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Sind wir alle am Arsch – oder können wir uns vor uns selbst retten?

Bild: AP
Klimawandel, Kriege, Überbevölkerung – die Probleme auf der Erde sind immens. Hat die Menschheit überhaupt eine Zukunft? Zwei Bücher geben sehr unterschiedliche Antworten.
21.04.2014, 10:1211.11.2020, 09:17

«I think we're fucked.» Drastisch und unzweideutig sind die Worte, die der britische Autor und Wissenschaftler Stephen Emmott an den Schluss seines Buches «Zehn Milliarden» (im Original «Ten Billion») setzt. Die deutsche Übersetzung schreckt vor dem Kraftausdruck zurück: «Ich glaube, wir sind nicht mehr zu retten», heisst es dort.

Dabei sollte man es ruhig so ausdrücken, wie es gemeint ist: Wir sind am Arsch.

Video: YouTube/SuhrkampVerlag

«Zehn Milliarden» erschien im letzten Herbst und wurde zum Bestseller. Der Titel des knappen Werks – es lässt sich in einer Stunde lesen – bezieht sich auf die UNO-Prognose für die Weltbevölkerung am Ende dieses Jahrhunderts. Dabei stehen wir schon heute mit rund sieben Milliarden Menschen vor kaum lösbaren Problemen. Stephen Emmott, Leiter eines Microsoft-Forschungslabors in der englischen Universitätsstadt Cambridge, spricht von einem «beispiellosen Notfall planetarischen Ausmasses, den wir selbst geschaffen haben».

Das Bild, das der Autor vom Zustand des Planeten zeichnet, könnte schwärzer kaum sein. Die zunehmende Klimaerwärmung, verursacht durch die ungebremste Verwendung fossiler Energieträger, die Übernutzung der landwirtschaftlichen Böden, der sorglose Wasserverbrauch, die Überfischung der Meere, «das ganze Zeugs», das wir konsumieren – all das und mehr führt uns nach Ansicht von Emmott auf direktem Weg in die Katastrophe.

Am Ende seines mit Grafiken und Fotos angereicherten Buches verweist er auf «einen der nüchternsten und klügsten Forscher» aus seinem Labor. Emmott stellte ihm die Frage: Wenn er angesichts der heutigen Situation nur eine einzige Sache tun könnte, was wäre das? Die Antwort: «Ich würde meinem Sohn beibringen, wie man mit einem Gewehr umgeht.»

Rüsten wir uns für den Weltuntergang. Wir sind alle am Arsch. Oder?

Ein anderer Autor hält dagegen: Michael Schmidt-Salomon, Philosoph, bekannt geworden als Vordenker des Atheismus in Deutschland. Sein neues Buch, das er kürzlich auf einer Vortragsreise in der Schweiz vorstellte, trägt den Titel «Hoffnung Mensch – eine bessere Welt ist möglich» und setzt schon damit einen Kontrapunkt zum apokalyptischen Szenario eines Stephen Emmott.

Das überrascht: In seinem letzten Buch «Keine Macht den Doofen» hatte Schmidt-Salomon ähnliche Töne angeschlagen. Ein grosser Teil der Menschheit leide an «Schwarmdummheit», polemisierte er, statt von «Homo sapiens» müsse man von «Homo demens» sprechen. Besonders heftig attackierte er unfähige Manager, überforderte Politiker und religiöse Rattenfänger.

Und nun diese neuen Töne?

Michael Schmidt-Salomon bezeichnet «Keine Macht den Doofen» als «reinigendes Gewitter», das es ihm erst ermöglicht habe, eine Liebeserklärung an die Gattung Mensch zu schreiben. Tatsächlich ist «Hoffnung Mensch» sein bislang versöhnlichstes Buch. Die Penetranz der menschlichen Dummheit sei nur die eine Seite, heisst es darin: «Von seiner Veranlagung her ist der Mensch das mitfühlendste, klügste, phantasiebegabteste, humorvollste Tier auf dem gesamten Planeten.»

Ja was denn nun? Gehen wir in Ignoranz zu Grunde, oder stehen wir vor einer glorreichen Zukunft?

«Es ist so leicht, Zyniker zu sein. Unendlich viele Gründe sprechen dafür, die Menschheit zu verachten.»
Michael Schmidt-Salomon

Der deutsche Philosoph leugnet keineswegs, dass die Lage ernst ist. «Es ist so leicht, Zyniker zu sein. Unendlich viele Gründe sprechen dafür, die Menschheit zu verachten», lautet der allererste Satz seines Buchs. Zehn Problemfelder listet er auf, neben den in Stephen Emmotts Buch genannten unter anderem auch kriegerische Auseinandersetzungen, Armut und soziale Ungleichheit, Krankheiten und Seuchen sowie unzulängliche Bildungssysteme.

