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Er ist der Favorit für die Nachfolge des irischen Premierministers Enda Kenny: Leo Varadkar.  Bild: Aidan Crawley/EPA/KEYSTONE

Irland verbot bis 1993 Homosexualität – nun wird wohl ein schwuler Migranten-Sohn Premier

Bis vor wenigen Jahren wäre der Aufstieg von Leo Varadkar in Irland undenkbar gewesen: Ein offen schwuler Politiker, der Sohn eines eingewanderten Hindus, unverheiratet und kinderlos. Doch Varadkar hat beste Chancen, am Freitag als Nachfolger von Premierminister Enda Kenny nominiert zu werden.

01.06.17, 14:40 01.06.17, 15:03

Als Leo Varadkar 1979 in Dublin geboren wird, sind homosexuelle Handlungen in der Republik Irland strafbar. Die Verfassung verbietet Ehescheidungen. Als die Regierung sieben Jahre später versucht, Scheidungen zu legalisieren, lehnen dies 63 Prozent der Bevölkerung in Übereinstimmung mit der mächtigen katholischen Kirche ab.

Das Land, in dem Varadkar aufwächst, ist noch stark geprägt von der konservativen Sozialmoral der katholischen Kirche: Abtreibungen, unverheiratet zusammenlebende Paare, uneheliche Kinder und Homosexualität sind für eine Mehrheit der Bevölkerung Ausdruck eines sündhaften Lebensstils.

Steile Politkarriere

Dass es einer wie Leo Varadkar einst zum Premierminister bringen könnte, ist damals unvorstellbar. Er wird als jüngstes von drei Kindern von Ashok und Miriam Varadkar geboren. Sein Vater Ashok ist in Mumbai, Indien, aufgewachsen, wird als Hindu erzogen und kommt als Arzt in den Sechzigerjahren nach England. Dort lernt er seine zukünftige Ehefrau Miriam kennen, eine Krankenschwester und Tochter einer Bauernfamilie aus der kleinen Küstenstadt Dungarvan im Süden Irlands. Das Paar zieht bald nach Dublin, wo Leo zur Welt kommt.

Schon im Sekundarschulalter wird Varadkar Mitglied bei Fine Gael, einer der zwei grossen irischen Volksparteien. Danach klettert er in rascher Abfolge die Karriereleiter der irischen Politik hoch. Während seines Medizinstudiums in Dublin engagiert er sich in der Jugendsektion der Partei und steigt zum Vizepräsident der Jugendsektion der Europäischen Volkspartei EPP auf, zu der Fine Gael gehört.

Varadkar im Wahlkampf um den Parteivorsitz. Bild: Aidan Crawley/EPA/KEYSTONE

Im Alter von 24 Jahren rutscht er für eine Parteikollegin in die Lokalregierung von Fingal County nach. Ein Jahr später wird er mit dem Spitzenresultat wiedergewählt. 28-jährig schafft Varadkar 2007 den Sprung ins irische Parlament. Vier Jahre später wird er wiedergewählt. Seine Partei, die mitte-rechts stehende Fine Gael, kommt an die Regierung und Varadkar wird mit 32 Jahren zum Transportminister ernannt. Nach einem Abstecher ins Gesundheitsministerium wird der ausgebildete Arzt im letzten Jahr schliesslich Minister für soziale Sicherheit.

Mutiges Statement im Radio

Aufsehen erregt Leo Varadkar, als er an seinem 36. Geburtstag, wenige Monaten vor dem historischen Referendum über die Homo-Ehe, erstmals öffentlich im irischen Radio erklärt, dass er schwul sei.

«Das ist nicht etwas, das mich definiert. Ich bin kein halb-indischer Politiker, oder ein Ärzte-Politiker oder ein schwuler Politiker, wenn wir schon dabei sind. Es ist ein Teil davon, wer ich bin; es definiert mich nicht, aber es ist wohl Teil meines Charakters.»

Leo Varadkar am 18. Januar 2015. RTE radio

So outete sich Varadkar im Radio

Video: YouTube/TFE

Varadkar engagiert sich im folgenden Abstimmungskampf für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe an vorderster Front. Vier Monate später befürworten die Iren eine entsprechende Vorlage mit über 62 Prozent – und legalisieren als erstes Land der Welt per demokratischen Volksentscheid die Ehe für Homosexuelle.

Jüngster Premier der Republik Irland

Nur dank diesem radikalen Umdenken in gesellschaftspolitischen Fragen ist ein schwuler Premierminister in Irland in den Bereich des Möglichen gerückt. Der Kommentator Noel Whelan sagte gegenüber dem britischen «Independent», der Aufstieg Varadkars sei «die interessanteste Geschichte seit langem, über die an Irlands Küchentischen, Pausenräumen und Bars gesprochen wird».

Am Freitag entscheidet die Parteileitung von Fine Gael, wer dem zurückgetretenen Enda Kenny als Partei- und Regierungschef nachfolgen wird. Eine deutliche Mehrheit der Fine-Gael-Parlamentarier haben sich für Varadkar ausgesprochen, und weil sie fast zwei Drittel der Stimmen ausmachen, ist Varadkar haushoher Favorit. Irland dürfte also 24 Jahre, nachdem es homosexuelle Handlungen entkriminalisiert hat, einen schwulen Regierungschef bekommen. Mit 38 Jahren wäre er auch der jüngste seit der Unabhängigkeit Irlands von den Briten 1922.

Historie in Bildern: Mehrheit der Iren stimmt für die Homo-Ehe

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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    Alle Leser-Kommentare
  • elco 02.06.2017 06:19
    Highlight Danke für diese schöne Geschichte in diesen Tagen. Die Welt ist vielleicht doch besser als ihr ruf.
    2 0 Melden
  • karima 01.06.2017 23:24
    Highlight lichtblicke
    2 1 Melden
  • Waedliman 01.06.2017 19:43
    Highlight Nun muss der Mann nur noch beweisen, dass er ein guter Politiker ist. Schon erstaunlich, dass selbst in diesen katholischen Bastionen die letzten Ressentiments fallen. Es ist nicht alles schlecht auf dieser Welt, falls das jemandes Sicht auf die Gesamtlage sein sollte. Solche Meldungen sollten uns Mut machen
    24 0 Melden
  • Juliet Bravo 01.06.2017 18:51
    Highlight Was für eine Entwicklung! It's definitely getting better!😃
    17 0 Melden
  • Fabio74 01.06.2017 16:19
    Highlight Ein Land das seinen Weg geht und sich nicht von Konservativen aufhalten lässt
    31 7 Melden
  • thompson 01.06.2017 14:46
    Highlight Nur noch schlimm, Irland war unser Bruder im Kampf für die Freiheit. Jetzt ist alles vor die Hunde gegangen.
    1 45 Melden
    • Tepesch 01.06.2017 19:38
      Highlight @thompson
      Bei dir hat sich ein Schreibfehler eingeschlichen, du meinstest sicher "gegen die Freiheit" 💩
      20 0 Melden
    • Waedliman 01.06.2017 19:42
      Highlight Es ist Freiheit, wenn man andere nicht ihrer Freiheit beraubt. Ich weiss nicht, welchen Kampf Sie für die "Freiheit" gekämpft haben, aber scheinbar haben Sie nichts verstanden und sich lediglich zur Marionette der Meinung eines anderen gemacht.
      18 0 Melden
    • ldk 01.06.2017 20:39
      Highlight @thompson: Gut getrollt, Löwe!
      13 1 Melden
    • Fabio74 01.06.2017 22:59
      Highlight Für wessen Freiheit? Die einer katholischen Diktatur?
      9 0 Melden

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