Interview
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Schriftsteller Martin Suter posiert zum Filmdreh des Dokumentarfilms von Regisseur Andre Schaefer

Da kommt er her: Martin Suter vor dem Block, in dem er seine ersten fünf Jahre verbrachte. Bild: keystone

Interview

Suter und das schwarze Tuch: «Ich lag im Bett und hatte Angst.»

Es ist schwierig, vom äusserst netten Superbestsellerautor Martin Suter etwas nicht Nettes zu hören. Wir haben es trotzdem geschafft. Über den Literaturbetrieb und die Medien. Und zwar in Oerlikon, wo gerade ein Teil seines Lebens und seiner Literatur verfilmt wird.



Es ist Tag eins der Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. Der grossen Umgewöhnung. Auf Filmsets ist es schon seit Wochen so. Alle sind da maskiert. Die vom Film. Die von der Presse. Es sieht ein wenig aus wie eine Schulreise der Globi-Schule. Nur einer ist nicht maskiert. Der Filmstar. Martin Suter. Der Ex-Werber. Der Erfolgs-Kolumnist. Der Stephan-Eicher-Hit-Texter. Der internationale Bestbestbestseller-Autor. Auch in Deutschland immer zuvorderst, oft verfilmt, doch noch nie selbst Protagonist eines Kinofilms.

Unser Filmset liegt in Oerlikon, in der Überbauung Beckhammer, dreigeschossige gelbliche Blöcke aus den 50er-Jahren, dazwischen riesige Grünflächen, alte Bäume, es ist eine Blockidylle und von aussen so bieder, wie man sich die 50er vorstellt. Herzig und etwas miefig. Es hat seinen Charme, selbst die Büsis posieren hier possierlicher als anderswo. Vor einem Haus steht ein Lieferwagen und verspricht «... keine bösen Überraschungen!».

Martin Suter

Filmen heisst auf Kleberli stehen. Bild: sme

Eine Eisenwarenhandlung verkauft alles, was es braucht, um Dinge zu befestigen. Schrauben, Ketten, Scharniere, als solle hier nichts ins Schlingern oder Schwanken kommen, keine bösen Überraschungen.

Nicht so wie in Suters Büchern, wo das Kleinbürgermilieu pulverisiert wird. Wo die Rauchwolken des Kriminellen, des Fantastischen, der psychischen Kernschmelzen über Siedlungen wie dem Beckhammer aufsteigen. Und im Falle von Suters Roman «Die Zeit, die Zeit» gar über dem Beckhammer selbst. Zwei Männer wohnen sich da im Buch gegenüber, Taler und Knupp, beide haben ihre Frau verloren und freunden sich darüber an, und während Knupp verzweifelt versucht, die Zeit ausser Kraft zu setzen und die Verstorbene im Back-to-the-Future-Modus wiederzufinden, löst Taler das Rätsel um den Tod seiner eigenen Frau.

Und deshalb wird hier gedreht. Wegen Taler, Knupp und Suter. Es wird ein Schriftsteller-Dokfilm von André Schäfer, Szenen aus den Romanen werden inszeniert, Suter spaziert darin herum und erklärt Dinge und das ist wie immer bei Dreharbeiten sehr, sehr langweilig. Suter geht über die Strasse. Suter geht noch einmal über die Strasse. Suter kommt die Strasse herab und geht an einer Garage vorbei. Und noch einmal.

Kulisse Dokfilm Martin Suter

So wohnt der Film-Knupp in der Beckhammer-Siedlung. Die richtigen Bewohner wurden samt Einrichtung ausquartiert. Bild: sme

Eine Frau fährt auf dem Velo vorbei und ruft: «Schreiben Sie, dass hier alles so bleiben soll, wie es ist!» Eine Gentrifizierungs-Angst-Wolke liegt über dem Beckhammer.

Am Himmel hängen schwarze Regenwolken. Und dann setzen wir uns auf einer der vielen Wiesen in den Wind und unter die diversen Wolken und reden.

