Lateinamerika
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epa07986944 (FILE) Evo Morales, President of Bolivia arrives for the 2019 Climate Action Summit which is being held in advance of the General Debate of the General Assembly of the United Nations at United Nations Headquarters in New York, New York, USA, 23 September 2019 (reissued 10 November 2019). According to media reports on 10 November 2019, Bolivian President Evo Morales has announced his resignation. Morales had announced earlier in the day new general elections, following the report of the Organization of American States (OAS) that recommended the repetition of the first round of the elections held on October 20.  EPA/PETER FOLEY *** Local Caption *** 55490029

Evo Morales tritt vom Präsidenten-Amt zurück. Bild: EPA

Der Druck wurde zu gross: Boliviens Präsident Evo Morales erklärt seinen Rücktritt



Die Zeit des ersten indigenen Präsidenten Boliviens geht nach 13 Jahren zu Ende: Evo Morales hat seinen Rücktritt als Staatschef des südamerikanischen Landes erklärt.

«Unser grosser Wunsch ist es, dass der soziale Frieden wiederkehrt», sagte der linke 60-Jährige am Sonntag in einer Fernsehansprache. Er trete zurück, um die Gewalt der Opposition zu stoppen. Die Welt solle erfahren, wie sich Oligarchen gegen die Demokratie verschworen, sagt er. Morales hatte zuvor von einem Putschversuch gegen sich gesprochen.

Die Wut der Bolivianer über Unregelmässigkeiten bei der Präsidentenwahl vor drei Wochen, bei der er sich eine vierte Amtszeit sichern wollte, wurden Morales zum Verhängnis. Er hatte am Sonntag zunächst eine Neuwahl angekündigt, nachdem die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in einem vorläufigen Bericht Manipulationen bei der Wahl festgestellt hatte. Trotzdem gingen die Proteste gegen ihn weiter. Es gab auch erneut Berichte von Gewalt – gegen Anhänger sowie Gegner des Präsidenten. Die Chefs der Streitkräfte und der Polizei forderten seinen Rücktritt.

Chaotische Szenen

Es wurde allmählich deutlich, was die Stunde geschlagen hatte. Chaotische Szenen spielten sich vor dem Präsidentenpalast in La Paz ab, wo sich der Oppositionsführer Luis Fernando Camacho den Weg durch eine grosse Menschenmenge bahnte, um Morales ein Rücktrittsschreiben zur Unterschrift zu überreichen. Mehrere Kabinettsminister und Bürgermeister sowie der Präsident der Abgeordnetenkammer, Víctor Borda, und die Chefin des Wahltribunals, María Choque Quispe, erklärten ihre Rücktritte. Medien berichteten, Morales sei auf dem Weg nach Argentinien.

Dann tauchte der Präsident im Fernsehen auf – neben ihm sein Vizepräsident Álvaro García Linera, der ebenfalls seinen Rücktritt erklärte. Die Strassen von La Paz füllten sich mit jubelnden Menschen, die die Nationalfahne schwenkten und Böller zündeten. «Ich werde diesen einzigartigen Tag nie vergessen. Das Ende der Tyrannei», schrieb der Ex-Präsident Carlos Mesa, der bei der Wahl Zweiter geworden war, auf Twitter.

epa07986610 Bolivian former President Carlos Mesa speaks to the media in La Paz, Bolivia, 10 November 2019. Mesa said that Bolivia's President Evo Morales must be unable to run for election again, after Morales called for new general elections. The Organization of American States (OAS) recommended this Sunday to hold 'another electoral process' in Bolivia to show 'irregularities' in the elections of October 20, which would have led to a fourth term for Morales.  EPA/Martin Alipaz

Carlos Mesa stellt sich den Fragen der Presse. Bild: EPA

Amtszeitbegrenzung ausgehebelt

Nach der ersten Runde der Präsidentenwahl am 20. Oktober hatte sich Morales direkt zum Sieger erklärt, obwohl die Opposition, aber auch die OAS und die EU erhebliche Zweifel anmeldeten. Seitdem lieferten sich seine Anhänger und Gegner fast täglich heftige Auseinandersetzungen. Mindestens drei Menschen kamen ums Leben.

