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Interview

Kinderarzt: «Wenn die Schulen offenbleiben, wird die Durchseuchung beträchtlich sein»

Kinderarzt Daniel Vilser sieht täglich extrem müde Kinder in seiner Long-Covid-Sprechstunde im Spital im Deutschen Jena. Drei Monate nach dem ersten Interview mit CH Media ist nun die Kinderimpfung da und wir haben neue drängende Fragen.
07.01.2022, 12:2007.01.2022, 12:29
Sabine Kuster / ch media
Der Nutzen der Coronaimpfung überwiegt selbst bei den Jüngsten, findet Kinderarzt Vilser.
Der Nutzen der Coronaimpfung überwiegt selbst bei den Jüngsten, findet Kinderarzt Vilser.Bild: keystone

Empfehlen Sie, die Kinder unter zwölf Jahren impfen zu lassen?
Daniel Vilser:
Ja, natürlich. Die Kinder vertragen die Impfung sehr gut, haben wir festgestellt, das deckt sich mit den Zahlen aus Amerika, wo bei fünf Millionen Kindern keine relevanten Nebenwirkungen aufgetreten sind. Ist die Impfung in der Schweiz zugelassen?

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Ja, aber die Termine ziehen sich mancherorts bis Ende Februar hin. Da fragt man sich: Infizieren sich die Kinder bis dahin nicht ohnehin?
Wenn die Schulen offenbleiben, muss man davon ausgehen, dass die Durchseuchung bis dann beträchtlich ist.

Sollten die Schulen schliessen?
Ich bin nicht sicher, ob sich mit den wenigen schwer verlaufenden Infektionen bei Kindern oder ihren glücklicherweise ebenfalls seltenen Nachwirkungen ein so schwerer Einschnitt begründen lässt. Wovon man allerdings ausgehen muss, ist, dass die Kinder erheblich zur aktuellen Dynamik der Pandemie beitragen. Somit wäre dies eine politische Entscheidung zum Schutz vor allem der ungeimpften Erwachsenen.

Nützt die Impfung gegen Omikron?
Natürlich ist der Infektionsschutz gegenüber Omikron unsicherer, aber ich gehe davon aus, dass Personen, also auch Kinder, die zweifach geimpft sind, für die nächsten Wochen einen ebenso guten Schutz haben wie Geboosterte. Der Antikörperspiegel fällt ja erst mit der Zeit wieder ab. Und auch wenn schwere Erkrankungen und Tod selten sind bei Kindern, kommen sie vor. Wenn wir nun eine Impfung haben, die sehr gut vertragen wird, dann ist der Vorteil der Impfung aus meiner Sicht klar und deutlich.

Kinderarzt und Long-Covid-Spezialist Daniel Vilser.
Kinderarzt und Long-Covid-Spezialist Daniel Vilser.Bild: Ukj, Michael Szabo

Was sollen Eltern von unter 5-jährigen Kindern tun? Sollen sie diese aus der Kindertagesstätte nehmen?
Nein, das wäre aus meiner Sicht nicht richtig. Auch hier finde ich, dass die Nachteile für die Kinder überwiegen.

Gibt es auch einen Impfschutz gegenüber Long Covid? Bei den Erwachsenen waren die Studien ernüchternd – eine sah bei Durchbruchsinfektionen eine Reduktion der Fälle um die Hälfte, eine Studie aus Oxford bei vielen Symptomen gar keine.
Wer die Infektion nicht bekommt, bekommt auch kein Long Covid. Das ist die wichtigste Aussage dazu. Und die Oxford-Studie fand zwar nicht für alle Symptome eine signifikante Reduktion, für viele aber zumindest einen positiven Trend. Für Kinder gibt es solche Untersuchungen leider noch nicht.

Jördis Frommhold, Long-Covid-Ärztin an der Reha-Klinik Heiligendamm, sagte letzte Woche im «Focus», es gebe unter den 3000 Long-Covid-Patienten, die in ihrer Klinik behandelt worden seien, nur sporadisch Geimpfte.
Auch diese Beobachtung spricht für den Impfschutz gegenüber der Infektion und damit auch Long Covid. Jördis Frommhold hat hier eine sehr grosse Expertise seit Beginn der Pandemie.

Aber wie kann man das Risiko von Long Covid vermeiden in der Zeit von Omikron?
Bei der Kinderimpfung geht es primär darum, alle Folgen einer Sars-CoV-2-Infektion zu verhindern. Long Covid ist aus meiner Sicht nicht der einzige Grund für eine Impfung.