Martin Suter, in dieser Siedlung waren Sie Kind. Nun sind Kindheitsorte ja auch immer Orte von Heimholung. Wovon werden Sie hier heimgeholt?
Von einigem! Ich erinnere mich sehr deutlich an ein paar Szenen, obwohl ich nur bis fünf hier gelebt habe. Eine davon fand auf der Wiese vor unserem Block statt, der Gärtner installierte dort einen Sprinkler und fragte uns Kinder: Na? Wer getraut sich, auf den Sprinkler zu sitzen? Ich Tubel machte das und setzte mich mit den Kleidern auf den Sprinkler, meine Mutter hat es gesehen und den Gärtner zusammengestaucht. Ich erinnere mich an den Hauswart, ein böser Mann, der immer mit uns schimpfte.

Vielleicht noch etwas minimal Abgründigeres?
Ich erinnere mich daran, dass mein Zimmer eine Glastür hatte. Nun war ich damals der Sohn eines sehr jungen Paares und da geht eine Glastür natürlich nicht. Deshalb verhängte mein Vater die Tür mit einem der schwarzen Tücher, mit denen in der Filmkopieranstalt, wo er technischer Direktor war, die Dunkelkammern verkleidet wurden. Davor hatte ich Angst.

Vor dem Tuch?
Ja vor dem schwarzen Tuch. Ich lag im Bett und starrte es an.

Und ihr Kinderzimmer wurde selbst zu einer Art Dunkelkammer, in der sich Träume und Ängste entwickeln konnten.
Ja.

Jetzt sind wir ganz weit zurückgegangen. Aber betrachten wir doch einmal die nähere Vergangenheit. Was haben Sie in den letzten Monaten gelernt? Auch über sich?
Ich mache in meinem Beruf ja sowieso Homeoffice, das war nicht aussergewöhnlich. Neu war, dass unsere Tochter, die bald 14 wird, immer zuhause war. Wir mussten die Arme auch von ihren Freundinnen und Freunden isolieren, weil wir ja Hochrisikoleute sind. Aber wir sind so privilegiert, ein Haus mit Garten zu besitzen, und ich muss zugeben, dass es eigentlich eine schöne Zeit war. Ich dachte eher: Ach schade, jetzt ist das schon vorbei.

Bild

Aus Martin Suters Dunkelkammer. bild: swr

Und dann begann auch gleich die Filmerei. Wie ist es, wenn das eigene Leben verfilmt wird?
Komisch. Zuerst war ich skeptisch, aber jetzt finde ich es schön schräg, es werden ja Szenen aus allen meinen Büchern dargestellt und dann stolpere ich als Autor rein. Das hat schon was. Aber ich bin keiner, der sich Schriftstellerdokumentationen im Kino anschaut. Das würden Sie auch nicht, oder?

Eher nicht.
Ich ging früher auch nie an Lesungen. Ausser zu guten Freunden, damit nicht 12, sondern vielleicht 13 Leute im Publikum sassen.

Und jetzt besuchen Sie Lesungen?
Nein, eigentlich nicht. Eine normale Lesung ist, unter uns gesagt, langweilig.

Wir befinden uns nicht nur an einem Ort aus ihrer Kindheit, sondern auch dort, wo ihr Roman «Die Zeit, die Zeit» spielt. Auch in diesem gibt es, wie in anderen ihrer Romane, fantastische Momente, psychotische Momente. Und das ist ja das Paradox des Schriftstellers: Man schafft ungeheure Welten, führt aber selbst das langweiligste Leben. Man sitzt immer nur vor dem Computer. Was genau müssen Sie in ihren Büchern ausleben? Etwa Ängste aus der Dunkelkammer? Sehnsucht nach Abenteuer?
Ich lebe eigentlich nichts aus. Keine Ängste oder Obsessionen. Ich versuche, mich aus meinen Geschichten rauszuhalten. So gut es geht. Ich bin ja immer noch der, der sie schreibt.

Eben, die Kulisse ihres Romans ist Ihnen ja bestens vertraut.
Ja, «Die Zeit, die Zeit» spielt in einer Mischung aus dieser 50er-Jahre-Siedlung und Einfamilienhäusern. Nach dem Block zogen wir an den Eschenweg, in die eine Hälfte eines Zweifamilienhauses. Von denen sind jetzt einige abgerissen und durch nichts Schöneres ersetzt worden, eher ein wenig im Gegenteil. Natürlich kenne ich das. Eine ETH-Studentin, Julia Burgermeister, erhielt von ihrem Doktorvater, Prof Hurni, – oder sagt man jetzt etwa Bachelorvater? – für ihre Bachelorarbeit den Auftrag, das in «Die Zeit, die Zeit» beschriebene Quartier in einem 3D-Programm zu rekonstruieren. Es war verrückt, wie genau sie alles getroffen hat. Ich liebe es, Dinge genau zu beschreiben. Je genauer die Details sind, desto glaubwürdiger wird das Fiktive, das Unwahrscheinliche.

