Gesundheit
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Exit: Der Weg zum Sterbetermin ist zu lang, sagt diese Frau wenige Stunden vor ihrem Tod

Der Weg, um bei Exit einen Sterbetermin zu erhalten, kann lange sein. Zu lang, sagt Sonja R. Wenige Stunden vor ihrem Tod erzählte sie, was sich ändern sollte.

andreas Maurer / CH media



Sonja R. wirkt nicht wie eine Frau, die nur noch wenige Stunden zu leben hat. Sie strahlt sogar Lebensfreude aus, wenn sie in ihrem roten Pullover durch die Küche wirbelt und ihrem Gast von der Zeitung einen Kaffee serviert. «Ich bin eine normale Frau», sagt sie, «einfach mit unerträglichen Schmerzen.» Manchmal sehe man es ihr mehr an, manchmal weniger. Sie ist erst 53 Jahre alt. Im Moment fühle sie sich erleichtert, weil sie wisse, dass sie nicht mehr kämpfen müsse.

Es ist ein Montagnachmittag im November. Am Dienstag um zehn Uhr wird ein Arzt bei ihr klingeln und eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital mitbringen. Sie wird die Infusion selber aufdrehen. Auf einem Stativ wird eine Videokamera stehen, die den Vorgang als Beweismittel aufzeichnen wird.

«Ich mag nicht mehr kämpfen.»

Sonja R.

Sonja R. hat alles vorbereitet. Sie hat eine Matratze neben das Fenster gelegt. Von hier kann sie ihren Lieblingsbaum sehen, der gerade seine Herbstblätter verliert. Sie will nicht in ihrem eigenen Bett sterben, um es nicht negativ zu belasten und es einem Freund vererben zu können.

Auf dem Küchentisch liegen die wichtigsten Dokumente in farbigen Klarsichtmäppchen. Darin steht, wie man ihre Wohnung und ihre Krankenkasse kündigt und welche Spenden und Krankheitskosten sie schon bezahlt hat.

In den Papieren ist auch dokumentiert, wo ihre Asche deponiert werden soll: in ihrer Lieblingskeksdose, die sie bei jedem Wohnungswechsel mitgenommen hat. Diese soll unter dem Apfelbaum ihres ehemaligen Gartens vergraben werden.

Die Zweifel der Angehörigen

Sogar ihre eigene Grabrede hat Sonja R. vorbereitet. Sie setzt sich an den Küchentisch, nimmt einen Schluck Leitungswasser und sagt den Text aus dem Gedächtnis auf.

«Liebe Freunde», beginnt sie, «es ist schön, dass ihr den Weg hierhin gefunden habt, um auf uns anzustossen. Es ist schön, dass ihr mich so viele Jahre begleitet habt. Ich will keinen Lebenslauf herunterlesen, ich will euch allen danken, dass ich euch kennenlernen durfte.»

Sie zählt die wichtigsten Personen und ein paar Anekdoten auf. An ihren Vater und ihre Schwester gerichtet sagt sie: «Ihr werdet den Entscheid über kurz oder lang besser akzeptieren können, auch wenn ihr jetzt Mühe habt.»

Sonja R.

Sonja R. am Nachmittag vor ihrem Tod in ihrer Küche. Sie hofft, dass ihre Geschichte etwas bewirken wird. Bild: ch media/mau

Sonja R. hat keine Kinder und ist geschieden. Ihre Schwester begleitet sie in den letzten Stunden. Sie sagt: «Ich respektiere Sonjas Weg, aber ich selber würde ihn nicht gehen.»

An der Beerdigung soll das Positive im Vordergrund stehen. Nicht erwähnen wird Sonja R. deshalb, welche Mühen sie auf ihrem letzten Weg hatte. Doch es ist ihr ein Anliegen, auch diese zu kommunizieren, über diesen Bericht: «Ich hoffe, dass der Artikel dazu beträgt, dass andere Menschen mit meiner Geschichte vielleicht einen leichteren Weg haben werden.»

Eine endlose Krankengeschichte

Sonja R. leidet an einer chronischen Schmerzerkrankung. Die Ärzte haben die Ursache nie gefunden. Wenn jemand an unerklärlichen Schmerzen leidet, geht die Medizin nach dem Ausschlussverfahren vor und kommt dabei oft zum Befund, dass die Ursachen psychisch bedingt sein müssen.