Seine Befunde sind ähnlich düster wie jene des britischen Autors. Im Gegensatz zu diesem aber zeigt Schmidt-Salomon, dass es auch positive Trends gibt. Einige Beispiele:

● Trotz grausamer Bürgerkriege in Syrien oder Somalia und der Krise in der Ukraine: Seit 1992 ist die Zahl der Kriege und bewaffneten Konflikte erheblich zurückgegangen, von 55 auf 24.

● Seit 1990 hat sich der Anteil der chronisch unterernährten Menschen von 23,2 auf 14,9 Prozent der Weltbevölkerung reduziert, in absoluten Zahlen von 980 auf 850 Millionen.

Die Weltbevölkerung wächst, trotzdem gibt es immer weniger chronisch unterernährte Menschen.
Bild: AP UNAMID

● Die Zahl der Menschen, die nach UNO-Kriterien in extremer Armut leben, sank zwischen 1990 und 2010 von 1,9 auf 1,2 Milliarden, ihr Anteil an der Weltbevölkerung von 47 auf 22 Prozent.

● Seit 1990 ist der Anteil der Menschen, die Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, von 76 auf 89 Prozent der Weltbevölkerung angewachsen.

● Die Zahl der Mobilfunkanschlüsse hat sich seit 2005 verdreifacht, auf 6,8 Milliarden. 2,7 Milliarden Menschen nutzen das Internet, zweieinhalb Mal so viele wie 2005. Das verschafft auch Menschen in Ländern mit schlechten Bildungssystemen Zugang zu Wissen.

Die Richtung stimmt, auch wenn es skandalös bleibt, dass Hunger, Armut und Kriege noch immer an der Tagesordnung sind. In einigen Bereichen gab es sogar Verschlechterungen, vor allem bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen. «Die globale Ungleichheit hat mittlerweile Dimensionen angenommen, die jeder Beschreibung spotten», schreibt Schmidt-Salomon. Dennoch glaubt er, dass der Mensch mit seiner Kreativität in der Lage ist, diese Probleme zu lösen.

«Mit dem Smartphone in der Hand und der Bronzezeit im Kopf kommen wir nicht weiter!»
Michael Schmidt-Salomon

Dabei setzt Schmidt-Salomon auf das von ihm seit Jahren verfochtene Konzept des «evolutionären Humanismus». Entwickelt wurde es von britischen Biologen und Autor Julian Huxley, dem ersten Generaldirektor der UNESCO. Es führt den Menschen zurück auf seine tierische Herkunft und grenzt sich ab von den Religionen und dem «klassischen Humanismus», die beide den gleichen Fehler begingen und den Menschen als einzigartige, «auserwählte» Spezies betrachteten. Eine Einstellung, die wesentlich zu unserem sorglosen Umgang mit der Natur beigetragen hat.

Eine Neuorientierung im Sinne des «evolutionären Humanismus» ermögliche es der Menschheit, ihrer Verantwortung für die Ökosphäre der Erde gerecht zu werden, glaubt Schmidt-Salomon. Dabei bestreitet er nicht, dass der Weg noch weit ist und wir dem technologischen Fortschritt in ethisch-politischer Hinsicht weit hinterherhinken: «Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung für einen Jumbojet übertragen wurde.» Oder noch deutlicher: «Mit dem Smartphone in der Hand und der Bronzezeit im Kopf kommen wir nicht weiter!»

«Ich glaube, alles wird einfach so weitergehen wie bisher. Business as usual.»
Stephen Emmott

Stephen Emmott würde dies sofort unterschreiben, obwohl er die Intelligenz und den Einfallsreichtum der Menschen durchaus anerkennt. Die Hoffnung, dass wir dadurch eine Lösung für die globalen Probleme finden werden, sei aber «nicht mehr als reines Wunschdenken», heisst es im Buch «Zehn Milliarden». In keinem Bereich sieht Emmott den Willen, wirklich etwas zu verändern, im Gegenteil: «Ich glaube, alles wird einfach so weitergehen wie bisher. Business as usual.»

Damit begeht der Brite den fundamentalen Denkfehler fast aller Apokalyptiker: Er geht vom Ist-Zustand aus und extrapoliert diesen auf die Zukunft.

Dabei hat sich die Menschheit allein in den letzten Jahrzehnten viel weiter entwickelt als in ihrer gesamten vorherigen Geschichte. Ein Beispiel liefert Michael Schmidt-Salomon: Von der Keilschrift bis zum Buchdruck vergingen Jahrtausende, von der Gutenberg-Bibel bis zu den audiovisuellen Medien Jahrhunderte und von Radio und Fernsehen bis zum Internet nur noch Jahrzehnte. In dieser Dynamik liegt zwar eine wesentliche Ursache für die heutigen Probleme – aber auch der Schlüssel zu ihrer Lösung, so sehr Stephen Emmott dies bestreiten mag.

