«Wir verhandeln nicht, wir verkaufen nicht, wir gehen nicht!»
Genug ist genug! Am Abend des 19. Februars 1946 stürmt ein Trupp aufgebrachter Burschen und Männer in die Gaststube des Hotels «Sonne» in Andermatt und packt Karl J. Fetz. Der Ingenieur plant als «Beauftragter für Landangelegenheiten» im Auftrag der Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW) die Umsiedlung des Urserentals im Kanton Uri. Mit roher Gewalt drängen sie ihn auf die Strasse, wo rund 250 Andermatter johlend und grölend Spalier stehen. Mit Faustschlägen und Fusstritten treiben sie Fetz zum Dorf hinaus.
Als ihm auch bei der Kaserne Andermatt niemand zu Hilfe kommt, «schien die Menge neuen Mut zu fassen und völlig ausser Rand und Band zu geraten», schrieb die NZZ später unter dem Titel «Die ‹schlagenden Beweise› der Urschner». Mit «Erschlagen» und «Erwürgen» wurde gedroht oder damit, den «Sendboten des Grosskraftwerkes» über die Teufelsbrücke in die Reuss zu werfen.
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Verfolgt vom aufgebrachten Mob, eilt Fetz auf der Trasse der Schöllenenbahn hinunter nach Göschenen, wo ein Kantonspolizist ihn aufnimmt und ein Arzt ihn versorgt. «Subjektive Beschwerden und Schmerzen in den Oberschenkeln, im Gesäss und Kopfbeschwerden, Blutungen an der linken Lunge», diagnostiziert dieser später. Derweil richtet sich die Wut des Mobs gegen den Architekten Fred Ramseyer, der im Auftrag des Konsortiums für das Grosskraftwerk Urseren die Pläne für Neu-Andermatt zeichnet. Die Menge verwüstet sein Büro. Auch ein Baumeister wird bedroht, bis er Liegenschaftspläne und Schatzungen herausrückt. Erst als die Soldaten in der Kaserne Andermatt auf Pikett gestellt werden, endet der Aufruhr.
Ein Stausee im Herzen der Schweiz
In der «Krawallnacht von Andermatt» entlud sich der lang aufgestaute Volkszorn. Seit den 1920er-Jahren gab es Pläne, das Urserental am Gotthard für die Stromgewinnung zu fluten. Treibende Kraft war Fritz Ringwald, langjähriger CKW-Direktor und Ingenieur, der den technischen Fortschritt um jeden Preis vorantrieben will. Elektrifizierung war das Gebot der Stunde. Mit dem Bundesgesetz über die Nutzbarmachung der Wasserkräfte von 1916 war der Plan für den Vollausbau oben auf die politischen Agenda gesetzt worden. Bis Mitte 1940er-Jahre entstanden etwa 20 Speicherkraftwerke, darunter die erste Bogenstaumauer Europas bei Montsalvens, die mit 110 Metern weltweit höchste Gewichtsstaumauer im Wägital und der Sihlsee, der flächenmässig grösste Stausee der Schweiz. Die technischen Möglichkeiten schienen unbegrenzt.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Ausbau noch dringender. Das Urserental im Wasserschloss der Schweiz am Gotthard war in den Augen der Stromwirtschaft ideal für ein Megakraftwerk. Es gab Vorprojekte für eine Mauer beim Urner Loch von 117 Metern Höhe, dann von 180 Metern Höhe. 1943 Jahre planten die CKW mit den SBB, der Schweizerischen Kreditanstalt und der späteren Elektrowatt das Kraftwerk Urseren, das grösste jemals geplante Stauseeprojekt der Schweiz.
Am Schöllenentor sollte eine 208 Meter hohe und 550 Meter lange Mauer errichten werden, die einen See mit mehr als elf Kilometern Länge mit einem Volumen von rund 421 Millionen Kubikmetern aufstaut, mehr als heute bei der Grande Dixence. Dafür sollten rund 2000 Personen umgesiedelt werden, dazu Tausende Kühe, Schafe und Ziegen. 254 Bauernhöfe, Gewerbebetriebe und Hotels sowie 6,63 Quadratkilometer Kulturland würden untergehen. Die Gotthardstrasse, die Furkastrasse und der Anschluss der Bahn über den Oberalppass müssten verlegt werden. Sogar der nördliche Teil des Gotthard-Eisenbahntunnels würde in einer Schleife neu gebaut, um der Druckzone unter dem See auszuweichen.
Verteidigung der Heimat gegen die Kapitalisten
Das Kraftwerkkonsortium um CKW-Direktor Ringwald sprach von einem Werk von «nationaler Bedeutung» und von der «vaterländischen Pflicht» der Bewohnerinnen und Bewohner, im Interesse der Allgemeinheit Opfer zu bringen. Die Promotoren machten der Bevölkerung vollmundige Versprechen. Neu-Andermatt und Neu-Hospental würden weiter oben gebaut, der See wäre ein Tourismusmagnet. Gleichzeitig schickten sie Agenten aus, die den Bauern und Hoteliers insgeheim Land abkaufen und so die Gemeinde spalten sollten. Und sie machten Druck, dass die Konzessionsbefugnis von der Gemeinde und dem Kanton an den Bund übergehe.
