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UTOYA ISLAND, NORWAY - JULY 24: Flowers rest near Utoya Island following Friday's twin extremist attacks, on July 24, 2011 in Norway. A man, named as Anders Behring Breivik, 32, has been arrested and is being held as the primary suspect following the bomb blast at a government building in Oslo and a shooting masscare on nearby Utoya island that killed at least 93 people in total.

Utøya. Auf der kleinen Insel im Tyrifjord erschoss der rechtsextreme Terrorist Anders Breivik vor zehn Jahren 69 Teilnehmer an einem Sommercamp. Bild: Jeff J Mitchell/Getty Images

Fluchtreflex und Schuldgefühle – so geht es den Überlebenden des Massakers von Utøya



Der 22. Juli 2011 hat Norwegen verändert. Und er hat die Überlebenden des schlimmsten Gemetzels verändert, das in diesem augenscheinlich so friedlichen Land seit dem Zweiten Weltkrieg verübt worden war. An diesem Tag tötete der rechtsextreme Terrorist Anders Breivik 77 Menschen – die meisten von ihnen Teilnehmer an einem Sommercamp der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF auf der Insel Utøya.

Breivik kam als Polizist verkleidet nach Utøya, nachdem er im Regierungsviertel von Oslo eine Autobombe gezündet hatte, die acht Menschen tötete. Auf der kleinen Insel machte er gezielt Jagd auf seine Opfer, die sich zu verstecken oder wegzuschwimmen versuchten. Nie rannte er, wie Zeugen später berichteten. Ohne Hast erschoss er Verletzte, die sich totstellten. Fast anderthalb Stunden dauerte das Massaker.

Etwa 560 Menschen befanden sich auf Utøya, als Breivik zu seiner Mordserie ansetzte. Viele von ihnen überlebten, weil sie in den Fjord flüchteten und aus dem Wasser gezogen wurden, andere konnten sich in einem Gebäude verbarrikadieren, wieder andere konnten sich in Höhlen auf der felsigen Westseite der Insel verstecken. Alle mussten um ihr Leben fürchten; viele mussten zusehen, wie ihre Freunde getötet wurden.

Manche der Verletzten verloren einen Körperteil oder tragen heute noch sichtbare Narben. Seelische Narben tragen vermutlich alle Überlebenden. Tief verborgen vielleicht, wie Kamzy Gunaratnam, die damals 23 Jahre alt war und zum Leitungsteam des Sommercamps gehörte. Sie sprang ins Wasser und wurde von einem Boot aufgenommen. Heute ist sie Vizebürgermeisterin von Oslo und hat gute Chancen, bei den nächsten Wahlen ins norwegische Parlament einzuziehen.

Kamzy Gunaratnam
Von Thor Brødreskift / Nordiske Mediedager - TBR_Aarebrotsamtalen_17, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=91445633

Kamzy Gunaratnam ist heute Vizebürgermeisterin von Oslo. Bild: Wikimedia/Thor Brødreskift/Nordiske Mediedager

Dem «Spiegel» erzählt sie zehn Jahre nach dem Blutbad, wie sie reagierte, als sie kürzlich einen Brief von Breivik aus dem Gefängnis erhielt: «Es fühlte sich an, als würde das ganze Rathaus unter meinen Füssen schwanken.» Ihr sei übel geworden, es habe ihr den Atem abgeschnürt. Gunaratnam berichtet auch, ihr Körper habe die Fluchterfahrung gespeichert.

«Wenn ich einen Raum betrete, schaue ich, wo ich am besten hinlaufen würde, falls jemand eine Waffe zieht.»

Kamzy Gunaratnam

In den Wochen nach Breiviks Brief habe sich das verstärkt und jedes laute Geräusch habe sie auffahren lassen. Sie habe sich dann immer gefragt, ob es Schüsse seien, die sie höre.

Gunaratnam dürfte nicht die einzige Überlebende sein, die diesen Fluchtreflex verinnerlicht hat. Solche Prägungen sind auch von anderen Opfern bekannt, die Kriegs- oder Terrorsituationen überlebt haben. In der Psychologie ist die Rede von einem «erhöhten Bedrohungsmonitoring» – man beobachtet etwa in bestimmten Situationen Leute und fragt sich, ob sie eine Gefahr darstellen.

