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Der Spitzenkandidat der SPD zur Bundestagswahl, Martin Schulz, spricht am 16.09.2017 in Freiburg (Baden-Württemberg) bei einem Wahlkampfauftritt auf dem Platz der Alten Synagoge. Im Vordergrund ein SPD-Anhänger hält ein Plakat hoch, auf dem der SPD-Kandidat Schulz zu sehen ist. Schulz hat seine Partei für die letzte Woche vor der Bundestagswahl zu engagiertem Wahlkampf aufgerufen. (KEYSTONE/DPA/Patrick Seeger)

Martin Schulz am Samstag in Freiburg: Dieser Wunsch dürfte kaum in Erfüllung gehen. Bild: DPA dpa

Wie Martin Schulz für ein politisches Wunder kämpft

SPD-Kandidat Martin Schulz hat kaum eine Chance, deutscher Bundeskanzler zu werden. Er kämpft trotzdem mit Elan um jede Stimme. Ein Augenschein in Freiburg im Breisgau.



Was ist der Unterschied zwischen der Bundesrats- und der Bundestagswahl? Es gibt keinen, bei beiden ist der Sieger (oder die Siegerin) bereits bekannt. In der Schweiz durfte sich Topfavorit Ignazio Cassis am Mittwoch wie erwartet als Bundesrat feiern lassen kann. Ennet der Grenze scheint der Fall ebenfalls klar: Angela Merkel, who else?

Einer hält unverdrossen dagegen: Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD. Die Umfragewerte für seine Partei sind im Keller. Im ARD-Deutschlandtrend kamen die Sozialdemokraten am letzten Freitag auf 20 Prozent, im ZDF-Politbarometer waren es immerhin 23 Prozent. Damit liegen sie rund 15 Prozent hinter Merkels CDU/CSU. Die Lage für Schulz ist nicht ernst, sie ist hoffnungslos.

Wie geht der Kandidat damit um? Zeit für einen Augenschein vor Ort. Am Samstag liess ich den Schweizer Politrummel für einige Stunden hinter mir und begab mich nach Freiburg im Breisgau, nur 40 Zugminuten von Basel entfernt. Acht Tage vor der Bundestagswahl hatte Martin Schulz dort einen Wahlkampfauftritt auf dem Platz der Alten Synagoge im Stadtzentrum.

«Was mir am meisten auf den Keks geht, ist der Vorwurf, man rede das Land schlecht.»

Martin Schulz

Von Untergangsstimmung war keine Spur. Weder die Vorredner auf der Tribüne noch das Publikum wirkten resigniert. 4500 sollen es gewesen sein. Das ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber gross war der Aufmarsch allemal. Was nicht sonderlich überrascht: Die Universitätsstadt Freiburg tickt traditionell links und ökologisch.

Es war also ein Heimspiel für Martin Schulz, das von keinerlei Störgeräuschen begleitet war. Ein einsamer Demonstrant – vermutlich ein Anhänger der Linken – protestierte am Rande gegen die sozialen Zumutungen, die man angeblich der SPD zu verdanken habe. Schulz genoss die gute Stimmung sichtlich. Er wirkte gelöst, den Wahlkampfstress liess er sich nicht anmerken.

Und er war in Kampfeslaune. Gleich zu Beginn seines 45-minütigen Auftritts redete er sich in Rage: «Was mir am meisten auf den Keks geht, ist der Vorwurf, man rede das Land schlecht.» Das Gegenteil sei der Fall: «Wer Probleme anspricht, macht das Land besser!» ruft Schulz und erhält erstmals Applaus. Schilder mit der Aufschrift «Jetzt ist Schulz» werden hochgehalten.

