Unvergessen

Die letzte YB-Meistermannschaft: Torschützenkönig Lars Lunde stülpt sich vor Freude den Pokal über den Kopf. Bild: KEYSTONE

YB wird auf rauschende Art Schweizer Meister – zum bis heute letzten Mal

24. Mai 1986: Die Young Boys haben eine lange Durststrecke hinter sich. Doch 1986 holen die Berner überraschend den Meistertitel. Sie ahnen nicht, dass die Durststrecke, die folgt, noch länger ausfallen wird.

24.05.17, 00:10 24.05.17, 08:13

Die Young Boys Schweizer Fussballmeister – das mutet beim Gedanken an die Vergangenheit wenn nicht wie ein Witz, so doch wie ein Wunder an. Nein, dieser Satz stammt nicht von mir, obwohl er heute so zutreffend ist wie offenbar damals. Er ist die Einleitung zu einem Text des «Bunds» zu YBs Titelgewinn 1986.

Die Berner gehen als Aussenseiter in die Saison und zunächst deutet nichts auf die erste Meisterschaft nach 26 Jahren hin. In der Vorrunde dümpelt man vor sich hin, verliert vor nur gerade 2200 Zuschauern sogar das Heimspiel gegen Baden. Es ist der einzige Sieg der Aargauer in der ganzen Saison!

Doch nach der Winterpause startet YB voll durch: Zwölf Siege und zwei Unentschieden in 14 Partien lautet die Bilanz, mit einem Torverhältnis von 42:6! 

Berns Stadtpräsident Walter Bircher mit dem Pokal, flankiert von YB-Trainer Alexander Mandziara (links), -Präsident Ruedi Baer und Libero Jean-Marie Conz (rechts). Bild: KEYSTONE

Mehr als 20'000 Fans in Neuenburg

Nach dem schwachen Herbst holt YB dank dem überragenden Frühling auf und zieht an allen Gegnern vorbei. In der vorletzten Runde geht es zu Neuchâtel Xamax, dem letzten Verfolger. YB hat einen Punkt Vorsprung und ist somit bei einem Sieg Meister.

21'500 Zuschauer wollen diese Partie mit Finalcharakter sehen, mindestens die Hälfte der Fans auf der proppenvollen Maladière sind Gelb-Schwarze. Gross ist ihre Sehnsucht nach dem Titel – und gross ihr Schock nach fünf Minuten: Xamax geht in Führung.

Die Zusammenfassung des kapitalen Spiels. Video: YouTube/ZwoelfMagazin

Das wohl beste Spiel der Saison

Ein wuchtiger Freistoss Peter Küffers ist es, der zum 1:0 führt. Unbestätigt ist, dass im fernen Brasilien ein gewisser Roberto Carlos das Tor gesehen hat und es danach immer und immer wieder versucht hat, nachzustellen.

Küffers Granate schlägt im YB-Tor ein. Video: streamable

Doch vom Gegentor lässt sich YB nicht beeindrucken. Es dauert bloss drei Minuten, dann gleicht Dario Zuffi die Partie aus. Der Nationalstürmer, wahrlich kein Hüne, köpft nach einem Corner zum 1:1.

Dario Zuffi, Vater des heutigen Nationalspielers Luca, mit dem Ausgleich. Video: streamable

Die beiden Teams liefern sich einen Kampf auf Biegen und Brechen, die Berichterstatter schwärmen danach. Von einem «Supermatch» schrieb das Fachblatt «Sport», das «wohl beste Spiel der Saison» sah die NZZ. Es sei «hinsichtlich des Rhythmus, Einsatzwillen, athletisch-harter Spielweise und rascher Szenenwechsel» ein begeisternder Match gewesen.

Lunde und Zuffi mit je zwei Toren

Dieser steht eine Stunde lang auf der Kippe. Zehn Minuten nach der Pause vergibt Maurizio Jacobacci das 2:1 für die Neuenburger, als er alleine vor YB-Goalie Urs Zurbuchen auftaucht, aber neben das Tor schiesst. Ob die Berner sich davon erholt hätten?

Die Frage bleibt unbeantwortet. Denn nach 64 Minuten schiesst Lars Lunde sein erstes Tor und nach dem zweiten Treffer des Dänen steht es schon 3:1. Die Partie ist entschieden. Den Deckel macht schliesslich Zuffi drauf, auch er schnürt einen Doppelpack. Drei Tore innert 15 Minuten – dass die legendäre «YB-Viertelstunde» ein wenig vorgezogen wird, stört natürlich keinen.

