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Genf. Das schöne Genf.

2766 Genfer liessen sich für die Studie Blut abnehmen. Bild: shutterstock.com

Genfer Corona-Tests zeigen: Nur jede 11. Infektion wurde entdeckt

Die neue Genfer Studie über Corona-Antikörper im Blut der Bevölkerung zeigt, dass sich Senioren und Kinder seltener infizierten. Und: Die meisten wissen nicht, dass sie das Virus hatten.

Sabine Kuster / CH Media



Während fünf Wochen wurden am Genfer Unispital (HUG) Blutproben abgezapft: 2766 Genfer hielten den Arm hin, damit es zur Coronapandemie mehr Klarheit gibt. Aus Vermutungen wurden nun Zahlen für eine Studie. Und diese zeigen: Vom 6. April zum 9. Mai stieg die Durchseuchungsrate von rund fünf auf elf Prozent in der Genfer Bevölkerung.

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grafik: Lea Siegwart / ch media

Genau betrachtet gab es in der 4. Woche zwar einen «Absacker», als die Rate von 10,9% auf 6,6% fiel und dann wieder auf 10,8% stieg. Die Studienleiterin und Epidemiologin am HUG, Silvia Stringhini, sagt aber: «Eine solche Schwankung war zu erwarten.»

Dies, weil immer wieder neue Leute getestet wurden. Und sie spiele auch keine Rolle: «Wir sehen, dass die sogenannte Seroprävalenz bei ungefähr zehn Prozent liegt und nicht bei null, nicht bei fünf und auch nicht bei 20.»

Die Zahl könnte ebenfalls für den Kanton Tessin repräsentativ sein, in der Deutschschweiz liegt die Infektionsrate sicher tiefer. Eine Studie aus dem Kanton Waadt zeigte diese Woche eine Seroprävalenz von sieben Prozent – bei sieben Prozent der Bevölkerung wurden Antikörper gegen SARS-CoV-2 gefunden.

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Einerseits bedeutet das zwar, dass erst ein kleiner Teil der Bevölkerung zumindest vorübergehend immun ist gegen die Krankheit. Selbst in der stark betroffenen Stadt Stockholm in Schweden, das keinen Lockdown hatte, wird die Rate momentan auf nicht mehr als 20 Prozent geschätzt.

Bis zehn Mal mehr tatsächliche Infektionen

Andererseits bleibt demnach ein grosser Anteil der Infektionen unbemerkt oder zumindest ungetestet. In der Waadt gab es also vier Mal mehr Infektionen, als positiv getestete Fälle bekannt waren – und zehn Mal mehr, als in Genf bekannt waren (siehe Grafik).

Lea Siegwart / ch media

Das dürfte sich mittlerweile etwas geändert haben, da viel mehr getestet wird, jedoch haben wohl viele Infizierte schlicht keine Symptome und gehen auch jetzt nicht in ein Testcenter.

Die Senioren waren seltener infiziert: Verglichen mit der Gruppe der 20- bis 50-Jährigen hatten die über 65-Jährigen nur halb so oft Antikörper. Die Genfer Studienautoren führen dies darauf zurück, dass sich die Senioren besser geschützt und distanziert hätten.

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Bild: Lea Siegwart / ch media

Bei den Kindern war die Infektionshäufigkeit sogar drei Mal kleiner. Allerdings waren die Fallzahlen für die Analyse sehr klein: Es wurden 123 Kinder zwischen fünf und neun Jahren getestet – ein Kind war infiziert.

Aussagekräftiger ist das Ergebnis, dass von diesen Kindern ohne Antikörper trotzdem 21 ein infiziertes Familienmitglied hatten. Die Senioren waren viel weniger oft im gleichen Haushalt mit Infizierten – obwohl es unter ihnen etwas mehr Ansteckungen gab als bei den Kindern.

Die Autoren verweisen darauf, dass noch mehr Forschung nötig sei, aber sie folgern, dass die tiefe Infektionsrate bei Kindern tatsächlich zeigen könnte, dass sie weniger empfänglich für die Coronavirus-Infektion sind.

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Bild: Lea Siegwart / ch media

Mortalität liegt demnach zwischen 0,5 und 0,7 Prozent

Zur Tödlichkeit von SARS-CoV-2 machen die Autoren keine Aussagen. Doch da nun in Genf und der Waadt die tatsächliche Zahl der Ansteckungen abgeschätzt werden kann, ist dies auch für die Mortalität möglich.

Im Kanton Genf mit 500'000 Einwohnern, 266 Todesfällen und demnach rund 54'000 Infizierten ergibt dies eine Mortalität von 0,5 Prozent (pro 200 Infizierte stirbt eine Person). Im Kanton Waadt ergibt sich eine Mortalität von 0,7 Prozent.

Mortalitäten variieren und hängen auch von der Gesundheitsversorgung und dem Gesundheitszustand der Bevölkerung ab. Die Mortalität einer Grippe-Epidemie wird in der Schweiz auf durchschnittlich 0,1 geschätzt, was das neue Coronavirus um fünf bis sieben Mal gefährlicher machen würde.