«Die Menschen sind heute sehr viel eher in der Lage, ihre kulturell antrainierten Borniertheiten abzuwerfen und Neues zu akzeptieren, als dies noch in der jüngeren Vergangenheit der Fall war.»
Michael Schmidt-Salomon

Auch in kultureller Hinsicht hat sich viel getan: Noch vor 50 Jahren war Homosexualität selbst in westlichen Demokratien verboten, Prügelstrafen für Kinder waren allgemein akzeptiert, Frauen hatten zu vielen Berufen keinen Zugang, in der Schweiz besassen sie nicht einmal das Stimm- und Wahlrecht. Der Wandel in diesen Bereichen wirkt atemberaubend. Natürlich gibt es auch Rückschläge, etwa die zunehmende Drangsalierung von Homosexuellen im orthodoxen Russland, in islamischen Ländern oder in Uganda, wo evangelikale Fundamentalisten aus den USA ihr Unwesen treiben.

Frauen in Saudi-Arabien wehren sich gegen die Unterdrückung und setzen sich trotz Verbot ans Steuer eines Autos.
Bild: AP

Doch wo Schatten, da auch Licht. Im Iran und in Saudi-Arabien begehren die Frauen zunehmend gegen ihre Diskriminierung auf. In Afghanistan nahmen die Menschen trotz massiver Drohungen der Taliban in grosser Zahl an der Präsidentschaftswahl teil. Für Michael Schmidt-Salomon ist dies eine logische Entwicklung: Die Menschen seien heute «sehr viel eher in der Lage, ihre kulturell antrainierten Borniertheiten abzuwerfen und Neues zu akzeptieren, als dies noch in der jüngeren Vergangenheit der Fall war».

Man kann solche Ansichten als naiv bezeichnen, und gegen Ende seines Buches hebt der Philosoph tatsächlich ein wenig ab, wenn er etwa die Menschheit als eine Art Immunabwehr bezeichnet, «die vom ‹Organismus› Erde ausgebildet wurde, um sich gegen tödliche Bedrohungen aus dem All zu schützen». Da beschwört er ausgerechnet jene Vorstellung einer «auserwählten Spezies», die er eigentlich bekämpft.

Das schmälert die Qualität von «Hoffnung Mensch» aber kaum, denn Schmidt-Salomon ist kein Träumer. Er setzt auf konkrete Konzepte wie die Cradle-to-Cradle-Wirtschaft, die von Anfang an darauf ausgerichtet ist, keinen wertlosen Abfall zu produzieren. Auf geistiger Ebene propagiert er das Modell der «transkulturellen Gesellschaft». Beide Konzepte sind in der Allgemeinheit noch wenig bekannt, doch viele grosse Idee haben sich nur zögerlich durchgesetzt. Ihre visionären Urheber wurden oft verfemt, verfolgt oder gar getötet – auch dafür liefert das Buch einige Beispiele.

Sind wir also aus dem Schneider?

Gesichert ist nichts, das weiss auch Michael Schmidt-Salomon. Die Geschichte der Menschheit ist auch eine der untergegangenen Zivilisationen – die alten Römer sind ein Beispiel. Doch wir sind in Sachen Technologie und Wissen viel weiter als damals. Zwar sind auch die Probleme viel grösser, aber wir haben die Mittel, um uns vor uns selbst zu retten. Wir müssen sie nur anwenden.

«Wer nur die Übel fokussiert, die heute noch bestehen, ohne zu begreifen, dass einige sehr viel schwerwiegendere Übel im Verlauf der kulturellen Evolution bereits erfolgreich beseitigt wurden, wird schnell die entscheidende Ressource verlieren, die für die Lösung der Probleme unbedingt erforderlich ist: den Glauben an die Menschheit», schreibt Michael Schmidt-Salomon allen notorischen Schwarzmalern vom Schlage eines Stephen Emmott ins Stammbuch.

Eine durchaus tröstliche Osterbotschaft eines überzeugten Religionskritikers.

Dank Mobilfunk und Internet haben Menschen auch in armen Ländern wie Burma Zugang zu Wissen.
Bild: EPA

Sollen wir uns also auf die Endzeit vorbereiten und unsere Kinder im Umgang mit Waffen unterrichten? Oder sollten wir sie im Geiste des evolutionären Humanismus erziehen und ihre kreativen und innovativen Fähigkeiten fördern?

Wir haben die Wahl.

Lesen Sie zur Thematik auch das watson-Interview mit dem tschechischen Umweltwissenschaftler Vaclav Smil.

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