Grosseltern-Betreuung kann laut Studie ungesund für Buben sein – das sagt eine Expertin
Eine Studie aus Deutschland zeigte, dass Grosseltern berufstätige Eltern spürbar entlasten, wenn sie ihre Enkel regelmässig betreuen. Besonders Mütter berichteten demnach von höherer Zufriedenheit. Gleichzeitig wies die Studie aber darauf hin, dass Grundschulkinder – insbesondere Buben – unter Umständen eine schlechtere Gesundheit haben könnten als Kinder, die anders fremdbetreut werden, etwa in Tagesschulen.
Die Meldung hat viele Grosseltern, die diese Zeitung lesen, verärgert. Wir haben bei der Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello deshalb nach einer differenzierten Einordnung der Ergebnisse und nach einer grundsätzlichen Einschätzung der Rolle von Grosseltern gefragt. Perrig-Chiello ist emeritierte Professorin an der Universität Bern und hat sich während Jahrzehnten mit Alters- und Generationenfragen befasst.
Wie schätzen Sie die aktuelle Studie der deutschen Forscherinnen ein?
Pasqualina Perrig-Chiello: Die Studie hat hochrelevante Kontextvariablen nicht berücksichtigt. Über die Grosseltern etwa wissen wir weder Geschlecht noch Alter oder sozialen Status, ebenso wenig, wie intensiv sie die Kinder betreuen, also wie viele Stunden sie übernehmen. Eine Wirkanalyse würde jedoch zwingend eine differenzierende Herangehensweise verlangen, die den komplexen sozioökonomischen und psychosozialen Faktoren Rechnung trägt. Hinzu kommt: Die gefundenen negativen «Effekte» auf die Gesundheit der Kinder sind gering und betreffen ausschliesslich Knaben im Primarschulalter. Zudem gibt es alternative Erklärungen: Es ist etwa nicht auszuschliessen, dass Grosseltern vor allem dann einspringen, wenn Kinder krank sind – also gerade dann, wenn sie nicht in die Kita oder Schule dürfen.
Und was ist mit dem familiären Umfeld der Eltern?
Es könnte sein, dass die Effekte weniger mit der Betreuung durch Grosseltern zu tun haben als mit den Lebensumständen der Eltern: wirtschaftliche Not, häusliche Gewalt, Scheidungsstress. Grosseltern springen oft dann ein, wenn Not da ist. In diesem Fall wären die negativen Ergebnisse Ausdruck familiären Stresses und nicht eine Folge der Grosselternbetreuung an sich.
Was weiss die Forschung denn generell über den Einfluss von Grosseltern in der Enkelkindbetreuung?
Es gibt kaum gute Studien mit ausreichend aussagekräftigen Variablen, die etwas über den «Einfluss auf XY» der Grosseltern in der Enkelkindbetreuung sagen können. Die meisten bisherigen Arbeiten untersuchen Korrelationen, also Zusammenhänge, nicht Ursachen und Wirkungen. Diese Studien zeigen weitgehend positive Effekte auf die Lebenszufriedenheit sowie auf die emotionale Entlastung und das Stresserleben der Eltern – also der Kinder der Grosseltern –, insbesondere bei Töchtern.
Und bei den Enkelkindern selbst?
Auch dies ist häufig untersucht worden. Die Ergebnisse sind jedoch insgesamt kontrovers und stark abhängig von der Methode und der Datenbasis. Während es tatsächlich Studien gibt, die eher negative Aspekte finden – wie die aktuelle deutsche Untersuchung –, zeigen andere gar keinen Zusammenhang. Viele Ergebnisse verweisen aber auch auf positive Effekte: auf eine bessere körperliche und psychische Gesundheit der Kinder oder auf emotionale Sicherheit, etwa bei Scheidung der Eltern.
Wie stark profitieren Grosseltern selbst davon, wenn sie Enkel haben und diese betreuen?
Die Mehrheit der heutigen Grosseltern in der Schweiz entscheidet selbst, ob sie ihre Enkel betreuen wollen und können oder nicht. Für viele haben Enkelkinder eine verjüngende, aktivierende Wirkung. Eine moderate Beteiligung an der Enkelkindbetreuung wurde denn auch als vorteilhaft für das Wohlbefinden der Grosseltern nachgewiesen. Der Hauptgewinn liegt aber wohl darin, dass Enkelkindbetreuung ein Akt der Generativität ist: Grosseltern sorgen für ihre Nachkommen, unterstützen sie. Das kommt nicht nur den jüngeren Generationen zugute, sondern auch ihnen selbst. Enkelkindbetreuung ist eine sinnstiftende Aufgabe, die nachweislich glücklich macht.
Vor rund 15 Jahren wollte der Bundesrat eine Bewilligungspflicht fürs Kinderhüten einführen, inklusive Kurse für Grosseltern. Der Vorschlag stiess auf heftige Kritik. Zurecht?
Ja, zurecht. Ein solcher Vorschlag hätte eine grundlegende Paradoxie bestätigt: In der Schweiz gelten Familien als Privatsache – im OECD-Vergleich gibt unser Land einen der kleinsten Anteile des BIP für Familienleistungen aus. Gleichzeitig wird die Familie als Rückgrat der Gesellschaft gepriesen. Unterstützung erhält sie jedoch kaum. Warum also diese Bürokratie, diese Vorschriften, wenn sich der Staat so wenig um Familien kümmert? Zudem: Wie hätte eine solche Bewilligungspflicht überhaupt kontrolliert werden sollen? Warum gibt es keine Pflichtkurse für Eltern? Wird Grosseltern pauschal die Kompetenz abgesprochen?
Und wie stehen Sie zur Diskussion, Grosseltern für ihre Betreuungsarbeit zu bezahlen?
Die meisten Grosseltern hüten ihre Enkelkinder in erster Linie aus Liebe und Verbundenheit, um die Beziehung zu stärken und weil diese Aufgabe bereichernd ist. Laut dem CH-Generationenbarometer 2023 geben das 60 bis 65 Prozent an. Erst in zweiter Linie geschieht die Betreuung aus der Notwendigkeit heraus, damit die Eltern arbeiten können – das nennen 42 Prozent als Grund. Diese Ergebnisse sind empirisch breit abgestützt. Ob Grosseltern für ihre Leistung auch finanziell entschädigt werden sollen? Viele wünschen sich das, wie ebenfalls das Generationenbarometer zeigt. Warum nicht – insbesondere dann, wenn sie finanziell nicht gut gestellt sind oder ihr Arbeitspensum aufgrund der Enkelbetreuung reduzieren. Das betrifft vor allem Frauen, die nachweislich den Grossteil der familiären Care-Arbeit leisten und dadurch häufig in die Altersarmutsfalle geraten. Die Betreuung von Enkelkindern durch Grosseltern wird bedauerlicherweise immer noch als familiale Solidaritätsleistung erwartet – als Selbstverständlichkeit, die sie nicht ist. Bezeichnend ist etwa, dass Grosseltern im Familienbarometer Schweiz 2025 nur zweimal vorkommen – und dann nicht als Helfende, sondern als Hilfsbedürftige. (aargauerzeitung.ch)
