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Die Klimaforschenden Sonia Seneviratne und Reto Knutti erklären, was uns jetzt erwartet. Ein Glaziologe sagt zudem, welche Gletscher als nächstes «sterben».
Die Klimaforschenden Sonia Seneviratne und Reto Knutti erklären, was uns jetzt erwartet. Ein Glaziologe sagt zudem, welche Gletscher als nächstes «sterben».
Bild: watson/keystone

Erderwärmung um 1,5 Grad: Darauf sollten wir uns einstellen

Die Erde wird sich in zehn Jahren um 1,5 Grad erwärmen: Worauf wir uns nach dem IPCC-Klimabericht konkret einstellen sollten, erklärt neben Klimaforschenden auch ein Glaziologe.
12.08.2021, 09:2313.08.2021, 07:44

Der Bericht des UNO-Klimarats Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zeigt auf: Die Erde wird bei der jetzigen Entwicklung gegen das Jahr 2030 um 1,5 Grad wärmer. Das ist früher als bisher prognostiziert. Momentan ist die Erde 1,1 Grad wärmer gegenüber dem vorindustriellen Niveau. Dass die Durchschnittstemperatur nun um 0,4 Grad ansteigen soll, klingt nach wenig – allerdings hat es einen grossen Einfluss.

Je wärmer die Erde wird, desto heftiger und häufiger werden extreme Wettereignisse, sagt Sonia Seneviratne, die am IPCC-Bericht mitgearbeitet hat. «Wir werden in den nächsten Jahren Hitzewellen, Trockenheit oder Niederschläge erleben, wie wir sie nie zuvor gesehen haben», so die ETH-Professorin.

Die Erderwärmung löst eine ganze Kette von Ereignissen aus. Von welchen die Schweiz betroffen sein wird, hat ein Klimabericht bereits 2018 aufgezeigt. Hier vier Punkte, auf die wir uns einstellen sollten.

Hitzetage werden länger und häufiger

«Hitzewellen, die früher alle 50 Jahre vorgekommen sind, wird es künftig alle zehn Jahre geben.»
Sonia Seneviratne, Klimaforscherin ETH Zürich

Wird die Erde wärmer, gibt es mehr und extremere Hitzetage. Die Durchschnittstemperatur steigt, heisse Tage und Nächte werden häufiger. Diesen Sommer war das in der Schweiz bis anhin zwar nicht der Fall, dafür in Kanada: Ende Juni wurden dort rund 50 Grad gemessen – ein neuer Rekord. Und ein Zufall, dass das nicht hier passiert sei, sagt IPCC-Mitautorin Sonia Seneviratne: «Hitzewellen, die früher alle 50 Jahre vorgekommen sind, wird es künftig alle zehn Jahre geben. Wo auf der Erde, ob in Kanada, China oder der Schweiz, ist dabei rein zufällig.»

In der Provinz British Columbia in Kanada wurde es Ende Juni 49,6 Grad heiss. Ein Rettungswagen der Heilsarmee dient als Kühlstation.
In der Provinz British Columbia in Kanada wurde es Ende Juni 49,6 Grad heiss. Ein Rettungswagen der Heilsarmee dient als Kühlstation.
Bild: keystone

Solche extremen Temperaturen werden nicht jedes Jahr gemessen. Allerdings werden sie mit der Erderwärmung häufiger. Der IPCC-Bericht geht davon aus, dass Extremtemperaturen, die ohne menschlichen Einfluss alle zehn Jahre vorkommen würden, in Zukunft viermal in der gleichen Zeitspanne auftreten.

Extremtemperaturen, die früher einmal alle zehn Jahre aufgetreten sind, treten mit der Erderwärmung häufiger auf.
Extremtemperaturen, die früher einmal alle zehn Jahre aufgetreten sind, treten mit der Erderwärmung häufiger auf.
Bild: screenshot ippc summary
Bei 50-Jahr-Temperaturextremen ist dieser Effekt noch stärker.
Bei 50-Jahr-Temperaturextremen ist dieser Effekt noch stärker.
Bild: screenshot ipcc summary

Neben den Höchsttemperaturen steigt auch die Durchschnittstemperatur. Das betrifft alle Jahreszeiten, vor allem aber den Sommer. Der Schweizer Klimabericht aus dem Jahr 2018 geht davon aus, dass es im Juli und August in Zukunft bis zu vier Grad wärmer sein werde. Ausserdem rechnet man mit bis zu 17 mehr Hitzetagen, an denen das Thermometer über 30 Grad klettert.

Was steckt hinter dem Schweizer Klimabericht?
Das National Centre for Climate Services NCCS hat 2018 zusammen mit dem Bund, Meteo Schweiz, der ETH Zürich und anderen Institutionen Klimaszenarien für die Schweiz ausgearbeitet. Dieser beschreibt unser Klima in 40 Jahren und geht dabei von einer Erderwärmung von 2 Grad aus. Das sind 0,5 Grad mehr als der IPCC-Bericht besagt. Die Folgen werden laut Klimaforscher Professor Reto Knutti entsprechend weniger ausgeprägt, jedoch qualitativ ähnlich sein.