Doch die Ursener leisten einmütig Widerstand – Bauern, Gewerbler, Behörden, Politiker, sogar der Pfarrer. 1941 geben sie an einer ausserordentlichen Talgemeinde die Losung heraus: «Wir verhandeln nicht, wir verkaufen nicht, wir gehen nicht!» Die Korporation Urseren ruft dazu auf, «unsere Heimat zu retten» vor der kapitalistischen Habgier der «Herren von Elektrotrust». Von «Wühlarbeit» der Strombarone ist die Rede. Verräter werden gewarnt, die heilige Mutter Maria wird um Beistand angefleht. Die Ursener Bevölkerung verteidigt geeint ihre Heimat.
Die rabiate Vertreibung des Ingenieurs Fetz im Februar 1946 ist der Wendepunkt. Eine Weile hält das Konsortium noch am Plan fest und reicht tatsächlich ein Konzessionsgesuch ein. Doch die Urner Regierung findet klare Worte: «Als Eidgenossen und Urner lehnen wir jegliche Vergewaltigung eines andern Volksteiles ab. (...) Es kann für uns daher auf jeden Fall und unter keinen Umständen ein Ja zum vorliegenden Konzessionsgesuch geben, solange dieses Nein der Ursener besteht.» 1951 zieht das Konsortium das Gesuch zurück und sattelt um auf das wesentlich kleinere Projekt Göscheneralp, in einem Hochtal mit weit weniger Siedlungen und Menschen und geringerer Nutzung.
Rheinwald endete im Bundesrat
Fast zeitgleich zum «Krawall von Andermatt» wurde auch das zweite Megaprojekt versenkt: Rheinwald in Graubünden. Das Konsortium Kraftwerke Hinterrhein sah bei Splügen eine 700 Meter lange und 115 Meter hohe Mauer vor, die einen neun Kilometer langen See mit einem Volumen von 280 Millionen Kubikmetern aufstauen würde. Splügen, Teile von Medels und Nufenen sowie fünf Quadratkilometer Kulturland sollten geopfert werden. Bis zu 400 Bewohnerinnen und Bewohner müssten gehen. Die Passtrassen zum Splügen und zum San Bernardino sollten teilweise verlegt werden.
1930 legte das Konsortium das Konzessionsgesuch vor. Die drei Gemeinden lehnten es umgehend ab. Damit begann ein gut 15 Jahre langes juristisches Seilziehen. Unter anderem bat das Konsortium 1939 den Bundesrat, zur Sicherung der Landesinteressen ausserordentliche Kriegsvollmachten anzuwenden und über die Gemeinden hinweg den Bau zu ermöglichen. Der Bundesrat verwies jedoch auf den ordentlichen Weg, da ein Bau während des Krieges wegen Materialmangels sowieso unmöglich wäre. Anders als in anderen Kantonen lag in Graubünden die Wasserhoheit ganz auf Gemeindeebene.
Nach einer erneut einstimmigen Ablehnung der Gemeinden gelangte das Konsortium an den Kanton. Da die Gemeinden ihre «Partikularinteressen» über das öffentliche Interesse stellten, solle der Kanton als Aufsichtsbehörde die Gemeinden zur Konzessionserteilung zwingen. Als der Kanton dies ablehnte, rekurrierte das Konsortium an den Bundesrat, wiederum mit dem Argument, das Opfer dürfe den Gemeinden zugemutet werden, da sonst «ein eigentlicher Notstand für die schweizerische Industrie, das Gewerbe, aber auch für die einzelne Haushaltung» entstehen würde. 1945 sagten die Rheinwalder erneut einstimmig nein. Am 29. November 1946 schliesslich wies der Bundesrat angesichts der klaren Rechtslage aufgrund der kommunalen Wasserhoheit die Beschwerde des Konsortiums ab. Das war der Todesstoss.
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Die beiden vor 80 Jahren gescheiterten Grossprojekte Urseren und Rheinwald gingen als Lehrstücke in die Geschichte ein. Den Promotoren der Technik wurden innerhalb weniger Monate ihre Grenzen aufgezeigt. Gegen den geschlossenen Widerstand von Bevölkerung, Gemeinden und Kantonsregierungen können in der direkten Demokratie solche Mammutvorhaben nicht durchgedrückt werden. Allerdings handelte es sich bei beiden Tälern um landwirtschaftlich intensiv genutzte, touristisch hochfrequentierte und verkehrsmässig wichtige Regionen, so dass sofort breiter Widerstand entstand. Anders jedoch beim Wägitalersee, beim Lago di Vogorno, beim Lai da Marmorea, beim Göscheneralpsee, dem Zervreilasee und dem Lac d’Emosson. Dort ging es um wenige Häuser und Menschen und wenig produktive Flächen. Beim Sihlsee, dem flächenmässig grössten Stausee der Schweiz, stimmte die Bevölkerung grossmehrheitlich der Flutung zu.
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