Trump, Putin, Erdogan: Warum sich viele nach autoritären Herrschern sehnen
In der Schweiz ist der «Souverän» allen ein Begriff. Damit sind wir gemeint, das stimmende Volk. Als das Volk aber noch keine Stimme hatte, war das Wort «Souverän» für jene reserviert, die das Volk beherrschten: für die Fürsten und Monarchen.
Peter Sloterdijk ist Jürgen Habermas’ Tod der führende deutsche Philosoph. Er denkt aber seit je gern aus der Optik des Kynikers Diogenes, der in einem Fass hauste und eine Philosophie «von unten» versuchte. In der schönen Anekdote sagt er zum allmächtigen Alexander dem Grossen sagt, er solle ihm aus der Sonne gehen.
Die «Herrschaft des Volkes» ist eine Fiktion
In seinem Buch «Der Fürst und seine Erben» analysiert er, warum wieder mehr Autokraten an die Macht kommen, die nicht das Volk, sondern sich selbst als Souverän sehen. Und warum in Demokratien wie den USA eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger einen Mann wiederwählt, der die Verfassung und demokratische Errungenschaften wie die Gewaltenteilung geringschätzt.
Gibt es eine Demokratiemüdigkeit? «Man hat tatsächlich Grund, von einer Krise der Demokratien und einer Hochkonjunktur der Autoritarismen zu sprechen», schreibt Sloterdijk. Demokratie als «Herrschaft des Volkes» sei weitgehend eine Fiktion. Auch in ihr gibt es die wenigen Mächtigen, die viel mehr bestimmen können als der Durchschnitt. Was bei den Demokratiemüden primär ankommt, seien «die Erpressungen der Regierungen durch Koalitionspartner, Interessenverbände, Lobbyisten und mediale Agitationen».
Ein Herrscher darf kein guter Mensch sein
Deshalb ziehen starke Männer, mögen sie nun Putin, Trump, Xi Jinping oder Erdogan heissen, viele enttäuschte Demokraten an. Diese hadern in der gegenwärtig unsicheren Weltlage mit den herkömmlichen Parteien und politischen Eliten und sind empfänglich für Autokraten, die durchgreifen, obwohl es gerade diese Autokraten sind, die die Unsicherheit der Weltlage zu verantworten haben.
Was die neuen Fürsten charakterisiert, lässt sich schon bei Machiavelli studieren, den Sloterdijk im neuen Buch ausgiebig zitiert. Der Renaissancedenker war überzeugt, ein Herrscher müsse sich darin üben, kein guter Mensch zu sein.
Da ein Machthaber von zahlreichen bösartigen Rivalen umgeben sei, müsse er schleunigst lernen, genauso böse zu sein. Sloterdijk findet bei Machiavelli noch einen weiteren Grundsatz, der für die neuen Autokraten zutrifft: Der Erfolg frage nicht danach, wie man ihn erlangt hat. Ein Herrscher dürfe ein grosser Lügner und Heuchler sein.
Vom Neffen Napoleons zu Trump
Noch spannender als die Auseinandersetzung mit Machiavelli ist Sloterdijks Beschäftigung mit einem Herrscher aus der zweiten Reihe. Es handelt sich um den Neffen Napoleons namens Louis-Napoléon, der 1848 mit einer Dreiviertelmehrheit zum Präsidenten der neuen französischen Republik gewählt wurde und sich wenige Jahre später zum Kaiser Napoleon III. proklamierte.
Sloterdijk nennt ihn einen «Spektakel-Kaiser», der von seinem berühmten Vorfahren den Hang zum Populismus und zur grossen Geste erbte. Mit Erfolg: 97 Prozent der wahlberechtigten Franzosen gaben diesem Hasardeur ihre Stimme. Sein Idol war Cäsar, den er nachahmte. Er betrieb viel Kulissenpolitik: Die von Napoleon III. kultivierte Élysée-Pracht lebt heute in Hollywood weiter.
Der Dichter Victor Hugo spottete in seiner Kampfschrift «Napoléon le Petit»: Dieser Kaiser sei von Ergebenen und Dirnen umgeben statt von Beratern: «Er nimmt alles, vernutzt alles, besudelt alles, entehrt alles.» Die frappanten Parallelen zu Trump liegen auf der Hand. Eine Rückwärtsgewandtheit lässt sich bei beiden feststellen. Sie kommt schon im Slogan «Make America Great Again» zum Ausdruck.
Beiden fehlt auch die Fähigkeit, sich zu schämen. Stattdessen verkörpern sie die Schamlosigkeit. Sloterdijk zweifelt nicht daran, dass genau dies Trump für manche Anhänger attraktiv macht. Sie würden gern ähnlich schamlos, rüpelhaft und enthemmt sein. Sie wollen nicht gediegene Citoyens in einer Demokratie sein, wie Intellektuelle das gern erträumen, sondern gefallen sich darin, wieder Pöbel sein zu dürfen.
Seit seinem epochalen Meisterwerk «Kritik der zynischen Vernunft» von 1983 versteht es Peter Sloterdijk, aus der Philosophie- und Kulturgeschichte «psychopolitisch» brisante Erkenntnisse für die Gegenwart zu entwickeln. Das gelingt ihm auch im neuen Buch pointiert und pointenreich. Danach versteht man besser, warum gegenwärtig selbst in Demokratien viele Leute ein Herz für Autokraten haben.
Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben. Über grosse Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute. Suhrkamp, 189 Seiten. (aargauerzeitung.ch)