Warum nicht? Sie behandeln doch gerade jene Langzeitfälle?
Aber sie sind selten und haben meist eine gute Prognose, wenn auch mit manchmal sehr langer und erheblich beeinträchtigender Leidenszeit.

Was weiss man über Omikron?
Es sieht danach aus, als wäre die Variante für Kinder vielleicht doch nicht schlimmer als Delta. Denn gerade bei den vielen Hospitalisationen in den USA sind viele Fälle bekannt geworden, wo Kinder nicht wegen der Coronainfektion eingewiesen wurden, sondern routinemässig darauf getestet wurden. Das Virus ist infektiöser und wird womöglich rein deswegen nun häufiger bei hospitalisierten Kindern gefunden. Die wenigsten sind schon geimpft. Bei den Erwachsenen gibt es gute Daten, die einen milderen Verlauf zeigen. Ob es auch weniger Leute gibt, die mit einer Verzögerung von zwei, drei Wochen Fatigue und kognitive Symptome bekommen, kann man noch nicht sagen.

«Corona ist schon speziell. Es hat Auswirkungen, die andere Viren nicht haben, wie den Geruchsverlust. Auch die Häufigkeit der Folgeerkrankungen ist eindrücklich.»

Was ist mit dem Entzündungssyndrom PIMS?
Diese Frage interessiert mich am meisten. Wir haben unter Delta einen leichten Rückgang dieser Fälle gesehen. Die Entwicklung bei Omikron steht noch aus, weil PIMS erst drei bis sechs Wochen nach der Infektion auftritt.

Es wurde ein schwerer Fall beschrieben, wo sich die weisse Hirnmasse verändert hatte. Werden alle Kinder wieder ganz gesund?
Ich kenne keine Studie, die zeigte, dass Kinder nach milden Infektionen Gehirnschäden hätten. Nach einer schweren Infektion kennt man das. Wir hatten ein Kind hier, das wegen der Coronainfektion reanimiert werden musste und über Wochen an der künstlichen Herz-Lungen-Maschine lag. Das hatte dann einen Gehirnschaden. Das war nicht coronaspezifisch, sondern der schweren Erkrankung des ganzen Systems mit Reanimation geschuldet, und kann auch bei anderen Erregern vorkommen.

Man hört aber, Corona sei nicht nur eine Lungenkrankheit, sondern könne überall Schäden anrichten. Wie speziell ist das Virus?
Corona ist schon speziell. Es hat Auswirkungen, die andere Viren nicht haben, wie den Geruchsverlust. Auch die Häufigkeit der Folgeerkrankungen ist eindrücklich. Doch man kennt die Fatigue als Folgeerkrankung auch nach Infektionen wie dem Epstein-Barr-­Virus. Systemische Reaktionen, bei denen alle Organe betroffen sind, gibt es ebenfalls viele andere bei Kindern.

Wie sind die Heilungschancen bei Kindern?
Long Covid verhält sich diesbezüglich bisher nicht anders als andere postvirale Syndrome: Bei den meisten wird es besser, es kann aber Monate dauern.

Sehen Sie auch Verschlechterungen?
Ja, das gibt's. Es kann sich bis zum schweren Krankheitsbild ME/CFS entwickeln.

Wie viele sind das?
Die weitaus wenigsten der Long-Covid-Kinder. Und wir reden ja schon von einem niedrigen Prozentbereich von 1 bis 2 Prozent der Kinder, die überhaupt Long Covid haben.

Christian Drosten hat von 4.5 Prozent bei Kindern gesprochen, Jördis Frommhold von 6 Prozent.
Die Datenlage ist noch so dünn, sodass man seriös nur einen Bereich angeben kann, in dem sich das Krankheitsgeschehen vermutlich abspielt. Je nachdem, auf welche Studie man sich bezieht und welchen Schweregrad man einbezieht, gibt es Variationen. Ich beziehe mich auf das unterste Ende, quasi als Minimum, mit dem man zu rechnen hat. Sicher kommt Long Covid seltener vor als bei Erwachsenen.

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114 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Parageiss
07.01.2022 13:01registriert Juli 2017
Die Schulen schliessen, um ungeimpfte Erwachsene zu schützen. Sicher nicht!
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⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡
07.01.2022 12:56registriert Januar 2014
Mir sind die ungeimpften Erwachsenen egal, ich lasse meine Kinder dennoch impfen.
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Hugentobler
07.01.2022 12:48registriert Dezember 2016
So what?

Ist doch gut, wer geimpft ist hatte die Chance. Wer nicht geimpft ist wird die Konsequenzen ertragen dürfen.

Nach zwei Jahren ist dann auch mal gut mit Bibäbele.
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