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Fast menschenleer: Der sonst so überfüllte Times Square in New York.
Fast menschenleer: Der sonst so überfüllte Times Square in New York.Bild: EPA

Metropole in stiller Krise: Was macht die Pandemie aus New York?

16.04.2020, 17:03

Dieser Tage nimmt man das Fahrrad nach Manhattan. Die U-Bahn fährt noch, aber das Risiko ist zu hoch. Dutzende Mitarbeiter der New Yorker Verkehrsbetriebe sind schon gestorben. Der Weg führt also über die Queensboro Bridge nach Midtown. Über der Park Avenue erhebt sich das berühmte Met-Life-Gebäude, vor dem über Hunderte Meter weit alle Ampeln rot sind - man kann sie eigentlich ignorieren, Autos fahren eh nicht mehr viele.

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Traffic = 0: Auf der 6th Avenue ist nichts los.
Traffic = 0: Auf der 6th Avenue ist nichts los.Bild: EPA

New York. Sehnsuchtsort und Symbol für so vieles, aber sicher nicht für die Stimmung einer deutschen Kleinstadt am Feiertag. In der Nähe des verwaisten Times Square kann die wild flackernde Leuchtreklame das beklemmende Gefühl im Bauch nicht vertreiben. Man fragt sich: «Wann ist das vorbei?». Und: «Wird New York auch New York bleiben?»

«Danke an die, die für unsere Leben kämpfen», steht auf einer der überdimensionierten Anzeigetafeln, die den Times Square in der Nacht auch jetzt noch taghell erleuchten. Respekt für die Ärzte, Schwestern und Pfleger, die täglich Hunderte für tot erklären müssen.

Die erschütternden Zahlen verkündet Gouverneur Andrew Cuomo in den morgendlichen Pressekonferenzen mit fester Stimme. Viele New Yorker schauen sie im Fernsehen, auf der Suche nach Halt. «Er ist einer der wenigen Leute, denen ich vertraue, dass alles gut wird, wenn wir die Massnahmen befolgen», sagt die Architektin Catherine Wilmes, die aus ihrem Homeoffice in Brooklyn schaut. Auch der Hipster-Hotspot Williamsburg in Brooklyn ist zurzeit wie ausgestorben.

Jeden Morgen informiert Gouverneur Andrew Cuomo über die neuen Zahlen.
Jeden Morgen informiert Gouverneur Andrew Cuomo über die neuen Zahlen.Bild: AP

Cuomo vergleicht die Opferzahlen immer wieder mit dem dunkelsten Tag der neueren New Yorker Geschichte. «Der Staat New York hat am 11. September 2753 Menschen am World Trade Center verloren», steht dann auf einem Bildschirm. Darunter die Opferzahl der gegenwärtigen Katastrophe: bislang mehr als 10 000. Gerade wurde US-weit ein neuer, erschütternder Rekord aufgestellt: Knapp 2500 Tote an nur einem Tag.

Doch der Vergleich mit den Terroranschlägen und die US-Kriegsrhetorik scheinen nicht recht zu passen zur Stimmung in New York. Am 11. September 2001 brachten Dschihadisten den Terror mit einem ungeheuren Schlag auf die Strassen des Zentrums der freien Welt. Dort, wo heute der Radfahrer recht einsam an einer Gedenkstätte vorbeirollt. Im Frühjahr 2020 frass das Virus sich dagegen unbemerkt durch das dicht besiedelte New York. Keine Panik, keine Schreie, keine Trümmer.

9/11: Eine Tragödie, die die Welt nicht vergessen wird.
9/11: Eine Tragödie, die die Welt nicht vergessen wird.Bild: AP

Die Dramen der Pandemie spielen sich hinter den Fassaden der Kliniken ab. Es ist eine weitgehend stille Krise, die New York dieser Tage in Atem hält. Vermutlich sind es deshalb Bilder wie die von aufgereihten Kühllastern zum Abtransport der Leichen oder den Massengräbern auf Hart Island vor der Bronx, die Schockwellen in die Welt schicken. Sie machen das Ausmass dessen, was da gerade aus den Fugen geraten ist, für einen Moment greifbar.

