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Geschichte, die weh tut

Vor 120 Jahren wurde durch Zufall etwas Fades gegen Sex erfunden. Sie haben es auch schon gegessen

08.08.2014, 18:5411.08.2014, 09:42
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Wir schreiben den 8. August 1894. Im Sanatorium von Battle Creek im US-Bundesstaat Michigan servieren Dr. John Harvey Kellogg und sein Bruder Will Keith Kellogg ihren Kunden neue Nahrung. Die Tester sind beeindruckt, obwohl das Produkt einerseits besonders fad sein sollte und zum anderen durch blossen Zufall erfunden wurde.

John Harvey Kellogg, der Leiter des Sanatoriums, hat zuvor mit seinem Bruder Weizen aufgekocht und stehen lassen. Als sie an den Ort des Geschehens zurückkehrten, war der Weizen aufgequollen: Weil das Duo nur wenig Geld hatte, um ein neues, vegetarisches Lebensmittel zu kreieren, pressten und rösteten sie den aufgequollenen Weizen. Als sie ihn vor 120 Jahren erstmals verfüttern, etablieren sie Corn Flakes.

Reklame von 1906.
Reklame von 1906.Bild: Hulton Archive
Dr. John Harvey Kellogg ist verheiratet, hat aber bloss adoptierte Kinder. 
Dr. John Harvey Kellogg ist verheiratet, hat aber bloss adoptierte Kinder. Bild:Gemeinfrei, via WikiCommons

Dass das Essen, das Kellogg's 2013 einen Gewinn von 2,57 Milliarden Franken beschert hat, fade sein soll, liegt an der Religion seiner Erfinder: Die Brüder sind Mitglieder der Siebenten-Tags-Adventisten. Für diese protestantische Freikirche ist der Samstag (Sabbath) der wahre Sonntag, der menschliche Körper wird als «Haus Gottes» gesehen. Und im Haus Gottes sind Schweinereien natürlich nicht erlaubt. 

Will Kellogg.
Will Kellogg.Bild: gemeinfrei

Nach dem Glauben der protestantischen Freikirche sind Schweinefleisch, Pferd, Kaninchen und Schalentiere ebenso passé wie das Onanieren und Masturbieren. Rauschmittel wie Alkohol und Tabak sind ebenfalls verboten – und Menschen wie die Kelloggs sind davon überzeugt, dass scharfe Gewürze im Menschen bloss wilde Gefühle wecken.

Eine Postkarte des Sanatoriums aus der Zeit der Jahrhundertwende. Das Gebäude brannte bald darauf ab und wurde 1902 neu errichtet. 
Eine Postkarte des Sanatoriums aus der Zeit der Jahrhundertwende. Das Gebäude brannte bald darauf ab und wurde 1902 neu errichtet. Bild: Gemeinfrei

Ungewürzte vegetarische Nahrung ist für die Brüder deshalb auch der Schlüssel zu sexueller Enthaltsamkeit. Wenn die richtige Diät nichts nützt, empfiehlt Dr. Kellogg in seinem Buch «Plain Facts for Old and Young» auch härtere Methoden wie eine Beschneidung:

«Die Operation sollte ohne Betäubung durchgeführt werden, weil die kurze Qual eine gesunde Wirkung auf den Geist hat – insbesondere wenn sie  mit dem Gedanken der Bestrafung verbunden wird, was in einigen Fällen gut sein kann. Der Schmerz, der einige Wochen anhält, unterbindet die Praxis [des Onanierens], die womöglich vergessen und nicht fortgeführt wird.»
Erinnert ein wenig an die Nazi-Zeit: Ertüchtigung im Battle Creek Sanatoriuim. 
Erinnert ein wenig an die Nazi-Zeit: Ertüchtigung im Battle Creek Sanatoriuim. Bild: Gemeinfrei

Sollte ein Mann aber partout nicht von sich lassen können, hat der Doktor auch noch andere, noch radikalere Methoden parat:

