Albian Hajdari über Reaktion auf Nationenwechsel: «Meine Eltern wurden bedroht»
Das Thema beschäftigte im letzten Jahr die gesamte Fussballschweiz: Mehrere Talente wechselten die Nation und entschieden sich, in Zukunft nicht mehr für die Schweiz, sondern ein anderes Land zu spielen. Zu ihnen gehörte auch Albian Hajdari, der in der Hinsicht ein Sonderfall war: Er hatte nämlich bereits für vier Spiele im Kader der Schweizer A-Nationalmannschaft gestanden und gar eine Halbzeit im Nati-Trikot absolviert. Weil dies aber nur in einem Freundschaftsspiel war, durfte er dennoch den Verband wechseln.
In der Folge erklärte der in Aesch im Kanton Basel-Landschaft aufgewachsene Innenverteidiger seinen Entscheid mehrmals. So offen wie nun im Rahmen der Dokumentation «The Belonging» über Schweizer Doppelbürger, die sich ebenfalls zwischen der Schweiz und dem Heimatland ihrer Eltern entscheiden mussten oder noch müssen, tat der Hoffenheim-Profi das aber noch nie. watson durfte im Vorfeld der Veröffentlichung mit dem 23-jährigen Nationalspieler Kosovos über seinen Entscheid sprechen.
Albian Hajdari, Sie standen mehrmals im Kader der Schweiz unter Nationaltrainer Murat Yakin. Wären Sie damals auch in der Nations League zum Einsatz gekommen, hätten Sie sich an die Nati gebunden. Hätten Sie das im Nachhinein als Fehler empfunden?
Albian Hajdari: Das kann ich nicht beurteilen. Wäre ich zum Einsatz gekommen, wäre es so gewesen und das Thema wäre gegessen. Dann hätte ich so Gas geben müssen, dass der Trainer nicht mehr auf mich verzichten kann.
Wann reifte in Ihnen der Gedanke, nicht mehr für die Schweiz spielen zu wollen?
Der Zusammenzug im Rahmen der Freundschaftsspiele war sicher ein wichtiger Moment. Ich hatte mir erhofft, als Option für die Zukunft die Möglichkeit zu bekommen, mich zu zeigen. Als es dann «nur» 45 von 180 Minuten wurden, war ich ehrlicherweise enttäuscht.
Was hat Sie gestört?
Ich habe mich einfach gefragt, wieso man junge Spieler wie mich aufbietet und ihnen dann doch wenig Spielzeit gewährt. Das habe ich nicht verstanden.
Wurden Sie von den Bemühungen des Schweizer Verbands und des Trainers Yakin enttäuscht?
Zu der Zeit, als es mir auf Klubebene mit Lugano gut gelaufen ist und ich auch auf internationaler Bühne gute Leistungen zeigte, hätte ich mir etwas mehr erwartet. Dass man mir klarer aufzeigt, welchen Plan man mit mir verfolgt und mir vor allem auch das Vertrauen schenkt, um mich beweisen zu können. Schlussendlich ist das natürlich in meine Entscheidung eingeflossen.
In «The Belonging» erklären Sie, dass die Geschichte Kosovos für Sie den Ausschlag gegeben hat. Was hat Sie überzeugt?
Ich habe mich nochmal mit der Geschichte beider Nationen auseinandersetzen müssen. Kosovo ist ein relativ junges Land, das in der letzten Zeit viel leiden musste. Ich habe viele Gespräche geführt mit Leuten, die das erlebt haben. Da wurde mir bewusst: Wenn ich mit dieser Nation etwas erreiche, an einer WM oder EM teilnehmen kann oder nur schon einen Sieg einfahre, kann ich die Leute extrem stolz machen. Das war für mich der prägende Punkt: Ich kann ein Teil davon sein, das Land zum Erfolg zu bringen. Das hat in mir eine Wärme hervorgerufen.
«The Belonging» ist eine Original Ko-Produktion von Sky Switzerland und blue Entertainment und zeitgleich auf deren Plattformen verfügbar. Die Folgen 1 und 2 ab dem 3. Juni, die Folgen 3 und 4 ab dem 10., resp. 17. Juni.
Die kosovarische Journalistin Jeta Xharra sagt in der Serie etwas martialisch: «Albian Hajdari und Leon Avdullahu zeigen, dass sie die Soldaten von Kosovos Zukunft sein wollen.» Im Kosovo könntet ihr ein Vermächtnis hinterlassen, was in der Schweiz nicht im selben Masse möglich gewesen wäre. War das auch ein Gedanke, der Ihre Entscheidung beeinflusst hat?
Auf jeden Fall. Ich kann das Gesicht des Kosovo werden, in der Schweiz passiert das nicht von heute auf morgen. Da reicht es auch nicht, zwei gute Europa- oder Weltmeisterschaften zu spielen. Es braucht viel mehr. Ausserdem wollte ich auch anderen jungen Spielern, die in Zukunft vor diesem Entscheid stehen Mut geben und zeigen, dass man auch mit einer kleineren Nation etwas Grosses erreichen kann.
Hat Sie die öffentliche Reaktion überrascht?
Nein, ich bin davon ausgegangen. Überrascht war ich eher davon, dass es in der Schweiz eine Angst gegeben hat, dass man die Doppelbürger verliert. Dabei muss man darauf ja vorbereitet sein. Nach dem Entscheid von Leon Avdullahu gab es ja schon einen grossen Aufschrei und die Fragen nach dem Warum. Da dachte ich, dass sich das bei mir im Rahmen halten wird. Doch das war noch grösser und zog sich über Monate hin, weil ich schon im Kader der Schweiz gestanden habe.
Gab es Vorfälle, die Ihnen geblieben sind?
Es gab Drohungen und sehr persönliche Beleidigungen. Leute haben mir geschrieben, dass sie wüssten, wo ich und meine Eltern wohnen. Dass sie meine Eltern angreifen würden, wenn ich nicht zu Hause sei. Solche Nachrichten in den sozialen Medien nehme ich mir aber nicht so zu Herzen. Es ist Teil des Spiels und ich muss damit umgehen können. Meine Familie hat es stärker getroffen, aber ich habe ihr gesagt: «Es geht um mich, ich habe den Entscheid getroffen, also ist es meine Aufgabe, euch davor zu schützen. Ihr sollt nicht auch noch davor Angst haben.»
Haben Ihre Eltern bei Ihrem Entscheid eine Rolle gespielt?
Nein, sie haben mir beide Wege sowie ihre Vor- und Nachteile aufgezeigt. Sie haben mir aber auch klar gesagt: «Wir unterstützen dich, egal, für welches Team du spielst.» Am Ende habe ich den Entscheid aber allein getroffen.
Am 11. Juni beginnt die WM, die Schweiz ist in Nordamerika dabei, der Kosovo nicht. Haben Sie sich schon mal beim Gedanken erwischt: «Hätte ich mich doch anders entschieden, dann könnte ich jetzt auch eine WM spielen»?
Ich bin kein Mensch, der so etwas bereut. Wenn ich einen Entscheid treffe, stehe ich da zu 100 Prozent dahinter. Der Kosovo ist noch jung und kann sehr viel erreichen. Ich will Teil dieser Geschichte sein.
