Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

CEO und Präsident: Patrik Gisel und Pascal Gantenbein an der Raiffeisen-Pressekonferenz am Freitag in Zürich. Bild: KEYSTONE

Investigativ-Journalist Lukas Hässig: «CEO Gisel belastet den Neustart von Raiffeisen»

Die krisengeschüttelte Raiffeisen-Bank tauscht den Verwaltungsratspräsidenten aus. Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz» recherchierte jahrelang über die Unregelmässigkeiten bei Raiffeisen unter Ex-CEO Pierin Vincenz. Im Interview erklärt er, warum auch dessen Nachfolger Patrik Gisel bald weg ist.

09.03.18, 21:58 10.03.18, 12:08


Herr Hässig, bei der krisengeschüttelten Raiffeisen-Bank ist der langjährige Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm zurückgetreten. Ist der Bank damit ein Befreiungsschlag gelungen?
Lukas Hässig: Nein, damit ist es sicher nicht getan. Das Problem bei der Raiffeisen ist es, dass sie seit dem Ausbruch der Affäre nie wirklich bereit gewesen ist, die Geschehnisse vollständig zu untersuchen. Dadurch handelte die Bank stets aus der Defensive heraus. Das war auch bei der Ablösung von Rüegg-Stürm durch Pascal Gantenbein so.

Der neue Verwaltungsratspräsident gehört dem Gremium erst seit 2017 an und ist damit unbelastet von der Ära Vincenz. Hilft ihm das in der jetzigen Krise?
Tatsächlich ist Gantenbein persönlich nicht vorbelastet. Das gibt ihm sicherlich mehr Freiheiten, die Vergangenheit kritisch zu beleuchten. Wer genau zugehört hat an der heutigen Pressekonferenz, der merkte: Gantenbein lässt sich alle Optionen offen. Zwar hat er CEO Patrik Gisel momentan das Vertrauen ausgesprochen. Sollte Gisel aber im Zusammenhang mit den möglichen Straftaten seines Vorgängers Pierin Vincenz zusätzlich belastet werden, würde Gantenbein nicht zögern, sich von ihm zu trennen. Davon bin ich überzeugt.

Bild: lukashaessig.ch

Zur Person

Der 53-jährige Lukas Hässig betreibt das Finanzjournalismus-Portal «Inside Paradeplatz». Während ihn Kritiker einst als «Thesenjournalist mit unterdurchschnittlicher Trefferquote» bezeichneten, wird sein durch viele Interna gespiesenes Nachrichtenportal von der Banken-Branche eifrig gelesen. 2013 enthüllte Hässig die 72 Millionen Franken Abgangsentschädigung für den damaligen Novartis-CEO Daniel Vasella. 2017 wurde er von seinen Berufskollegen zum «Wirtschaftsjournalisten des Jahres» gewählt.

Weshalb hat die Raiffeisen-Bank nur den Präsidenten ausgewechselt und nicht den CEO? Patrik Gisel war schliesslich 14 Jahre lang Vincenz’ Stellvertreter und stand teilweise an der Spitze jener Firmen, bei deren Übernahme sich Vincenz bereichert haben soll.
Gisels Verbleib im Amt ist taktischen Überlegungen geschuldet. Die Führungsriege bei Raiffeisen ist stark angeschlagen. Wenn man jetzt Gisel durch einen internen Nachfolger ersetzt, prasselt die Kritik einfach auf den Nächsten ein. Damit wird dieser zum Gesicht der Krise und schnell verheizt. Kritiker zielen auf den Captain, der dadurch Druck vom Rest der Mannschaft nehmen kann.

Also sitzt Gisel paradoxerweise fest im Sattel?
Nein. Jedem, der sich mit Raiffeisen befasst, ist klar: Es wird einen Wechsel an der Konzernspitze geben. Ich bin überzeugt, dass die Suche nach einem externen Nachfolger läuft. Aber eine seriöse Nachfolgeregelung braucht Zeit. Das erinnert an die Ablösung von Marcel Rohner an der UBS-Spitze. Während dem Höhepunkt der Finanzkrise dachten alle, Rohner sei bald weg vom Fenster. Schliesslich dauerte es bis im Februar 2009, als ihn Oswald Grübel als CEO ablöste.

Der Verwaltungsrat geriet in die Kritik, weil er bei den Machenschaften von Pierin Vincenz zu wenig genau hinschaute. Wann hätte er merken müssen, dass etwas falsch läuft?
Bereits 2009 gab es offenbar Hinweise auf Unregelmässigkeiten bei der Übernahme der Softwarefirma Commtrain Card Solutions im Jahr 2007. Schliesslich wurde eine interne Untersuchung in die Wege geleitet. Vincenz verhinderte damals mit Hilfe seiner Anwälte eine kritische Berichterstattung. Da hätten beim Verwaltungsrat die Alarmglocken schrillen müssen. Im April 2016 berichtete ich dann auf «Inside Paradeplatz» zum ersten Mal über eine mögliche Zahlung an Vincenz im Zusammenhang mit einer Firmenübernahme durch Raiffeisen. Im Juli desselben Jahres nannte ich die konkrete Zahlung. Seither sind über anderthalb Jahre vergangen.

