Brand-Überlebende sagt, was sie nach dem Unfall am Leben gehalten hat
Mafalda, du hast in einer Instagram-Botschaft den Brandverletzten von Crans-Montana und ihren Angehörigen Mut zugesprochen. Du hast aber auch gesagt, dass ihnen ein schwieriger Weg bevorsteht. Was macht den Weg so schwierig?
Mafalda da Silva Baptista: Es sind drei Sachen, die mir besonders schwergefallen sind. Erstens die unglaublichen Schmerzen, die vielen Operationen, die psychische Belastung. Zweitens die Dauer: Ich war fast ein Jahr lang im Spital. Und drittens die Ungewissheit. An einem Punkt haben mir die Ärzte gesagt, ich würde meine Hände nie mehr bewegen können. Ein anderes Mal ist eine Operation nicht gut verlaufen und so wurden aus zwei Wochen Spitalaufenthalt drei Monate. Nicht zu wissen, wie das Leben weitergeht, das ist das Schlimmste am Ganzen.
Schlimmer als die Schmerzen?
Es ist schwierig zu vergleichen, beides ist sehr schlimm. Aber bei den Schmerzen wusste ich, dass sie irgendwann vorbeigehen. Die Ungewissheit hingegen war immer da.
Wie lange ging es bei dir, bis die Schmerzen weniger wurden?
Die erste Phase, nachdem ich aus dem Wachkoma aufgewacht war, war die schlimmste. In den ersten fünf Monaten gab es fast täglich Verbandwechsel, oft mit Narkose, manchmal aber auch ohne. Das war sehr schmerzhaft. Solange ich Operationen hatte, blieben Schmerzen ein Thema.
Unmittelbar nach den Verbrennungen warst du zwei Wochen lang im Wachkoma. Wie erinnerst du dich daran?
Ich kann mich an alles erinnern, habe alles um mich herum wahrgenommen. Genau darum ist es auch so wichtig, und sei es noch so schwierig, als Angehörige in dieser Phase positiv zu sein. Mut zu machen. Was mich am Leben gehalten hat, war meine Mutter, die mir immer Kraft zugesprochen hat.
Mafalda aber kämpfte sich ins Leben zurück. Zu Beginn wurde sie jeden zweiten Tag in Narkose versetzt, insgesamt musste Mafalda 30 Mal operiert werden. Sie ist ausgebildete Fachfrau Gesundheit und hat letztes Jahr ein Buch geschrieben (‹Auch mit Narben kann ich lachen›). Mafalda ist Botschafterin für die Initiative Hautstigma, die Kinder mit Hautauffälligkeiten unterstützt.
Was hat dir nach dem Aufwachen Hoffnung gegeben?
Meine Psychologin hat sehr viel dazu beigetragen, dass in mir überhaupt wieder Hoffnung aufgekeimt ist. Dazu kommt, dass ich eine sehr positive Familie habe, die mir immer zu verstehen gegeben hat: Egal, was kommt, wir sind für dich da. Mein Bruder hat auch Verbrennungsnarben. Zwar nicht so starke wie ich, aber ich wusste immer, dass er weiss, was ich durchmache. Ich war nicht alleine. Und genau das ist mir im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe in Crans-Montana so wichtig.
Was denn?
Nicht alle haben wie ich jemanden, der oder die das Gleiche erlebt hat. Deshalb möchte ich diese Menschen unterstützen, indem ich meine Geschichte erzähle. Ich stehe in der Öffentlichkeit, damit Betroffene wissen, dass es Menschen gibt, die helfen wollen, wenn sie etwas brauchen. Jede Geschichte ist individuell, ich kann und will meine nicht mit derjenigen von anderen vergleichen. Aber ich will, dass Brandverletzte und ihre Angehörigen wissen: Es gibt Hoffnung.
Lass dir helfen!
Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen.
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
– Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
– Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
– Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
Wie kann man als Angehörige, als Freunde und Freundinnen jemanden mit Brandverletzungen auf seinem oder ihren Weg zurück in den Alltag unterstützen?
Mir hat es am meisten geholfen, wenn man mich als normalen Menschen und nicht als Brandopfer behandelt hat. Ich habe keine Tipps gebraucht und auch niemanden, der mir sagt, dass alles wieder gut kommt. Wichtiger war es, Menschen zu haben, die für mich auch einfach mal in Stille da sein konnten. Und mir zu verstehen gegeben haben: Wenn du irgendetwas brauchst, bin ich für dich da. Das war und ist für mich am wertvollsten.
Viele Menschen fragen sich, wie man mit Menschen mit sichtbaren Brandnarben umgehen soll. Darf man es ansprechen? Wenn ja, wie?
Auch hier gilt: Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Für mich war das Starren immer das Schlimmste. Da ist es mir lieber, wenn jemand direkt auf mich zukommt und mich höflich und empathisch fragt, was vorgefallen ist.
Du hast dich dazu entschieden, deine Geschichte öffentlich zu erzählen. Welche Erfahrungen machst du damit?
Leider gibt es immer wieder Menschen auf Social Media, die mir vorwerfen, ich würde das nur für Likes machen. Mich trifft das nicht mehr, weil ich ja genau weiss, aus welchem Antrieb heraus ich es mache. Aber ich weiss, dass Menschen, die noch am Anfang ihrer Reise sind, sehr verletzen kann. Hasskommentare werden leider auch auf die Überlebenden von Crans-Montana zukommen, die ihre Geschichte öffentlich machen werden. Das tut mir jetzt schon leid für sie.
Hast du eigentlich noch Angst vor Feuer?
Ich hatte lange Angst, durch Psychotherapie und Hypnose habe ich sie aber überwunden. Heute lebe ich ohne Ängste. Nur wenn ich in Portugal bin, wo die Gasexplosion stattgefunden hat, und etwas Giftiges oder Verbranntes rieche, schrillen meine Alarmglocken. Meine Nase ist sehr empfindlich geworden.
Du beschreibst dich als selbstbewusste Frau. Was hat dir dabei geholfen, dieses Selbstbewusstsein zu entwickeln?
Dahinter steckt jahrelanges Training, in dem ich mich intensiv mit mir selbst beschäftigt habe. Ich musste mich bereits sehr früh mit Themen auseinandersetzen, die für andere sehr viel später relevant werden. Das hat mir geholfen. Auch mein Umfeld hat viel dazu beigetragen. Es hat mir gesagt, dass ich eine so positive Ausstrahlung habe, dass sie meine Narben gar nicht mehr sehen. Damit haben sie mich sehr gestärkt.
