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Analyse

Android beherrscht den Handy-Markt. Das könnte sich bald ändern.

Im Mai 2019 hat Donald Trump Huawei auf eine schwarze Liste gesetzt. Nun könnte sich der Bann als gewaltiges Eigentor für die US-Dominanz im Smartphone-Business erweisen – allen voran für Googles Android.
19.05.2021, 10:5103.07.2021, 21:19

Die USA dominieren die Smartphone-Welt. Ein Blick auf die letzte Erhebung des Analysedienstes Statista zeigt, was wir seit Jahren wissen: Auf rund 72 Prozent der weltweiten Smartphones läuft Googles Android. Danach folgt Apples iOS mit 27 Prozent und weit abgeschlagen, im einstelligen Prozentbereich, das aus Hongkong stammende KaiOS. Die restlichen Betriebssysteme haben einen so verschwindend kleinen Anteil, dass sie zusammen nur 0,5 Prozent ausmachen.

Diese Dominanz, so unüberwindbar sie scheint, könnte nun aber Risse bekommen. Davon betroffen ist Android und ironischerweise hat ausgerechnet ein US-Entscheid zu dieser Ausgangslage geführt: Als Donald Trump im Mai 2019 Huawei auf die schwarze Liste setzte, hat er etwas in Gang gesetzt, das sich nun als bisher grösste Bedrohung für Googles Android erweisen könnte. Im Juni wird Huawei sein eigenes Betriebssystem HarmonyOS grossflächig veröffentlichen und sich damit als dritte Kraft hinter Android und iOS etablieren.

Obwohl Huawei sagt, man entwickle HarmonyOS seit 2016, <a target="_blank" rel="follow" href="https://www.watson.ch/digital/huawei/709780825-harmonyos-ist-nur-eine-android-kopie-das-sagt-huawei-zu-den-vorwuerfen">hat der Blog Ars Technica herausgefunden</a>, dass es sich zumindest bei der Betaversion von Anfang Jahr nur um einen Android-Fork gehandelt hat. Huawei sagt dazu, dass man zwar auf dem Android-Kernel aufbaue, dieser später aber durch einen selbst entwickelten Mikrokernel ersetzt werde.
Obwohl Huawei sagt, man entwickle HarmonyOS seit 2016, hat der Blog Ars Technica herausgefunden, dass es sich zumindest bei der Betaversion von Anfang Jahr nur um einen Android-Fork gehandelt hat. Huawei sagt dazu, dass man zwar auf dem Android-Kernel aufbaue, dieser später aber durch einen selbst entwickelten Mikrokernel ersetzt werde.
Bild: Huawei

Huawei ist bereit, Opfer zu bringen

Im ersten Moment wirkt das nicht wirklich wie eine Bedrohung für Android. In der Vergangenheit sind unter anderem Microsoft und Samsung mit ihren eigenen Betriebssystemen grandios gescheitert. Doch die Ausgangslage, unter der Huawei sein HarmonyOS startet, ist eine völlig andere, als es dies bei Windows Phone oder Tizen war.

Der offensichtlichste Unterschied ist, dass HarmonyOS für Huawei ein Erfolg werden muss. Der chinesische Vorzeigekonzern ist seit dem US-Bann von jeglicher Google-Software abgeschnitten und versucht sich seither mit Notlösungen durchzuschlagen. Zwar kann man mittlerweile auch mit einem Huawei-Handy ohne Google-Software-Unterbau den Alltag bestreiten, doch muss man dabei noch immer einige Kompromisse eingehen. Huawei braucht also ein Betriebssystem, das wie aus einem Guss funktioniert und kein Flickenteppich aus Übergangslösungen ist.

Um die Kriegskassen zu füllen, hat das Unternehmen zuletzt sogar seine Tochtermarke Honor verkauft und tausende Patente an andere Hersteller lizenziert. Schon fast nebenbei hat sich Huawei komplett umstrukturiert. Heute, nur zwei Jahre später, ist der Konzern im Consumer-Bereich kein Smartphone-Hersteller mehr, sondern bietet eine breite Palette an Hardware an. Nebstdem konzentriert sich Huawei vor allem auf das Cloud-Business und Elektroautos. In nur zwei Jahren ist man in China zur Nummer zwei der Cloud-Anbieter aufgestiegen und hat eine eigene Software-Lösung für Elektroautos vorgestellt. Diese nennt sich HiCar und ist Teil des HarmonyOS-Ökosystems, welches zukünftig, wenn es nach Huawei geht, auf allen smarten Geräten laufen soll.

