Führte eine gefälschte Ostergeschichte zum Drama der Judenverfolgung?
An Ostern gedenken wir der Kreuzigung von Jesus. Die Bibel erzählt uns, der Sohn Gottes sei am Karfreitag umgebracht worden und am Ostersonntag von den Toten auferstanden. Ob er tatsächlich auferweckt wurde, sei dahingestellt.
Tatsache ist hingegen, dass die Kreuzigung entscheidend zur jahrhundertelangen Judenverfolgung beigetragen hat. Der Grund: In der Bibel wird suggeriert, die Juden würden die Schuld an der Ermordung von Jesus tragen.
Christlicher Antisemitismus
Der Jurist und Schriftsteller Tilman Tarach zweifelt die biblische Darstellung grundlegend an. Er schreibt in seinem Buch: «Teuflische Allmacht»: «Die Beschuldigung des Christusmordes ist seit zwei Jahrtausenden das zentrale Motiv des christlichen Antisemitismus und wesentlicher Hintergrund der jahrhundertelangen Verfolgung der Juden.»
Tatsächlich wird im Neuen Testament geschildert, dass nicht etwa der römische Statthalter Pontius Pilatus für die Kreuzigung verantwortlich sei, sondern die jüdische Gemeinschaft. In den Paulusbriefen ist pauschal von den Juden die Rede, die Jesus getötet haben sollen (1. Thess. 2:14-15).
Der Autor schreibt dazu, es sei lächerlich, dass Pontius Pilatus die Hinrichtung von Jesus auf Druck der Bevölkerung vollzogen habe. Das widerspreche jeder historischen Realität. Den Juden die Schuld in die Schuhe zu schieben sei die Urform des Antisemitismus.
Es ist wirklich nicht denkbar, dass der römische Richter den jüdischen Zuschauern das Urteil überlassen haben soll. Bei seiner Argumentation erwähnt Tarach auch Matthäus: «Da rief das ganze Volk: Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!» (Mt. 27:12).
Der Autor dazu: «Dieser sogenannte Blutfluch oder Blutruf diente immer wieder dazu, Gewalt gegen Juden zu rechtfertigen.» Dass das Blut auch über die Kinder kommen soll, zeige, dass die jüdische Schuld über alle kommenden Generationen bestehen bleibe. Die Jesuiten hätten sogar noch 1890 geschrieben, dass der Fluch allen jüdischen Nachkommen gelte.
Ermordung von Juden bei den Kreuzzügen
Auch bei den Kreuzzügen ging es um die Verfolgung der Juden. Der oberste Kreuzritter Gottfried von Bouillon versprach im 11. Jahrhundert mit dem Hinweis auf den Gottesmord der Juden ein christliches Massaker an der jüdischen Bevölkerung. Es gehe darum, «das Blut Christi an Israel zu rächen und auch nicht einen Juden am Leben zu lassen», schreibt Tarach.
Die Erzählung, dass Juden für die Kreuzigung von Jesus verantwortlich seien, zieht sich bis heute durch die Geschichte. So schrieb auch Martin Luther in seiner 1543 verfassten Schrift «Von den Juden und ihren Lügen», dass die Juden eine Plage und «alles Unglück» seien.
Die verhängnisvolle Stigmatisierung der Juden fand auch Eingang in die Musik. Johann Sebastian Bach machte in seiner oft an Ostern aufgeführten Matthäus-Passion die Juden für die Kreuzigung verantwortlich und setzte den Blutfluch musikalisch um, singt doch der Chor: «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.»
Wenig überraschend ist, dass auch Adolf Hitler die biblische Geschichte benutzte, um die Schoah zu rechtfertigen und das deutsche Volk gegen die Juden aufzuhetzen. In seinem Buch «Mein Kampf» griff er die Kreuzigung von Jesus mehrfach auf.
Er nannte Jesus als ersten grossen Antisemiten. Es sei die heiligste Pflicht seiner völkischen Bewegung, das von den Juden bedrohte wahre Christentum zu retten, schrieb Hitler.
Hitler setzte seine Partei mit Jesus gleich
1923 setzte der deutsche Diktator in einer Rede vor 9000 Zuhörern seine Partei mit Jesus gleich. Auch Deutschland befinde sich wie einst Christus in der Gefahr, von den Juden ans Kreuz geschlagen zu werden. Wörtlich: «Der Jude ist deshalb ein Völkerzersetzer (…) Wir wollen deshalb vermeiden, dass auch unser Deutschland den Kreuzestod erleidet.»
Auch das Hetzblatt «Stürmer» schrieb vor den Ostertagen 1933, die Juden hätten «Deutschland ans Kreuz geschlagen». Auf jeder Frontseite prangte das Logo: «Die Juden sind unser Unglück.»
Tarach weist auch nach, dass die Evangelische Kirche in Deutschland noch 1948 daran festgehalten hatte, dass «Israel den Messias kreuzigte». Sie distanzierte sich erst 1980 unmissverständlich von der Legende des Gottesmordes durch die Juden.
Die Schuld der katholischen Kirche
Auch die katholische Kirche vertrat bis in die Neuzeit die Mär, die Juden seien verantwortlich für die Kreuzigung von Jesus. Papst Paul VI. predigte auch zwanzig Jahre nach der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg noch, dass das jüdische Volk Jesus verleumdet, beleidigt und schliesslich getötet habe.
Tarach bemerkt, dass der Papst dies vielleicht aus lauter Gewohnheit getan habe. Was die Geschichte nicht besser macht. Der Autor resümiert: «Die im Christentum wurzelnde Vorstellung einer jüdischen Bedrohung war damit eine notwendige – wenngleich keine hinreichende – Bedingung für die nationalsozialistische Judenvernichtung.»
Es lässt sich nicht schönreden, dass die Ostergeschichte, wie sie die Bibel erzählt, mitverantwortlich ist für den grausamen Tod von Millionen von Juden. Auf jeden Fall wurden sie über all die Jahrhunderte wegen einer unheilvollen religiösen Dynamik verfolgt.
Wurde die Kreuzigung ausgeschmückt?
Wahrscheinlich nahm die Weltgeschichte eine tragische Wende, weil die Kreuzigung in der Bibel ausgeschmückt oder falsch dargestellt wurde. Und weil schon die biblischen Chronisten vermutlich von einem Judenhass getrieben waren.
Wie auch immer: Die Schuldfrage bezüglich der Judenverfolgung stellt sich heute so oder so neu.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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