«Man muss eine oder mehr silberne Wundklammern so anbringen, dass eine Erektion verhindert wird. Die Vorhaut wird über die Eichel gezogen [...]. Nachdem der Draht durchgezogen wurde, werden beide Enden ineinander verdreht und abgeschnitten. Nun kann keine Erektion mehr auftreten und die leichte Irritation, die verursacht wird, ist das mächtigste Mittel, die Stimmung zu überwinden, wieder auf die Praxis [des Onanierens] zurückzugreifen.»
Atemübungen im Sanatorium um die Jahrhundertwende.
Atemübungen im Sanatorium um die Jahrhundertwende.Bild: Gemeinfrei

Sollten Sie, liebe Leserinnen, sich nun genüsslich zurücklehnen, haben Sie sich zu früh gefreut. Masturbation steht natürlich auch auf der schwarzen Liste und wird auf unmenschliche Art verunmöglicht.

«Der Autor fand heraus, dass bei Frauen das Anwenden von reiner Carbolsäure (Phenol) auf der Klitoris ein exzellentes Mittel ist, die abnormale Erregung zu verringern.»

Wenn das alles nicht hilft und auch kühle Sitzbäder, Einläufe oder leichte Verbrennungen der «empfindlichen Teile des Sexualorgans» keine Wirkung zeigten, müsse man die Klitoris entfernen, empfiehlt Kellogg. Selbst Kinder müsste man die Hände bandagieren, um Selbstbefriedigung vorzubeugen. Als Alternative empfahl er auch patentierte Keuschheitsgürtel und Elektroschocks. 

«Weder die Pest, noch Krieg, noch Pocken oder andere Krankheiten haben für Resultate gesorgt, die für die Menschheit ähnlich zerstörerisch sind wie die schädliche Gewohnheit der Onanie.»
Im Sanatorium setzte Dr. Kellogg auch auf die neue Lichttherapie.
Im Sanatorium setzte Dr. Kellogg auch auf die neue Lichttherapie.Bild: gemeinfrei
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Reklame, circa 1910.
Reklame, circa 1910.Bild: Gemeinfrei

Ist Dr. John Harvey Kellogg also ein Monster? Die Antwort: Er weiss es einfach nicht besser. So glaubt der Amerikaner auch, die Darmflora lenke unsere Gesundheit. Flüssigkeiten müssen demnach von oben wie von unten in den Körper gebracht werden: Nach einem Wasser-Einlauf muss ein Patient beispielsweise einen halben Joghurt essen, wonach ihm die zweite Hälfte anal eingeführt wird. Nur so würden die Innereien richtig gereinigt.

Produktpalette 1929. 
Produktpalette 1929. Bild: gemeinfrei

Obwohl Kellogg heute nur noch für seine Flakes bekannt ist, entwickelte er auch ein Verfahren zur Herstellung von Erdnussbutter und einen Korn-Biscuit. Trotz der wenig attraktiven Kuren zählen später Stars wie der Literatur-Nobelpreisträger George Bernard Shaw, «Tarzan»-Darsteller Johnny Weissmuller, Erfinder Thomas Edison und der Industrielle Henry Ford zu seinen Patienten.

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Doch Seelenfrieden finden die Kelloggs nicht: Die Brüder entzweien sich 1897, weil Will den Cornflakes Zucker beimengen will. Die beiden streiten vor Gericht jahrelang darum, wer die Rechte an den Cornflakes hat. Später schreibt John Will einen Brief, der den Streit beenden soll, doch Will bekommt ihm erst nach dem Tod seines Bruders anno 1943. 

Der Grund: Johns Sekretärin weigert sich, ihn abzuschicken. Sie befindet, ihr Boss würde sich erniedrigen, falls der Adressat ihn bekommt.

Dieses Hitze-Bad meldete John Kellogg am 14. April 1896 zum Patent an.
Dieses Hitze-Bad meldete John Kellogg am 14. April 1896 zum Patent an.bild: wikicommons/Fuzheado
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