Endlich eine Fussball-Doku, die aus dem Einheitsbrei heraussticht
Sport-Dokumentationen schiessen seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden. Kein Topklub, der nicht seine eigene Serie hat. Kaum ein Superstar, der nicht gar nicht mal so spannende «exklusive Einblicke» an irgendeinen Streaminganbieter verkauft. Und auch ganze Sportarten oder -events versuchen so ein neues Publikum zu gewinnen.
Vieles davon ist aber Einheitsbrei, bietet wenig Spannendes für Fans, da die Geschichten entweder auserzählt, schon lange bekannt oder schlicht nicht besonders interessant sind. Mit «The Belonging» ist den Schweizer Regisseuren Josias Tschanz und Bänz Isler nun aber eine Dokumentation gelungen, die heraussticht.
Dies liegt einerseits am spannenden Thema der Doppelbürger im Fussball, die sich zwischen ihren beiden Heimatländern entscheiden und dabei für sich selbst herausfinden müssen, wo sie hingehören. Andererseits sind aber auch die spannenden Protagonisten entscheidend, die dem Publikum die Türen in ihr Zuhause und ihre Gefühls- und Gedankenwelt rund um den Entscheid öffnen.
Da wären die beiden Schweizer Nationalspieler Breel Embolo und Manuel Akanji. Einer geboren in Kamerun, der andere Sohn einer Schweizerin und eines Nigerianers. Dann die in der Schweiz geborenen und aufgewachsenen Ivan Rakitic und Albian Hajdari, die sich aber für die Heimat ihrer Eltern entscheiden. Und da ist der junge Goalie Gonçalo Fernandes da Silva, der schon Teil der Juniorennationalteams sowohl der Schweiz als auch Portugals war und den Entscheid womöglich noch vor sich hat.
«The Belonging» ist eine Original Co-Produktion von Sky Switzerland und blue Entertainment und zeitgleich auf deren Plattformen verfügbar. Die Folgen 1 und 2 sind ab sofort abrufbar, die Folgen 3 und 4 ab dem 10., resp. 17. Juni.
Es ist eine Stärke der Serie, dass sie alle Seiten der Entscheidung abbildet und auch die Familien der Spieler zu Wort kommen lässt. So wird dem Zuschauer oder der Zuschauerin nämlich auch gezeigt, wie schwierig die Situation für die jungen Fussballer ist. Sie sind gezwungen, sich oft früh in ihrer Karriere zwischen den beiden Herzen, die in ihnen schlagen, zu entscheiden. «Es ist eine unmögliche Entscheidung», sagt Embolo in der Serie.
Schliesslich fühlen sie sich mehreren Ländern zugehörig. «Ich habe ein Schweizer und ein nigerianisches Herz», sagt Akanji. Fernandes da Silva ergänzt: «Ich fühle mich in der Schweiz zu Hause und auch in Portugal.» Für Embolo und Akanji war auch das ein Beweggrund, bei der Dokumentation mitzumachen. «Wir wollten, dass die Leute besser verstehen, was wir durchgemacht haben – und auch die schönen Sachen zeigen», so Akanji. «Es war uns wichtig, zu zeigen, dass es eine schwierige Entscheidung ist», ergänzt Embolo, der damit auch jüngeren Spielern, die diese zu treffen haben, helfen will.
Für den 29-jährigen Stürmer war es eine besondere Herausforderung. Embolo wurde vom kamerunischen Verband früh umworben, Samuel Eto'o bemühte sich vor der WM 2014 um den damaligen 17-jährigen Basler. Mit seinem Idol bei einer Weltmeisterschaft zu spielen, wäre ein Traum gewesen. Den Schweizer Pass hatte er zu dem Zeitpunkt noch nicht. Während er bei Kamerun also eine sichere Zusage hatte, war auf der anderen Seite noch vieles offen. Dennoch entschied er sich für die Schweiz. «Weil das Land mir alles gegeben hat», erklärt Embolo und betont: «Es war kein Entscheid gegen Kamerun, sondern einer für die Schweiz.»
Die Bemühungen der Verbände sind eine Komponente beim Abwägen der Entscheidungen. Manuel Akanji wurde vom nigerianischen Verband beispielsweise nie angefragt, Albian Hajdari hingegen hätte sich von Schweizer Seite mehr erwartet. Beim kosovarischen Nationalspieler spielte auch die Geschichte der beiden Länder eine Rolle. Und auch das Erlebte in der Schweiz oder dem anderen Heimatland kann einen Einfluss haben.
So erzählen gerade Embolo und Akanji sowie ihre Familien von Diskriminierung und Rassismus. Es sind Momente, die nahegehen, wenn auch Akanjis Mutter Isabel von diesen Erlebnissen berichtet. Oder wenn Schwester Sarah davon erzählt, dass ihr gesagt wurde, dass sie nicht hierher gehöre. Dabei war für sie klar: «Ich komme aus Wiesendangen und bin Schweizerin.»
Bei der Premiere von «The Belonging» sagen Embolo und Akanji einstimmig: «Das kann schon eine Rolle spielen bei der Entscheidung. Es ist wichtig, die Zuneigung von den Menschen zu bekommen.» Fernandes da Silva berichtet, dass das frühere Mobbing keinen Einfluss haben würde, weil es jetzt nicht mehr der Fall sei. Er ergänzt aber: «Würde ich das immer noch erleben, könnte es schon eine Rolle spielen, weil ich mich in der Schweiz dann nicht wohlfühlen würde.»
Dass Embolo und Akanji seit Jahren feste Grössen in der Nati und Publikumslieblinge sind, wirkt auch auf die jüngere Generation. Gerade der Fansong «Oh Embolo», der dem Stürmer sehr viel bedeute, schindet Eindruck bei Fernandes da Silva: «Er hat sich den Platz im Herzen der Schweizer verdient. Es ist schön, dass er auch als Schweizer gesehen wird, obwohl er eigentlich aus dem Ausland kommt.»
So wie diese positiven Reaktionen auf die Spieler eine Wirkung haben, kann dies aber auch bei negativen der Fall sein. Auch das wird beleuchtet. «Wenn wir gewinnen, sind wir die Kings. Wenn wir verlieren, gibt es aber viele rassistische Nachrichten in den sozialen Medien», bringt Embolo das Problem auf den Punkt. Die Kritik bei Doppelbürgern sei grösser, sind sich die Protagonisten einig. Und wenn Spieler wie Ivan Rakitic oder Hajdari der Nati den Rücken kehren, müssen diese gar Beleidigungen weit unter der Gürtellinie oder Morddrohungen erdulden.
Mit diesen Episoden wird aus dem Fokus auf die Fussballer ein Bild einer gesamten Gesellschaft. Wie die Schweiz mit Doppelbürgern umgeht – im Positiven wie Negativen. Und auch das macht «The Belonging» zu einer der wenigen selbst für Nicht-Fussballfans sehenswerten Sport-Dokumentationen.