Im Februar 2021 hat Huawei auf der MWC in Shanghai das Elektroauto Seres Huawei Smart Selection SF5 vorgestellt.
Im Februar 2021 hat Huawei auf der MWC in Shanghai das Elektroauto Seres Huawei Smart Selection SF5 vorgestellt.
Bild: keystone

Bereits jetzt sind einzelne Produkte wie ein Fernseher mit HarmonyOS erhältlich. Wenn im Juni 2021 der grossflächige Launch des Open-Source-Betriebssystems beginnt, sollen laut Huawei bis Jahresende 300 Millionen Geräte mit HarmonyOS laufen. 100 Millionen davon seien dabei keine Huawei-Geräte, sondern solche von Software-Partnern. Huawei konzentriert sich dabei vor allem auf den Bereich Smart Home und das Internet of Things (IoT). Bereits jetzt habe man dank Partnerschaften mit rund 600 Marken für Heimanwendungen weltweit rund 50 Millionen User.

Zumindest in China scheint HarmonyOS bei Firmen auf grosses Interesse zu stossen. Bisher haben unter anderem 20 Autokonzerne zugesagt, HarmonyOS bei ihren neuen Modellen einzusetzen. Darunter sind nebst Volvo auch BYD, einer der grössten chinesischen Autohersteller. Keine guten Nachrichten für Google, die mit Android ebenfalls in die Fahrzeugkabinen und vernetzten Wohnungen dieser Welt drängen.

Chinesische Hersteller beherrschen Android

Der wohl wichtigste Bereich für Google ist aber noch immer der Smartphone-Markt mit all seinen Wearables wie Smartwatches und Fitnessarmbändern. Android scheint dabei eine uneinnehmbare OS-Festung zu sein, die schon so manchen Ansturm überstanden hat.

Schaut man sich aber an, wie der Android-Markt heutzutage aufgeteilt ist, fällt schnell eine grosse Schwachstelle in dieser Festung auf. 2013, also vor nicht einmal zehn Jahren, waren die Hauptakteure der Android-Welt noch folgende:

  • HTC
  • LG
  • Sony
  • Samsung
  • Motorola

Und heute? Blickt man auf die Top 5 der Android-Hersteller, teilt sich die Android-Welt in zwei Länder:

  • Südkorea (Samsung)
  • China (Xiaomi, Oppo, Vivo, Huawei)

Andere Hersteller, die nicht aus China kommen, haben inzwischen entweder aufgegeben oder sind in der Bedeutungslosigkeit versunken.

Selbst nach dem Verkaufszusammenbruch von Huawei haben diese vier chinesischen Marken von Januar bis März 2021 39 Prozent der weltweit verkauften Handys ausgemacht. Sie alle sind in einem Tempo gewachsen, mit dem Samsung nicht mithalten kann. Weltweit gesehen stammt damit jedes zweite verkaufte Android-Handy von einer dieser vier chinesischen Marken. Und selbst die 18 Prozent Marktanteil, die sich kleinere Hersteller teilen, bestehen grösstenteils aus chinesischen Marken wie OnePlus oder Poco.

Bild: Counterpoint

Andere Smartphone-Hersteller könnten auch auf HarmonyOS setzen

Man stelle sich vor, Xiaomi, Oppo und Vivo entschieden sich, auf Huaweis HarmonyOS umzusteigen. Android wäre auf einen Schlag nur noch das zweitstärkste OS, knapp vor Apples iOS mit 15 Prozent Marktanteil. Dass dies passieren wird, scheint unwahrscheinlich – zumindest ausserhalb Chinas. Im Heimatland von Huawei ist die Situation aber eine andere und einiges deutet aktuell darauf hin, dass genau solche Überlegungen hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Ausschlaggebend ist dabei, dass Google-Services in China keine Rolle spielen. Google-Apps sind dort blockiert, das schliesst den Play Store mit ein. Für Huawei hatte das Wegfallen von Google-Diensten in China keine Auswirkungen, denn die dortige Smartphone-Welt wird von drei grossen App-Stores beherrscht:

