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Stadtrat kündigt an: In New York müssen Leichen bald in Parks begraben werden

06.04.2020, 22:2506.04.2020, 22:41

Wäre der US-Bundesstaat New York ein Land, so wäre er mit Italien und Spanien ganz oben auf der Rangliste der Nationen mit den meisten bestätigten Corona-Fällen.

Rund 130'000 sind es, Stand Montagabend. Knapp 4800 Menschen sind dem Virus bislang erlegen. Das stellt die Stadt New York vor ein Problem, denn sie weiss nicht mehr wohin mit all den Verstorbenen.

In den Leichenhallen der Krankenhäuser gibt es schon lange keinen Platz mehr. Also wurden kurzerhand Kühllastwagen zu mobilen Leichenhallen umfunktioniert und vor die Spitäler gestellt. Doch auch die «Toten-Trucks» scheinen bald an ihre Kapazitätsgrenzen zu stossen.

Eine Reihe Kühllaster vor einem New Yorker Spital.
Eine Reihe Kühllaster vor einem New Yorker Spital.
Bild: EPA

Das sagt zumindest Mark Levine. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Stadtrates von New York City schlägt in einer Reihe von Tweets Alarm. Er warnt die Bevölkerung, dass nicht nur die Spitäler, sondern auch die Leichenhallen, Bestattungsunternehmen und Friedhöfe am Anschlag sind.

Sinke die Totenzahl nicht sehr bald, müsse man «temporäre Beerdigungen» einführen. Dafür müssten in einem Park in New York City Gräber ausgehoben werden.

Mark Levines Stellungnahme veranschaulicht die aktuelle Situation in New York sehr gut, deshalb haben wir uns dazu entschieden, sie im Wortlaut zu übersetzen. Das Original findest du mit einem Klick auf den Tweet.

Das Gesundheitssystem von New York City wird bis an die Grenzen des Möglichen belastet. Und traurigerweise ist das System für den Umgang mit unseren Toten jetzt auch an seine Grenzen gestossen. Auch dieses System braucht mehr Ressourcen.

All dies hat grosse Auswirkungen auf trauernde Familien. Und auf uns alle.

Das «städtische Leichenschauhaus» von NYC ist das Departement «Office of Chief Medical Examiner» (OCME), das glücklicherweise eines der Besten der Welt ist.

Aber nun haben sie es mit dem Äquivalent eines immer fortwährenden 11. Septembers zu tun. Genauso wie die Leichenhallen, Bestattungsunternehmen und Friedhöfe.

Eine typische Leichenhalle eines Krankenhauses hat eine Kapazität von 15 Verstorbenen. Sie sind mittlerweile alle voll. Deshalb wurden 80 Kühlanhänger an Spitäler in der ganzen Stadt verschickt. Jeder Anhänger kann 100 Leichen aufnehmen. Doch auch die Anhänger sind nun grösstenteils voll. Einige Krankenhäuser mussten einen zweiten oder sogar einen dritten Anhänger hinzufügen.

Trauernde Familien berichten, dass sie bis zu einem halben Dutzend Bestattungsunternehmen angerufen und keines gefunden haben, dass sich um die verstorbenen Angehörigen kümmern kann.

Friedhöfe sind nicht mehr in der Lage, die Anzahl der Beerdigungsanfragen zu bewältigen und lehnen deswegen die meisten ab.

Es sind nicht nur die Todesfälle in den Krankenhäusern, die auf dem Vormarsch sind. An einem durchschnittlichen Tag vor dieser Krise gab es in NYC 20 bis 25 Todesfälle, die in den eigenen vier Wänden stattfanden. Jetzt, inmitten dieser Pandemie, liegt diese Zahl bei 200 bis 215. Jeden Tag.

Zu Beginn dieser Krise konnten wir Abstriche von Menschen machen, die zu Hause gestorben sind, und erhielten so einen Coronavirus-Befund. Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Wir haben einfach nicht die Testkapazität für die immense Zahl von Sterbenden, die zu Hause umkommen.

Jetzt werden nur noch die wenigen, die eine Testbestätigung vor ihrem Tod hatten, auf ihrem Totenschein als Opfer des Coronavirus ausgewiesen. Dies bedeutet mit ziemlicher Sicherheit, dass wir die Gesamtzahl der Opfer dieser Pandemie unterschätzen.

Und dennoch nimmt die Zahl der Leichen weiter zu. Die Gefriertruhen in den OCME-Einrichtungen in Manhattan und Brooklyn werden bald voll sein. Und was dann?

Bald werden wir mit «temporären Beerdigungen» beginnen. Dafür werden wir einen Park in New York für Beerdigungen brauchen (ja, das hast du richtig gelesen). Es werden Gräben für 10 Särge in einer Reihe gegraben.

Dies wird in einer würdevollen, geordneten und vorübergehenden Weise geschehen. Aber es wird für die New Yorker schwer zu ertragen sein.

Ziel ist es, Szenen wie in Italien zu vermeiden, wo das Militär gezwungen war, Leichen aus Kirchen und sogar von der Strasse abzuholen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird das OCME viel mehr Personal benötigen.

Glücklicherweise haben das Verteidigungsministerium und die Nationalgarde von New York bereits Teams entsandt, und freiwillige medizinische Gutachter sind aus dem ganzen Land gekommen. Aber wir werden noch viel mehr Hilfe brauchen, wenn wir eine Katastrophe vermeiden wollen.

Da New York City weiterhin die Regierung um Hilfe bittet, müssen wir nicht nur Ärzte und Krankenschwestern und Lungenspezialisten anfordern. Wir brauchen auch Personal für die Leichenhallen. Es ist schwierig, darüber zu sprechen und vielleicht auch schwierig, darum zu bitten. Aber wir haben keine Wahl. Es steht zu viel auf dem Spiel.

Zur Zusammenfassung: Nichts ist in dieser Krise wichtiger, als die Lebenden zu retten. Aber wir müssen uns der schrecklichen Realität stellen, dass wir mehr Ressourcen benötigen, um auch unsere Toten zu betreuen. Andernfalls wird sich der Schmerz dieser Krise um ein vielfaches verschlimmern.

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