Offen gesagt
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Offen gesagt

«Liebe Frau Martullo, man kann Ihnen nur gratulieren ...»

Eine Parlaments-Session ohne Publikum ist für die politische Selbstdarstellung suboptimal. Da muss man sich etwas einfallen lassen. Das hat Magdalena Martullo-Blocher getan.



Liebe Frau Martullo

Die aktuelle Lage ist an allen Fronten verzweifelt, die Leute ratlos. Fussball- und Eishockey-Betrieb sind eingestellt. Fasnacht und Konzerte sind verboten. Restaurants und Kinos bleiben leer.

Aufgrund des Coronavirus läuft das Land derzeit nur im abgesicherten Modus, die nötigste Infrastruktur für Wirtschaft und Politik wird zwar aufrechterhalten, aber alles, was Spass macht und aufregend ist, darf derzeit nicht stattfinden.

Das gilt auch für die Frühlingssession im Bundeshaus, zu der nur die fix-akkreditierten Journalisten, aber keine Gäste oder Lobbyisten zugelassen sind, womit der Teil der Veranstaltung wegfällt, der das Politikerleben erst lebenswert macht: die Show, die Aufmerksamkeit, die Anbiederung.

Gut, für Sie persönlich mag das mit Ihrem Leistungsausweis und Ihrem Format noch das kleinere Übel sein als für die Hinterbänkler, die um Posten und Listenplätze buhlen müssen.

Aber dass dieses Coronavirus die ganze Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs absorbiert, die Sie und Ihre SVP jetzt eigentlich für die Kampagne gegen die Personenfreizügigkeit benötigten, ist für Sie als neue Spiritus Rectrix der Partei ein Problem. Die Bühne ist weg und ein paar träfe, provozierende Sprüche am Rednerpult werden derzeit nicht reichen, um in die Medien zu kommen.

Was also tun Sie, um die Flughoheit über Stammtische und Titelseiten gegen die scheinbar übermächtige Gegnerin Corona zu verteidigen? Natürlich! Im Bundeshaus zur Session eine Atemschutzmaske tragen! Und zwar eine richtige Industrie-Anti-Asbest-Maske! Nicht so eine amateurhafte Spitex-Hausarzt-Maske!

Zu dieser Idee kann man Ihnen nur gratulieren. Das ist skurril, das ist fotogen und in der derzeitigen Lage das Pendant zu Ueli Maurers «Negern». Solange Sie diese Maske tragen, bleiben die Kameras auf Ihnen. Einerseits.

Andererseits – und das ist entscheidend für Ihren Erfolg – schlagen Sie das Coronavirus mit seinen eigenen Waffen, beziehungsweise, Sie machen sich die entscheidende Waffe des Virus im Kampf um Aufmerksamkeit zu eigen: die Furcht davor.

Sie nutzen die diffuse Angst der Bevölkerung vor einer unsichtbaren und potentiell tödlichen Epidemie und ziehen sie ins Lächerliche: Das ist die ultimative Provokation.

Deshalb funktioniert es auch. Seit gestern Morgen sind Sie und Ihre unförmige Atemschutz-Maske das Einzige, was die breite Öffentlichkeit von diesen ersten zwei Sessionstagen mitgekriegt hat.

Ob Sie das absichtlich machen, aus reinem Polit-Instinkt oder aus Jux, kann ich nicht beurteilen. Aber ich würde die Maske jetzt weglegen und solche Auftritte an Ihrer Stelle künftig bleiben lassen.

Die Menschen lassen sich nicht gern verhöhnen.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Rest-Session!

Mit freundlichen Grüssen

Ihr Maurice Thiriet

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