  • Tencent MyApp
  • Oppo Software Store
  • Huawei AppGallery

Wie der Zufall es will, ist Huaweis AppGallery mit einem Marktanteil von knapp 38 Prozent die führende Bezugsquelle für Apps unter den Chinesen. Für User würde sich also nichts Wesentliches ändern, wenn Smartphone-Hersteller plötzlich von Android auf HarmonyOS wechselten. Bereits jetzt haben diverse beliebte China-Apps die dazu nötigen Huawei Mobile Services (HMS) in ihre Anwendungen integriert. Erst letzte Woche hat JD.com, sozusagen das Amazon Chinas, angekündigt, dass man HMS integriert habe und bereit für HarmonyOS sei.

JD.com Inc. ist mit 175'954 Angestellten nicht nur eine der grössten Online-Plattformen in China, sondern weltweit.
JD.com Inc. ist mit 175'954 Angestellten nicht nur eine der grössten Online-Plattformen in China, sondern weltweit.
Bild: jd.com

Zwar hat Huawei zuletzt auch in China Marktanteile verloren, da sie wegen des US-Banns kaum mehr Handys bauen können. Trotzdem hält der Konzern aktuell noch 16 Prozent Marktanteil bei den Handy-Verkäufen, knapp vor Apple mit 13 Prozent. Vor 2021 hatte Huawei die Verkaufscharts in China seit Jahren mit teilweise weit über 30 Prozent Marktanteil angeführt. Nach der Umstellung auf HarmonyOS ist das Betriebssystem dank Huaweis Marktmacht also sofort die Nummer zwei vor iOS und hat auch noch den reichweitenstärksten App-Store im Gepäck.

So sieht HarmonyOS aus:

Für chinesische Smartphone-Anbieter (und den chinesischen Staat) ist das eine attraktive Ausgangslage: Endlich hat man ein eigenes OS, das mit Android mithalten kann und die Abhängigkeit von den USA reduziert. Spätestens nach dem Huawei-Bann dürfte die chinesische Smartphone-Branche gemerkt haben, wie wichtig diese Unabhängigkeit ist. Auch Xiaomi hat von den Vereinigten Staaten bereits einen Schuss vor den Bug erhalten: Noch im Januar hatte Trump kurz vor seinem Amtsende das Unternehmen auf eine andere schwarze Liste setzen lassen. Diese untersagte es US-Investoren, Xiaomi-Aktien zu kaufen. Im Mai hat die US-Regierung diesen Schritt wieder rückgängig gemacht.

Da wirkt es wenig überraschend, dass vor Kurzem ein Video auf YouTube aufgetaucht ist, das ein Xiaomi-Handy mit HarmonyOS zeigen soll. Zu sehen ist der Boot-Screen, mit einem «Powered by HarmonyOS»-Schriftzug und anschliessender Logo-Animation. Zwar konnte die Authentizität des Inhalts bisher nicht verifiziert werden, allerdings gibt es seit einigen Wochen Gerüchte, wonach andere chinesische Handy-Hersteller mit Huawei wegen HarmonyOS im Gespräch seien.

Besagtes Video:

Erstmals darüber berichtet hat ein bekannter Leaker auf dem chinesischen Twitter-Pendant Weibo. Da er in der Vergangenheit immer wieder mit grossen Leaks recht behielt, gilt er als zuverlässig. Demnach sollen mehrere namhafte Hersteller mit Huawei in Gesprächen sein. Xiaomi ist dabei der bekannteste Brand, der in diesem Zusammenhang genannt wird. Weitere geleakte Marken sind die eher kleinen Hersteller Meizu und ZTE.

Selbstverständlich dementieren alle Unternehmen die Gerüchte, Xiaomi hat sich bisher überhaupt nicht dazu geäussert. Huawei indes tut die Leaks zwar als unwahr ab, betont aber gleichzeitig, dass HarmonyOS für andere Hersteller offen sei. Entsprechend ist das Unternehmen aktuell dabei, HarmonyOS für Chipsätze von Qualcomm und MediaTek anzupassen. Die Mehrheit der chinesischen Smartphones läuft mit Chips dieser beiden Marken.