Eine andere psychologische Folge des erlebten Schreckens kann das sogenannte Überlebensschuld-Syndrom sein, das auch als Holocaust-Syndrom bekannt ist. Letztere Bezeichnung verweist auf den Ursprung des Begriffs, der bei Überlebenden von Konzentrationslagern erstmals verwendet wurde und das Schuldgefühl beschreibt, das Personen befallen kann, die ein extremes Ereignis wie einen Amoklauf oder einen Genozid überlebt haben, während viele andere dabei umgekommen sind. Dabei spielt auch der Umstand eine wichtige Rolle, dass die Überlebenden den Getöteten nicht helfen konnten.

Schuldgefühle sind Miriam Einangshaug nicht fremd. Sie war 16 Jahre alt, in diesem Sommer vor zehn Jahren; sie hatte Glück und konnte sich mit anderen Jugendlichen in einem Gebäude mit Schlafsälen verbarrikadieren. Eine Kugel, die Breivik hineinfeuerte, verfehlte sie nur knapp. «Als der erste Schuss auf Utøya gefallen ist, habe ich meine Kindheit verloren», sagt sie heute in einer Video-Reportage des «Spiegels».

Miriam Einangshaug
https://twitter.com/mirieinang/photo

Miriam Einangshaug engagiert sich in der Opferhilfe. Bild: Twitter

In den ersten Monaten nach dem Anschlag hatte sie oft mit Flashbacks und Angstzuständen zu kämpfen, machte eine Therapie. Noch immer leidet sie unter Konzentrationsschwierigkeiten, aber heute findet sie, sie komme klar mit ihrem Leben. Aber sie sagt auch, sie habe sich jahrelang schuldig gefühlt, weil sie überlebt hatte.

«Ich habe nicht verstanden, warum ich leben durfte, während meine Freunde gestorben sind. Immer wenn ich versagt habe, zum Beispiel in der Schule, habe ich gedacht: Die Welt wäre besser, wenn ich gestorben wäre.»

Miriam Einangshaug

Von diesem Gefühl der Überlebensschuld erzählt auch Eskil Pedersen, der 2011 Vorsitzender der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF war, die das Sommercamp auf Utøya organisierte. Pedersen, damals 27, gilt als eines der Hauptziele, auf die Breivik es abgesehen hatte, doch ihm gelang die Flucht. Zusammen mit sieben anderen Personen konnte er die Insel auf einer Fähre verlassen. Dafür wurde er später harsch kritisiert; man warf ihm vor, er hätte als Verantwortlicher auf der Insel bleiben sollen.

Eskil Pedersen auf der Trauerfeier nach den Anschlägen 2011
Von GAD - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15910302

Eskil Pedersen 2011 auf der Trauerfeier nach dem Terroranschlag. Bild: Wikimedia/GAD

In einem Interview mit der norwegischen Zeitung Verdens Gang (VG) ging Pedersen unlängst auf diese Vorwürfe ein. Er habe sich im Nachhinein gefragt, ob er etwas anderes hätte tun können. Es sei jedoch hilfreich, sich bewusst zu sein, «dass Überlebensschuld ein natürliches Gefühl ist, aber nicht unbedingt das richtige Gefühl».

«Ich habe nicht erlebt, dass ich an diesem Tag eine Wahl getroffen habe. Mir wurde gesagt, ich solle rennen, also rannte ich.»

Eskil Pedersen

Hunderte andere Utøya-Überlebende fühlten sich ebenfalls schuldig, dass sie überlebt haben, erklärt Pedersen. Sie empfänden eine Verantwortung dafür, dass andere gestorben sind. Sie hatten schnelle Entscheidungen treffen müssen, um sich zu retten oder anderen zu helfen, sich zu verstecken oder zu fliehen, allein oder zusammen mit anderen.

Utøya 2015, Fähre MS Thorbjørn

«MS Thorbjørn», die Fähre, auf der mehrere Personen dem Massaker auf Utøya entkamen. Bild: Keystone

Auf der Fähre, die Pedersen in Sicherheit brachte, befand sich auch Lars Fjærli Hjetland. In einem Twitter-Thread gab er vor kurzem Einblick in seine Gefühle im Nachgang des Terroranschlags – zum ersten Mal öffentlich: «Ich habe das noch nie öffentlich gesagt.»

In den Jahren nach dem Anschlag habe er Schuldgefühle und Scham empfunden und sich geweigert, die Geschichte zu erzählen, wie er den Terror auf Utøya überlebt hatte. Die an Pedersen gerichteten Vorwürfe hätten auch ihn getroffen, erklärt Hjetland.