Die Autoren bilanzieren, man könne nicht darauf zählen, dass eine steigende Anzahl immuner Personen eine grosse Rolle spielen würde in der Verbreitung der Epidemie.

Silvia Stringhini findet, noch wichtiger sei nun die kommende zweite Phase der Studie: Die 2766 getesteten Personen werden später erneut eingeladen, um zu prüfen, ob sie immer noch Antikörper im Blut haben – und ob sie allenfalls trotz einer ersten Infektion erneut am Virus erkrankt sind.

Diese Daten werden von April bis Oktober in sechs Grossregionen der Schweiz und mit über 25000 Teilnehmern erhoben unter der Leitung des nationalen Forschungsprogramms Corona-Immunitas der Swiss School of Public Health (SSPH+).

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33
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33Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • ldk 12.06.2020 18:08
    Highlight Highlight Ah was..
  • Joe Smith 12.06.2020 17:32
    Highlight Highlight «Seltener als Erwachsene wurden Senioren infiziert.» Lea Siegwart spricht aus, was ich schon lange vermutet habe: «Senioren» werden nicht für voll genommen.
  • MeinAluhutBrennt 12.06.2020 17:17
    Highlight Highlight es wüsste Niemamd dass es dieses Virus gibt, würde man nicht so eine geplante Hysterie veranstalten.
    • Dani B. 12.06.2020 23:30
      Highlight Highlight Habe keine Hysterie erlebt. Wirklich nicht. Nur Disziplin. Ich danke im Namen der Alten und Vorerkrankten. Lasst uns noch etwas "durchhalten"! Merci!
  • Menel 12.06.2020 16:45
    Highlight Highlight Mortalität oder Letalität?
    • Dani B. 14.06.2020 12:32
      Highlight Highlight Mortalität
    • Menel 14.06.2020 13:05
      Highlight Highlight Danke. Mich würde die Letalität wesentlich mehr interessieren.
  • Stinkstiefel 12.06.2020 16:31
    Highlight Highlight 0.47%
    Mit Median oberhalb der aktuellen Lebenserwartung.
    Na hoppla...

    Da könnten sich ja 70% der Schweizer Bevölkerung mit dem Coronavirus infizieren und wir würden Althaus' 30'000 Horrorszenario immer noch verfehlen.

    Und Hendrick Streeck bekam im April für seine Heinsberg-Studie mit Zahlen im ähnlichen Grössenbereich von Drosten und den Medien noch auf die Mütze.
    • Dr. Unwichtig 12.06.2020 16:59
      Highlight Highlight Hendrick Streeck hat auch vor kurzem erwähnt, dass es zu Beginn der Krise einen Konsens unter Virologen gab, dass Covid-19 weder bagatellisiert, noch dramatisiert werden darf. Die Bilder aus Norditalien und später New York haben diesen Anspruch zu Gunsten eines "Worst-Case-Szenarios" verschoben. Unter gütiger Mithilfe der Medien wurde das Bedrohungsszenario so lange aufgebaut, bis ein Lockdown alternativlos erschien. Die Hinweise mehren sich, dass bei grösserer Besonnenheit und Berücksichtigung verschiedener Optionen und Erkenntnissen ein anderes Ergebnis zumindest möglich gewesen wäre...
    • iudex 12.06.2020 17:45
      Highlight Highlight Streeck - so habe ich hier gelernt - ist ein Experte für HIV-Viren. Diese haben aber nichts mit Viren oder übertragbaren Krankheiten am Hut.
    • Uranos 12.06.2020 19:15
      Highlight Highlight Komisch, ich komme mit 70% der Schweizer Bevölkerung von 8.5 Mio. und einer Letalität von 0.5% auf ziemlich genau 30'000 Tote.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Posersalami 12.06.2020 16:31
    Highlight Highlight Was ist so schwer daran, 10-20 000 Menschen in der Schweiz zu testen (oder auch mehr, je nachdem) um endlich Gewissheit zu haben wie viele Menschen Kontakt mit dem Virus hatten?

    China hat 10mio Menschen in Wuhan in 2 Wochen getestet!
    • Coffeetime ☕ 12.06.2020 23:36
      Highlight Highlight 10 Millionen Tests und 300 asymptomischen Fälle wurden damit entdeckt. Das stimmt. Aber ist es den Testaufwand wert? Ich kann es nicht beurteilen. Eins sollte man aber im Auge behalten: das Ziel war nie, den Virus auszurotten. Das geht nicht, ausser es bleiben alle, weltweit, für ganz lange nur in den eigenen Wänden...
  • Dr. Unwichtig 12.06.2020 16:23
    Highlight Highlight Hinweis: Die "Grippetoten" pro Saison werden wie folgt berechnet: Übersterblichkeit ab dem Zeitpunkt, an dem der epidemische Schwellenwert (i. d. R. 68 Konsultationen pro 100.000 Einwohner) überschritten ist bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Wert wieder unterschritten wird. Von den ausgewiesenen Todesfällen weisen normalerweise deutlich weniger als 10% einen positiven Test auf Influenzaviren auf (einfach, weil nicht getestet wird).

