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Wer hat in 20 Jahren noch einen Job? Wir haben drei Zukunfts-Expertinnen gefragt

Bild: EPA/EPA



Dank der Digitalisierung tragen wir heute Musiksammlungen mit uns herum, die den Umfang jedes normalen 90er-Jahre-CD-Ladens sprengen.

Dank der Digitalisierung haben wir jederzeit Zugriff auf die aktuellsten Nachrichten (hallo watson!) und ganze Enzyklopädien.

Dank der Digitalisierung können wir auf dem stillen Örtchen mit ein paar wenigen Klicks die Ferien buchen.

Doch die Digitalisierung bereitet vielen Leuten auch Stirnrunzeln. Sie sorgen sich um ihren Arbeitsplatz. 

Deshalb haben wir bei drei Expertinnen nachgefragt, wer in 20 Jahren noch einen Job hat – und was die anderen tun. Die drei Antworten, so unterschiedlich sie sind, machen Mut.

Prof. Dr. Patricia Wolf

«Welche anderen?»

Bild: Jonas Weibel

Prof. Dr. Patricia Wolf ...

... ist Leiterin des Zukunftslabors CreaLab und Forschungskoordinatorin des Instituts für Betriebs- und Regionalökonomie an der Hochschule Luzern.

Die Frage, wer in 20 Jahren noch einen Job hat, ist nicht so leicht zu beantworten, weil generell unklar ist, wohin sich die Gesellschaft entwickelt. «Vorhersagen» schwanken zwischen den Extremen von Überwachungs- und Selbstverwirklichungsszenarien.

Im Selbstverwirklichungsszenario hätten Personen mit höheren kognitiven Fähigkeiten und sehr hohem Agilitätsquotienten einen Job, die sogenannten Wissens- und Kreativarbeitenden. Dazu kämen Personen mit hohen sozio-emotionalen Fähigkeiten, die sie besonders geeignet machen zum Pflegen, Kümmern, Motivieren, Beraten. Und natürlich jene mit technischen und ICT-Fähigkeiten, denn technologische Infrastrukturen müssen unterhalten und entwickelt werden. Alles Dinge, welche Menschen besonders gut können.

Im Überwachungsszenario arbeitet in 20 Jahren jede und jeder die Aufgaben ab, welche ihm oder ihr zugewiesen werden. Die Aufgaben sind ähnlich wie im Selbstverwirklichungsszenario, nur sind die Menschen isoliert voneinander, Zusammenhänge zwischen Aufgabenpaketen blieben intransparent, und der Sinn der Arbeit unklar.

Neben diesen beiden gibt es noch eine Vielzahl anderer vorstellbarer Zukünfte: Was wäre noch Arbeit, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe? Was passiert im Fall einer Naturkatastrophe oder einem Weltkrieg, wenn die Kommunikationsmittel ausfallen und die Menschen in kleinen lokalen Gemeinschaften zusammenleben?

Zum zweiten Teil der Frage: Was tun die anderen? Hier gibt es eine recht eindeutige Antwort: Welche anderen? Es werden neue Berufe entstehen, genau wie bei den vorgängigen Gesellschaftstransformationen, Weltkriegen oder industriellen Revolutionen auch. 65 Prozent der Jobs in den USA sind beispielsweise Tätigkeiten, die es vor 25 Jahren noch gar nicht gab. Denn eines ist der Mensch: anpassungsfähig.

Karin Frick, Lic. oec.

«Mit 3D-Druckern könnten sich einzelne Haushalte weitgehend selbst versorgen.»

Bild: gdi

Karin Frick, Lic. Oec ...

... ist Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Instituts. Die Ökonomin analysiert Trends und Gegentrends in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum.

Die Frage ist, was Arbeit in 20 Jahren überhaupt noch bedeutet, wenn uns Maschinen fast alle Arbeit abnehmen. Mit Hilfe der selbstlernenden Maschinen werden wir in viel weniger Zeit viel mehr bewirken können – und zum Beispiel in vier Stunden so viel leisten, wie früher in einer Woche.

Mit 3D-Druckern könnten sich einzelne Haushalte weitgehend selbst versorgen – von T-Shirts über Tassen bis hin zu In-vitro-Fleisch. Und dank dezentral produzierter Solarenergie und «umgekehrten» 3D-Recycling-Druckern wären auch Ressourcen nahezu unbeschränkt verfügbar.

In der schönen neuen Welt, in der Maschinen den Wohlstand erwirtschaften und Überfluss herrscht, könnte sich der Mensch seinen Leidenschaften widmen. So wie sich dies Karl Marx schon vor mehr als 100 Jahren erträumt hat, «heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.» Oder eben eine kleine urbane Farm, Kaffeerösterei mit Bar oder Flow-Doijo betreiben.

Selbstverständlich wird wie immer alles ganz anders kommen als geplant und so werden auch in Zukunft jene am meisten Erfolg haben, die schnell lernen, Chancen erkennen und sich an neue Situationen anpassen können – also Lebenskünstler und Menschen mit Unternehmensgeist, die mit sich selbst und den unendlichen technischen Möglichkeiten etwas anfangen können!

Als weiterführende Literatur empfiehlt Karin Frick: Peter Frase: «Four Futures. Life After Capitalism»

Prof. lic. oec. Michèle Rosenheck

«Fachwissen tritt in den Hintergrund»

bild: Laufbahnzentrum zürich

Prof. lic. oec. Michèle Rosenheck ...

