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Der CEO des EV Zug Patrick Lengwiler waehrend der Saison Medienkonferenz des EV Zug vom Montag 10. September 2018 in Zug. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Patrick Lengwiler jammert über die schwierige finanzielle Situation und holt trotzdem neue Spieler. Bild: KEYSTONE

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Geht es unseren Hockey-Klubs eigentlich immer noch viel zu gut?

Die tüchtigen Hockey-Manager gefährden mit politischer Dummheit die staatlichen Hilfsgelder. Offensichtlich geht es ihnen finanziell noch immer zu gut. Wann lernen sie endlich von den Bauern?



Eine Meisterschaft ohne sportlichen Stress? Ja, das ist möglich. So nahe war unser Hockey dieser Utopie noch nie. Nur zwei Drittel der Sitzplätze dürfen benützt werden. Das bedeutet, dass die Resultate zum ersten Mal in der Geschichte keinen Einfluss aufs Geschäftsergebnis haben: Alle Plätze werden für die Inhaber von Saisonkarten benötigt. Es können keine zusätzlichen Tickets mehr verkauft werden.

Ob der SCB, Lugano oder Gottéron nun die Liga dominieren und Meister werden oder gegen den Sturz ans Tabellenende kämpfen und die Playoffs verpassen, ist einerlei: Das Stadion ist ausverkauft. Und weil klugerweise der Abstieg ausgesetzt worden ist, gibt es auch keinen sportlichen Existenzkampf.

Nie war es also einfacher, die Kosten zu reduzieren, den Spielern Lohnkürzungen nahezubringen, den eigenen Talenten eine Chance zu geben und sportlich bescheiden zu sein. Und nie war es einfacher, dem Publikum diese Bescheidenheit zu erklären.

Aber nur ein einziger von zwölf Klubs hat bisher kapiert, welche einmalige Chancen diese Krise bietet: die SCL Tigers. Andere rüsten sogar noch auf.

Der SCB holt Gaëtan Haas zurück. Sportchefin Florence Schelling hat sich mit dem WM-Silberhelden von 2018 geeinigt, jetzt fehlt nur noch das Okay von Edmonton, wo er für nächste Saison unter Vertrag steht. Gaëtan Haas wird bis zum NHL-Saisonstart in Bern spielen. Und auf das Engagement eines weiteren Ausländers mag Marc Lüthi nicht verzichten. Er sagt: «Wir werden sehen.»

Lugano will unbedingt NHL-Verteidiger Mirco Müller. Entweder bis zum NHL-Saisonstart oder, wenn er keinen NHL-Vertrag bekommt, gleich für die ganze Saison. Zudem ist soeben ein fünfter ausländischer Spieler (Daniel Carr) verpflichtet worden und Philipp Kuraschew wird die Wartezeit bis zum NHL-Saisonstart ebenfalls in Lugano verbringen.

Switzerland's Philipp Kurashev celebrates his goal behind Belarus' Igor Martynov during the third period of IIHF World Junior Championship preliminary round hockey game action in Buffalo, N.Y., Wednesday, Dec. 27, 2017. (Mark Blinch/The Canadian Press via AP)

Nationalstürmer Kurashev spielt zumindest vorübergehend in Lugano. Bild: AP/The Canadian Press

Zugs Sportchef Reto Kläy unterfliegt sozusagen den Radarschirm des selbst verordneten Personalstopps. Inzwischen hat er einen weiteren Ausländer (Ryan McLeod), Nico Gross, Tobias Geisser und Calvin Thürkauf geholt. Sie sollen die Wartezeit auf einen NHL-Vertrag bzw. auf den NHL-Start mit Zug verbringen, Geisser, Gross und Thürkauf sind ja ehemalige Zuger. Und kosten angeblich nichts. Wer’s glaubt, zahlt einen Taler. Wenigstens behauptet niemand, die Jungs würden auch noch Geld nach Zug bringen.

Columbus Blue Jackets center Calvin Thurkauf (83) battles for the puck with Chicago Blackhawks defenseman Brent Seabrook (7) during the third period of a preseason NHL hockey game Saturday, Sept. 23, 2017, in Chicago. (AP Photo/Kamil Krzaczynski)

Auch Calvin Thürkauf (links) hat schon einzelne NHL-Spiele auf dem Buckel. Nun beginnt er die Saison in Zug. Bild: AP/FR136454 AP

Biels Sportchef Martin Steinegger lässt offen, ob er einen weiteren ausländischen Spieler verpflichten wird. Gottérons Sportchef und Trainer Christian Dubé sucht den Markt nach einem guten Schweizer Spieler ab. Fünf Ausländer hat er schon.

Lausanne und Servette veranstalten ein Spielertausch-Theater wie es unser Hockey noch nicht gesehen hat und doch ist das Ziel – einen neuen Arbeitgeber für WM-Silberheld Joël Vermin zu finden – immer noch nicht erreicht worden.

