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Costa Ricas staatlicher Energieversorger (ICE) setzt auch auf Windenergie. Bild: Getty Images South America

Costa Ricas grüne Revolution

Publiziert: 16.09.16, 20:11 Aktualisiert: 17.09.16, 08:40

Costa Rica deckt den Grossteil seines Strombedarfs mit erneuerbarer Energie. Ein neues Wasserkraftwerk kann fast die Hälfte der Haushalte versorgen. Bis 2021 will das mittelamerikanische Land bei der Energieerzeugung ganz ohne fossile Brennstoffe auskommen.

«Das ist das grösste und leistungsstärkste Wasserkraftwerk Mittelamerikas.»

Carlos Obregón

Wenn die Turbinen des Wasserkraftwerks Reventazón anlaufen, geht in halb Costa Rica das Licht an. Mit einer Kapazität von 305,5 Megawatt kann der Staudamm über eine halbe Million Haushalte mit Strom versorgen. «Das ist das grösste und leistungsstärkste Wasserkraftwerk Mittelamerikas», sagt der Geschäftsführer des staatlichen Energieversorgers ICE, Carlos Obregón.

Nach dem Ausbau des Panamakanals ist Reventazón das grösste Infrastrukturprojekt der vergangenen Jahre in der Region. Der Stausee in der Provinz Limón im Osten des Landes misst 700 Hektar, die Staumauer ist einen halben Kilometer lang und ragt 130 Meter in die Höhe. 1,34 Milliarden US-Dollar hat das Grossprojekt gekostet.

Das Wasserkraftwerk ist ein weiterer Baustein der grünen Revolution in Costa Rica. Innerhalb von fünf Jahren will sich das Land unabhängig von fossilen Energien machen. Bereits jetzt deckt Costa Rica den Grossteil seines Bedarfs mit erneuerbaren Energien.

Das Wasserkraftwerk ist ein weiterer Baustein der grünen Revolution in Costa Rica. Innerhalb von fünf Jahren will sich das Land unabhängig von fossilen Energien machen. Bild: Getty Images South America

Wenig Widerstand

In diesem Jahr hat das Land bereits 161 Tage ausschliesslich regenerative Energie genutzt, davon zuletzt 87 Tage am Stück. «Diese Zahlen werden durch Reventazón noch mal weiter in die Höhe getrieben», sagt ICE-Chef Obregón.

Anders als in Nachbarländern wie beispielsweise in Honduras, wo Indigene und Bauern immer wieder heftig gegen Wasserkraftprojekte protestieren, gab es gegen das Mega-Projekt in Costa Rica kaum Widerstand. Ein Beraterteam der Interamerikanischen Entwicklungsbank bescheinigte der ICE, die Auswirkungen auf Umwelt und Sozialwesen möglichst gering zu halten.

«Es geht auch ohne fossile Brennstoffe, daher kommt der Enthusiasmus.» Bild: Getty Images South America

Wissenschaftler warnen allerdings vor Erdrutschen und der Zerstörung des natürlichen Ökosystems. Der Staudamm zerschneide den natürlichen Korridor zwischen zwei Schutzgebieten, schreiben die Professoren Jorge Lobo und Mauricio Álvarez von der Universität von Costa Rica.

In den Strassen der Hauptstadt San José brannte schon 1884 elektrisches Licht – als dritte Stadt nach den Weltmetropolen New York und Paris. Man versteht sich als Trendsetter. Jetzt will Costa Rica als erstes Land der Welt ganz ohne fossile Brennstoffe auskommen.

Während der Vulkan Arenal ruht, strebt Costa Rica das Ziel an, das erste Land der Welt zu werden, das ohne fossile Brennstoffe auskommen kann.   Bild: Getty Images South America

Stark vom Klima abhängig

Kritiker mahnen allerdings einen ausgewogeneren Energiemix an. Derzeit stammen 80 Prozent der Energie aus der Wasserkraft, 13 Prozent aus der Geothermie und sieben Prozent aus der Windkraft. Die Wasserkraft ist jedoch stark vom Klima abhängig. Regnet es wenig, sinken die Wasserstände in den Stauseen, die Energieausbeute fällt.

«Unsere Flüsse sind am Limit und wegen des Klimawandels gibt es hier kaum noch neue Möglichkeiten», sagen die Professoren Lobo und Álvarez. «Die Entwicklung alternativer Energiequellen wie Windkraft und Solarenergie sollte die Energiepolitik dieses Landes in den kommenden Jahren bestimmen.»

Als Vorbild für grosse Industrienationen kann Costa Rica ohnehin nicht dienen. In dem kleinen Land gibt es kaum energieintensive Schwerindustrie, die Wirtschaft wird von Tourismus und Landwirtschaft geprägt.

Angesichts der hehren Klimaziele der Weltgemeinschaft zeigt Costa Rica aber immerhin, was möglich ist. «Für alle, die weltweit für den Klimaschutz arbeiten, ist das Beispiel Costa Rica ermutigend», sagt Mónica Araya vom Forschungsinstitut «Costa Rica Limpia». «Es geht auch ohne fossile Brennstoffe, daher kommt der Enthusiasmus.» (hot/sda/dpa)

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  • Alpha3 17.09.2016 00:13
    Highlight Finde ich super, denkt aber bitte daran, Stromverbrauch nicht mit Energieverbrauch gleichzusetzen. Da gibt es noch die Mobilität, das Baugewerbe, die Industrie usw. die auch sehr viel Energie benötigen und ziemlich sicher noch nicht auf Strom umgestellt sind.
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  • Toerpe Zwerg 16.09.2016 23:32
    Highlight Punkto Wasserkraft ist die Schweiz da nicht weit weg und ohne die grotesken Fehlanreize aus Deutschland müsste man das auch nicht subventionieren.
    15 7 Melden
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  • Luca Brasi 16.09.2016 21:22
    Highlight Costa Rica, ein wunderbarer Flecken auf dem Erdball. Freut mich für sie, wenn sie es schaffen. Clevere Leute, die in Bildung und Forschung investieren, dafür in anderen Bereichen sparen.
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  • Stachanowist 16.09.2016 20:51
    Highlight Der entscheidende Punkt kommt im letzten Absatz: 80% Wasserkraft ist sehr heikel. In regenreichen Jahren kann das super funktionieren. Wenn der Regen aber über längere Zeit ausbleibt, muss das Land fossile Brennstoffe en masse verbrennen, um so Strom zu erzeugen.

    Diese Abhängigkeit vom Regen kann kein Land aushalten, das auf eine konstante, zuverlässige Stromversorgung mit hohen Kapazitäten angewiesen sind. Auch die Schweizer Stauseen werden ja oft mit deutschem Kohlestrom vollgepumpt, damit man sie zu den Peakzeiten belasten (und den Strom teurer verkaufen) kann.

    Und trotzdem: Good News!
    18 5 Melden
    • Yes. 16.09.2016 22:37
      Highlight Immerhin findet das fossile Brennstoffe en masse verbrennen im Notfall statt und nicht im Normalfall wie sonst überall.
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    • Stachanowist 17.09.2016 00:33
      Highlight Darum steht da auch "Trotzdem good news" ;)

      Ein ausgeglichenes, langfristig funktionierendes, erneuerbares Energiesystem sollte aber nicht dem Vorbild CR folgen.
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