Sonja R. hat diese Begründung nie wirklich überzeugt, aber weil mehrere Ärzte sie aussprachen, hat sie die Psychotherapien mitgemacht, sich an die Anweisungen gehalten und alles Mögliche ausprobiert. CBD, THC, Opioide. Die Wirkung war gering. Es sei ein Teufelskreis. Alles was gegen die Schmerzen helfe, mache sie müde, dann sinke ihre Konzentration und sie könne die Schmerzen nicht mehr kontrollieren.

«Ich halte die Abklärungen nicht mehr aus. Ich fühle mich hilflos im System.»

Sonja R.

«Wenn ich Krebs hätte, wäre es einfacher», sagt sie. Dann hätte sie eine klare Diagnose und es wäre klar, dass sie sich die Schmerzen nicht einbilde. Für Sonja R. spielt es mittlerweile zwar keine Rolle, ob die Schmerzen eingebildet sind oder nicht. Sie fühlen sich real an und beheben lassen sie sich nicht.

Ihr Problem aber ist: Weil in den Krankenakten der Verdacht einer psychischen Ursache erwähnt wird, muss abgeklärt werden, ob allfällige psychische Probleme ihre Sinne trüben und ob sie tatsächlich urteilsfähig ist.

Seit einem Vierteljahrhundert ist Sonja R. Mitglied bei Exit. Doch die grösste Suizidhilfeorganisation der Schweiz konnte ihr nicht wie gewünscht helfen. Die Sterbebegleiterin teilte ihr mit, sie müsse zwei Psychiater während neun Monaten einmal monatlich treffen. Nur so könne sichergestellt werden, dass alles rechtens sei.

Exit teilt auf Anfrage mit, jeder Fall mit psychisch kranken Menschen sei anders und werde daher individuell abgeklärt. In einzelnen Fällen ziehe der Verein zur Sicherheit einen Zweitgutachter bei.

Las dir helfen!

Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen. In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
Die Dargebotene Hand: Tel: 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel: 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

Wie hoch soll die Hürde sein?

Das Thema ist besonders heikel seit einem Urteil des Baselbieter Strafgerichts vom Juli. Erika Preisig, Ärztin und Präsidentin von Eternal Spirit, wurde erstinstanzlich verurteilt, weil sie in einem ähnlichen Fall das Sterbemittel ohne psychiatrisches Gutachten zur Verfügung gestellt hat. Sie hatte die Urteilsfähigkeit nur von einem Arzt, aber nicht von einem Psychiater abklären lassen.

Es geht bei diesen Fällen um eine Grundsatzfrage: Wie hoch sollen die Hürden für Suizidhilfe sein? Die Suizidhilfeorganisationen auferlegen sich dabei unterschiedlich strenge Regeln. Exit verlangt einen aufwendigen Prozess. So viel Zeit hat Sonja R. nicht. «Ich mag nicht mehr kämpfen», sagt sie.

Nach langer Suche hat sie nun eine andere Organisation gefunden, die ihre Urteilsfähigkeit in einem einzelnen kurzen Gespräch von einem Psychiater bestätigen liess. Sonja R. bittet darum, den Namen der Organisation nicht öffentlich zu nennen, damit diese nicht in Schwierigkeiten kommt.

Die Sorge scheint allerdings unbegründet zu sein. Die Solothurner Staatsanwaltschaft teilt auf Anfrage mit, sie führe wie bei jedem aussergewöhnlichen Todesfall die üblichen Abklärungen durch. In diesem Fall sah sie keinen Anlass für eine Strafuntersuchung. Das bedeutet, dass sie davon ausgeht, dass alles legal war.

Wie viel Selbstbestimmung gilt im Zweifelsfall?

Sonja R. findet, Exit müsse ihr Vorgehen überdenken. Nicht nur betagte Menschen sollten einen erleichterten Zugang erhalten. Sondern auch jüngere wie sie selbst, die zwei Tage nach ihrem Tod 54 Jahre alt geworden wäre.

Exit müsse den Umgang mit Menschen überdenken, bei denen irgendwo in den Krankenakten ein psychiatrischer Befund auftauche, findet sie. Es mache keinen Sinn, dass die Organisation die Regeln strenger auslege als das Gesetz.

Es ist eine heikle Debatte. Sie dreht sich darum, wie bevormundend das Gesundheitssystem sein soll. Sollen die Ärzte im Zweifel davon ausgehen, dass jemand in der Lage ist, seinen Willen frei zu äussern? Oder sollen sie im Zweifelsfall einen Abklärungsprozess mit vielen Sprechstunden vornehmen?

