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Armin Laschet (l.) besuchte am Dienstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die verwüstete Stadt Bad Münstereifel. Dieses Mal liess er die Faxen bleiben.
Armin Laschet (l.) besuchte am Dienstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die verwüstete Stadt Bad Münstereifel. Dieses Mal liess er die Faxen bleiben.
Bild: keystone
Analyse

Laschets Grinsen, Baerbocks Plagiate: Deutschland vor einer schwierigen Wahl

In zwei Monaten wählen die Deutschen einen neuen Bundestag. Die Spitzenkandidaten der beiden stärksten Parteien hinterlassen derzeit keinen guten Eindruck. Ein Formcheck.
20.07.2021, 19:2621.07.2021, 08:15

Langsam zeigt sich das Ausmass der Zerstörung durch die Wassermassen im Westen Deutschlands. Mehr als 160 Menschen sind in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz bei einer der schlimmsten Naturkatastrophen seit dem Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen. Diese Zahl dürfte in den nächsten Tagen weiter ansteigen.

Die Bewältigung der psychologischen und materiellen Schäden wird viel Zeit und Ressourcen in Anspruch nehmen. Alle deutschen Spitzenpolitiker haben in den letzten Tagen die Unwettergebiete besucht und Hilfe versprochen. Auch die Kanzlerkandidatin und -kandidaten der drei grössten Parteien liessen sich die Gelegenheit nicht entgehen.

Video: watson/leb

Einmal mehr findet in Deutschland damit ein «Wahlkampf in Gummistiefeln» statt. Denn am 26. September, in etwas mehr als zwei Monaten, wird ein neuer Bundestag gewählt. Die Wahl 2021 verdient durchaus das Adjektiv «historisch»: Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik 1949 tritt der amtierende Kanzler oder die Kanzlerin nicht mehr an.

Es wäre eigentlich eine vielversprechende Ausgangslage, doch der Formstand der Kandidierenden lässt zu wünschen übrig. «Nie in der Geschichte der Bundesrepublik hatten die Bürger die Wahl zwischen unattraktiveren Alternativen», kommentierte die NZZ. Das ist eine gewagte und vor allem polemische Behauptung, aber einfach ist es tatsächlich nicht.

Armin Laschet

Als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat der Kanzlerkandidat von CDU und CSU eigentlich einen «Heimvorteil» bei der Bewältigung der Katastrophe. Doch schon am Tag nach der Flut sorgte der 60-jährige Aachener mit einem flapsigen Fernsehinterview für Stirnrunzeln. Den eigentlichen Super-GAU aber leistete sich Laschet am letzten Samstag.

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den schwer getroffenen Ort Erftstadt besuchte und sich mit bewegenden Worten an die Menschen richtete, konnte man im Hintergrund einen grinsenden und herumzappelnden Armin Laschet beobachten. Die Bilder sorgten in den sozialen Medien mit dem Hashtag #Laschetlacht für beträchtliche Empörung.

Der Kandidat zeigte sich auf Twitter zerknirscht: «Dies war unpassend und es tut mir leid.» Die NZZ diagnostizierte «einen Mangel an Professionalität und Selbstkontrolle, der für einen Kanzlerkandidaten erstaunlich ist». Damit erhalten jene Kritiker Auftrieb, die Laschet von Anfang an als Fehlbesetzung bezeichneten. Allerdings darf man ihn nicht unterschätzen.

Bei der Landtagswahl 2017 in NRW besiegte er die vermeintlich unschlagbare SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Bei der Wahl des CDU-Vorsitzenden im Januar setzte er sich gegen den Favoriten Friedrich Merz durch, das Idol vieler Konservativer. Und die Kanzlerkandidatur sicherte er sich gegen den bayerischen «Macher» Markus Söder.

Natürlich profitierte Laschet von günstigen Umständen. Kraft wirkte nach nur fünf Jahren amtsmüde, sie absolvierte (Achtung Kalauer!) einen kraftlosen Wahlkampf. Und Söder verfügt mit der CSU über eine zu schmale Basis. Aber Laschet erinnert auch an Helmut Kohl, der lange als tollpatschiger Provinzpolitiker aus der Pfalz verspottet wurde.

Das Grinsen zum denkbar falschesten Zeitpunkt wird ihn im Wahlkampf «verfolgen». Dennoch meinten Experten gegenüber watson.de, dass für den Kanzlerkandidaten der Unionsparteien nicht alles verloren sei. Es dürften einfach keine weiteren Pannen passieren. Hilfreich wäre für Laschet auch, wenn bald ein anderes Thema in den Vordergrund rückt.