Das frenetisch gefeierte 2:1 der Berner durch Lunde. Video: streamable

Ein Wintertransfer als Schlüssel zum Erfolg

Die grosse Figur beim Meistertitel ist Robert Prytz. Der schwedische Nationalspieler wechselt erst in der Winterpause nach Bern – und mit dem 26-Jährigen kommt der Erfolg. «Mit Prytz hat YB das grosse Los gezogen», urteilt der «Sport», er sei der beste Aufbauer in der Schweiz.

«Er ist überall und versteht es wie kaum ein anderer, die Angriffe mit weiten Zuspielen zu lancieren», schwärmt die NZZ. Um einen Spieler wie den Schweden seien die Berner zu beneiden: «Prytz scheint zwei Lungen zu haben, derart setzt er sich läuferisch und auch mit dem Körper in Zweikämpfen ein.»

Lunde, das Supertalent

Der andere herausragende Spieler der Berner ist Lars Lunde, ein 22 Jahre junger Däne. «Schnell, trickreich, frech, mutig, unverbesserlich», lobt ihn der «Sport» in den höchsten Tönen. Einen besseren Stürmer gebe es in der Schweiz nicht und in Europa nur wenige.

Tatsächlich zieht es Torschützenkönig Lunde (21 Treffer in 27 Einsätzen) nach dem Meistertitel zu Bayern München. Beim deutschen Rekordmeister kann er sich auf lange Sicht aber nicht durchsetzen. Und die Karriere des hoffnungsvollen Stürmers erleidet am 12. April 1988 einen gravierenden Knick: Lunde prallt mit dem Auto in einen Zug, liegt zehn Tage im Koma. Danach erreicht er sein früheres Niveau nicht mehr, 26-jährig beendet Lunde seine Karriere.

Die beiden Doppeltorschützen Zuffi (links) und Lunde jubeln beim 4:1 in Neuenburg. Bild: KEYSTONE

Der VW Golf des Dänen nach dem Unfall auf einem Aargauer Bahnübergang. Bild: KEYSTONE

Das Meisterkader

Tor: Urs Zurbuchen, Stefan Knutti.

Abwehr: Jean-Marie Conz, Roland Schönenberger, Jürg Wittwer, Martin Weber, Kurt Brönnimann.

Mittelfeld: Georges Bregy, Urs Bamert, Robert Prytz, Rolf Zahnd, Reto Gertschen, Alain Baumann, René Sutter.

Sturm: Dario Zuffi, Joachim Siwek, Lars Lunde, Stefan Bützer, Jo Radi, Stefan Moranduzzo.

Trainer:
Alexander Mandziara.

Seit 11'323 Tagen wird gewartet

Der Meistertitel weckt natürlich den Traum, an frühere, erfolgreiche Tage anknüpfen zu können. Doch YB träumt bis heute vergeblich. Nur der Cupsieg 1987 kommt noch hinzu, seither wartet man in der Hauptstadt sehnsüchtig auf einen weiteren Pokal.

Nahe dran sind die Young Boys in dieser Zeit mehr als einmal. Sieben Mal werden die Berner seither Vize-Meister, drei Mal stehen sie im Cupfinal und verlieren ihn. Sinnbild für das Scheitern YBs ist der Cupfinal 2009, in dem die Berner gegen Sion 2:0 führen und trotzdem noch 2:3 verlieren. Für das Verpassen eines sicher geglaubten Siegs hat sich längst ein eigenes Verb etabliert: veryoungboysen.

Der letzte YB-Meisterjubel: Trainer Mandziara und die Spieler werden gefeiert. Video: streamable

NLA 1985/86

Die Abschlusstabelle. wikipedia

Die Young Boys Schweizer Fussballmeister – das mutet beim Gedanken an die Vergangenheit wenn nicht wie ein Witz, so doch wie ein Wunder an. 11'323 Tage sind seit dem 4:1-Erfolg bei Xamax und dem letzten Meistertitel vergangen. Wie viel Zeit noch verstreicht, bis YB diese Uhr wieder auf Null stellen kann?

Nicht nur für YB-Fans sehenswert: Der «Sport am Wochenende» berichtet ausführlich über den Meistertitel. Video: YouTube/Blumisberg

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
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DendoRex, 19.12.2016
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