Nur ein einziger Klub bekennt sich seit Monaten vorbehaltslos und konsequent zur Bescheidenheit. Die SCL Tigers haben auf teure Transfers verzichtet, den Assistenten zum Cheftrainer befördert und erst zwei Ausländer unter Vertrag: Ben Maxwell und Robbie Earl. Wobei Robbie Earl nach wie vor an den Folgen einer Gehirnerschütterung leidet und nicht spielen kann. Die Langnauer sind notfalls bereit, die Saison mit bloss einem ausländischen Spieler zu bestreiten. Vier wären erlaubt. Geschäftsführer Peter Müller sagt, oberste Priorität habe nun das wirtschaftliche Überleben des Unternehmens. Und er könne von seinen Spielern nicht Lohnverzicht verlangen, wenn er auf der anderen Seite Geld für zusätzliches Personal ausgebe.

Tigers Ben Maxwell, Robbie Earl, Julian Schmutz und Frederico Lardi, links, jubeln, waehrend dem Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SCL Tigers und dem HC Ambri-Piotta, am Samstag, 30. November 2019, im Ilfisstadion in Langnau. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Nur die Tigers leben momentan Bescheidenheit. Bild: KEYSTONE

Sportunternehmen sind doppeltem Stress ausgesetzt. Dem sportlichen Konkurrenzkampf einerseits und dem ewigen Geldmangel andererseits. Selbst in Boom-Zeiten mit vollen Stadien schreiben fast alle rote Zahlen, und teure Teams brauchen Milliardäre und Milliardärinnen als Mäzen. Ein geruhsamer Tagesbetrieb ist Gift: Wenn nicht jeder jeden Tag versucht, besser zu werden, kann die sportliche Konkurrenzfähigkeit Schaden nehmen. Stillstand bedeutet Rückschritt, Abstieg und sportlichen und wirtschaftlichen Ruin.

Diese dem Sport innewohnende Dynamik kann in Zeiten der Krise nicht einfach abgeschaltet werden wie eine Klimaanlage. Gerade der SCB, der als Meister die Playoffs verpasst hat, die Zuger, die endlich, endlich wieder einmal Meister werden wollen und Lugano auf der Suche nach vergangenem Ruhm haben sportlich grosse Ziele. Sportlich logisch, dass sie auch in Zeiten der Krise nach sportlichen Verbesserungen suchen. Wirtschaftlich und vor allem politisch allerdings nicht.

In diesen Tagen befindet das Parlament über das Gesetz, das die staatliche Hilfe für Profi-Sportunternehmen in Zeiten der Viruskrise regelt. Es geht nicht um die Höhe der Finanzhilfe. Sondern um die Bedingungen wie Laufzeit der Kredite und Absicherung dieser Kredite. Die erste Fassung ist für die Klubs nicht akzeptabel. Unter anderem wegen der Solidarhaft für die Kredite. Die bedeutet: Wenn einer nicht mehr zurückzahlen kann, müssen alle blechen.

Die politischen Behörden und die Volksvertreterinnen und Volksvertreter im National- und Ständerat haben viel Verständnis für die finanziellen Nöte unserer Profi-Sportclubs. Der Staat erlaubt mehr Publikum in den Stadien als in den meisten anderen Länder der Welt. Aber dieses Verständnis wird nicht gefördert, wenn auf allen Kanälen verkündet wird, dieser oder jener Klub habe einen neuen Ausländer verpflichtet oder einen Spieler aus Nordamerika zurückgeholt. Obwohl es dafür keinerlei sportliche Notwendigkeit gibt.

Es geht doch ums wirtschaftliche Überleben. Oder doch nicht? Brauchen die Klubs Staatsgeld, damit transferiert werden kann? Ist die finanzielle Not der Hockeyclubs am Ende gar nicht so gross? Wird da Wasser gepredigt und Wein getrunken?

Die National League gehört zu den besten Ligen der Welt und unsere Klubs werden vorzüglich gemanagt. Aber es fehlt in Zeiten der Krise das politische Fingerspitzengefühl. Wer in seiner Branche erfolgreich ist und unter seinesgleichen selbstsicher auftreten muss, dem fällt es halt manchmal schwer, bescheiden zu sein und die Rolle des Bittstellers glaubwürdig zu spielen.

Die Klubmanager können von den Bauern lernen. Der böse Spruch geht so: Im Winter wird gejammert, es sei viel zu kalt und es habe viel zu viel Schnee. Im Frühjahr wird gejammert, der Schnee sei viel zu lange liegengeblieben, es sei viel zu nass. Im Sommer wird gejammert, es sei viel zu heiss und viel zu trocken. Und im Herbst jammern die Bauern – aber nur unter sich, wenn es die Politikerinnen und Politiker nicht hören – die Ernte sei so ertragsreich gewesen, dass man nicht mehr alles in die Scheune bringen könne und wohl anbauen müsse.

Niemand bekommt so viel Staatshilfe wie die Bauern.

Grund zum Jammern haben die Klubmanager genug. Alle haben Verständnis für die wirtschaftlichen Nöte der Profi-Sportklubs. Also haltet doch wenigstens ein mit Transferieren und Ausländerverpflichten, bis der National- und Ständerat die finanzielle Staatshilfe neu geregelt hat.

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