Der Spitzenkandidat der SPD zur Bundestagswahl, Martin Schulz, hebt am 16.09.2017 in Freiburg (Baden-Württemberg) bei einem Wahlkampfauftritt auf dem Platz der Alten Synagoge die Daumen. Schulz hat seine Partei für die letzte Woche vor der Bundestagswahl zu engagiertem Wahlkampf aufgerufen. (KEYSTONE/DPA/Patrick Seeger)

Martin Schulz lässt sich vom Freiburger Publikum feiern. Bild: DPA dpa

Man erinnert sich an den Anfang seiner Kampagne im Frühjahr. Die überraschende Ernennung des früheren EU-Parlamentspräsidenten zum Kanzlerkandidaten der SPD hatte einen Hype ausgelöst. Die Sozialdemokraten überholten die Unionsparteien in den Umfragen. Obwohl Deutschland wirtschaftlich brummt, lag auf einmal ein Hauch von Wechselstimmung in der Luft.

Chance nicht genutzt

Das lag nicht nur an einem gewissen Überdruss über die «ewige» Kanzlerin Merkel. Schulz wirkte neben ihr wie ein frisches Gesicht in der Bundespolitik, obwohl er ein alter Politprofi ist. Auch seine Vita als Ex-Alki, der sich selbst aus dem Sumpf gezogen hat, kam bei den Leuten an. Martin Schulz gefiel, auch mit seiner kompetenten und väterlichen Ausstrahlung.

Allein, er hat die grosse Chance nicht genutzt. Die SPD liegt längst wieder klar hinter CDU/CSU, und auch bei der Kanzlerfrage kommt Merkel auf deutlich bessere Werte als Schulz. Daran war er selber schuld. Zu lange blieb der SPD-Kandidat programmatisch diffus. Sein Thema ist die «Gerechtigkeitslücke» bei Löhnen, Renten, Bildung oder Krankenversicherung.

Fehlender Wille zur Macht

In Freiburg widmete Schulz den grössten Teil seiner Rede diesen Aspekten. Seine Empörung über die «ungerechten» Zustände wirkte nicht gespielt. Doch es gibt zwei Probleme: Die meisten Deutschen haben das Gefühl, es gehe ihnen gut. Und während acht der zwölf Merkel-Jahre hat die SPD in der Grossen Koalition mitregiert.

Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel und der SPD-Kanzlerkandidat und SPD-Vorsitzende Martin Schulz geben sich am 03.09.2017 vor Beginn des TV-Duells in den Fernsehstudios in Adlershof in Berlin die Hand. Das einzige TV-Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) vor der Bundestagswahl 2017 wird gemeinsam vom Ersten, RTL, SAT.1 und ZDF uebertragen. (KEYSTONE/DPA/ARD-Pool/Herby Sachs)

Ein Duell, das keines war: Merkel und Schulz bei ihrem einzigen gemeinsamen Fernsehauftritt. Bild: DPA/ARD-POOL

Wenn Martin Schulz sich darüber beklagte, dass Deutschland nach zwölf Jahren Merkel bei der Digitalisierung «dramatisch im Rückstand» sei, und darauf verwies, dass Chile und Mexiko einen besseren Breitbandausbau hätten und Peru ein besseres Mobilfunknetz, dann fällt dieser Vorwurf vielleicht nicht auf ihn selbst, aber zumindest teilweise auf seine Partei zurück.

«Das ist keine Alternative für Deutschland, sondern eine Schande für unsere Nation!»

Martin Schulz

Es fällt Angela Merkel deswegen leicht, ihren Rivalen zu ignorieren. Die Kanzlerin mache «Schlaftablettenpolitik», klagte Schulz in Freiburg. Er bemühte sich nach Kräften, Merkel zu attackieren, und offenbarte dabei doch nur seine aus Sicht des angereisten Beobachters grösste Schwäche: Ihm fehlt das «Killer-Gen», der bedingungslose Wille zur Macht, über den Helmut Schmidt und Gerhard Schröder verfügten, die beiden letzten SPD-Bundeskanzler.

Nie wurde dies deutlicher als beim einzigen Fernsehduell. Schulz verspottete es als «Begegnung mit Angela Merkel in Anwesenheit von Journalisten». Wenn es so herüberkam, war er primär selber schuld daran. Statt seine rhetorische Stärke auszuspielen, liess er sich von der Kanzlerin einlullen. Wen wundert es da, dass er gerne ein zweites Duell hätte – und Merkel ihn auflaufen lässt?