Das ist ja auch das Rezept hinter «Game of Thrones» oder «Harry Potter».
Genau, man denkt sich, ja klar, das ist alles möglich.

Bild

Bestsellerverfilmung mit Superstar. bild: rezo films

Sind Sie beim Schreiben glücklich?
Ich habe immer gern geschrieben, es ist mir auch immer leicht gefallen. Ich bin keiner, der den Weg des grössten Widerstandes sucht.

Ich halte Leidensdruck auch für die falscheste Herangehensweise.
Die Art von Literatur, die ich mag, die entsteht nicht aus Leiden, sondern aus Vergnügen. Ich habe auch noch nie etwas dagegen gehabt, wenn jemand meinte, ich schreibe nur Unterhaltungsliteratur. Genau das will ich ja. Es ist also eigentlich ein Kompliment.

Darf ich Ihnen noch eine politische Frage stellen?
Ja.

Gelegentlich positionieren Sie sich politisch, Sie haben sich etwa in einer Plakataktion der Wochenzeitung WOZ gegen die Durchsetzungsinitiative engagiert. Was halten Sie davon, dass Herr Blocher jetzt Geld will, auf das er mal vollmundig verzichtet hat?
Früher, als ich im Ausland lebte, antwortete ich auf Fragen zu Herrn Blocher: Das ist der Vorteil, Auslandschweizer zu sein, man muss sich nicht zu jedem Hennenschiss von Blocher äussern. Bei dieser Aussage möchte ich bleiben.

Und was bewegte Sie dazu, die linke WOZ zu unterstützen?
Sie ist eine gute Zeitung, ich finde es toll, dass sie keine Berührungsängste hat, denn Berührungsängste werden in den Medien immer bestimmender. Es gibt übrigens zwei Medien, die heute kommen wollten, da habe ich mein Okay nicht gegeben. Sie können sich ja ungefähr ausmalen, welche. Das eine ist ein ganzes Medienhaus. Das andere ist gar kein Medium, das ist eine Parteizeitung.

Martin Suter und das Internet

Eigentlich wollte Martin Suter keine Kolumnen schreiben. Aber noch viel eigentlicher setzt sich das Kolumnenschreiben einfach in so einer Autoren-DNA fest und entwickelt ein Eigenleben, und deshalb hat er neulich wieder damit begonnen. Mit der «Business Class». Und mit «Geri Weibel», der gerade Corona erlebt. Zu lesen auf martin-suter.com. Dort unterhält er sich auch mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Und präsentiert Romanfortsetzungen in Häppchen. Ein Schlaraffenland für Fans, allerdings nicht ganz gratis.

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hangover 08.07.2020 09:45
    Highlight Highlight Langweilig. Fade.



  • Spooky 08.07.2020 05:05
    Highlight Highlight "Davor hatte ich Angst."

    Er hatte Angst vor einem schwarzen Tuch? 😱

    Oh je! Der muss eine langweilige Kindheit
    gehabt haben. 🙄
    • bruuslii 08.07.2020 11:07
      Highlight Highlight spooky: vielleicht wurde er ja deshalb so kreativ mit seiner fantasie, die seine romane hervorgebracht hat ;)
  • Balikc 08.07.2020 01:27
    Highlight Highlight Ich habe sogar Verständnis, dass viele Leute von der Härte ihrer eigenen Realität genug gefordert sind und freie Zeit lieber mit behaglichen Illusionen ausfüllen oder allfälliger Neugier auf die dunkle Seite des Mondes nur im behütenden Licht einer Leselampe nachgeben.

    Ich für meinen Teil bevorzuge Menschen, die meine Welt durch ihre Erfahrungen bereichern.
    Poe, Bukowski, TC Boyle oder Göthe haben bspw. etwas zu berichten über Dunkelheit, menschliche Abgründe, Psychosen oder brennende Leidenschaft...

