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Maestro Martino: Der erste Starkoch der Geschichte war ein Tessiner

Martino da Como stammte eigentlich aus Blenio und war der erste Starkoch der Geschichte. 
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Martino da Como stammte eigentlich aus Blenio und war der erste Starkoch der Geschichte.Illustration: Marco Heer

Der erste Starkoch der Geschichte war ein Tessiner

Maestro Martino zog aus einem Tessiner Bergdorf aus und wurde zum ersten Starkoch der Geschichte. Im 15. Jahrhundert eroberte er die Küchen der Mächtigen und Reichen und gehört zu den Mitbegründern der italienischen Küche!
03.12.2022, 19:36
Andrej Abplanalp / Schweizerisches Nationalmuseum

Es war einmal ein Junge, der konnte unglaublich gut kochen. In seinem Dorf in einem verlassenen Bergtal interessierte sich niemand dafür. Die Leute waren arm und hatten andere Sorgen. Deshalb beschloss der Junge, wegzugehen. Auf seiner Reise kam er in eine grosse Stadt und suchte sich dort Arbeit. Bald wurde der Herrscher des Orts auf ihn aufmerksam. Und so wurde der arme Junge zum persönlichen Koch des Stadtfürsten.

Etwa so würde die Geschichte von Maestro Martino als Märchen klingen. Nur, dass es kein Märchen ist, sondern eine wahre Geschichte ...

Grumo mit Ponto Valentino im Hintergrund.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grumo.jpg
Grumo im Bleniotal. Bild: Wikimedia
Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum
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Martino de Rubeis, so hiess der Tessiner Junge, wurde um 1410/20 in Weiler Grumo, im Tessiner Bleniotal geboren. Mit dem Kochen begann er im Hospiz des Oratoriums «Santa Maria del Monastero». Dort wurden Reisenden zwischen Norden und Süden eine Übernachtungsmöglichkeit und verschiedene Mahlzeiten angeboten. In diesem Hospiz entwickelte der Tessiner Junge seine Leidenschaft für Kochtöpfe und perfektionierte seine Gerichte, die nicht selten von Gästen – Pilger, Handelsreisende, Adlige – beeinflusst wurden.

Mitte des 15. Jahrhunderts zog Martino nach Mailand. In der Stadt waren die Chancen auf ein besseres Leben grösser als in einem verlassenen Bergtal. Viel grösser, wie sich bald herausstellen sollte. Der Tessiner fand Arbeit in der Hofküche der Herzogsfamilie Sforza, welche über Mailand herrschte. Die Sforzas fanden schnell Gefallen an Martinos Gerichten und machten ihn zu ihrem Chefkoch. Doch die Talente des Tessiner Gastronomen blieben auch anderen nicht verborgen. Besonders angetan war Kardinal Ludovico Trevisan. Der päpstliche Berater gehörte zu den mächtigsten Männern des Vatikans und nahm Martino mit nach Rom.

Kardinal Ludovico Trevisan porträtiert von Andrea Mategna, um 1459.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Andrea_Mantegna_-_Cardinal_Lodovico_Trevisano_-_Google_Art_Project.jpg
Kardinal Ludovico Trevisan porträtiert von Andrea Mategna, um 1459.Bild: Wikimedia

Nicht nur Trevisan, sondern auch die Päpste Paul II. und Sixtus IV. kamen in den Genuss von Maestro Martinos kulinarischen Künsten. Die Dienste für den Heiligen Stuhl waren nicht offiziell, hatten aber weitreichende Auswirkungen. Auf den Gängen des Vatikans begegnete der Tessiner Koch einem Mann namens Bartholomeus Sacchi, genannt Platinà. Dieser Sacchi war der päpstlichen Bibliothekar und ein vielseitig interessierter Gelehrter. Platinà war von Martino und seinen Rezepten begeistert und nahm rund 240 von ihnen in sein Werk «De honesta voluptate et valetudine» auf. Das erste gedruckte Kochbuch der Welt erschien 1468 und machte Maestro Martino in ganz Europa bekannt.