Sonja R. sagt: «Ich halte die Abklärungen nicht mehr aus. Ich fühle mich hilflos im System.» Legt man alle Papiere ihrer Krankengeschichte aufeinander, erreichen sie eine Höhe von mehr als fünf Zentimetern.

Wenn man Sonja R. am Nachmittag vor ihrem Tod nach den glücklichen Momenten ihres Lebens fragt, erzählt sie von den kleinen Geschichten des Alltags. Als sie mit ihrer Kollegin und ihrem Hund spazieren ging und sich ohne Schmerzen bücken konnte, um ihn zu streicheln. Als sie nach der Arbeit mit Kolleginnen spontan in eine Bar oder ins Kino gehen konnte. Als sie Katzen, Hunden und Hasen helfen konnte bei ihrer Nebentätigkeit für den Tierschutz. Glücklich war sie, als sie ein ganz normales Leben führen konnte.

Sterbehilfe für gesunde Menschen?

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21Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Oxymora 15.11.2019 20:05
    Highlight Highlight System schweizerische Eidgenossenschaft:

    Suizidhilfe ermöglicht ein einfacheres Sterben und wird durch viele Auflagen etc. erschwert.

    Kriegsmaterialexport ermöglicht das Töten und Verstümmeln von Menschen, die noch weiter leben möchten und ist erlaubt.

    Ich finde das sehr bedenklich.
    • Baba 16.11.2019 09:21
      Highlight Highlight Und doch ist das 🇨🇭er System eines (wenn nicht das) fortschrittlichste/n und liberalsten der Welt... Es ist hier die Sterbehilfeorganisation EXIT selber, die sich auf alle Seiten absichern will. Ob das verständlich ist oder nicht, will ich hier nicht werten.

      Der Prozess gegen Frau Dr. Preisig war jedoch meines Erachtens ein Backlash in der Suizidhilfe. Damit wurde sterbewilligen Menschen, speziell solchen wie der im Artikel beschriebenen Frau, einen absoluten Bärendienst erwiesen.

      Danke Andreas Maurer, für diesen Artikel, der berührend und in keiner Form voyeuristisch ist.
    • jjjj 16.11.2019 09:51
      Highlight Highlight Kann man doch nicht vergleichen, auch wenn Waffenexporte schlimm sind!
  • Frida Kahlo 15.11.2019 19:55
    Highlight Highlight Die Selbstbestimnung so sterben zu wollen und auch zu dürfen, das nenne ich wahre Freiheit.

    Der Sonja wünsche ich eine gute Reise und die Erlösung aller Schmerzen ❤️
  • EAI 15.11.2019 19:26
    Highlight Highlight Ich musste gerade feststellen, dass ich Sonja R. persönlich gekannt habe😳 Als ich das letzte Mal mit ihr gesprochen habe (vor ca. 3 Jahren) litt sie bereits länger unter den Schmerzen und tönte an, dass sie diese nicht endlos ertragen würde...
    Bin aber trotzdem gerade etwas geschockt - ich hätte ihr einen anderen Ausweg aus ihrer Not gewünscht!
    Und ja - sie war immer eine quicklebendige und fröhliche Frau!
    Man versteht sie einerseits - andererseits ist so eine Entscheidung trotzdem nur schwer zu akzeptieren...😔
    • Klaus07 15.11.2019 22:34
      Highlight Highlight Ich frage mich, warum so eine Entscheidung nur schwer zu akzeptieren sein soll? Was ist daran schwer?