Attacke auf die AfD

Martin Schulz kann reden, daran besteht kein Zweifel. Man erkannte einmal mehr den Unterschied zwischen deutschen Polit-Profis und Schweizer «Amateuren». Zur Hochform lief er auf, als er die AfD ins Visier nahm: «Das ist keine Alternative für Deutschland, sondern eine Schande für unsere Nation!» Er wolle diese Partei «nicht im Bundestag sehen» – wohl ein frommer Wunsch.

Der Spitzenkandidat der SPD zur Bundestagswahl, Martin Schulz, spricht am 16.09.2017 in Freiburg (Baden-Württemberg) nach einem Wahlkampfauftritt auf dem Platz der Alten Synagoge zu Journalisten. Schulz hat seine Partei für die letzte Woche vor der Bundestagswahl zu engagiertem Wahlkampf aufgerufen. (KEYSTONE/DPA/Patrick Seeger)

Schulz spricht nach seiner Freiburger Rede zu den Medien. Bild: DPA dpa

«Ihr habt die Wahl zwischen einer Kanzlerin, die nichts sagt, und einem Kanzler, der weiss, was er will», rief Martin Schulz am Ende dem Freiburger Publikum zu. Der Applaus war stark. Das Wetter passte zu seinem bisherigen Wahlkampf: Am Anfang der Rede schien die Sonne, am Ende fielen erste Regentropfen. Vermutlich wird Schulz auch am Sonntag im Regen stehen.

Noch geben er und die Partei nicht auf. Hoffnung macht ihnen die politische Stimmung im Land. Seit Anfang September verzeichnet die SPD einen starken Aufwärtstrend. Ob sich dieser auch in den Wahllokalen äussern wird, scheint zweifelhaft. Martin Schulz bleibt Optimist: «Mehr als 40 Prozent der Leute sind noch unentschlossen», betonte er bei einer kurzen Begegnung mit den Medien. Dann musste er weiter, zum nächsten Auftritt in Karlsruhe.

Ich besteige den Zug zurück nach Basel. Meine via Twitter formulierten Zweifel an den Siegeschancen der SPD werden von Bela Anda gekontert, dem ehemaligen Pressesprecher von Gerhard Schröder, der als Berater für Martin Schulz arbeitet. Am nächsten Sonntag um 18 Uhr wird man wissen, ob in Deutschland ein politisches Wunder geschehen ist.

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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 22.09.2017 09:12
    Highlight Highlight Merkel gleicht dem Schnulzensänger Howard Carpendale.
    Das ist das eigentliche Geheimnis ihres Erfolgs.
    Erstaunlicherweise ist bis jetzt noch kein Analytiker des Politbetriebs darauf gekommen...
    Ausserdem besteht das grösste Handicap der Kampagne von Schulz darin, dass sein Drei Wochen - Bart den WählerInnen zu wenig Frische und Selbstdisziplin signalisiert.
  • Schneider Alex 22.09.2017 06:35
    Highlight Highlight Der wusste doch schon immer, dass er verlieren würde. Ihm geht es doch nur um einen fetten Ministerposten im Kabinett Merkel.
  • Flughund 21.09.2017 16:16
    Highlight Highlight Vielleicht schafft es der "Maddin" noch das die SPD unter 20% kommt.
  • D(r)ummer 21.09.2017 16:01
    Highlight Highlight Ich denke auch, dass Schulz am Sonntag im Regen stehen wird.
    Er geht mit der Ellbogentaktik an die Party.
    Merkel hingegen weicht allen aus ohne sich gross zu bewegen.

    Na dann.
    Bier trinken und abwarten.