HarmonyOS könnte die US-Vorherrschaft brechen

Das alles sind im Moment noch Spekulationen. Dass Google die Entwicklung aber mit Besorgnis beobachten dürfte, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Huawei hat in den letzten Jahren hunderte Millionen Handys verkauft. Mitte 2020 hatte sich Huawei trotz US-Bann sogar kurzzeitig den Smartphone-Thron erobert. Aktuell sollen weltweit rund 500 Millionen Huawei-Smartphones in Gebrauch sein – mehr als die Hälfte davon seien Mittelklasse- bis High-End-Geräte.

Nach eigenen Aussagen verzeichnete Huawei im März 2021 weltweit 530 Millionen täglich aktive User in seiner AppGallery. Huawei hat also bereits eine riesige User-Basis, wenn es sein eigenes Betriebssystem ausrollt. Das macht HarmonyOS zwar sofort zur dritten Kraft hinter iOS, aber zum Durchbruch reicht das wohl nicht. Das weiss man auch bei Huawei. So sagte Yang Haisong, Vizepräsidentin des Huawei-Consumer-Business, an einem HarmonyOS-Event, das am 18. Mai stattfand:

«Die Entwicklung des Betriebssystems ist nur ein Wassertropfen im Eimer und die Fertigstellungsrate beträgt nur 1 Prozent. Die restlichen 99 Prozent hängen von den Industriepartnern und ihrer Bereitschaft ab, das Betriebssystem zu übernehmen».

Anders sieht es aus, sollten sich die Gerüchte bewahrheiten, dass andere chinesische Smartphone-Hersteller auf HarmonyOS umsteigen. Entscheiden sich Xiaomi, Oppo und Vivo dazu, tun sie das zuerst ausschliesslich in China. Ausserhalb des Heimatlandes werden sie ihre Geräte noch immer mit Android und Google-Services verkaufen. Da Google in China sowieso verboten und Stock-Android ohne Google-Software lizenzfrei ist, scheint das für Google im ersten Moment kein grosser finanzieller Verlust zu sein.

Die Symbolwirkung, die das aber hätte, ist beträchtlich: Huawei, Xiaomi, Oppo und Vivo machen 78 Prozent des chinesischen Marktes aus. In China gab es 2020 über 1,6 Milliarden abgeschlossene Mobilfunkverträge. Damit käme HarmonyOS potenziell auf über einer Milliarde Endgeräten zum Einsatz. Dadurch wäre ein Betriebssystem, das nicht aus den USA ist, erstmals auf Augenhöhe mit Android und iOS, was die Nutzerzahlen angeht.

Ein langer Weg nach Europa, aber nicht unmöglich

In Europa und den USA dürfte HarmonyOS aber selbst mit dieser User-Basis vorerst keine Chance gegen Android und iOS haben. Zu wichtig sind hierzulande fehlende US-Apps wie YouTube oder WhatsApp. Allerdings ist es gut möglich, dass sich Huawei zuerst auf aufstrebende Smartphone-Märkte konzentriert. Länder wie Indien oder Brasilien sind riesige Wachstumsmärkte, da viele Menschen dort noch kein modernes Smartphone haben. Dasselbe gilt für den afrikanischen Raum, wo laut dem Analysedienst Counterpoint 9 der 20 vielversprechendsten Wachstumsmärkte für Handys beheimatet sind.

Schafft es Huawei, in diesen lokalen Regionen die wichtigsten Apps in ihre AppGallery zu bringen, könnten günstige Smartphones mit HarmonyOS rasch Verbreitung finden. Dass dies funktionieren kann, zeigt das Beispiel KaiOS. Obwohl es weltweit gesehen keine Rolle spielt, hat es sich in Indien mit 100 Millionen Usern als dritte Kraft hinter Android und iOS etablieren können. Das liegt daran, dass das Betriebssystem auf günstigen Feature Phones zum Einsatz kommt. Hat HarmonyOS auch ausserhalb Chinas genügend Nutzer, werden grosse US-App-Entwickler wohl bald von sich aus bei der US-Regierung lobbyieren, um ihre Apps auf HarmonyOS veröffentlichen zu dürfen.

Pikant ist aber bei alledem: Stehen genug chinesische Hersteller hinter HarmonyOS, können diese anfangen, neue technische Standards durchzusetzen. Diese würden wohl eher früher als später auch den Weg in den westlichen Digital-Alltag finden – ein Szenario, vor dem es den USA graut und welches Trump mit dem Huawei-Bann eigentlich verhindern wollte.

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