Mit seinem eigenen Kochbuch «Libro de arte coquinaria», das im selben Zeitraum entstand, wäre er vielleicht ebenfalls bekannt geworden. Allerdings nicht in diesem Ausmass, denn sein Werk war nicht in Latein, sondern in der «vulgären» Umgangssprache abgefasst. Platinà und Martino ergänzten sich also perfekt. Der eine ein theoretisch veranlagter Gelehrter, der andere ein praktisch denkender und handelnder Spitzenkoch.

Platinà kniend vor Papst Sixtus IV. Das Gemälde wurde von Melozzo da Forlì um 1477 erschaffen.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Melozzo_da_Forl%C3%AC_001.jpg
Platinà kniend vor Papst Sixtus IV. Das Gemälde wurde von Melozzo da Forlì um 1477 erschaffen.Bild: Wikimedia
Blick in das erste Kochbuch der Welt: «De honesta voluptate et valetudine».
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/CA6GJTTOWYOVHI7DKBEI3N3XAWHAAAEJ
Blick in das erste Kochbuch der Welt: «De honesta voluptate et valetudine».Bild: Deutsche Digitale Bibliothek

Nach vielen Jahren in den Küchen Roms, kehrte Martino im Herbst seines Lebens nach Mailand zurück. Seine letzte Anstellung hatte er bei Gian Giacomo Trivulzio, einem mächtigen italienischen Heeresführer. Über den Tod von Martino ist nicht sehr viel bekannt. Wann genau er starb und ob er noch ins Bleniotal zurückkehrte, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Sicher hingegen ist, dass Maestro Martino nicht aus Como stammt, wie teilweise bis heute behauptet wird. Dieser Irrtum stammt wohl aus der Feder seines Freundes Platinà. Der hatte ihn als «Comense», als Person aus Como, bezeichnet. Vielleicht, um seine Leserschaft, die das Bleniotal kaum gekannt hatte, nicht zu überfordern. Vielleicht auch, weil er selbst Grumo und Como verwechselt hatte. Einmal in die Welt gesetzt, liess sich dieses «Märchen» fast nicht mehr aus der Welt schaffen.

Trotzdem: Der erste europäische Spitzenkoch stammt aus dem Tessin. Aus Grumo im Bleniotal!

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Der erste Starkoch der Geschichte» erschien am 28. November.
blog.nationalmuseum.ch/2022/11/maestro-martino-der-erste-starkoch-der-geschichte

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14 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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BerriVonHut
03.12.2022 20:30registriert Januar 2016
Die Rezepte aus dem Kochbuch würden mich jetzt aber noch interessieren...😄
532
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Zum Kommentar
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Mandalayon
03.12.2022 23:22registriert Februar 2018
Das klingt ganz nach einer Aufgabe für Baroni:
Buch suchen, Rezepte nachkochen.
322
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Regisseur Marc Forster: «Ich würde gerne einmal etwas in der Schweiz drehen»
Der Regisseur erzählt im Gespräch, warum er in seinem neuen Film ausgerechnet den netten Tom Hanks als Grantler besetzt hat. Und er sagt, was es bräuchte, um einen Blockbuster wie «The Lord of the Rings» in den Schweizer Bergen zu drehen.

Sie sind in Deutschland geboren, als Kind in die Schweiz gezogen, dort im Internat gewesen und mit Anfang 20 in die USA ausgewandert. Was bedeutet Heimat für Sie? Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Marc Forster: Meine ursprüngliche Heimat war Davos. Dort bin ich zur Grundschule gegangen, dort habe ich mich in die Berge und die Natur verliebt, dort aufzuwachsen, war ein Traum. Nach der Matura bin ich in die USA ausgewandert, war zuerst in New York, dann in Los Angeles. Ich habe Kalifornien wahnsinnig gerne, aber ich würde nicht sagen, dass das meine Heimat ist. Während ich Filme drehe, bin ich schliesslich meist woanders auf der Welt und nur zwei, drei Monate hier. Insofern sehe ich in meinem Herzen immer noch die Schweiz als Heimat an.​

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