«Die FIFA weiss, dass eine WM in Diktaturen einfacher zu organisieren ist»
Zum dritten Mal in Folge ist uneingeschränkte Vorfreude auf die WM schwierig – erneut gibt es Boykottaufrufe. 2018 fand die WM in Russland statt. Das Land hatte vier Jahre zuvor die ukrainische Halbinsel Krim annektiert. 2022 fungierte Katar als Gastgeber mit Stadien, bei deren Bau Tausende Gastarbeiter ums Leben kamen.
Und jetzt findet die WM in Kanada, Mexiko und den USA statt, deren Präsident die Entführung eines anderen Staatschefs angeordnet und sein Land in einen Krieg geführt hat, der die ganze Welt betrifft. Dämpfend für die Vorfreude kommt noch das Gebaren des FIFA-Präsidenten Gianni Infantino hinzu. Der eigens geschaffene Friedenspreis für den US-Präsidenten Donald Trump ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.
Für Fussballfans ist es schade, wofür die eigentlich so tolle Idee eines Turniers für alle Länder der Welt mittlerweile alles herhalten muss. Doch diese Entwicklung begann schon in den frühen Jahren der WM-Geschichte. Dies zeigen Carlos Gomes und Glenn Jäger in ihrem Buch «Griff nach Gold» im Detail auf. Jäger sprach vor dem Beginn der WM 2026 in Nordamerika mit watson über die Vergangenheit der Fussball-WM und wagte auch einen (düsteren) Ausblick in die Zukunft.
Die FIFA scheint sich von Beginn an gerne mit Diktatoren umgeben zu haben. Wie erklären Sie sich das?
Glenn Jäger: Es gab vor einigen Jahren aus der FIFA mit Blick auf die WM in Katar oder in Saudi-Arabien, die 2034 ansteht, die Einschätzung, dass sich ein Turnier in einer Diktatur einfacher organisieren lässt. Je mehr Mitspracherecht das Volk hat, desto komplizierter wird es. Das hat man gerade auch in Hamburg erlebt, wo gegen die Olympischen Spiele gestimmt wurde.
Das hat ja schon früh angefangen mit der WM 1934 im Italien von Benito Mussolini. Wie stark liess sich die FIFA damals schon instrumentalisieren?
Die WM 1934 war einer der Tiefpunkte in der Geschichte. Es wurde vor den Spielen mit dem faschistischen Gruss gegrüsst. Die Schiedsrichterleistungen waren in einem Ausmass umstritten, dass man sagen kann, dass Italien zum Titel getragen wurde. Mussolini hat das ganze Turnier massiv ausgeschlachtet und die FIFA hat das in jeder Hinsicht mitgemacht.
War die WM also schon immer politisch belastet?
Ja, sicher ab dieser zweiten Weltmeisterschaft im Jahr 1934. Die wurde nach Italien vergeben, als Mussolini bereits an der Macht war. Und eigentlich war der Plan einiger FIFA-Funktionäre, die WM 1942 an Nazi-Deutschland zu vergeben. Dieser fiel dann aber dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zum Opfer.
Griff nach Gold, Carlos Gomes / Glenn Jäger, 415 Seiten, ISBN 978-3-89438-867-6.
Welche Turniere stechen in dieser Hinsicht noch heraus?
1978 in Argentinien. Da hat zwei Jahre zuvor ein Militärputsch stattgefunden und die Junta unter Jorge Videla hat das Turnier und den argentinischen Triumph für sich ausgekostet und als grossen Propagandaerfolg gefeiert. Auch da gibt es sehr deutliche Hinweise auf Interventionen gar bis zum ehemaligen US-Sicherheitsberater Henry Kissinger, als Argentinien in der Zwischenrunde einen hohen Sieg gegen Peru benötigte und am Ende 6:0 gewann und so in den Final einzog. Es gibt aber auch weniger bekannte Geschichten …
Bitte!
Vier Jahre zuvor traf Chile im interkontinentalen Playoff in der WM-Qualifikation auf die UdSSR. Chile war damals unter Militärgeneral Augusto Pinochet ebenfalls eine Diktatur und das Spiel hätte in einem Stadion stattfinden sollen, in welchem kurz zuvor noch Gefangene interniert waren.
Und die FIFA hat das einfach so passieren lassen?
Ja, die FIFA hatte die Bedingungen für gut befunden. Die Sowjetunion weigerte sich jedoch, dort zu spielen, und so qualifizierte sich Chile kampflos für die WM 1974 in Deutschland. Es wirft ebenfalls kein gutes Licht auf die FIFA, wie sie sich mit den dortigen Verhältnissen arrangiert hat.
Dann liess der Weltfussballverband den Diktatoren einfach freie Hand?
Das kann man mehr oder weniger so sagen. Sie haben auch die WM 1982 an Spanien vergeben, als Franco noch an der Macht war. Während es von Fans oder aus der Bevölkerung immer wieder Protestaktionen gab, zum Beispiel 1974 in Deutschland unter dem Motto «Chile Si, Junta No», hat sich die FIFA selten mit Ruhm bekleckert.
Nach den ab 1990 politisch eher unbehafteten Weltmeisterschaften hat sich das Blatt seit 2018 wieder gewendet. Woher kommt das?
Da ist natürlich sehr viel Geld im Spiel. Bei Katar wurden mehrere Bestechungsvorfälle dokumentiert. Dass sich Saudi-Arabien mit der FIFA gut arrangiert hat, liegt einerseits an der politischen Strategie des Landes, aber andererseits natürlich an den ungeheuren Summen an Geldern. Da findet eine Verschiebung von Interessen beim Weltfussballverband statt.
War die FIFA nicht immer davon getrieben, möglichst hohe Gewinne zu machen, wenn sie sich schon früh Diktatoren angedient hat?
Diese massive Kommerzialisierung setzt vor allem ab der WM 1986 ein. Bei den Weltmeisterschaften 1934 oder auch 1978 waren die Profite noch nicht so ausschlaggebend. 1986 in Mexiko spielten dann aber plötzlich die Übertragungsrechte eine grosse Rolle. Da beschwerten sich dann auch Spieler wie Diego Maradona, dass sie in der mexikanischen Mittagshitze spielen mussten, damit die Spiele zur besten Sendezeit in Europa gezeigt werden konnten. Ab da waren die kommerziellen Interessen plötzlich viel höher als früher noch.
Wie blicken Sie angesichts der jüngeren Entwicklung in die Zukunft?
Sehr optimistisch stimmt das einen nicht. Gerade wenn man sich die Vergabe nach Saudi-Arabien ansieht und die Interessen, die dahinterstehen. Was die grundsätzlichen privatwirtschaftlichen Interessen anbelangt und auch die Kapriolen, die der ganze Fussball und die FIFA schlagen, sehe ich im Moment wenig Hoffnung, woher die Wende kommen soll. Aber wer weiss: Es gibt immer wieder Fan-Initiativen, die dagegen protestieren.
Haben diese aber jemals etwas bewirkt?
Da fällt mir nichts ein. Natürlich werden Themen auf die öffentliche Agenda gebracht, wie zum Beispiel 1974 oder 1978 mit den Protesten gegen die Juntas in Chile und Argentinien oder auch 2022 in Katar. Aber auch das hat nicht wirklich zu einem Umdenken geführt.