Annalena Baerbock

Die Kandidatin der Grünen besuchte das Katastrophengebiet ohne Medienrummel.
Die Kandidatin der Grünen besuchte das Katastrophengebiet ohne Medienrummel.
Bild: keystone

Die Kanzlerkandidatin der Grünen war ebenfalls im Katastrophengebiet, verhielt sich aber vergleichsweise diskret. Das macht Sinn, denn viel anzubieten hatte Baerbock nicht. Im Interview mit dem «Spiegel» forderte sie einen besseren Katastrophenschutz und ein Klimaschutzsofortprogramm in den ersten 100 Tagen einer neuen Regierung.

Das Klima ist die Kernkompetenz der Grünen, sie könnten im Wahlkampf von der Tragödie profitieren. Einen Schub in den Umfragen könnte auch Annalena Baerbock vertragen, denn ihre Kandidatur ist ins Trudeln geraten. Zweifel an der Eignung einer 40-Jährigen ohne Regierungserfahrung für das Kanzleramt begleiten sie seit der Nominierung im April.

Baerbock war sich dessen bewusst, weshalb sie ihren Lebenslauf «aufpolierte». Ausserdem veröffentlichte sie als eine Art Bewerbungsschreiben ein eilig verfasstes Buch, das zahlreiche Passagen enthielt, die praktisch wörtlich aus anderen Quellen «abgeschrieben» wurden, ohne sie zu nennen. Erst nach anfänglichem Lavieren räumte Baerbock Fehler ein.

Ihr Verhalten in der Plagiatsaffäre liess viele zweifeln, ob eine Bundeskanzlerin Baerbock sich gegen knallharte Machtmenschen wie Wladimir Putin oder Xi Jinping behaupten könnte. Ihre Umfragewerte und jene der Grünen sackten ab. Auch wenn das Klimathema Rückenwind bekommt, bleibt der Weg ins Kanzleramt für die Grünen steinig.

Olaf Scholz

Am Sonntag machte sich Olaf Scholz in Bayern ein Bild von den Verwüstungen.
Am Sonntag machte sich Olaf Scholz in Bayern ein Bild von den Verwüstungen.
Bild: keystone

Der Kanzlerkandidat der SPD kam als einziger bislang ohne Patzer durch den Wahlkampf. Der 63-jährige Scholz gilt als Seriosität in Person. Kaum jemand zweifelt an der Kompetenz des früheren Hamburger Bürgermeisters und heutigen Finanzministers und Vizekanzlers. Bei seinen Besuchen in den Unwettergebieten konnte er grosszügige Hilfe versprechen.

Ein Charismatiker ist Olaf Scholz nicht. Sein grösstes Problem aber ist seine Partei. Die SPD verharrt in den Umfragen bei rund 15 Prozent. Nach Jahren in der «grossen Koalition» mit Angela Merkel wirkt sie ausgelaugt, und für die Co-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans gilt die Devise: Zwei schwache Figuren machen keine starke Führung.

Es hilft den Sozialdemokraten auch nicht, dass sie Scholz als Parteichef verschmäht und nun zum Kanzlerkandidaten gemacht haben. Die Fehltritte von Laschet und Baerbock aber lassen sie hoffen: «Neben einer grünen Hochstaplerin und einem schwarzen Karnevalisten wirkt nur unser Olaf Scholz wirklich kanzlertauglich», heisst es laut dem Sender ntv.

Ergeht es Scholz anders als Schulz? Der damalige Kanzlerkandidat Martin Schulz war 2017 nach fulminantem Start abgestürzt. Olaf Scholz hingegen, so die Hoffnung in der SPD-Zentrale, könnte das Feld von hinten aufrollen und am Ende Bundeskanzler einer «Ampelkoalition» mit Grünen und FDP werden. Ist das aber auch realistisch?

Wahlforscher sind laut ntv skeptisch, dass der «dröge» Hanseat einen solchen Turnaround hinbekommt. In der Poleposition als nächster Bundeskanzler ist nach wie vor Armin Laschet. Die Unionsparteien liegen in den Umfragen klar vorne, und er hat die meisten Optionen für die Regierungsbildung. Aber das Rennen ist noch nicht gelaufen.

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Unwetter in Deutschland

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Unwetter in Deutschland, Juli 21
quelle: keystone / rhein-erft-kreis
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Seit 2005 ist Merkel Bundeskanzlerin, das ist ihr Werdegang

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