«Glaube, wir haben viele Türen geöffnet»: Wie die Schweizer von 1994 zu Pionieren wurden
«Ich glaube tatsächlich, dass wir viele Türen geöffnet haben», sagt Yvan Quentin, der unverzichtbare linke Aussenverteidiger der Schweizer Auswahl von 1994 in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. «Nach dieser Weltmeisterschaft wurden die Schweizer Spieler vermehrt von ausländischen Vereinen umworben», erklärt Quentin. «Die Schweizer Nationalmannschaft hat natürlich davon profitiert.»
1994 schaffte es das Nationalteam, ein ganzes Land mit seinen Fussballern zu versöhnen. Da war zuerst der Freistoss von Georges Bregy im Eröffnungsspiel gegen die USA (1:1) und vier Tage später das Spiel, von dem man sich noch heute gern Geschichten erzählt: das 4:1 gegen das von Gheorghe Hagi angeführte Rumänien. Es gilt bis heute als «das» gelungenste Spiel, das jemals von einer Schweizer Nationalmannschaft bestritten wurde. «Zusammen mit dem Sieg gegen Spanien im Jahr 2010», korrigiert Quentin.
Mehr noch als der Sieg an sich ist dem heute 56-Jährigen das Stadion in Detroit in Erinnerung geblieben, in dem die Schweiz ihre ersten beiden WM-Partien spielte: «Es war gigantisch. Wir waren es damals nicht gewohnt, in einer solchen Arena zu spielen. Der Eindruck, dass in den USA alles überdimensioniert war, hat uns wirklich während unseres gesamten Aufenthalts begleitet.»
Alain Sutter, der Überflieger
Gegen Rumänien war es Alain Sutter, der in der 16. Minute mit einem unhaltbaren Rechtsschuss vom Rand des Strafraums den Torreigen eröffnete. Der heutige Sportchef der Grasshoppers war der X-Faktor dieser Schweizer Mannschaft. «Er hatte gerade sein erstes Jahr in der Bundesliga bei Nürnberg hinter sich, bevor er bei Bayern München unterschrieb. Er hatte an Muskelmasse zugelegt», betont Yvan Quentin. «Er war den anderen wirklich überlegen.»
Leider fehlte Alain Sutter wegen eines verletzten Zehs im Achtelfinal in Washington gegen Spanien. Ihn im dritten Gruppenspiel gegen Kolumbien von Beginn weg spielen zu lassen, obwohl die Qualifikation der Schweiz bereits sicher war, war zweifellos ein Fehler. Ohne den starken Mittelfeldspieler musste sich die Schweiz 0:3 geschlagen geben. Tore von Fernando Hierro (15.), Luis Enrique (74.) und Aitor Begiristain (86.) sorgten für das klare Verdikt.
Der absurde Vorwurf
32 Jahre nach dieser Niederlage weist Yvan Quentin die Stammtischtheorie entschieden zurück, wonach die Schweizer Spieler an jenem 2. Juli 1994 nur einen einzigen Wunsch im Kopf gehabt hätten: so schnell wie möglich nach Hause zurückzukehren. «Es stimmt, dass die Vorbereitung sehr lang war. Wir waren noch vor Beginn dieser Weltmeisterschaft nach Kanada gereist», erinnert sich der 41-fache Nationalspieler. «Aber wir waren bereit, noch ein oder zwei Wochen länger zu bleiben. Wer kann schon glauben, dass wir uns gesagt hätten: 'Wir lassen es gegen Spanien schleifen und fahren morgen nach Hause!' Das ist absurd. Ich erinnere mich, dass wir vor dem 0:1 eine sehr gute Chance hatten. Nach dem Tor von Hierro wurde es sehr kompliziert.»
Als wichtigen Faktor für die trotz Achtelfinal-Out erfolgreiche WM 1994 sieht Quentin die Harmonie innerhalb des Teams. «Diese verdankten wir Roy Hodgson und dem Goalietrainer Mike Kelly. Sie nahmen sich die Zeit, mit allen Spielern zu sprechen, auch mit denen, die nicht spielten.»
Nebst Ruhm gab es für die 22 WM-Fahrer auch einen beachtlichen finanziellen Zustupf. Für Quentin entsprachen die damals erhaltenen Prämien praktisch seinem Jahresgehalt beim FC Sion. Heute stellt sich die Frage nach den Prämien in der Schweizer Nationalmannschaft angesichts der Lohnentwicklung in den Klubs nicht mehr wirklich. «In dieser Hinsicht war es wirklich eine andere Zeit», schmunzelt Yvan Quentin. (riz/sda)
