Schweiz

Dieser Gegenstand wurde nach den Anthrax-Anschlägen im Jahr 2001 von einer Wissenschaftlerin untersucht, weil er möglicherweise von den Milzbrandsporen kontaminiert wurde.  Bild: AP

Tickende Zeitbombe im Labor: Schweizer Forscher warnen vor Bioterror

Gewisse Entdeckungen aus der biologischen Forschung könnten Mensch und Umwelt gefährden, wenn sie mit schädigender Absicht genutzt werden. Nun publiziert die Akademie für Naturwissenschaften eine Broschüre mit Ratschlägen, um zu verhindern, dass die Arbeit der Forscher in falsche Hände gerät. Das sei in Zeiten des Terrorismus nötig, sagt die Co-Autorin. 

19.05.17, 14:52 20.05.17, 14:02

Die Forschung hat vieles erreicht. Dank ihr gibt es Impfstoffe und viele effektive Therapien, die täglich Leben retten.

Um solche Resultate zu erzielen, arbeiten Forscher zuweilen mit gefährlicher Materie. So rekonstruierten Wissenschaftler 2005 in ihrem Labor das Virus der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 mindestens 25 Millionen Tote forderte. Ziel der Rekonstruktion war es, einen Impfstoff für die damals in Asien grassierende Vogelgrippe zu entwickeln. Was aber passieren würde, wenn ein solches Virus in die Hände von Diktatoren oder Terroristen gelangen würde, mag man sich kaum vorstellen. 

Das Missbrauchspotenzial existiert

Die Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften ist sich diesem «Missbrauchspotenzial der biologischen Forschung» bewusst, schreibt sie in ihrer im Mai erschienenen Broschüre. Um Gefahren wie der Biokriminalität und des Bioterrorismus' entgegenzuwirken, gibt sie den Wissenschaftlern Tipps, wie sie sich effektiv gegen solche Risiken schützen können. Finanziert wird das Ganze vom Bundesamt für Gesundheit. Die Forscher sollen: 

  1. Sich des Missbrauchspotenzials der eigenen Forschung bewusst sein und dieses regelmässig abschätzen
  2. Keine Forschungen unternehmen, deren Schadenspotenzial im Vergleich zum möglichen Nutzen unverhältnismässig hoch ist
  3. Forschungspläne und/oder Publikationen ändern, um deren Risiken zu reduzieren
  4. Über Risiken informieren und diese dokumentieren
  5. Richtlinien und sichere Verhaltensweisen kennen und anwenden
  6. Wachsam sein und Bedenken äussern (auch bezüglich der Forschung Dritter)
  7. Sicherheitsrelevantes Material und Daten schützen
  8. Andere schulen und als Vorbild dienen
«In der heutigen Zeit ist eine Sensibilisierung in Bezug auf Bioterrorismus zentral.»

Genaue Abschätzung der Risiken und Chancen ist nötig 

Mitformuliert hat diese Punkte die Projektleiterin und Co-Autorin der Broschüre, Dr. Ursula Jenal. Jenal leitet eine Beratungsfirma für Biosicherheit, ist also Expertin auf dem Gebiet. In der heutigen Zeit, in der Attentate die Schlagzeilen prägen, sei es zentral, die Forscher in Bezug auf Bioterrorismus zu sensibilisieren, sagt sie. «Zum Glück haben der ‹IS› oder andere Terrororganisationen bis heute keine Biomaterialien genutzt.» Grund für diese Tatsache sei wohl, dass es dafür viel Wissen brauche und die Terroristen sich selbst zuerst gefährdeten. Und trotzdem: In den Zeiten, in denen wir heute leben, dürfe das Risiko nicht ausser Acht gelassen werden, so die Mikrobiologin. 

Die Frage stellt sich schon. Dürfen Forscher im Labor hochansteckende Viren herstellen, die für den Menschen lebensgefährlich sein könnten? Und dürfen Sie diese dann samt Bauanleitung veröffentlichen? Eine Frage, die besonders die Schweizer Wissenschaftler schon lange beschäftige, sagt Jenal.

«Zu restriktive Gesetze könnten die Forschung lähmen.»

Appell an die Selbstverantwortung der Wissenschaftler

Denn im Gegensatz zu den USA oder Dänemark gebe es in Bezug auf den missbräuchlichen Gebrauch der biologischen Forschung in der Schweiz weder spezifische Anforderungen noch ein Gesetz. Was aber nicht per se schlecht sei, so Jenal. Denn durch zu restriktive Gesetzte könne die Forschung gelähmt werden. «Wenn man Ergebnisse beispielsweise nicht kommuniziert, damit diese Informationen nicht in die falschen Hänge gelangen, verhindert man gleichzeitig auch, dass ein Kollege seine Forschungen darauf aufbaut und zum Beispiel wichtige Medikamente oder Impfstoffe erschafft.»

