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Die letzte Baumwollspinnerei der Schweiz, die Hermann Bühler AG in Sennhof bei Winterthur, muss schliessen. Ein Grund ist der Frankenschock.
Die letzte Baumwollspinnerei der Schweiz, die Hermann Bühler AG in Sennhof bei Winterthur, muss schliessen. Ein Grund ist der Frankenschock.Bild: KEYSTONE

Der Frankenschock ist längst nicht überwunden – vielen Industrie-KMU droht das Aus

Auf den ersten Blick hat die Schweizer Wirtschaft die Aufhebung des Euro-Mindestkurses gut verdaut. Viele Industrie-KMU aber leben von der Substanz. In einer Allianz mit Detailhandel und Tourismus wollen sie die Politik wachrütteln.
15.06.2016, 11:5316.06.2016, 16:10

War da was? Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses von 1.20 Franken durch die Nationalbank im Januar 2015 wurden düstere Szenarien entworfen. Die Schweiz werde eine Deindustrialisierung erleben, zahlreiche Jobs würden abgebaut und ins Ausland verlagert, hiess es. Knapp eineinhalb Jahre später wirken diese Prognosen wie pure Schwarzmalerei. Die Arbeitslosenquote liegt bei erträglichen 3,3 Prozent. Die Konjunkturprognosen bescheinigen der Schweizer Wirtschaft eine positive Entwicklung, auch im Exportsektor.

Alles paletti also? Nur auf den ersten Blick. Die grossen Unternehmen haben den «Frankenschock» gut absorbiert, auch wenn es da und dort zu einem Stellenabbau kam. Eine Stufe tiefer, bei den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), präsentiert sich die Lage jedoch weit weniger rosig. Swissmechanic, der Arbeitgeberverband der KMU in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM), warnt in einer Mitteilung «eindringlich vor zu viel Optimismus».

Protest gegen den Stellenabbau bei General Electric. In der MEM-Branche gingen rund 11'000 Jobs verloren.<br data-editable="remove">
Protest gegen den Stellenabbau bei General Electric. In der MEM-Branche gingen rund 11'000 Jobs verloren.
Bild: KEYSTONE

Seit der Aufhebung des Mindestkurses wurden in der MEM-Branche rund 11'000 Stellen abgebaut. «Viele Firmen haben sich mit der Situation arrangiert, aber ein relativ grosser Teil der Branche steckt in substanziellen Schwierigkeiten», erklärt Swissmechanic-Direktor Oliver Müller. Rund ein Drittel der 1400 Mitgliedsunternehmen hätten im letzten Jahr einen Verlust verbucht, und eine Mehrheit sehe auch im laufenden Jahr kein Licht am Ende des Tunnels.

Lockrufe aus Osteuropa

«Die vermeintlich positiven Signale versperren den Blick auf diese Realität», sagt Müller. Selbst Unternehmen, deren Auftragsbücher gut gefüllt sind, kommen wegen des Margendrucks nur knapp über die Runden. Oliver Müller erläutert das Problem anhand einer Metapher: «Viele Firmen fahren auf Reserve. Ab und zu können sie etwas nachtanken, aber irgendwann geht ihnen der Sprit aus.» Die Auswirkungen des Frankenschocks werde man deshalb erst in drei bis fünf Jahren sehen.

In seiner ehemaligen Firma würden 95 Prozent der Einnahmen in Euro erwirtschaftet, sagt Müller. Mit der Aufhebung des Mindestkurses seien sie schlagartig um 15 Prozent eingebrochen «und das in einer Branche, in der zehn Prozent Gewinn hervorragend sind». 2011 lag der Eurokurs bei 1.60 Franken, heute sind es 50 Prozent weniger. «Das lässt sich höchstens zu zwei Dritteln mit Produktivitätssteigerungen kompensieren», sagt der Swissmechanic-Chef.

13 Milliarden verloren
Die
am Dienstag veröffentlichte Studie «Monitor Schweiz» der Credit
Suisse unterstreicht die Probleme der Exportindustrie. Die Aufwertung
des Frankens habe die
Schweiz über 13 Milliarden Franken an Bruttoinlandsprodukt gekostet.
Geld, das heute allem voran in den Kassen der Unternehmen fehle.

Besonders
ausgeprägt sei der Stellenabbau in der Industrie gewesen, wo seit
dem ersten Quartal 2015 knapp 13'000 Vollzeitstellen verschwunden
seien, was zwei Prozent der Gesamtbeschäftigung in der Industrie
entspreche. Diesem Rückgang stehe ein
Stellenaufbau im Dienstleistungssektor gegenüber: Im Gesundheits-
und Sozialwesen seien 14'000 neue Stellen geschaffen worden. (sda)

Die befürchtete Deindustrialisierung der Schweiz ist deshalb keineswegs abgewendet, sie findet vielmehr schleichend statt. Müller kennt Unternehmen, die mit Aussicht auf Steuererleichterungen, billiges Bauland und qualifizierte Mitarbeiter nach Ostdeutschland oder Osteuropa gelockt werden: «Manche fragen sich da, ob sie wirklich in der Schweiz bleiben wollen.»

Firmen wollen Euro in der Schweiz

Dieser Entwicklung will Swissmechanic nicht tatenlos zuschauen. Der Verband strebt eine «breite Allianz» mit anderen Branchen an, die vom Frankenschock betroffen sind, vor allem Detailhandel, Gastronomie und Tourismus. Ziel ist unter anderem «die Bekämpfung der Hochpreis- und Hochkosteninsel Schweiz», wie es in der Mitteilung heisst. Konkrete Forderungen gibt es noch nicht, es finden erst lose Gespräche statt. «Aber uns läuft die Zeit davon», warnt Müller.

Explizit will man die Politik ansprechen, die «nicht einfach zum Alltag übergehen darf», sagt KMU-Vertreter Müller. Der Begriff Industriepolitik werde in der Schweiz nicht gerne in den Mund genommen, «aber wenn andere es machen, kann es dann für uns ein Tabu sein?» Der Bund sollte mehr machen, etwa in Form von Exporthilfen für KMU. Auch eine Volksinitiative «für faire Importpreise» ist in Arbeit, doch sie wird frühestens im September lanciert.

Mit dem Appell an die Politik trifft sich der KMU-Verband mit der Gewerkschaft Unia. Sie führt am kommenden Freitag ihren diesjährigen Industrie-Aktionstag durch und will ein «Manifest für den Industrie- und Werkplatz Schweiz» zuhanden des Wirtschaftsdepartements verabschieden. Explizit nimmt Unia dabei die «falsche Politik der Schweizerischen Nationalbank» und die «fehlende Industriepolitik» ins Visier.

Zwar haben Arbeitgeber und Gewerkschafter das Heu in der Regel nicht auf der gleichen Bühne. In diesem Bereich lägen Unia und Swissmechanic bei der Lagebeurteilung aber nicht weit auseinander, anerkennt Oliver Müller. Für die Rückkehr zu einem fixen Wechselkurs sei man offen: «Es gibt sogar Unternehmer, die sich für die Einführung des Euro in der Schweiz aussprechen.» Wenn selbst solche Massnahmen kein Tabu mehr sind, ist die Lage definitiv ernst.

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