Der Kampf im Hintergrund: New Yorks Spitäler sind am Limit.
Der Kampf im Hintergrund: New Yorks Spitäler sind am Limit.Bild: EPA

Catharina Nickel ist eine von mehr als acht Millionen Menschen in der Stadt, deren Leben sich quasi über Nacht verändert hat. Eigentlich wohnt die Deutsche in Brooklyn, ist aber vor Beginn der Ausgangssperren bei einer Freundin in Harlem eingezogen. Hier, im wirtschaftlich schwächeren Norden Manhattans, zeigt sich auch, wie unterschiedlich die sozialen Schichten mit dem Virus umgehen.

«Hier hat man schon das Gefühl, dass viele Leute eine Verweigerungshaltung haben», erzählt die 34-jährige UN-Angestellte. Noch immer stünden Menschen in Gruppen und ohne Mundschutz zusammen. Demgegenüber haben sich die Wohlhabenden etwa aus der Upper East Side schon lange in ihre Sommerhäuser auf Long Island abgesetzt.

Durch die leereren Strassen in Harlem hat sich nicht zuletzt auch Nickels Sicherheitsgefühl verändert. Im Dunkeln wäre sie jetzt nicht mehr gerne draussen, obwohl New York ihr sonst nie gefährlich erschienen sei. «Das, finde ich, hat sich jetzt ein bisschen geändert.» Sie hatte drüber nachgedacht, zwischenzeitlich nach Köln zu fliegen, aber das macht bei allen Reisebeschränkungen keinen Sinn. Als Deutscher im Ausland merkt man in diesen Tagen das erste Mal wirklich, wie weit man doch von der Heimat weg ist.

Mehr als drei Wochen nach Beginn der «Pause» stabilisieren sich die Zahlen der neu Infizierten in New York langsam. Eine andere Facette der Krise aber wiegt jeden Tag schwerer. Hunderttausende können die astronomischen Mieten ohne Arbeit nicht mehr zahlen, denn das Budget ist bei New Yorkern traditionell auf Kante genäht. Auch Zehntausende Läden und Restaurants kämpfen ums Überleben. Die Tour führt immer wieder an mit Brettern vernagelten Fenstern vorbei.

Die Restaurants in New York sind geschlossen.
Die Restaurants in New York sind geschlossen.Bild: EPA

«Geschäft? Von welchem Geschäft redest Du?», fragt die Mitarbeiterin in einem Waschsalon, als man ihr den vollen Wäschesack auf die Waage stellt. Mehr als zehn Kilo, schliesslich soll man so selten in die Läden wie möglich - auch, wenn man wie so viele New Yorker keine Waschmaschine besitzt. Die Frau hinter dem Schalter sagt überraschend gut gelaunt, das mache sich auch bei der Hygiene ihrer Kunden bemerkbar. Die sollten sich nicht nur immer die Hände waschen: «Hände und Arsch, das gehört zusammen!», ruft sie und lacht dreckig.

Die Wirtschaft muss wieder in Gang kommen - wenn auch nur schrittweise -, da sind sich im so tief gespaltenen Amerika ausnahmsweise mal alle einig. Aber kann New York wieder so werden, wie es einmal war? «Nein», befürchten Pessimisten. «Nein, es wird noch viel besser», sagen die Optimisten. Schliesslich ging die stolze Stadt immer wieder gestärkt aus Krisen hervor, ob nun aus der grossen Depression Ende der 1920er Jahre oder dem 11. September.

Hoffnung gibt es entlang des Weges genug. Nicht nur, wenn man von fast überall das Empire State Building sehen kann, das - angestrahlt wie ein schlagendes Herz - den Puls der Metropole aufrechterhält. Sondern auch, wenn nach 19 Uhr der tägliche Applaus für die Arbeiter in der Stadt verstummt ist, Broadway-Star Brian Stokes Mitchell an sein Fenster in der Upper West Side tritt, um «The Impossible Dream» von Andy Williams zu schmettern.

Broadway-Star Brian Stokes Mitchell
Broadway-Star Brian Stokes MitchellBild: AP

Auch Mitchell hatte Covid-19, doch er ist wieder gesund geworden. Die Stadt werde wieder auf die Beine kommen, glaubt auch Catharina Nickel: «New York und die New Yorker Seele werden sich davon wieder erholen, da bin ich mir ziemlich sicher.» (cki/sda/dpa)

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