
1 / 12
Die 10 berühmtesten Gemälde der Welt
10. Die Erschaffung Adams – Michelangelo, 1508 bis 1512, Sixtinische Kapelle (Vatikanstadt/Rom). (Quelle: CNN Style/Google)
quelle: wikimedia
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Das grösste Wandgemälde der Welt
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
4 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4
Schweizer Beschäftige werden unzufriedener – 80 Prozent leisten «Dienst nach Vorschrift»
Die Beschäftigten in der Schweiz sind zunehmend unzufrieden. Auch die emotionale Bindung zum Arbeitgeber fehlt oft. Den Job wechseln wollen aber nur Wenige.

Derzeit fühlt sich mit 54 Prozent nur noch rund die Hälfte der Beschäftigten zufrieden und zuversichtlich – 5 Prozentpunkte weniger als bei der letzten Befragung. Das geht aus einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Gallup vom Mittwoch hervor. Befragt wurden für den globalen Gallup-Report weltweit fast 130'000 Arbeitnehmende in 145 Ländern, in der Schweiz waren es rund 1000 Personen.

Zur Story