    Dennoch, weder böse noch abwertend gemeint:
    Suter ist die Helene Fischer der Literatur.
  • Balikc 08.07.2020 01:22
    Highlight Highlight Als vor 20 Jahren sein Roman „Die dunkle Seite des Mondes“ allseits bejubelt wurde, besorgte ich mir ein Exemplar. Trotz süffigem Schreibstil dämpften die klischierten Protagonisten von Beginn an meine Begeisterung.
    Als dann aber die ersten Beschreibungen von Goaparties und psychedelischen Erfahrungen folgten, fühlte ich mich regelrecht veräppeltt und meiner Zeit beraubt.
    Etwa so musste ein Indianer bim Lesen von Karl May empfinden...

    Der Erfolg mag ihm Recht geben, Unterhaltung ist offenbar gefragter als Erkenntnisgewinn und Selbstbestätigung bequemer als das eigene Weltbild zu revidieren.
  • Balikc 08.07.2020 01:17
    Highlight Highlight "Auch in diesem gibt es, [..], fantastische Momente, psychotische Momente. Und das ist ja das Paradox des Schriftstellers: Man schafft ungeheure Welten, führt aber selbst das langweiligste Leben."

    Ich sehe darin weder ein Paradox noch eine goldene Regel, jedoch einen wichtigen Teil seines Erfolgsrezepts:

    Langweilige Menschen sehnen sich nach risikofreiem Abenteuer. Langweilige Schriftsteller bedienen diese Sehnsüchte, indem sie den Leser mit vermeintlichen Einblicken in fremde Realitäten bedienen, in Wirklichkeit aber nur Vorurteile bestätigen und tunlichst vermeiden unbequem zu werden.
  • ETH1995 07.07.2020 21:51
    Highlight Highlight Frau Meier möchte gerne, kann aber der kühlen Nettigkeit des Herrn Sutter nicht das Wasser reichen. Ihm wird es nach diesem Interview ähnlich wie nach dem Kinobesuch eines Autorenfilms ergangen sein.
  • MartinZH 07.07.2020 21:13
    Highlight Highlight Tja, so spielt das Leben: Suter hatte Angst vor dem "schwarzen Tuch" – ich konnte nach dem "indischen Tuch" (mit Klaus Kinski) nicht mehr schlafen... 🙄🙈😂
    Play Icon
  • Spin Doctor of Medicine 07.07.2020 20:33
    Highlight Highlight Was haben Sie jetzt Böses über Herrn Suter geschrieben, Frau Meier? Dass er Liedtexte für Eicher geschrieben hat? Das ist tatsächlich infam.
  • DichterLenz 07.07.2020 20:20
    Highlight Highlight Puuh. Sehr schlechter Versuch, das Werk von Martin Suter weniger irrelevant erscheinen zu lassen.
  • Filzstift 07.07.2020 20:14
    Highlight Highlight Besagte Parteizeitung (falls ich das richtig interpretierte) kaufte ich damals teils auch wegen seiner Kolumne dort... 🤣
    • mon tuno 07.07.2020 20:42
      Highlight Highlight Naja, dazumal hatte das Ding aber auch Format. Seit der Umstellung aufs Tabloid bin ich nicht mehr Abonnent. Sofern er diese meinte.
    • Eidg. dipl. Tütenbauer 07.07.2020 22:48
      Highlight Highlight Eine ausserordentlich gute Wochenzeitung damals, in keinerlei Hinsicht vergleichbar mit den heutigen Schund, sehr schade.
  • Erklärbart. 07.07.2020 19:57
    Highlight Highlight Ich sollte mir wieder die neusten Bücher von Martin Suter kaufen. Allein die Hennenschiss Aussage verdient es "belohnt" zu werden. Herrlich.
  • Wolk 07.07.2020 19:47
    Highlight Highlight Ein schönes Interview!
  • Watchdog2 07.07.2020 19:33
    Highlight Highlight Vielen Dank, Simone Meier.
    Starkes Interview, intelligent. Man lernt auch Neues über Herrn Suter.

    Nur: Wieso sind Interviews immer zu kurz?

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