Das führe auch dazu, dass die Nächte nicht mehr richtig abkühlen können, sagt Reto Knutti, der am Schweizer Klimabericht mitgearbeitet hat. «Wenn die Temperatur in der Nacht nicht unter 20 Grad sinkt, kann sich der Körper schlecht erholen», so der Klimaforscher. Wie viele Tropennächte es künftig pro Jahr gäbe, sei schwierig einzuschätzen. 2019 gab es in Basel sechs anstatt wie früher eine Nacht im Jahr, die über 20 Grad warm war. In St.Gallen waren es fünf und im Tessin 21 anstatt elf. «Man kann davon ausgehen, dass diese Zahlen bei der jetzigen Entwicklung in 20 bis 40 Jahren keine Ausnahme mehr sein werden», so Knutti.

Stärkerer Regen

Weil wärmere Luft mehr Wasser aufnehmen kann, wird es mit 1,5 Grad Erwärmung in den extremsten Regenfällen stärker regnen. Der Schweizer Klimabericht spricht von sechs bis sieben Prozent mehr Wasser, die die Luft pro Grad Celsius aufnimmt. Das hat sich dieses Jahr in der Schweiz oder auch in Deutschland gezeigt: Der starke Regen im Juli verursachte Hochwasser und führte an einigen Orten zu Überschwemmungen.

Starker Regen führt allerdings nicht automatisch zu Überschwemmungen. Dieses Jahr konnte die Schweiz dank rechtzeitigen Warnsystemen und Hochwasserschutz den Schaden eindämmen.

In der Landwirtschaft sah das anders aus: Die anhaltenden starken Regenfälle und der Hagel im Juli sorgte für Ernteausfälle. 2021 werde aus derzeitiger Sicht als mieses Landwirtschaftsjahr in die Bücher eingehen, sagt Sandra Helfenstein, Sprecherin des Schweizer Bauernverbandes, zur «Luzerner Zeitung».

Sommer wird trockener

Obwohl es künftig heftiger regnen wird, nimmt die Niederschlagsmenge als Ganzes im Sommer ab. Es gibt also mehr regenfreie Tage und mehr Wasser verdunstet aus dem Boden. Trockenperioden im Sommer werden in Zukunft bis zu einer Woche länger dauern als heute.

Mitte April war der Sihlsee im Kanton Schwyz so trocken wie selten in den letzten Jahren. Drei Monate später traten etliche Gewässer wegen dem starken Regen über die Ufer.
Mitte April war der Sihlsee im Kanton Schwyz so trocken wie selten in den letzten Jahren. Drei Monate später traten etliche Gewässer wegen dem starken Regen über die Ufer.
Bild: keystone

Zum einen ist das für die Landwirtschaft ein Problem. Die Schweiz habe zwar genug Trinkwasser, sagt Klimaforscher Knutti. «Aber nicht genug, um alles zu bewässern. Die Landwirtschaft wird massiv leiden.»

Zum anderen stellen trockene, heisse Perioden für die Stromversorgung ein Problem dar. Kernkraftwerke werden normalerweise mit Flusswasser gekühlt. Da sie das Wasser zurückleiten, werden die Flüsse wärmer. Das Bundesamt für Energie schreibt vor, dass die Kraftwerksleistung gedrosselt werden muss, wenn die Gefahr besteht, dass die Flusstemperatur nach Kühlwassereinleitung über 25 Grad Celsius steigt. So musste etwa im Hitzesommer 2018 das Kernkraftwerk AXPO seinen Betrieb reduzieren.

Winter wird kürzer

Durch die höheren Temperaturen steigt die Schneefallgrenze: Es schneit später im Jahr und der Schnee schmilzt früher. Das führt einerseits dazu, dass das meiste Schmelzwasser bereits im Frühling buchstäblich den Bach runtergeht. Dementsprechend wird es während den heissen und trockenen Sommertagen weniger Wasser haben. Andererseits droht der Permafrost zu tauen.

Wenn Boden, der bisher immer gefroren war, auftaut, drohen Erdrutsche. Ausserdem werden Bauten, wie etwa Bergseilbahnen, plötzlich instabil. Im Jahr 2019 musste die Luftseilbahn Fiescheralp-Eggishorn deshalb ihren Betrieb einstellen.

Die Wärme bedroht auch die Gletscher. In der Schweiz sind bereits hunderte verschwunden. Welche Gletscher es als Nächstes nicht mehr geben wird, sei allerdings schwer vorauszusagen, sagt Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich. «Auch in der Forschung ist man sich nicht einig, ab wann genau ein Gletscher ‹tot› ist.» Kandidaten, die Huss zufolge bald weg sein werden und wo Messungen teils schon aufgegeben wurden, sind:

  • Vadret dal Corvatsch, Engadin
  • Schwarzbachfirn, Andermatt
  • St.Annafirn, Andermatt
  • Vadret da Lischana, Engadin
  • Bella Tola Gletscher, Wallis
  • Plattalvafirn, Glarus
«RIP» – Rest in Peace: 2019 wurde der Gletscher am Pizol zum letzten Mal vermessen, weil er so stark geschrumpft ist. Aktivisten organisierten aus diesem Anlass eine Art Beerdigung.
«RIP» – Rest in Peace: 2019 wurde der Gletscher am Pizol zum letzten Mal vermessen, weil er so stark geschrumpft ist. Aktivisten organisierten aus diesem Anlass eine Art Beerdigung.
Bild: AP
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