Ausbeutung und Missstände – die Schattenseiten der italienischen Textilindustrie
Die meisten importierten Kleidungsstücke in der Schweiz stammen aus China (2,37 Milliarden Franken), gefolgt von Italien (0,9 Milliarden Franken).
Italienische Kleidung gilt oft als hochwertiger und wird mit besseren Arbeitsbedingungen in Verbindung gebracht. Doch der Schein trügt, wie eine Kassensturz-Recherche zeigt.
In Prato, einer Stadt in der Toskana, gibt es rund 7’000 Unternehmen, die Kleidung produzieren – von Fast Fashion bis Luxusmode. Mehr als die Hälfte der Betriebe befindet sich in chinesischer Hand. Rund 30’000 chinesische Staatsangehörige leben offiziell in der Stadt, viele von ihnen arbeiten in der Textilproduktion. Unter Bedingungen, die man in Italien nicht erwarten würde.
Arbeitende leben in desolaten Zuständen direkt neben den Fabriken, viele davon haben keinen Arbeitsvertrag. Der Bericht zeigt Filmaufnahmen von einem Beschäftigten, der beschimpft und geschlagen wurde, sowie von versperrten Notausgängen. Dadurch kamen bei einem Brand in Prato im Jahr 2013 sieben Arbeiter ums Leben.
Ein ehemaliger Arbeiter berichtet, er habe bis zu zwölf Stunden pro Tag arbeiten müssen – statt der vereinbarten acht Stunden. Wenn er zur Toilette ging, sei er dafür mit einer Verlängerung seiner Arbeitszeit um 30 Minuten bestraft worden.
Als Gewerkschaften bessere Arbeitsverträge aushandelten, verloren viele Beschäftigte ihre Jobs. «Die Unternehmen holen sich gezielt Menschen aus Bangladesch, Pakistan und China und bringen die Arbeitsbedingungen von dort nach Italien», sagt ein Gewerkschafter.
Doch wie der Film zeigt, bevorzugen Unternehmen chinesische Angestellte. Denn andere Migrantengruppen, etwa pakistanische Arbeiter, seien eher bereit, Missstände zu melden.
Nicht nur Fast Fashion
Das Problem betrifft nicht nur Billigmode, sondern auch den Luxusbereich. Recherchen zeigen, dass auch für teure «Made in Italy»-Produkte entlang der Lieferketten prekäre Arbeitsbedingungen herrschen. Wegen Gesetzesverstössen wie systematischer Ausbeutung, extrem niedrigen Löhnen, exzessiven Arbeitszeiten und teils unwürdigen Unterkünften wurde gegen einige Firmen die Zwangsverwaltung eingeleitet. Unter den betroffenen Marken befinden sich auch grosse Namen wie Dior und Valentino. Auch die Qualität von Luxus-Brands ist nicht zwingend besser. Ein Beispiel zeigt die Spannweite: Die Produktionskosten einer Tasche liegen bei rund 65 Euro, verkauft wird sie für über 1000 Euro.
Das Problem ist systembedingt: Kleidung entsteht selten direkt bei den Marken, sondern über viele Zwischenstufen. Diese komplexen Lieferketten erschweren die Kontrolle der Arbeitsbedingungen. (cst)