Die Selbstverantwortung der Forscher sei deshalb zentral. Es seien auch die Forscher selbst, die im Rahmen von Workshops zum Thema um eine konkrete Informationsbroschüre gebeten hätten. 

Milzbrand-Briefe und Salmonellen-Anschlag

Einfache biologischen Waffen wurden während Jahrhunderten eingesetzt. So verteilte das britische Militär während dem sogenannten French and Indian War in Nordamerika (1754–1767) gewollt mit Pockenviren verseuchte Decken an die amerikanischen Ureinwohner. Ein jüngeres Beispiel von Bioterrorismus sind die Anthrax-Anschläge. Diese hielten kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die USA in Atem: Briefe mit Milzbrandsporen wurden an mehrere Nachrichtensender und Senatoren verschickt. Fünf Menschen starben. Einige Jahre zuvor, 1984, verübte eine Sekte in den USA einen Salmonellen-Anschlag. Bei diesem wurden zehn Restaurants verseucht und 751 Einwohner vergiftet. Todesopfer gab es damals glücklicherweise keine.

Das könnte dich auch interessieren:

Wermuth erst souverän, dann kommt er unter die Räder – «Grenzerfahrungen» in der «Arena»

Mit diesem Sturzfestival im Schlamm ist die Radquer-Saison so richtig lanciert

Rio de Janeiro ist quasi pleite. Drogengangs machen sich dies zu nutze

Werbeverbot für Babynahrung: SP sagt Muttermilch-Ersatz den Kampf an

«Le Clash» – beim Penalty-Streit von Neymar mit Cavani geht's wohl auch um viel Geld

Auf Twitter haben sich gerade zwei Museen gebattelt – und es ist ziemlich ausgeartet

Peinliches Hooligan-Wettrennen – hier blamieren sich YB-Chaoten bis auf die Knochen

Schaf-Krimi geht in die nächste Runde: 5 der gestohlenen Tiere sind wieder da

Mascara und Make-up: Kosmetikfirmen buhlen nun um Männer

Tschudi, Dreifuss, Blocher – das waren die spektakulärsten Bundesratswahlen

Alle Artikel anzeigen
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
21Alle Kommentare anzeigen
21
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • rodolofo 21.05.2017 09:20
    Highlight Einer der schlimmsten Feinde des Menschen ist der Mensch selbst!
    Beweismittel Nr. schier unendlich + 1:
    Artikel im Tages-Anzeiger-Magazin von gestern:
    "Kinder des Gifts"
    Der Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut ist gut für Argentiniens Wirtschaft.
    Aber zahlen die Kinder der Bauern einen furchtbaren Preis?
    Meine Meinung zum "Bio-Terror" ist deshalb ebenso zwiespältig:
    Wenn ein solcher Terror die Menschen dezimiert, dann könnte das zugleich ein Segen sein für die übrige Natur!
    Denn von der Natur entfremdete Menschen entwickeln sich mit ihren Technologien zu immer monströseren Schädlingen.
    2 4 Melden
    600
  • Maria B. 20.05.2017 12:48
    Highlight Regulierungen und Gesetze im Hinblick auf gefährliche Substanzen oder in Richtung unerwünschter und zerstörerischer Praktiken sind insofern wenig effizient, als das es IMMER und ÜBERALL neugierige Wissenschaftler, verantwortungslose Schurkenstaaten und religiös extremistische Gruppierungen geben wird, die sich keinen Deut um solche Einschränkungen scheren werden.

    Unter diesen Aspekten betrachtet, dürfte der Welt noch einiges bevorstehen, steht zu befürchten.

    Dies gilt nicht nur für biologische Kampfstoffe, sondern auch für ethisch nicht vertretbare "wissenschaftlich-technische Innovationen".
    13 0 Melden
    • Zeit_Genosse 20.05.2017 16:27
      Highlight Ohne Regeln und Gesetze kann man niemand zur Rechenschaft ziehen und die Hürde ist niedrig. Es liegt aber in der Natur, dass es immer welche geben wird, die es trotzdem tun. Nur fliegt so jemand auf kann man dann halt nichts machen, wenn kein Gesetz greift. Bei diesem Gefahrenpotenzial kippe ich von der liberalen auf die regulatorische Seite.
      6 0 Melden
    • Maria B. 20.05.2017 22:02
      Highlight Gebe dir an sich recht, doch werden solche "Innovationen" der gefährlich-zerstörerischen Art kaum irgendwo an die grosse Glocke gehängt, sodass Gesetze nur selten zur Anwendung gelangen werden.