    Benutzer Bild
  • Maria B. 21.09.2017 15:33
    Highlight Highlight Irgendwie rührend, der chancenlose Martin Schulz :-)

    Mit viel Vorschusslorbeeren in der ersten Zeit seiner Kandidatur gestartet - und heute nur noch lautstark darum bemüht dass die AfD nicht das drittbeste Resulat hinlegt, was jedoch sehr wohl möglich ist.

    Der oede Spruch, dass die AfD "eine Schande für Deutschland" sei, zeigt anschaulich, wie es um das Demokratieverständnis mancher deutscher Politiker bestellt ist.

    Nicht nachvollziehbar, wieso die mancherorts nicht geringe Unzufriedenhet in der deutschen Bevölkerung mit Merkels katastrophaler Migrationspolitik eine Schande sein sollte...
    • Juliet Bravo 21.09.2017 16:56
      Highlight Highlight Wenn sie (in dem Falle der Björn Höcke) das Mahnmal in Berlin als Schande bezeichnet, so bezeichne ich die AfD auch überzeugt als Schande.
    • Makatitom 21.09.2017 20:36
      Highlight Highlight Mit Mitgliedern, die sich auf Hüpfburgen mit 10jährigen vergnügen wollen, die an der Grenze auf Menschen schiessen lassen wollen, die fordern, dass die schrecklichen 12 Jahre endlich in Vergessenheit geraten, die eine U-bahn nach Auschwitz bauen wollen, die früher bei der NPD waren, die bereits damit drohen, im Oktober mir dem "aufräumen" zu beginnen darf man eine solche Partei ruhig als Schande bezeichnen
    • Knut Knallmann 22.09.2017 10:06
      Highlight Highlight Die Schande ist nicht die Unzufriedenheit - Die ist durchaus berechtigt. Das Problem mit der AfD ist, dass diese Unzufriedenheit nicht in gute, realistische Lösungen ungemünzt wird, sondern in Rassismus, Nationalismus uns Rechtsextremismus. Sie ist primär eine Hetzerpartei und willkommene Anlaufstelle für alles am äussersten rechten Rand des Politikspektrums.
  • seventhinkingsteps 21.09.2017 15:13
    Highlight Highlight Der linke Flügel der SPD ist höchstens Keynes'schen Ideen gegenüber sympathisch gesinnt, von wirklich visionären Ideen kann man da nicht reden. Die letzten 4 Jahre waren geprägt durch Scheinheiligkeit und Heuchlerei. Kein Wunder verlieren die Wähler das Vertrauen in die Politik.
  • FrancoL 21.09.2017 12:14
    Highlight Highlight Ich denke Schulz macht noch ordentlich Dampf um einige Prozentpunkte mehr in die Koalitionsverhandlungen einbringen zu können.
    Diese Prozentpunkte werden den Einfluss der SPD auf die GKo stärken oder mindern.
  • Likos 21.09.2017 11:37
    Highlight Highlight
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  • Radesch 21.09.2017 11:11
    Highlight Highlight "Hat kaum eine Chance Kanzler zu werden"... Bei solchen Aussagen wäre ich echt vorsichtig, vor allem wenn man bedenkt, dass noch nicht gewählt wurde.

    Trump hatte auch "kaum eine Chance" Präsident zu werden und naja... Lassen wir uns einfach überraschen. Ich denke beide würden Deutschland gut regieren.
    • poga 21.09.2017 12:04
      Highlight Highlight Naja Schulz Gegnerin heist ja nicht gerade Frauke Petri oder Claudia Roth. Von daher, glaube ich, dass er vor allem einen Nidergang der SPD verhindern möchte. Denn wenn die SPD Wähler in Schulz keine Alternative zum momentanen politischen Diskurs sehen, kann es passieren dass sie zu den Polen wechseln. Dazu gehört auch die AfD.
    • seventhinkingsteps 21.09.2017 20:08
      Highlight Highlight Man wählt übrigens nicht den Kandidaten direkt, sondern die Parteien, welche dann bei einer Mehrheit bzw. einer Koalition ihren Kandidaten dem Bundestag zur Wahl geben.

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