Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Rotes Fleisch/higgs

Die Empfehlungen der WHO, weniger rotes Fleisch zu konsumieren, wurde von einer Forschungsgruppe angezweifelt. Die Aussagen der Gruppe zogen aber nun ihrerseits heftige Kritik auf sich. unsplash/sven brandsma

Forscherstreit um Würste und Steaks – wie gesund ist rotes Fleisch wirklich?

Auf Steak und Wurst müsse man, entgegen bisheriger Empfehlungen, nicht verzichten, sagt eine Gruppe von Forschern. Doch deren Vorgehen kritisieren Ernährungswissenschaftler heftig.



Ein saftiges Steak, eine Cervelat vom Grill – das sollte man sich nicht mehr als drei Mal pro Woche gönnen, andernfalls steigt das Krebsrisiko, warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO vor einigen Jahren.

Doch nun veröffentlichte eine Gruppe von Forscherinnen und Forschern neue Empfehlungen: Wir könnten weitermachen wie früher, es sei nicht nötig, weniger rotes und verarbeitetes Fleisch zu essen.

Sofort wurde Kritik an diesen neuen Richtlinien laut. Die Gruppe missachte ihre eigenen Resultate, schreiben etwa Ernährungswissenschaftler der Harvard T.H. Chan School of Public Health in einem Statement.

Tatsächlich geht aus den drei Übersichtsstudien, die die Gruppe zusammen mit der umstrittenen Empfehlung veröffentlicht hat, dasselbe hervor, was andere Studien bereits gezeigt hatten: Wer weniger rotes und verarbeitetes Fleisch isst, hat ein geringeres Risiko für Dickdarmkrebs, Typ‑2 Diabetes und Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen.

Allerdings, und hier liegt der Hauptgrund für den Streit, interpretiert die Gruppe die Resultate anders als bisher. Sie bewertet sie als unzuverlässig, weil sie auf Beobachtungsstudien beruhen.

Viele Beobachtungen, wenig Experimente

In solchen Beobachtungsstudien werden Teilnehmende zu ihrem Leben befragt, etwa wieviel Fleisch sie essen, wieviel Alkohol sie trinken oder ob sie rauchen. Die Angaben zum Fleischkonsum werden dann verglichen mit Angaben zum Gesundheitszustand, Störfaktoren wie Rauchen werden rausgerechnet.

Dieses Vorgehen genüge nicht den Kriterien für rigorose klinische Studien, so wie sie etwa angewendet werden, um zu testen, ob ein Medikament wirkt oder nicht, sagte die Gruppe, die nun die neuen Empfehlungen gemacht hat.

Sabine Rohrmann, Ernährungswissenschaftlerin an der Universität Zürich, hat selber solche Beobachtungsstudien durchgeführt und kritisiert diese Interpretation: Man könne Kriterien für klinische Studien schlecht auf Ernährung anwenden. Denn zum einen könne man den Probanden kein Placebo geben, denn der Mensch wisse ja, was er zu sich nimmt. Und zum anderen sei es schwierig, Menschen vorzuschreiben, über längere Zeit bestimmte Mengen Fleisch zu essen. «Bei Medikamenten geht das, aber wenn man die Ernährung bestimmen will, ist das ein sehr grosser Eingriff in den Lebensstil.»

In der Tat fanden die Gruppenmitglieder nur wenige solcher Interventionsstudien. Diese zeigten allerdings kaum einen Zusammenhang zwischen Fleisch und Krebsrisiko.

Empfehlung, weil Leute rotes Fleisch mögen

Ausserdem anerkannte die Gruppe zwar die Effekte der Beobachtungsstudien, bewertete sie aber als zu klein: Beispielweise vermeidet die Reduktion des Fleischverzehrs nur 9 Todesfällen pro 1000 Personen. «Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung ist das aber schon sehr viel, das kann man nicht ignorieren», sagt Rohrmann. «Bei anderen Risikofaktoren wie zum Beispiel Pestiziden ist der Effekt auch relativ klein oder nicht mal bekannt und trotzdem diskutieren wir über ein Verbot.»

Des Weiteren stützt die Gruppe ihre neuen Empfehlungen auf eine Untersuchung der Vorlieben, die zeigt: Menschen essen gerne rotes und verarbeitetes Fleisch. Das findet Rohrmann fragwürdig. «Wir warnen auch vor dem Rauchen, unabhängig davon, ob Menschen es gerne tun oder nicht.»

Ausserdem lasse die Empfehlung ausser Acht, wie schädlich unsere Lust am Fleisch für das Klima ist. «Wir sollten an den bisherigen Empfehlungen festhalten und weniger rotes und verarbeitetes Fleisch essen», sagt Rohrmann.

Mehr Wissen auf higgs – Facts statt Fake News.
higgs auf Facebook, Twitter und Instagram

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Wenn Essen Angst macht – 14 sehr spezifische Food-Phobien

Essen am Arbeitsplatz? Nicht bei diesem Chef

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

16
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bert der Geologe 04.10.2019 15:39
    Highlight Highlight Eines ist sicher: Nichts essen führt in jedem Fall zum Tod.
    • Fip 04.10.2019 23:41
      Highlight Highlight Nur wenn du keine Magensonde hast und nicht Photosynthetisieren kannst!
  • Serge Künzli 04.10.2019 13:13
    Highlight Highlight Würste sind extrem ungesund. Studien haben ergeben, dass in Servelats Pökelstoffe vorhanden sind, die Herz- Kreislaufprobleme verursachen können. Nitrate verengen die Arterien und bilden Ablagerungen. Mein Grossvater ist an den Folgen gestorben. Jeden Tag hat er einen Servelat zum Znüni gegessen und hatte mit 87 einen Herzinfarkt.
    • Zappenduster 04.10.2019 21:57
      Highlight Highlight Bin unschlüssig ab deinem Kommentar... Villeicht zu voll um Ironie noch zu verstehen.
      Also wenn ich mit einem Servelat pro Tag 87 werde bin ich hoch zufrieden!? WTF Wie alt wollt ihr werden?
  • fifiquatro 04.10.2019 09:32
    Highlight Highlight Es ist doch immer die Menge die es ausmacht....
  • Der müde Joe 04.10.2019 08:54
    Highlight Highlight Und schlussendlich, beißen am Ende doch alle ins Gras.