      Kommt hinzu, dass eine solche Gesetzgebung nur auf höchster UN-Ebene unter praktischer Einstimmigkeit auf den Weg gebracht werden könnte. Was wohl schon alleine an der Ausformulierung scheitern würde.

      Und so wird es technologisch keinerlei wirksamen Schutz gegen wissenschaftliche Exzesse und ihr Gefahrenpotenzial geben.

      Also unter dem Strich alles eher beunruhigende Tatsachen...
      6 0 Melden
    600
  • Gelöschter Benutzer 20.05.2017 12:21
    Highlight Dann wirds in den Städten ungemütlich haha!

    ps: Gutbegüterte ziehen ja allem Anschein nach aufs Land ... genug Beton und Multikulti? Finde ich jetzt blöd, weil das war doch in eurem Sinne?! Hmm, aber naja, die eigene Haut ist wohl am Nächsten und nach euch die Sintflut.

    Schön, wenn ihr auf dem Land eure "Ideen" einbringt *freu*
    16 7 Melden
    • rodolofo 21.05.2017 09:27
      Highlight Sei froh, dass es in der Stadt noch einige Land-Fans gibt!
      Wenn sie Dich sprechen hören, könnten sie sich fragen: "Warum eigentlich?"
      Die Antwort darauf ist ziemlich einfach:
      Weil das Land so gross ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dort einen Typen anzutreffen, der auf Watson unter dem Pseudonym "Stipps" destruktive und hetzerische Kommentare schreibt, vernachlässigbar klein ist.
      4 4 Melden
    600
  • Zeit_Genosse 19.05.2017 17:56
    Highlight Die Forschung darf nicht zum Selbstläufer bei Risikoentwicklungen werden. Regulierung müssen zum Schutz der Menschheit überdacht werden. Die Forschung darf nicht alles, auch wenn der Markt für Präparate aufnahmefähig ist. Für mich geht von Biowaffen die grösste Gefahr aus, weil sie entfesselt die gesamte Menschheit töten können.
    12 8 Melden
    • kleiner_Schurke 19.05.2017 18:53
      Highlight Die bisher gefährlichsten Entwicklungen für die Menschheit sind die Atombombe und das Raketentriebwerk. Dafür gab es keinen Markt und die Technologie zirkuliert heute mehr oder weniger frei. Sagen sie mir nur eine problematische biologische Entwicklung die annähernd gleichviel Todesopfer gekostet hat die die oben genannte Technologie? Und ferner, was Mutter Natur so alles im Köcher hat ist wesentlich schlimmer als jede Biowaffenfantasie. Spanischer Grippe: 50 Mio Tote. Malaria 1 Mio Tote, Jahr für Jahr.
      14 10 Melden
    • Zeit_Genosse 19.05.2017 22:28
      Highlight Ein Atomsprengkopf von Terroristen gezündet, löscht eine mittlere Stadt aus. Eine Biowaffe mit Ebola-Potenzial geht weiter, da man Biowaffen an mehreren Orten unbemerkt und gleichzeitig "starten" kann. Eine Atombombe kann nicht unbemerkt gestohlen, transportiert und zur Explosion gebracht werden. Nur Supermächte können einen weltweiten nuklearen Krieg auslösen. Ich denke (Gen-)Biowaffen haben an Gefährlichkeit mehr Potenzial die ganze Menschheit zu erreichen. Die Forschung könnte eigens zum Zweck ganze Völker und Landstriche ohne Zerstörung zu töten benutzt werden. Zum Glück nur Fantasie.
      13 2 Melden
    • kleiner_Schurke 19.05.2017 23:30
      Highlight Fantsie ist das Stichwort!
      4 4 Melden
    • rodolofo 21.05.2017 09:35
      Highlight Klein, aber oha! könnte man dazu sagen.
      Die Japanische Kirschessigfliege ist auch winzig klein. Und doch ist dieses neueste Geschöpf Japanischer Kriegsführung in der Lage, riesige Schäden in der hiesigen Landwirtschaft anzurichten!
      Einzige Möglichkeiten, dem winzigen Schädling das Leben schwer zu machen: Fallen, Spritzmittel oder aktuell praktiziert: Wo keine weichen Früchte sind, da sind auch keine Japanischen Kirschessigfliegen!
      Die katastrophalen Frost-Schäden dieses Frühlings hatten also auch ihr Gutes.
      So ist es doch und wird es immer sein:
      Alles hat eine Sonnen- UND eine Schattenseite
      1 0 Melden
    600
  • guby 19.05.2017 16:04
    Highlight Liebe Camille. Das Titelbid zeigt die üblichen Gegenstände um Bakterien zu ziehen: Auf der Platte mit dem roten Nährmedium wachsen sie und das Stäbchen mit dem Ring dient zum transferieren / "ausstreichen". Einen untersuchten Gegenstand kann ich darauf aber nicht ausmachen.
    46 5 Melden
    • Lord_Mort 19.05.2017 17:48
      Highlight Da kann ich nur zustimmen. Das ist auch eine ziemlich merkwürdige Bildbeschreibung. Verstehe nicht, was es da zu blitzen gibt!?
      26 3 Melden
    600
  • Benot 19.05.2017 16:02
    Highlight Keine Sorge. Wir haben F/A-18, Bodluv, Artillerie und Panzer. Für unsere Sicherheit ist gesorgt. Uns kann nichts passieren. Vielleicht die Erdkampffähigkeit für die F/A-18, das fehlt noch.
    17 23 Melden
    • 7immi 19.05.2017 18:50
      Highlight ... und die abc truppen, die armeeapotheke, sanitätstruppen, ...