«Ich erlebte, dass Leute, die ich in meiner eigenen Gemeinde traf und die meine Geschichte wahrscheinlich nicht kannten, Eskil einen Feigling nannten. Es tat schrecklich weh. Wenn Eskil ein Feigling war, war ich auch ein Feigling. Wir sassen im selben Boot.»

Lars Fjærli Hjetland

Lars Fjærli Hjetland
https://ullensaker.arbeiderpartiet.no/representanter/104423-lars-fjrli-hjetland

Lars Fjærli Hjetland sprach so wenig wie möglich über das Massaker auf der Insel. Bild: arbeiderpartiet.no

Die Fähre mit Pedersen und Hjetland verliess Utøya kurz nachdem Breivik seine ersten Schüsse abgefeuert hatte. Während der Skipper das Schiff steuerte, lagen die anderen flach auf dem Boden. Über ihre Telefone erfuhren sie, dass auf der Insel wild geschossen wurde. Zehn Jahre später bekundet Hjetland auf Twitter, er habe sich oft nicht wie ein echter Utøya-Überlebender gefühlt: «Andere hatten Heldengeschichten – ich war ein Feigling. Zumindest wusste ich, dass andere so etwas denken könnten.» Aus diesem Grund habe er so wenig wie möglich darüber gesprochen.

Jene, die darüber sprachen, stiessen nicht nur auf Verständnis, sondern auch auf Widerstand, selbst auf offenen Hass. Denn in ihren Augen zielte Breiviks Bluttat auf die offene, multikulturelle Gesellschaft Norwegens, die auch Muslime aufnahm. Diese offene Gesellschaft wurde vornehmlich von der Sozialdemokratie geprägt, die in Norwegen lange Jahre regierte.

Doch diese politische Sicht auf den Anschlag teilen längst nicht alle, wie Gaute Børstad Skjervø feststellt. Der aufstrebende sozialdemokratische Politiker, der vor zehn Jahren als Sechzehnjähriger mit fünf Klassenkameraden nach Utøya fuhr und allein zurückkam, glaubt gemäss einer Reportage der «Berliner Zeitung», dass viele Norweger das Massaker eher als eine Art Unglück, als Wahnsinnstat eines Irren betrachten.

«Viele mögen es nicht, wenn Überlebende Fragen stellen. Zum Beispiel, inwiefern die Art, wie manche Politiker oder die Medien über Migranten oder Muslime in Norwegen diskutiert haben, Breivik ermutigt hat. Und unserer Partei wird jetzt vorgeworfen, sie ziehe mit der Kandidatur von Überlebenden die Utøya-Karte, um wieder an die Macht zu kommen.»

Gaute Børstad Skjervø

Gaute Børstad Skjervø
https://auf.no/portrett/gaute-borstad-skjervo/

Gaute Børstad Skjervø glaubt, der 22. Juli 2011 habe Norwegen gespalten. Bild: AUF.no

So würden heute Überlebende, die sich in der Öffentlichkeit zu Wort meldeten, in den sozialen Meiden beschimpft und manchmal gar mit dem Tod bedroht, sagt Børstad Skjervø.

Tatsächlich sind nicht wenige Überlebende des Anschlags der Ansicht, ihnen sei weder Raum noch Gelegenheit gegeben worden, um ihre Erfahrungen und Meinungen über dieses schreckliche Ereignis kundzutun, wie diesem kürzlich erschienen Kommentar in der Zeitung «Dagens Næringsliv» (DN) zu entnehmen ist. Die wie ein Mantra wiederholte Auffassung, Breiviks Anschlag sei ein Angriff auf ganz Norwegen gewesen, habe die rechtsextreme Motivation und Ideologie von Breivik in den Hintergrund gerückt.

In den Hintergrund gerückt ist mit der Zeit auch das Massaker selbst: Von Jahr zu Jahr wird in Norwegen weniger darüber gesprochen – ausser wenn ein runder Jahrestag ansteht wie dieses Jahr. Miriam Eingangshaug, die sich bei Støttegruppen 22. Juli – der norwegischen Vereinigung zur Unterstützung der Opfer – engagiert, beklagt, es gebe noch immer zu wenig psychologische Hilfsangebote für die Überlebenden. «Ich glaube, manchmal ist einfach der Wille nicht da. Viele sind der Meinung, wir sollten endlich darüber hinwegkommen.»

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