... leitet als Direktorin das Laufbahnzentrum der Stadt Zürich. Zu ihren früheren Tätigkeits- und Forschungsschwerpunkten gehören «berufliche Weiterbildung», «Berufsentwicklung» und «Arbeitsmarktbeobachtung».

«Prognosen sind eine schwierige Sache. Vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.» Im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich sind wir zwar sehr nahe dran an der Arbeitswelt; aber auch wir können nicht voraussagen, wer in 20 Jahren noch einen Job haben wird und wer nicht.

Zum Arbeitsmarkt der Zukunft gibt es so viele Szenarien und Meinungen, wie Studien und Untersuchungen darüber existieren.Wir können nur einen sehr allgemeinen Schluss daraus ziehen: Es wird voraussichtlich nicht weniger, aber andere Jobs geben. Es werden mit Sicherheit andere Kompetenzen nachgefragt sein als heute.

Wie schon länger absehbar, tritt Fachwissen in den Hintergrund – es veraltet schnell und steht jederzeit ohnehin zur Verfügung. An dessen Stelle treten Meta-Kompetenzen, die befähigen mit eigenen und fremden Kompetenzen gut umzugehen und eine universelle Problemlösefähigkeit zu entwickeln, sowie Kompetenzen, die Maschinen nicht – oder auf jeden Fall nicht so rasch – erlernen können.

Es ist dabei absehbar, dass das Anforderungsniveau grundsätzlich steigen wird. Die Gefährdung von Tätigkeiten durch Automatisierung ist jedoch unabhängig vom Anforderungsniveau und auch unabhängig davon, ob es sich um manuelle oder intellektuelle Tätigkeiten handelt. So wird qualitativ hochwertiges Handwerk an Bedeutung gewinnen, gerade in Kombination mit Routine-Tätigkeiten, die von Robotern übernommen werden. Dagegen werden auch kognitiv anspruchsvolle Arbeiten mit repetitivem Charakter zusehends von Maschinen übernommen.

Letztlich heisst diese Entwicklung: Die «unique selling propositions USP» des Menschen, um es in der Marketing-Sprache auszudrücken, treten in den Vordergrund. Beispielsweise Soft Skills, also soziale Kompetenzen wie Empathie, Kommunikations- oder Kooperationsfähigkeit, Menschenkenntnis, Verhandlungsgeschick oder Überzeugungskraft.

Es ist selbstredend, dass digitale Kompetenzen ebenfalls zwingend ins Portfolio gehören – nicht nur für IT-Spezialisten: vom grundlegenden Verständnis, was die Digitalisierung für mich und meinen Beruf bedeutet, bis hin zu deren Anwendung sind sämtliche Kompetenzen für alle unerlässlich. Besonders gefragt werden Kompetenzen an der Schnittstelle von Mensch und Maschine sein: Entwicklung, Planung und Steuerung von Computern und digitalen Prozessen.

Hier tritt eine weitere neue Anforderung ins Spiel: das Mitwirken in und Gestalten von Co-Kreation. Gemeint ist Zusammenarbeit und der Austausch zwischen Mensch und Computer, aber auch zwischen Menschen – beispielsweise in der IT-unterstützten Problemlösung in interdisziplinären Teams, oder der, ebenfalls computergestützten, Produktentwicklung im Austausch mit Kunden.

Die daraus entstehenden Kompetenzanforderungen sind vielfältig: Systematische Problemlösung, konzeptionelles und vernetztes Denken, Einnehmen einer Gesamtschau beispielsweise. Flexibilität, Beweglichkeit und Kreativität sind weitere entscheidende Kompetenzen: Kreative, überraschende Lösungen und neue Ideen entwickeln, Kreativität und Flexibilität aber auch im Umgang mit der eigenen Laufbahn.

Wer über ein breiteres Einsatzgebiet verfügt, sich rasch in neue Aufgaben einarbeiten kann (und will), bereit ist, seine Kompetenzen zu erweitern und sich immer wieder neu zu erfinden – auch im gesetzten Alter – hat gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt von morgen.

Wir werden uns damit anfreunden müssen, dass gewohnte Strukturen aufgeweicht werden. Die gradlinige Laufbahn, der klassische 8-to-5-Job im Anstellungsverhältnis verlieren den prototypischen Charakter; an deren Stelle treten unterschiedliche Beschäftigungsformen («gigworker»), flexible Arbeitszeiten und –orte, Laufbahnen mit ganz unterschiedlichen Stationen, Unterbrüchen und Umwegen.

Das alles kann risikobehaftet, anstrengend und anspruchsvoll klingen. Wir werden «career management skills» entwickeln müssen: Fähigkeiten, die mir erlauben, die Verantwortung für meine eigene Laufbahn zu übernehmen, sie zu gestalten, die eigenen Ressourcen weiter zu entwickeln und mit Unsicherheiten wie auch mit Rückschlägen umzugehen.

Im Laufbahnzentrum entwickeln wir zur Zeit Modelle und Instrumente, um genau diese Kompetenzen bei Jugendlichen und Erwachsenen zu fördern – damit sie gerüstet sind für eine herausfordernde, aber auch spannende Zukunft.

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