      Als mein Schwiegervater auch nach langem Leidensweg (Knochenkrebs) gehen konnte, war eine sehr grosse Trauer da, aber gleichzeitig auch ein Erleichterung, zu wissen, dass jetzt all die schmerzen vorbei sind.
  • open_minded 15.11.2019 19:04
    Highlight Highlight Wenn jemand gehen will (egal in welchem Alter), dann wird dieser jemand das auch schaffen, irgendwie. Warum also nicht die Sterbehilfe erwas "vereinfachen", anstatt dass sich am Ende jemand das Leben auf viel schlimmere Art und Weise nimmt? Meine Kindheitsfreundin beging 2017 mit 19 Suizid, es war der dritte Versuch innerhalb von zwei Jahren, Psychotherapie etc. hat nie was gebracht - sie wollte dieses Leben einfach nicht mehr leben. Am Ende ist es doch eines jeden Menschen eigene Entscheidung, ob und wie er leben oder sterben möchte, auch wenn es für Aussenstehende oft unnachvollziehbar ist.
  • Mügäli 15.11.2019 18:29
    Highlight Highlight Selber zu bestimmen wann die Zeit gekommen ist zu gehen kann ethisch schon hinterfragt werden aber trotzdem bin ich ein Befürworter der Sterbehilfe. Warum? Meine Oma war eine Powerfrau, 50 Jahre Wirtin aber nach einem ‚Schlägli‘ war sie einseitig gelähmt, konnte nicht mehr richtig Sprechen und wünschte sich so sehr Sterben zu können. Das Nichtstun und auf andere Angewiesen zu sein war für sie Horror. 5 Jahre musste sie dieses Schicksal ertragen bis sie endlich in den Himmel konnte. Wir litten mit ihr. Als sie dann starb vermissten wir sie natürlich aber sie leiden zu sehen war schlimmer ..
    • DemonCore 15.11.2019 21:11
      Highlight Highlight Wer soll es denn sonst bestimmen, wenn nicht die betroffene Person selbst? Nein, das Recht auf den Freitod kann nicht vernünftig hinterfragt werden.
    • who cares? 15.11.2019 23:56
      Highlight Highlight Es gibt viele Gründe, warum man nicht einfach im Affekt zur Sterbehilfe gehen und Sterben kann. Zuerst muss es psychologisch abgeklärt werden. Ansonsten geben wir zu, dass die Gesellschaft Leute mit evtl. nur verübergehend psychischen Beschwerden einfach aufgibt. Zweitens geht es auch darum zu wissen, ob die Person es wirklich will und nicht von anderen dazu manipuliert wird (alte Person von Angehörigen)
  • Pat the Rat (aka PHI/Capy/Bäruin/Anfix/nude Aare) 15.11.2019 18:01
    Highlight Highlight 2/2

    Trotzdem weinen wir beide immer noch manchmal, zusammen oder still und alleine für uns. Genau so wie ich jetzt gerade...
    • Pitefli 15.11.2019 19:12
      Highlight Highlight Fühl dich ganz fest gedrückt. Meine Schwester hat sich vor 10 Jahren das Leben genommen, weinen muss ich immer noch. Nicht mehr so oft aber ich kann es immer noch nicht in Worte fassen.
    • Pat the Rat (aka PHI/Capy/Bäruin/Anfix/nude Aare) 15.11.2019 19:30
      Highlight Highlight Danke @Piefli! Fühle dich auch von mir fest gedrückt! ❤️
  • Pat the Rat (aka PHI/Capy/Bäruin/Anfix/nude Aare) 15.11.2019 18:00
    Highlight Highlight 1/2

    Ich sitze vor diesem Artikel und frage mich: Soll ich ihn lesen oder lieber nicht? Werde ich dabei weinen? Bestimmt!

    Ich kann trotzdem nicht anders, ich muss ihn lesen!
    Wie habe ich mich vor 2 Jahren gefühlt, als meine Mutter entschied, lieber zu sterben als weiter dahinzusiechen? Ich kann es nicht in Worte fassen.


    Ich wünsche den Hinterbliebenen viel Kraft und hoffe, dass Sie eines Tages diese Entscheidung genau so akzeptieren können, wie ich und meine Schwester die Entscheidung unserer Mutter...
    • Mügäli 15.11.2019 18:16
      Highlight Highlight @Pat the Rat - sehr schöne Zeilen von Dir, danke dafür 🌹
    • Bambusbjörn aka Planet Escoria 15.11.2019 19:12
      Highlight Highlight @Pat
      Während ich den Artikel gelesen habe, konnte ich meine Tränen noch zurückhalten.
      Als ich jedoch deine Zeilen gelesen habe, brachen alle Dämme.
      Ich kann gerade kaum schreiben, weil ich kaum noch etwas sehen kann.
      Danke viel mal für deine schönen Worte.
      Ich wünsche dir und auch deiner Schwester viel viel Kraft und für eure Zukunft.
    • Commander Salamander 15.11.2019 19:52
      Highlight Highlight Alles Liebe für dich und deine Schwester, Pat! Bestimmt schwierig, solche widersprüchliche Gefühle in Worte zu fassen. Hoffentlich findet ihr einen Weg, alles zu verkraften.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Weiter denken 15.11.2019 17:58
    Highlight Highlight Sterben ist ein Menschenrecht und gehört endlich auch in unsere Gesetze.
  • Olmabrotwurst vs. Schüblig 15.11.2019 17:50
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