    Welch lustige ironie!
  • MarGo 04.10.2019 08:35
    Highlight Highlight das zeigt doch eindrücklich, dass Ernährungsstudien niemals das ganze Spektrum der notwendigen Daten aufnehmen können. Ernährungsstudien sind also für die Katz...
    Wir alle wissen aber, dass es genug andere gute Gründe gibt, weniger Fleisch zu essen... wer diese nicht hören will, hört sie so oder so nicht... Gesundheit hin oder her...
    • Rabbi Jussuf 04.10.2019 12:31
      Highlight Highlight MarGo
      Fraglos gibt es andere Gründe weniger Fleisch zu essen. Die sind aber hier nicht das Thema, sondern nur Ablenkung.
      Ernährungsstudien gibt es wie Sand am Meer und gefühlt widerspricht jede jeder anderen.
      Ernährungswissenschaft steckt in den Kinderschuhen und bleibt darin noch ein paar Jahrzehntchen.
      Die Studien sind nicht für die Katz. Sie zeigen schön, wie hilflos die Ernährungswissenschaftler dem sehr komplexen Thema gegenüber sind.
    • MarGo 04.10.2019 13:46
      Highlight Highlight Geb ich dir vollkommen recht, Jussuf.
      Es könnte sogar sein, dass man hier niemals auf einen grünen Zweig kommt, insbesondere, wenn die Studienteilnehmer nicht in einem abgeschlossenen System überwacht werden. Zu viele Faktoren, die Einfluss haben...
  • Alju 03.10.2019 22:21
    Highlight Highlight Solche Uneinigkeiten unter Forschern mögen zwar die Qualität der zukünftigen Forschung erhöhen, aber sie sorgen für Verwirrung und damit Gleichgültigkeit unter Laien
  • Sackhegelbutzer 03.10.2019 22:03
    Highlight Highlight Esst weniger Zucker, weniger Fett und überhaupt weniger, bewegt Euch mehr und raucht nicht. Dann spielt es keine Rolle wieviel Fleisch Ihr esst.
  • Carl Gustav 03.10.2019 22:02
    Highlight Highlight Scheisse, leben ist tödlich.
    Lasst und Busse tun und der Freude abschwören😤
  • Arthur Philip Dent 03.10.2019 20:46
    Highlight Highlight "Empfehlung, weil Leute rotes Fleisch mögen"

    Das sagt eigentlich schon alles. Man will es sich halt schönreden... Die einen etwas plump mit "unsere Grosseltern haben auch Fleisch gegessen und waren gesund" und andere wie hier fühlen sich etwas schlauer und schieben eine Studie vor. Ändert nur alles nichts an den Tatsachen... Dann noch lieber: "ich weiss es ist ungesund, ess es aber trotzdem."

    Tun wir bei vielem anderen ha auch...

    Ps: "weisses" Fleisch ist auch nicht viel besser: Z.B. https://www.welt.de/kmpkt/article195557549/Weisses-Fleisch-ist-doch-nicht-gesuender-als-rotes-Fleisch.html
  • Toerpe Zwerg 03.10.2019 19:14
    Highlight Highlight "Ausserdem lasse die Empfehlung ausser Acht, wie schädlich unsere Lust am Fleisch für das Klima ist."

    Empfehlungen aus Gesundheitsstudien sollen also ungeachtet der zugrunde liegenden Studien-Ergebnisse für die Gesundheit Klimaeffekte des Konsums mit bewerten?

    Ok. Unter diesem Gesichtspunkt sollte dann wohl eine klare Empfehlung für das Rauchen erfolgen.
    • Rabbi Jussuf 03.10.2019 19:30
      Highlight Highlight Genau das ist mir auch aufgefallen. Hat man keine guten Argumente, dann muss eben das Klima herhalten. (Obwohl das in Bezug auf das Fleisch ein noch schlechteres Argument ist.)
    • Arthur Philip Dent 03.10.2019 20:46
      Highlight Highlight Genau, immer schön vom Thema ablenken... 😅

Review

Eine Schweizerin macht vor 200 Jahren als Mann, Arzt und Sklavenbefreier Karriere auf Kuba

Das Leben der Henriette Favez aus Lausanne ist eine der verrücktesten Geschichten des 19. Jahrhunderts. Jetzt ist sie im Kino zu bestaunen. Mit angehaltenem Atem.

Henriette ist 15, als sie mit einem französischen Soldaten verheiratet wird. Ihre Eltern sind beide tot, sie lebt bei einem Onkel in Paris, er ist ein höherer Militär, sie wächst in einem militärischen Umfeld auf, der Onkel macht sich Sorgen um ihre Weiblichkeit und denkt, dass er diese mit einer frühen Heirat retten könne. Nach drei Jahren stirbt Henriettes Mann im Kampf. Kurz darauf stirbt ihre wenige Tage alte Tochter. Und Henriette nimmt sich das Einzige, was ihr Mann ihr hinterlassen …

Artikel lesen
Link zum Artikel