      13 2 Melden
    • StefanZaugg 20.05.2017 10:56
      Highlight Der Pokal für den unqualifiziertesten Kommentar geht an Benot. Willst du damit sagen, dass Bioterrorismus die einzige Vulnerabilität der Schweiz ist?
      P.S.: Bodluv haben wir eben genau nicht.
      7 1 Melden
    • pedrinho 23.05.2017 14:27
      Highlight ....von wegen bio und so

      Das "labor spiez" ist aber nicht so geheim, dass es keiner kennen koennte
      0 0 Melden
    600
  • Repplyfire 19.05.2017 16:00
    Highlight Wenn ich denke was medizinisch in der Bio-/Gentechnik bereits möglich ist, möchte ich nicht wissen was militärisch bereits alles bereit steht. Ich meine, genetisch mutierte Viren, welche den Auftrag haben Krebszellen zu blockieren sind super nützlich. Nun stelle man sich jedoch vor, man gibt ihnen den Auftrag Zellen mit spezifischen DNA-Strukturen oder anderem Erbgut anzugreiffen. Das löscht ganze Volksgruppen aus. Womöglich mutiert das Zeug noch und dann gute Nacht. Am besten wir denken nicht zu viel über was wäre wann nach und hoffen auf die Selbstverantwortung des Menschen.
    25 7 Melden
    • W wie Wambo 19.05.2017 17:21
      Highlight Militärisch gesehen sind Biowaffen viel zu riskant und zu wenig präzise für die meisten Einsätze. Die Chance, dass es die eigene Seite auch erwischt dabei ist viel zu hoch. Aber als Terrorwaffe ist diese Unberechenbarkeit natürlich nicht unbedingt ein Nachteil.
      12 1 Melden
    • PhilippS 19.05.2017 18:12
      Highlight Einerseits möchte ich dir zustimmen. Andererseits: Mit diesem Argument könntest du die Verkehrsregeln auch alle abschaffen...

      Hoffnung ist gut, aber diese für sich alleine ist bereits eine Form der Resignation bzw. Kapitulation. Und das sollten wir nicht zulassen...
      3 1 Melden
    • kleiner_Schurke 19.05.2017 18:29
      Highlight Gratuliere Repplyfire du hast begriffen wie die Grippe funktioniert. z.B. Hongkong Grippe oder Spanische Grippen. Funktioniert ganz ohne Gentech.
      9 1 Melden
    600

Die vergessenen Jahre des Terrors: In den 70ern und 80ern zogen Terroristen eine Blutspur durch Europa

Weltweit gab es seit 1970 über 156'000 Terroranschläge. In der Schweiz ist seit 20 Jahren niemand mehr einem Attentat zum Opfer gefallen. Doch in den 70er- bis 90er-Jahren ermordeten Terrorgruppen teils Hunderte Menschen jährlich in Westeuropa. Eine Übersicht von 1970 bis Manchester 2017.

Zusammenfassung: In den 70er- bis 90er-Jahren töteten meist europäische Terrorzellen jährlich 100 bis 400 Menschen in Europa. Seit der Jahrtausendwende nehmen die Attentate in Westeuropa und in der Schweiz stark ab. Von 2001 bis 2015 entfielen nur 0,3 Prozent der Terroropfer auf Westeuropa. Hauptsächlich aufgrund der Attentate in Paris und Nizza stieg die Opferzahl zuletzt wieder auf rund 150 Menschen pro Jahr, sprich auf das Niveau der 80er-Jahre. Weltweit nimmt der Terrorismus seit 2005 zu …

Artikel lesen