    Die gleiche Logik bei Covid-19 angewendet, würde zu einer Anzahl Todesfällen führen, die nicht einmal halb so hoch ist, wie die aktuell kommunizierten.
    • Waseli 13.06.2020 01:54
      Highlight Highlight Und was ist deine Aussage damit?
      Dass mehr Leute als angenommen an Influenza sterben?

  • Blaugrana 12.06.2020 16:21
    Highlight Highlight Was ja vorhersehbar war, weil man in allen Statistiken, Analysen, Studien, etc., immer nur von identifizierten Fällen ausgegangen ist, obwohl man für eine akkurate Aussage - wie im Artikel beschrieben - die Gesamtzahl der Infizierten hätte schätzen müssen. So wurde die Letalität der Krankheit um Faktor 20 überschätzt. Aufgrund dieser Schätzung, lauthals auf allen Kanälen in Dauerschleife von Experten, Medien, Kommentarschreibern und anderen Wichtigtuern rausgeplärrt, wurde in den letzten 6 Monaten die ganze Welt in eine nie dagewesene Krise gestürzt.
    Momoll, super. Danke sehr, gut gemacht.
  • Porsche 12.06.2020 16:12
    Highlight Highlight Und wenn man jetzt noch die Blutgruppe 0+ einberechnet, die ja scheinbar ziemliche immun per design ist, hätten wir ja bereits eine quasi Durchseuchung von 40%. Somit auf dem besten Weg auf die 60%.
  • DrMedFacharztFürStatistischeKrankheiten 12.06.2020 14:34
    Highlight Highlight Letalität = 0.47 = 260/55000x100

    Mortalität = 260÷500.000×100 = 0.052

    • DrMedFacharztFürStatistischeKrankheiten 12.06.2020 19:37
      Highlight Highlight Und 0.47 % Letalität ist ohne die Todesfälle MIT Covid abzuziehen. Falsch Positive aufgrund der 97.5% Spezifität bzw 2.5% False Negative Rate sind da auch miteinzuberechnen. Schauen wir auf die Studien die dies miteinbeziehen kommen wir auf 0.1% Letalität zB die Franzosenstudie
    • DrMedFacharztFürStatistischeKrankheiten 13.06.2020 00:48
      Highlight Highlight Bei der derzeitigen Prävalenz, selbst bei 99% Spezifität ist der Positive Predicitve Value grottenschlecht

      Ist zwar noch im peer review, aber es handelt sich dabei um offizielle Daten und statistische Grundlagen, von dem her:
      https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.26.20080911v2
    • Waseli 13.06.2020 11:47
      Highlight Highlight Bleibt die Frage ob bei den Totesfällen mit Coronavirus die Patienten ohne Virus überlebt hätten....
      Und wenn du schon Studie erwähnst wäre ich froh wenn du wenigstens eine verlinkst oder die Quelle angibst
  • Dave1974 12.06.2020 14:32
    Highlight Highlight Ein kleines Detail, welches aber immer wieder falsch verwendet oder einfach hingenommen wird: wenn man infiziert ist, ist man noch nicht erkrankt!

    Aber da mixen die Medien überall ein wenig oder vielleicht weiss man es einfach nicht besser.
    Oder klingt es einfach dramatischer?
    • Dr. Unwichtig 12.06.2020 14:48
      Highlight Highlight Um das zu verdeutlichen: Würde auf Antikörper betreffend Masern getestet, wäre auf Grund der verbreiteten Impfungen praktisch jeder Test positiv, obwohl kaum eine getestete Person an Masern erkrankt ist.

      Es gilt noch einen anderen Aspekt zu berücksichtigen: Wenn ein so grosser Teil der Infektionen asymptomatisch verläuft, weist dies auf eine vorhandene Hintergrundimmunität hin - z. B. erworben durch die Infektion mit anderen, verbreiteten Corona-Viren. Renommierte Virologen - deren Voten in der Lockdown-Hysterie leider wenig Beachtung fanden - wiesen von Anfang an auf diesen Umstand hin.

    • Fairness 12.06.2020 14:55
      Highlight Highlight Darum sollte aus Anstand eine Maske getragen werden, wo Abstand halten nicht möglich ist.
    • Garp 12.06.2020 15:15
      Highlight Highlight Infiziert heisst vermutlich in einer bestimmten Phase ansteckend. Ich mag es jedem gönnen, der nichts merkt, wenn er das Virus in sich trägt, solange er Umsicht walten lässt und Distanz wahrt und die Hygiene einhält.
      Antikörper heisst der Körper hat sich gewehrt und das Virus sehr wohl bemerkt. Wer mit welchem Verlauf besonders ansteckend ist, in welcher Phase genau, da ist noch einiges offen.
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