Wie konnte das System Vincenz so lange ungestört funktionieren? Waren es institutionelle Mängel oder lag es an der Persönlichkeit von Vincenz?
Auf der einen Seite sind es sicher institutionelle Mängel auf Ebene der Corporate Governance. Damit befasst sich die Finma und hier verspricht der neue Raiffeisen-Präsident Gantenbein Verbesserungen. Aber das alleine erklärt die Vorgänge bei der Raiffeisen nicht. Bei Vincenz’ Geschäften hörte man während Jahren, dass irgendetwas nicht stimmt. Die Figur von Beat Stocker etwa, einem Compagnon von Vincenz, tauchte immer wieder bei Firmenübernahmen durch die Raiffeisen auf. Das war verdächtig.

Weshalb drang nicht viel mehr darüber nach aussen?
Das ist schwierig zu sagen. Ich denke, die zentrale Frage ist, wer alles von Vincenz profitieren konnte. Nicht unbedingt in einer strafrechtlich relevanten Weise. Hinzu kommt das Machtgefälle. Wer beispielsweise dafür befördert wurde, nicht allzu genau hinzuschauen, der überlegt sich zweimal, seinen CEO zu verpfeifen.

Wie viel wusste Vincenz’ Nachfolger Patrik Gisel als damaliger Vize?
Das ist noch nicht endgültig geklärt. Gisel war seit 2012 Präsident der Investnet. Bei der Übernahme dieser Investmentfirma durch Raiffeisen soll sich Vincenz bereichert haben. Bisher stellte sich Gisel auf den Standpunkt, von Vincenz und seinen Partnern getäuscht worden zu sein. Er sei selbst Opfer. Wie mein Artikel über einen Deloitte-Prüfungsbericht aus dem Frühling 2017 zeigt, ist das falsch. Gisel hat sich beim Investnet-Deal nie für die Rolle des Vincenz-Compagnons Beat Stocker interessiert, steht in diesem Bericht.

Muss der Verwaltungsrat aufgrund dieser Erkenntnisse jetzt nochmals überlegen, ob Gisel wirklich noch tragbar ist?
Dass wir überhaupt darüber diskutieren, zeigt, wie prekär seine Situation ist. Seine langjährige Nähe zu Vincenz macht ihn angreifbar. Viele betrachten Gisel als Belastung für die Glaubwürdigkeit eines Neustarts bei der Raiffeisen.

Also ist die Taktik falsch, Gisel als Blitzableiter zu behalten?
Die Überlegung des Verwaltungsrates ist grundsätzlich richtig. Mit einem überhasteten Wechsel an der Führungsspitze gerät die Bank vom Regen in die Traufe. Aber die Lagebeurteilung kann sich jederzeit ändern. Je nachdem, was über Gisels Rolle noch bekannt wird.

So war es damals mit dem ersten Geldautomaten der Schweiz

Video: srf

Das könnte dich auch interessieren:

40 Jugendliche wegen Serie «13 Reasons Why» in psychiatrischen Notfall eingeliefert

Lo & Leduc geben Geheimkonzert auf der kleinen Bühne – und der Gurten dreht durch

Belauscht: Männer über «Bitches», «Brüste» und MDMA-Bowlen

Frauen, die sich trennen, sind keine Opfer – verdammt!

Babys an der Macht

Kaum ein Land hat weniger als die Schweiz – der grosse Sommerferien-Report

Plötzlich Frieden in Eritrea: «Bei den Flüchtlingen wird es nun knallhart ums Geld gehen»

Fluchthelferin (72): «Ich nehme die Strafe absolut in Kauf»

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

Abonniere unseren Daily Newsletter

16
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • bintang 10.03.2018 14:22
    Highlight Wie sagte ein bekannte amerikanischer Anwalt. Licht ist das beste Desinfektionsmittel. Es einfach nur noch peinlich, wie dekadent und abgehoben die Führung der RB agiert. Der Gisel tritt wie ein geprügelter Hund an der Bilanzmedienkonferenz auf, die Einflüsterer der Presseabteilung müssen dazwischen hechten, sodass Gisel ja die Klappe hält, der VR ist gespickt mit aleuten die nur aufgrund verfilzter Strukturen dort sitzen dürfen und keine Ahnung haben, dazu kommt eine FINMA die es zulliess, das die kleine, süsse Genossenachaftsbank systemrelevant wurde. Mit 170 mrd. Hypos ist sie ein risiko
    9 0 Melden
  • Mike Schulz 10.03.2018 01:22
    Highlight Vielleicht sollte dieser Jung Journi mal noch besser sein Handwerk lernen: DIE Raiffeisen Bank gibt es nicht! Das sind 255 autonome Raiffeisenbanken, die in der Raiffeisen Gruppe vereint sind, und mit Raiffeisen Schweiz Genossenschaft (mit eigenen Niederlassungen in den Städten) eine Zentrale mit Befugnissen seite s FINMA über die einzelnen Raiffeisenbanken haben. Und Patrik Gisel ist der CEO der Raiffeisen Schweiz Genossenschaft.
    2 20 Melden
    • Hierundjetzt 10.03.2018 08:48
      Highlight Und das hat jetzt was exakt mit dem Interview zu tun?