Morales Rücktritt wurde ordentlich gefeiert.

Morales regiert Bolivien seit 2006. Der frühere Koka-Bauer hatte sich zum dritten Mal zur Wiederwahl gestellt, obwohl die Verfassung höchstens eine Wiederwahl vorsieht. Morales überwand diese Hürde mit Hilfe der Justiz, die die Begrenzung der Amtszeiten als Verletzung seiner Menschenrechte bezeichnete.

Zwar floriert Bolivien – das Armenhaus Südamerikas – unter dem Sozialisten wirtschaftlich, doch sein zunehmend selbstherrliches und autoritäres Gehabe stiess immer mehr Bolivianern bitter auf. Vor allem die Menschen im wirtschaftlich starken Osten des Landes fühlen sich von Morales über den Tisch gezogen. (mim/sda/dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Huckleberry 11.11.2019 01:05
    Highlight Highlight Wäre Evo Morales, wie es die Verfassung vorschreibt, nicht mehr zu den Wahlen angetreten und hätte am 22. Januar 2020 das Amt übergeben wäre er als einer der besten, wenn nicht sogar der beste Präsident Boliviens in die Geschichte des Landes eingegangen! Aber nein, getreu seiner Ideologie, dem Sozialismus und seinen Mentoren in Kuba und Venezuela nacheifernd, wollte er sich im Amt verewigen. Die Rechnung für die ignorierung eines Referendums und das betrügen der Bevölkerung in den Wahlen vom 20. Oktober bezahlt er jetzt!
  • El Mac 10.11.2019 23:53
    Highlight Highlight Ich traue Morales das nicht zu. Irgendetwas wird hier noch geschehen, denn ich kann kaum fassen, dass er freiwillig zurücktritt.

    Im Moment ist er von La Paz mit dem Präsidentenjet geflohen und in seiner Hochburg untergekommen, wo er noch Unterstützer findet.

    Es würde mich nicht wundern, wenn es einen Bürgerkrieg gibt oder Venezuela sich hier einmischt - wobei das wohl vom Rest der Südamerikanischen Staaten kaum toleriert würde.
  • BetterTrap 10.11.2019 23:07
    Highlight Highlight Kein Rücktritt, er wurde vom Militär dazu gezwungen. Dies alles obwohl er Neuwahlen angekündigt hatte.
    Ich freu mich schon, nein freuen ist zwar der falsche Ausdruck, wenn wir in 10 Jahren dann wieder erfahren, dass die USA alles orchestriert hat.
    Interessieren wirds dann aber wieder mal die wenigsten..
    • Kubod 10.11.2019 23:16
      Highlight Highlight War's nicht andersrum?
      Die Militärs haben gesagt:"Evo. Wir haben die Schnauze voll von Deinen Eskapaden" und Evo so:"Neuwahlen anyone?" Das Militär:"EVO!" Evo:"OK. OK. Ist ja schon gut. Ich geh ja schon".
      Das Volk so:"Wurde auch Zeit. Du bist schon eine Amtsperiode über Verfallsdatum".

      Ich zieh trotzdem meinen Hut vor Morales, dass er seine Anhänger nicht aufhetzt und es nicht zu einem Blutbad kommen muss.
    • El Mac 10.11.2019 23:49
      Highlight Highlight Dass Sie sogar noch Likes erhalten für diese Aussage ist sehr bedenklich. Es zeigt, dass viele Menschen einfach verblendet sind und einfach nur ihre politischen Lager um jeden Preis gewinnen sehen möchten.
    • P. Silie 11.11.2019 00:20
      Highlight Highlight Es könnte natürlich auch die kaum anzunehmende Möglichkeit bestehen, dass die Leute nebst dem Verfassungsbruch einfach unzufrieden sind.. aber wer will schon so etwas unrealistisches auch nur ansatzweise in Betracht ziehen...
    Weitere Antworten anzeigen
  • Quacksalber - Fehler beim bearbeiten der Anfrage 10.11.2019 23:06
    Highlight Highlight Unglaublich wie Egomanen ihr eigenes Lebenswerk zerstören. Statt eine Nachfolge für Kontinuität aufzubauen lässt er eine Wahl manipulieren und muss dann unter Druck trotzdem gehen.

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