      Jede „autonome“ Kasse ist rechtlich vom Mutterhaus abhänig.

      So siehts aus. Nix von: voll selbständig you dreamer you 😂
      17 0 Melden
    • bintang 10.03.2018 14:27
      Highlight Wenn die RB regional kollabiert, dann steht das Mutterhaus gerade, steht so in den Statuten.
      6 0 Melden
  • Der Rückbauer 09.03.2018 19:32
    Highlight https://insideparadeplatz.ch/2018/03/09/deloitte-geheimbericht-zeigt-patrik-gisel-luegt/
    Mein Dank an watson und Lucky!
    coronado71: Huch, die Finma. Mark "Libor" Branson?
    Es ist nur zu hoffen, dass die Staatsanwaltschaft Zürich die besten cracks ansetzt, nicht wie bisher bei Wirtschaftsdelikten üblich die grössten Würste ( Rey, Swissair: Rückweisung der Anklageschrift wegen juristischer Mängel!).
    38 2 Melden
    • bintang 10.03.2018 14:26
      Highlight Die FINMA und das ENSI sind genau das Gegenteil von dem was sie sein sollten, UNABHÄNGIG! Die Wirtschaft darf nicht eingeschränkt werde, scheissegal ob ein AKW diw halbe Schweiz verseucht, oder die Raiffeisenbank mit 170 Mrd. Hypoausleihungen die Schraube macht. Die Führung der Genossenschaft konnte sich über Jahre hinweg follfressen und die Gebühren erhöhen und die Genossenschafter schröpfen. VP verkaufte selbst gepushte Vehikel und kassierte verdeckt ab. Was bekommt der Kunde? 50% im Tessin, es wird Zeit die Stimme an der GV zu erheben. Ich werde es tun an meiner GV. Wo ist eigentlich FINMA?
      6 0 Melden
  • coronado71 09.03.2018 19:25
    Highlight Interessant ist auch die Rolle der FINMA. Immerhin geht es bei der Raiffeisen um die drittgrösste, systemrelevante Bank in der Schweiz.

    (der ex-CS-Boss hiess übrigens Grübel ;-) )

    30 1 Melden
  • Radiochopf 09.03.2018 18:55
    Highlight Danke für das Interview! Es ist kein Wunder das Lukas Hässig und sein Blog gerne diffamiert wird von gewissen Leuten.. wer liest schon gerne die schlechte Tatsachen über sich.. würde man seinen Artikel von Inside Paradeplatz mehr Beachtung schenken, dann wären schon andere Skandal früher ans Licht gekommen...
    74 9 Melden
  • Widmer 09.03.2018 18:45
    Highlight Was Lukas Hässig auf seinem Portal betreibt, ist Halbwissen, Unterstellungen und Demagogik vereint. Ich sage dem unseriösen Journalismus.
    21 71 Melden
    • UG11 09.03.2018 19:29
      Highlight Genau. Und die Erde ist eine Scheibe!!
      50 4 Melden
    • coronado71 09.03.2018 19:46
      Highlight Immerhin hat Lukas Hässig so gut wie alle Prozesse die gegen ihn und sein Blog geführt wurden gewonnen. So falsch kann er also nicht liegen.
      70 4 Melden
    • Hierundjetzt 09.03.2018 22:16
      Highlight Genau Widmer, daher auch die DDos Attacke einer Raiffeisen Tochter vor 2 Jahren.

      Weil alles nur Halbwahr ist.

      Klar.
      30 0 Melden
    • Damogles 10.03.2018 01:39
      Highlight ich sage: nachsitzen... Grammatik 🤦🏻‍♂️
      7 1 Melden
    • Mathis 11.03.2018 09:55
      Highlight Was Hässig an Behauptungen auf „Inside Paradeplatz“ gestellt hat, hat sich mittlerweile bewahrheitet.
      1 1 Melden

Nicht nur Trump, auch die Schweiz inhaftiert Kinder – teilweise sind sie unter 4 Jahre alt

Im Rahmen der Administrativhaft für abgewiesene Asylbewerber sitzen in der Schweiz zahlreiche Minderjährige in Haft. Darunter sind auch Kleinkinder. Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Nationalrats verlangt vom Bundesrat, diese Praxis zu stoppen. GPK-Mitglied Alfred Heer (SVP) erklärt die Problematik.

Eigentlich ist der Fall klar: Das schweizerische Recht verbietet die Inhaftierung von Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren. Trotzdem sitzen im Rahmen der Administrativhaft im Asylbereich in einigen Kantonen offenbar Kinder und Jugendliche im Gefängnis. Zu diesem Schluss kommt die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats (GPK-N) gestützt auf eine Evaluation.

Wie viele Kinder und Jugendliche betroffen sind, lässt sich nicht genau feststellen. Genaue Angaben fehlen, weil die Kantone …

Artikel lesen